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schätzen als eifrigen Vertilger der gefräßigen Blattlaus —■ wird uns vielleicht noch weit interessanter werden, wenn wir bedenken, daß er die religiöse Verehrung des Menschen Wohl schon genossen hat in einer Zeit, die noch Piel, viel weiter zurückliegt, als die Zeit der germanischen Götter — in der Steinzeit! Denn zu den Funden aus jener Periode gehören auch Nachbildungen von Käfern. Und in ziemlicher Anzahl entdeckte man an bestimmten Orten gerade unverkennbare Nachformungen des Marienkäferchens. Aus Elfenbein hat sie der vorweltliche Künstler geschnitzt und dabei die dunklen Punkte auf den Flügeln durch kleine, von Schatten erfüllte Vertiefungen geschickt zu charakterisieren gewußt. Da diese prähistorischen Käferfigürchen durchlocht sind, müssen wir annehmen, daß sie umgebunden und getragen wurden. Sie dienten sicherlich als Talisman, als religiöses Amulett wie einst bei den Ilegyptern die Skarabäen.
vermischtes.
* Eine Verrücke nun acher-Offerte von 1886. Im Wochenblättchen der früheren Residenz des Herzogtums Westfalens, Arnsburg, vom 22. Februar 1826 befindet sich folgende Anzeige : Unterzeichneter zeigt hiermit einem hochverehrten Publikum respektive schönem Geschlechte seine submisseste Ankunst in hiesiger Stadt an und empfiehlt sich mit seinem großen Warenlager, bestehend aus 200 ganz verschiedenen Sorten der ausgesuchtesten Locken, als z. B. Toupslocken, Ringellocken, Schmachtlocken, Pudellocken, Unschuldslocken, Fahnenlocken, Kanonenlocken. Schleier- oder Trauerlocken, Schönzierrats-Zephyrlocken, Vypsilantilocken, Sturmlocken, Maria Magdalenen- oder Resignationslocken, Hingebungsoder Capitulationslocken re. re. re. ivie auch aus den vorzüglich großen und allgemein beliebten Ballonlocken, welche über 1 Pfund wiegen und großen pompösen Effekt machen. Schönen Dainen viel Geld abzuiordern wäre gegen alle Galanterie, jedoch erlaube ich mir die ergebenste Bitte, daß Hochdieselben sich entweder gefälligst in meinen Laden bemühen oder mich mit Proben zu sich bescheiden mögen, denn bei Kaufsunterhandliliigen durch weibliche Dienerschaft werde ich bei: Preis um 50 % höher setzen, um möglichst zu verhindern, daß meine vortrefflichen Artikel auf subalterne Koepfe geraten und meinen hochverehrten Damen die Lust daran verleidet werde. Ich verspreche denselben die zuvorkommendste Bedienung und sehe einem zahlreichen Zuspruch entgegen. Meister gUjler Luxuriosus logiert im schönen Pfau. Am Mittwoch, den 15. März 1826 zeigt der Mann im Wochenblättchen von Arnsburg dem schönen Geschlechte seine submisseste Abreise an und legt für den zahlreichen Zuspruch, den hochverehrte Damen ihm angedeihen ließen, seinen unterthänigsten Tank zu hochdero galanten Füßen und fährt dann in seiner Tanksagnng folgendermaßen fort: — Zugleich erlaube ich mir zu bemerken, daß eine der Hochverehrten, zu meinem größten Bedauern, durch die Auslache einer Matrone vom Janhagel ist irre geleitet worden, wodurch, wer sollte es denken, der Glaube an meine Existenz hin und wieder verloren ging. Doch der große ©hont der Kauflustigen, der sich ununterbrochen nach dem schönen Pfau bewegte, zeigte deutlich, daß dort ein Fitster noch zu finden sei; zu dem hat die questionierte Dame für die vergebliche Bemühung beim Aussuchen meines Hospitiums, sich jetzt eines Paares der schönsten Ballons zu erfreuen und wird Hoch- respektable nunmehr von einem andern überzeugt sein. Der Absatz meiner sämmtlichen Artikel geschah reißend schnell und jede Sorte Locken fand eine Liebhaberin — nur von den Resignationslocken bin ich feine Einzige quitt geworden. Doch desto besser, daß keine Dante resignieren, folglich auch so keine Locken tragen will, Ö noch guten Muth und gute Hoffnung an; — dagegen geschahen stragen um Magnet- oder Spekulationslocken bis ich noch nie effektuierte ttnb mir bislang völlig unbekannt geblieben sind. Es konnte nicht fehlen, baß ich verblüfft tv erb eit mußte, als ich bannt nicht aufwarten konnte. Tie Gewünschten werden aber von der Frankfurter Messe hierhin gesandt und im schönen Pfau deponiert werden. Indem ich für die bewiesene Gunst und Gnaden meinen freundlichen Tank abstatte, sage ich in tiefster Devotion den Schönen dieser Stadt adieu."
