Ausgabe 
20.5.1912
 
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des neuen Osthafens hinein. Die schwarze Hütte des alten Ost- bahn'hofes taucht auf, und- nicht weit dahinter erhebt sich auch schon der bald vollendete rote Sandsteinbau des stolzen neuen Ostbahnhofes, ohne dessen gewaltig erweiterte Betriebsanlagen der neue Hafen wie ein Säe ohne Abstuß wäre; dann fällt der Blick auf niedergerissene Mauern, aus grabende Arbeiter; Last­fuhrwerke und rasselnde Lokomobilen lassen den Boden erschüttern, plakätbnnte Situationspläne und Wegweiser prunken in Farben- srische zur Seite der Straße, schimmernde Geleise, hohe Eisen- bahnbrücken, die Drahtnetze elektrischer Leistungen alles ver­kündet, daß menschliche Arbeit ein neues Stück Erde mit Beschlag belegt hat und Großes hier erstehen lassen will.

Eine langgestreckte Zollwerfthalle laßt rechts schon das eigent­liche Hasenzentrum ahnen, aber wir fahren über die Hanauerland- straße^noch bis zur Endstation der Trambahn; es lohnt sich. Denn eine raße der Industrie ist hier in kürzester.Frist empor­gewachsen, Fabrik neben Fabrik Brauhäuser, chemische, elektro­technische, Zigaretten^Fabriken usw. und Kontor neben Kontor, die Fronten graue, poröse Kalkstein- oder rote Mainsandstein- fassaden, die Hintergebäude aus Glas und Eisen. Eine keineswegs trostlose Straße, sondern von der energischen Schönheit des neuen Stils: geradlinig, hochstrebend, ehrlich und sachlich, doch dank der glücklichen Rhythmik der Verhältnisse nichts weniger als tot, vielmehr etwa durch die wohlerzogene Verteilung der Fenster in den Flächen fast anmutig belebt. Es stehen Fabrikburgen an dieser Straße, die nichts mehr von finsteren modernen Zwing­burgen zur Schau tragen, sondern einzig den Stolz und die Ehre der Arbeit architektonisch machtvoll verkörpern. Diese Jn- dustriestraße zeigt aber auch bereits den ersten und letztcii Zweck des Frankfurter Osthafens an: der Stadt eine neue Lebensader zu erschließen. Frankfurt hat bis vor kurzem allzu ausschließlich von seiner Vergangenheit gezehrt, aber eine Stadt kann auf die Dauer nicht von dem Ruhdne leben, eine alte, schöne und reiche Kiilturstätte zu sein, Deutschland den größten Dichter geschenkt lind lange Zeit den wichtigsten Börsenhandel besessen zu haben. Gegenwärtig eine reichlich charakterlose Stadt, muß Frankfurt Unbedingt auf neues organisches Wachstum bedacht sein, will es nicht seinen alten Ruf und seine Lebensfähigkeit cinbüßen. So sucht es nun sozusagen seelisch und körperlich sich auszudehnen; sein geistiger Horizont soll sich künftig zu einer Universitas literarum erweitern, seinem 'Körper will es durch den Osthafen neues Blut zuführen. Ungefähr 4H4 Millionen Quadratmeter Untfaßt das ganze Osthascnterrain (bie Grunderwerbskosten haben rund 33 Millionen Mark betragen), und etwa 3 Millionen Quadratmeter sind davon als Jndustriegclände nutzbar. Hier also kann und muß Frankfurt sich zu einer imposanten Industriestadt entwickeln, wozu bis jetzt doch nur die Ansätze vorhanden waren, Und die Einweihung dieses Osthusens bedeutet den Anfang einer Entwicklung, aus der bie, alte Kaiserstadt mit einem ganz neuen, charaktervollen und lebensprühenden Gesicht hervorgehen wird.

