Ausgabe 
20.7.1912
 
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sonst stände ich bei der schön unter dem Pantoffel ei ^Dcr Baron -war glücklich, daß der Graf ihm^glaubte Diese Heilte Belohnung war er nach ferner Metnung der Gräfin schuldig, daß er ihren Scharfblick so vor ihrem Mann ins hellste Licht stellte. ,

Dann ging er, um Claire zu suchenund fand fte mit den beiden Schwestern zusammen iin Musikzimmer.

Er begrüßte die Damen, die er heute noch nicht gesehen. Dann sagte er absichtlich mit ganz. lauter Stimme, um seinen Worten dadurch noch einen besondereii Nachdruck zu verleihen-Die Gräfin erwartet dich, Claire; Körnte; se Alexa begleitet dich wohl^- aber du brauchst nichts zu fürchten die Gräfin weiß alles und heißt dich- al» orant ihres Sohnes Hans herzlichst willkommen."

Baron, wie haben Sie das nur angefangen?! jubelte Alexa auf.Sie sind wirklich ein Allerweltskerl!"

Ueb er schätz en Sie meine Verdienste nicht, Komtesse, ochre Frau Mutter hat alles durchschaut! Anstatt daß wir sie täuschten, täuschte sie uns aber nun gehen ^ie, bitte, die Gräfin wartet."

Und Claire, die ihre freudige Ueberraschung nicht zu verbergen vermochte, nach sich ziehend, stürmte Alexa zur Tür hinaus. ... , < .

Und nun zu uns beiden, Komtesse," erklang da dte übermütige Stimme des Barons, indem er fich Dagmar gegenüber in einen Sessel fallen ließ.Vor allem noch­mals die -offizielle Mitteilung, daß ich mich mit Claire entlobt habe, daß ich nie wirklich mit ihr verlobt war, sondern daß sic schon seit Wochen die Braut Ihres Bruders ist. Die Gründe, warum ich Claire hier als meine Braut einführte, können Sie leicht erraten; Sie kennen ja auch die starren Standesvorurteile Ihrer Frau Mutter."

Wie vorhin die Gräfin, so saß jetzt Dagmar da unfähig, sich zu rühren. Sie hörte zunächst nur feine Worte, ohne deren Sinn recht zu begreifen aber als sie den erfaßte, erfüllte er sie mit stiller Genugtuung. Der Baron war gar nicht verlobt! Die Worte, die -er gestern beim Diner an sie gerichtet, waren also doch ernst gemeint! Er dachte noch immer daran, sic zu gewinnen! Sie war nicht die Besiegte noch standen sie sich beide als gleich starke Kämpfer gegenüber, noch hatte sie die Möglichkeit, als Siegerin hervorzugehen, und sie wurde siegen! ,.r

Aber in dieses Gefühl mischte sich die Empörung über das Spiel, das er mit ihr getrieben. Sie schämte sich, daß sie ihn nicht sofort durchschaut hatte, wie ihre Mutter! Sie schämte sich, daß sie unter seiner Verlobung innerlich gelitten hatte. Und das ließ von neuem einen leidenschaft­lichen Haß gegen ihn, der ihr mit einem stolzen Lächeln gegenüberstand, aufflammen.

Und wie hochmütig er die 'Worte gesprochen hatte:Und nun zu uns beiden, Komtesse!" Gleichsam, als wären sie alle in seiner Macht! Als hätte er das Geschick eines jeden in seinen Händen und könne es gestalten, wie es ihm beliebe!

Das Gefühl der Empörung gewann in ihr die Ober­hand, daß er so mit ihnen allen gespielt, daß er sie getäuscht und betrogen hatte! Mochten die anderen -es ihm ver­zeihen, sie wollte es'nicht, und sie konnte es auch nicht, denn mit einem Male glaubte sie zu wissen, warum er Claire als seine Braut ausgegeben habe! Nicht nur aus Liebe und Freundschaft zu Haus und Claire, nicht nur, um denen, sondern in erster Linie, um sich selbst zu helfen! Er hatte das alles getan, um ihre Eifersucht zu erwecken, um den Augenblick der Ueberraschung, in dem er gestand, gar nicht verlobt zu sein, für sich ausnutzen zu können! Wenn sie ihre Freude verriet, daß sie sich doch nicht in ihm geirrt, daß er keinen anderen Wunsch habe, als den, sie zu gewinnen, dann wollte er sie in seine Arme nehmen und ihr sagen:Siehst du wohl, daß ich mein Ziel nun doch erreicht habe, daß ich meinen Willen doch durchsetzte! Du solltest mich lieben, und jetzt liebst du mich!"

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Wie damals, so las er auch jetzt diese Worte in ihren stolzen Mienen. Er -erriet sie aus der Art, wie sie den Kopf zurückwarf! Er las sie in dem haßerfüllten Blick, mit dem sie ihn ausah!

Und wie damals, so sagte -er -auch- jetzt mit fester Stimme:

Doch, 'Komtesse,"

Die 5capig!iata.

Calabresische Szene von Curt Bauer.