'* beim Freitags-Gebet. Seitdem
Abdul Hamids Nachtolger in deut alten Sultanschlosse Dolina- Baghtsche am Ufer des Bosporus seinen Wohnsitz ausgeschlagen hat, hat das Selamlük, das seierliche Freitags-Gebet des Padischahs in der Moschee, jene stille, düstere Abgeschlossenheit verloren, das Volk ist zugelassen, und jebermann kann beit Beherrscher ber Gläubigen sehen, wie er aut Freitag ins Gotteshaus kommt, um von Allah das Glück seines Volkes zu erflehen. Nur ein breiter, baumbejetzter Platz trennt das Schloß von der Moschee mit ihren Glockentürmen. W!it klingendent Spiel ziehen die Truppen herbei, Reiter und Infanteristen, bilden Spalier für ihrer Herrscher, aber der Verkehr wird nicht mehr wie einst gesperrt, hinter den Reihen der Soldaten versammelt sich das Volk, um Mahmud V. zu sehen. Hell schmettert ein Trompetenstoß durch die Lust: der Padischah besteigt seinen Wagen. Kurze Kommandoworte, ein Rasseln von Eisen und Stahl, die Truppen präsentieren. Und dann, nach einem ziveiten Trompetenstoß, dröhnt durch die erwartungsvolle Sitlle aus Tausenden von Kehlen plötzlich ein brausender Ruf: „Padischahim tschok Vacha! Lang lebe der Padischah!" Die Truppen begrüßen ihren
Herrn. In diesem Augenblick sieht man den großen Viktoria mit seinen vier schneeweißen Pferden, deren Schweife fast den Erdboden berühren, int stolzen, langsam verhaltenen Trabe daherkommcn. Mahmud V. sitzt stets allein im Wagen, . und immer begrüßt er seine Truppen mit einer weiten, eindringlichen Gebärde. Ost siM man ihn lächelnd, bisweilen aber beschattet auch Sorge und Ernst seine Züge; immer aber verrät sein Antlitz etwas von den ®e- fühlen des Herrschers, er ist ein Mensch von einer fast nervösen Sensibilität und seine leichte Eindrucksfähigkeit äußert sich in seinen SDiteiten. Auch hierin ist er, wie ein Mitarbeiter eines englischen Blattes aus Konstantinopel schreibt, der denkbar größte Gegensatz zu Abdul Hamid, der regungslos wie eilte Statue in seinem Wagen thront, nichts zu hören, nichts zu sehen schien, und statt eines Antlitzes eilte starre, gleichgültige Maske zeigte. Ter Wagen isj vorüber, im Hofe der Moschee begrüßen die Klänge des Sultanmarsches den Herrscher, die Minister erwarten ihren Souverän am Tor der Moschee. Nichts von jener bedrückten, unheimlichen Stille, die zu Abdul Hamids Zeiten das Selamlük begleiteten. Nach dem Gebete empfängt Mahmud V. seine Minister und spricht mit ihnen über Regierungsgeschäste. Auch das war früher anders, Abdul Hamid sprach nur mit den fremden Botschaftern und meist erfuhren seine Minister überhaupt nicht, was habet gesprochen wurde.
* Alle Vorteile gelten. Gast: „Wie kommt es denn daß man in diesem Raum dieselben Speisen soviel teurer bezahlt als nebenan?" — Ober: „Ja — wissen Sie, — die Speisekarte ist doch hier französisch und nebenan nur deutsch!"
Sprachecke des ASgemeinen Deutschen Sprachvereins.
* Uards. Wie die Zeitschrift des Allgemeinen Deutschen Sprachvereins mitteilt, richtete vor kurzem eine Fran aus dem Volke, eine einfache Schneiderin, an den Dresdner Zweigverein die Aufforderung, einen sprachlichen Unfug zu bekämpfen, der schon lange ihr deutsches Gefühl beleidige: auf den Zwirn- und Garnrollen für Nähmaschinen u. dgl. sei die Länge des Fadens nicht nach dem Metermaß angegeben, foudern nach englischen Iards; es sei doch von den deutschen Näherinnen nicht zn verlangen, daß sie das recht schtvierige Verhältnis des Vards zum Meter im Kopse hätten (1 Nard — 91,439 cm); mindestens müßte doch neben den Yards auch das entsprechende Maß in Metern angegeben sein; das fordere schon das deutsche Ehrgefühl. In der Tat ist es so, wie die deutsch- gesinnte Schneiderin schreibt. Aus den Garnrollen lieft man 1000 Vards, 200 Vards, 80 Dards, zuweilen sogar abgekürzt Ms; nur vereinzelt findet man bescheiden daruntergesetzt eine Angabe
Nun aber kommt das Unbegreiflichste. Diese Garnrollen stammen nicht etwa aus englischen Fabriken — daß die Engländer auf das deutsche Gefühl keine Rücksicht nehmen ist ja bekannt — nein, deutsche Fabrikannten verkaufen ihre deutschen Erzeugnisse in Deutschland nach englischein Maße! Nachdem das Metermaß bei allen Kulturvölkern, mit Ausnahme der Engländer, Eingang gesunden hat, nachdem es in Deutschland amtlich eingesülwt worben ist, mitten deutsche Fabriken deutschen Frauen zu, den Engländern zuliebe nach dein veralteten unbequemen Maße zu rechneii. Das ist eine Ausländerei schlimmster Art, die man nicht schars ynug brandmarken tarnt.
Weiß.
Weiß setzt mit dem dritten Zuge Matt.
Auflösung in nächster Nummer.
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1
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Schachaufgabe.
Schwarz, c d e f
M HH
abedelgh
^ftöfung des Logogriphs in voriger NumtE» Kausen, Laufen, Raufen, Taufen.
Redaktion; K. Neurath. - Rotationsdruck und Verlag der Bruht'schen Universitäts-Buch- und Steindruckerei, R. Lang«, QM»