Heute sind ettva erst 20 Prozent des nutzbaren Geländes verwertet und bebaut. Noch also hat die Vergangenheit räum­lich über die Zukunft die Oberhand, noch weht von den freien Feldern uu^weiteren Umkreise her unverfälschte Landluft über das ganze Gemet, noch liegen ein paar alte Höse mit verwitterten Dächern tief in grünen Büschen, wenngleich schon Eisenbahnschienen mit eiserner Grausamkeit mitten durch das Idyll schneiden; noch knien Bäuerinnen üt weißen Kopftüchern auf fruchtbaren Aeckern Und rupfen Unkraut aus, und ungehemmt kann der Blick zu fernen Wäldern, vcrschwinnnenden Höhenzügen und hinüber zum jenseitigen, grünend und blühend ansteigenden Ufer des Main schweifen. Möwen schaukeln auf seiner dunklen Flut oder werfen die flüchtigen Schatten ihrer Schwingen über seine kleinen Wellen. Und irgendwo verrät ein Quäken gar den ungestörtesten Frosch- srieden. Das ist in den entengrün überwucherten Bassins des Ober haft ns, der vorläufig noch nicht eingemauert ist und erst nach Bedarf ausgebaut werden wird. Wir wenden uns, vorüber an den neuen Lagerhäusern des Kelterobstmarktes (für die Unmengen Apfelwein, die Frankfurt braucht, reicht das heimische Obst nicht Uus!), über die frischangelegte Mainpromenade, rückwärts dem U n t e r h a f e n zu, den zwei großen Bassins, die jetzt dem Ver­kehr feierlich geöffnet werden.

Am Südufer des Mainstroms träumt als letztes Symbol der Vergangenheit eine Festung aus grünem Laub', kastanienumtüruit, die Gerbermühle, die Thomä so gerne gemalt, die Stätte von Goethes spätem Suleika-Erlebnis; hier aber, am rechten, nörd­lichen Ufer, zwischen dem Fluß und dem ersten Hafenbassin, sind zwei mächtige moderne Mühlen emporgewachsen, hohe, vielge­schossige Fabrikgebäude, Zeugen der neue« Zeit auch darin wieder, daß ihre Mauern in Verhältnissen von strenger Schönheit sich gliedern und türmen. Der Silo (Getreidespeicher) derHafer­mühle" hat bei aller Schlichtheit eine Architektur von fast feier­licher Monumentalität, wie ein Tempel der Ceres. Diese Groß­mühlen sind die ersten Vorläufer der gewerblichen Etablissements, wie solche besonders hier, am Süduser des südlichen Beckens, des sogenannten Industriehafens, sich niederlassen sollen, so­weit für die die unmittelbare Wassernähe von Wert ist. Sie grenzen mit ihren Lagerplätzen und Kranen direkt an die Kai- niäucr des Hafenbeckens. Eine fast schwindelnde Höhe haben diese steilen, sauberen, aus Beton gebauten und mit Basaltsäulen verblendeten Kaimauern, die in einer Gesamtlänge von über vier

Kilometer die Hafenufer umrahmen und auch bei größtem Hoch­wasser den Schiffen sicheren Schutz gewährleisten, während andrer­seits bei niedrigstem Wassersland noch eine Mindestwassertiefe von 2,7 Meter gesichert ist. Als Sicherheitshafen für die Rhein­schiffe zu dienen, ist ja auch ein ausgesprochener Nebenzweck der neuen Osthafenbecken. Zwischen dem Jndustriehafen und dem' nördlichen Becken, dem Handelshafen, erstreckt sich eine Landzunge von 150 Meter Breite und nach ungefährer eigener Schätzung 600 Meter Länge; wir spazieren mitten auf ihr entlang, dem Molenkopf zu, wo Industrie- und Handelshäfen sich zu einem Vorhafen vereinen und in den Mainstrom über­gehen, und etwas wie echter Haftngcruch umfängt uns hier, ge­mischt aus den Düften gesonnten Wassers und frischgeteerten' Holzes, fast könnte man an die Waterkant sich versetzt fühlen. Zur Linken, am Nordufer des Jndustriehafens, reiht sich schwarz­funkelnd ein Kohlenlagerplatz an den anderen, zur Rechten ziehen sich sonstige Lagerplätze und Lagerhäuser bis ans Südufer des Handelshafens, auf dessen jenseitigem Ufer der allgemeine Handels­und Umschlagsverkehr sich abwickeln wird; dort liegt auch bereits die erste Zollwersthalle. Rings um die Häfen aber dehnt sich ein Schienennetz von Hochbahnen, auf denen schon jetzt in steter Bewegung überall mächtige fahrbare Krane hin- und herlaufert und mit ihren weitausholenden Fangarmen unermüdlich ein- und' ausladen.