Marinella hatte die besten Aussichten. Sie war die Schönste int kleinen Bergnest und ihr Vater galt als der wohlhabendste Contadino. Es gab keinen Burschen im Dorje, der ne nicht schon trotz ihrer 16 Jahre bewunderte und heimlia) zur n-rau begehrte. Ihre Gestalt war hoch und kräftig, ihre Hautfarbe noch etwas dunkler als die der andern. Die Haare zeigten ein besonderes tiefes Blauschwarz, sie pflegte die. vollen Flechten hinten mit einem olivgrünen Bändchen einztncmen. . Wenn fte gegen Abend im wiegenden Schritt mit ihren Freunolnnen über die Piazza und längs der kleinen Dorfpasseggiata wandelte, to folgten ihr verstohlen die Blicke aller Männer. Marmellas Jugen aber leuchteten in dunkler Glut vor sich hin, ohne jemals auf einem Burschen zu verweilen. Traf es sich, dap |ic em selbst- gefälligcr Verehrer etwas zu dreist ansah, so wart si-e nur dem hoch­erhobenen Kopf noch weiter rückwärts, um Stolz und Verachtung deutlich zum Ausdruck zu bringen.

Cesare Caglione war ein armer Bursche, wohnte in einem vom Dörfchen abgelegenen kleinen Haus und arbeitete als Con­tadino bei Marinellas Vater. Trotz der Armut seiner Familie bildete er sich viel auf seine kräftigen, frischen Glieder um. Die hübschen mutigen Gesichtszüge ein. Als Cesare einmal m einer Osteria zu viel Wein getrunken hatte, verstieg er sich sogar zu der Wette um drei Flaschen Rotwein, daß Marinella in einem Jahre seine Verlobte sein werde. Alle lachten über diesen dreisten Einfall, auch Marinella zeigte, als sie davon hörte, lachend ihre weißen Zähne. Innerlich aber entrüstete sie die Anmaßung des Poverello. Sie verachtete ihn seit jenem Tage mehr als all die andern und warf den Kops, sobald er ihr begegnete, besonders hochmütig in den Nacken. .

Hatte Cesare sich etwas vorgenomrnen, dann war er nicht leicht davon abzubring-en und zu solch einem hochtrabenden Vor­satz mußte ihn starkes Verlangen getrieben haben. Aber was hatte sich die Tochter des reichen Bauern darum zu kümmern t Eines Abends, als Marinella ins Haus gehen wollte, trat ihr Cesare plötzlich in den Weg und bat sie, seine Verlobte zu fein, Marinella richtete sich hoch auf, warf den Kopf, zuruck,, wiegte sich einen Schritt rückwärts und antwortete:Bist Du em Ver­rückter? Womit willst Du mich heiraten? Du sollst Z-ufriedeü - sein, bei uns arbeiten zu dürfen" ---Sie sagte es im

Sie -gab sich gar nicht die Mühe, so zu tun, als wisse sie nicht, woraus sich seine Worte bezogen. Einmal mußte dieser Kampf zwischen ihnen ja ein Ende haben! Sie mußte ihm endlich einmal mit aller Klarheit beweisen, daß sie nicht daran dachte, die Seine zu werden, d- sie nichts für ihn empfand als Saft und (Verachtung! Wenn er es denn aus ihrem Munde hören wollte, wie sie über ihn dachte, wenn er die Demütigung einer deutlichen Ablehnung denn ruhig hinnehmen wollte ihr konnte es ja recht fein.

So sagte sie:Es ist mir lieb, Baron, daß es endlich zu einer Aussprache zwischen uns kommt, zu der ersten, und, wie ich hoffe, auch zu der letzten. Denn wenn ich Ihnen alles -gesagt habe, wird es Ihnen peinlich sein, mir wieder zu begegnen. Sie werden einen Vorwand finden, in den allernächsten Tagen abzureisen unser Reitimter- richt nähert sich- ja sowieso dem Ende und für die paar Stunden, die aussalleu, wird Papa Ihnen sicher leinen Gehaltsabzug machen."

Das glaube ich auch nicht, Komtesse," meinte er ganz gelassen.Im übrigen bin ich auf Ihre Mitteilungen sehr begierig. Ich muß gestehen: der Gedanke, dieses schöne Schloß und seine liebenswürdigen Bewohner so schnell zu verlassen, kommt mir etwas überraschend. Aber wenn Sie es wünschen, Komtesse"

Ich wünsche es nicht nur, ich befehle es Ihnen!"

Und darf ich fragen, was Sie zu diesem Befehle veranlaßt?"

Ich hasse Sie!"

Er lachte lustig aus:Das ist das Ganze, Komtesse? Darf ich Sie an unsere erste Reitstunde erinnern da führte ich das Wort eines alten Schulmannes an, der da einmal sagte: ein Lehrer, der von seinen Schülern nicht gehaßt wird, ist keinen Schuß Pulver wert! Und ich bin doch nur Ihr Lehrer, Komtesse, Ihr Reitlehrer."

Gewiß, was sollten Sie mir sonst wohl sein."

Das möchte ich- auch gerne wissen."

Sie saß ihm gegenüber und spielte nervös und erregt mit den Fingern auf dem Tische. Seine ruhige Ueber- legeuheit brachte sie schier zur Verzweiflung, und sie sah ein: sie hatte das Gespräch falsch begonnen so tarn sie nicht zum Ziel.

(Fortsetzung folgt.)