Wo beide Becken zusammenfließen, am Kopf der sie trennenden Landzunge, erheben sich die Grundmauern eines Restaurants,- von dem man künftig eine interessante Aussicht auf die Hafen­einfahrt genießen wird; dieser so weit und luftig angelegte, ganz aus dem ästhetischen Empfinden unserer Zeit heraus entworfene und erbaute Hase!: wird ja überhaupt den schönheitsdurstig««! Besuchern und Beschauern reiche Augenweide bieten. Wir über­schreiten hier die Brücke über den Jndustriehafen, um alsbald auf die große Brücke zu gelangen, die in gewaltiger Eiscn- wölbung die ganze Hafeneinfahrt überquert. Hier tut sich westwärts der Blick auf den Vorhafen und auf die Ältfrankfurter Stadtsilhouette am Main a'uf, während wir nach Osten zu noch einmal von erhabenem Standpunkt zurück schauen auf die Hafen­becken und das riesige Gelände ringsum. Noch leuchtet von ferne das Grün der Aecker herüber, die einst hier in der ganzen Runde sich breiteten; heut aber denken wir nicht mehr an Ackerbam dabei,- soudern sehen nur noch das Symbol der Hoffnung, der Hoffnung auf eine große Zukunft, darin. Man kann in diese lichtslimmerndö, zükunftshelle Weite nicht hinausträumen, ohne auch hier wie beim Universitätsprojekt des weitblickenden, großzügig planen­den Mannes zu gedenken, der seine ganze Kraft an die Verwirk­lichung dieser verheißungsvollen Pläne gesetzt hat: Oberbürger­meister A dicke s.

Zunr Osthäfen und zum' neuen Ostbähnhof ist last not least auch ein großer, schöner Ost - Park geschaffen worden, der in dem parkarmen Frankfurt doppelt begrüßenswert ist. Er wird in erster Linie für die Tausende, die künftig im Bereich des Hafens sich müde arbeiten werden, die nächste und willkommenste Er­holungsstätte fein; eine langgestreckte Fußgängerbrücke führt über das Bahnhofsgebiet zu ihm hinüber. Und am Rande dieses Parkes beginnen wunderhübsche Arbeiterkolonien, Einfamilien­häuser z'um Teil, zu entstehen; hier werden viele von beite«,- welchen der neue Hafen Arbeit und Brot gibt, Wohnungen fiuden,- um die sie der Mietskasernenbewohner drinnen in der Stadt be­neiden kann. Den Rus seiner sozialen Gesinnung hat Frankfurt hier von neuem bewährt, indem es der gewaltigen wirtschaft­lichen Neuschöpftmg unmittelbar ein Werk sozialer Hygiene an­gegliedert hat.

Line unbekannte Stadt in -er Sahara.

Es gab bisher noch im Innern der großen Wüste eine un­bekannte Stadt, deren Existenz in ein geheimnisvolles Dunkel' gehüllt war: Ualata, die alte Königin der Sahara, die aus dein Wege zwischen Tombuktu und Tichit liegt, im Norden von Mauretanien und im Süden des Tschüs. Seit kurzer Zeit ist nun auch der verschwiegene Zauber dieser Märchenstadt gelöst. Am 27. Januar dieses Jahves zog der französische Oberst R o ul et ohne Schwertstreich mit seinen Truppen in die Mauern von Ualata ein, und von dieser denkwürdigen Expedition, die einen neuen Fortschritt in der Erforschung des asrikanischen Ostens, bedeutet, wird in derIllustration" des Nähere« berichtet.

Ualata war ehemals der große Mittelpunkt des Muhautme- danertums, Bo« bem aus sich der Islam int 10. Jahrhundert über ganz Ostafrika verbreitete. Im 12. Jahrhundert war es die blühende Hauptstadt des Königsreichs (Sana,, der Markt, aus dem alle Völker Afrikas zusammentraftn, wohin die großeit Kara­wanen von Tunis, Tuat, Taffilel und Fez ihre Waren brachten. Hier war der geistige und religiöse Mittelpunkt, an dem die Weise« des Koran und die Kenner der Gesetze Muhamineds zusammen­strömten. Tann, im 14. Jahrhundert, kam der Niedergang nach so hohem Glanze; das junge Tombuktu überflügelte die alte Kulturstätte und Ualata verfiel, schlief den Doruröschenschlas der Vergessenheit, bis im 17. Jahrhundert die Herrscher von Marokko ihre Eroberungen nach Süden ausdehnten und sich der Stadt bemächtigten. Ualata wurde nunmehr der Wohnsitz kühner Räuber, von dessen Vorhendensein mtn wohl wußte, das aber niemals