310
war. Darüber wollte sie ihn von Anfang an nicht im Zweifel lassen.
Und ebenso, wie sie es zuerst fast gefürchtet hatte, daß der Baron und der Bewerber identisch wären, ebenso hoffte und wünschte sie es jetzt! Es lockte und reizte sie, den Kampf mit ihm aufzunehmen, aus dem sie als Siegerin hervorgehen würde.
„Was meinst du dazu, Dagmar?" fragte der Graf noch einmal, als diese immer noch schwieg,
„Ich finde, die Sache eilt nicht so," gab sie anscheinend ganz gleichgültig zurück. „Aber wenn du schon heute schreiben willst — warum nicht? Ich habe es mir überlegt: vielleicht ist es doch ganz gut, wen» auch ich noch einmal Unterricht nehme. Schaden kann es auf keinen Fall. Und ob der Lehrer nun Kavallerieoffizier a. D. ist und Baron heißt — das ist doch schließlich ganz gleichgültig — er ist und bleibt doch nur unser Reitlehrer — weiter nichts." > <
Und je lebhafter die anderen wünschten, daß er einem jeden von ihnen doch noch etwas anderes sein möchte, umso lebhafter stimmten sie Dagmar zu. So setzte sich denn der Graf noch ain Abend an seinen Schreibtisch und erbat „unter höflicher Bezugnahme auf die in der Kreuz- Zeitung erlassene Annonce" den Besuch des Herrn Baron.
Und da der Landrat, trotzdem der Graf aus ihm gänzlich unbekannten Gründen darauf geschworen hätte, doch nicht mehr „angehupt" kams, legte man sich heute noch früher als gewöhnlich schlafen.
Es war doch sehr einsam auf Schloß Gründingen, t- um nicht zu sagen sehr „langweilig",
II.
Es Ivar wirklich, als ob der Baron sich nicht satt sehen konnte an dem prachtvollen Juckergespann, das der Graf zur Bahn geschickt hatte, um seinen Gast abzuholen. Noch immer stand er prüfend und musternd vor den Tieren.
Friedrich, der Kutscher, war es ja gewohnt, daß jeder seine Pferde lobte, und daß diejenigen, die am wenigsten davon verstanden, am schnellsten mit den größten Lobpreisungen bei der Hand waren. Aber dieser Frenide sagte gar nichts, ja, nicht einmal mit einem Blick verriet er, wie ihm die Tiere gefielen, die unbeweglich dastandeu, nur von Zeit zu Zeit, wie im Takte, gleichzeitig die schlanken Hälfe hoben und senkten und nur zu gern, ihrem Temperament folgend, im schnellen Trab davongeeilt wären, wenn der Wille des Kutschers sie nicht noch immer ans denselben Fleck gebannt hätte.
Der Diener war damit beschäftigt, die Koffer des Gastes auf den Gepäckwagen zu laden, oder besser gesagt: das Ausladen zu überwachen, und Friedrich saß unter» dessen noch immer, mit der Peitsche salutierend, auf seinem Bock. Und mit dem diesen Leuten eigentümlichen Scharfblick hatte er gleich gesehen, daß der Herr, der da Vor den Pferden stand, sich nicht nur als Kenner aufspielte, sondern es wirklich war.
Aber in seinen Gedanken hielt Friedrich plötzlich inne, denn er fühlte, wie der Baron jetzt seine Blicke aus ihn selbst richtete.
Pferde, Wagen und Kutscher sind eins, und wenn der Kutscher tadellos ist, kann man dieses Lob meist auch dem Gespann selbst zvllen. Das wußte Friedrich sehr genau, und deshalb hatte er auch starr und unbeweglich da- yesessen, seine Augen zwischen den beiden Pferdeköpfen immer geradeaus gerichtet, ja, er hatte es nicht einmal gewagt, mit den Augen zu blinzeln, um die Bewegungen des Herrn Baron besser verfolgen zu können.
Und nun sah dieser ihn selbst an.
Und nicbts, absolut nichts rührte sich an ihm! Die Peitsche stand unbeweglich in der Linken, die rechte Hand ruhte immer noch grüßend am Hut, und die Energie ließ das Zittern der Armmuskeln unterdrücken. Nur ein leises Rot, das ihm bei diesen prüfenden Blicken unwillkürlich in die Wangen stieg, gab Zeugnis davon, daß doch Leben in diefer anscheinend leblosen Gestalt pulsierte. Endlich war diese letzte Musterung beendet, und der Herr Baron mußte in jeder Hinsicht zufrieden fein, das sah Friedrich deutlich seinem Gesicht an, und für einen Augenblick huschte ein stolzes, glückliches Lächeln über sein eigenes Gesicht. Mer auch jetzt hatte der Gast kein lautes Wort der An- erkenMng, und das fand den höchsten Beifall des Kutschers. Ein Wort des Lobes hätte danach ausgesehen, als
ob der Herr Baron nicht erwartet hätte, ein in jeder Hinsicht tadelloses Gespann vorzufinden. Na, und wenn der schwer-reiche Graf von Gründingen das nicht einmal hätte haben sollen, wer denn? Etwa der Landrat, dessen Stall früher berühmt gewesen war und bei dem jetzt die Gäule sich die Beine in den Leib standen, seitdem die verfluchten Automobile — —
Jedesmal, wenn Friedrich an diese neumodische Erfindung dachte, überkam ihn ein Wutanfall, und bann passierte es ihm stets, daß er die Peitsche, wenn auch nur ganz leise, auf den Rücken der Jucker niederfallen ließ, so daß diese noch schneller als sonst dahinstürmten. Es war, als wollte er mit ihnen zusammen seinen Gedanken entfliehen. Auch jetzt hob er in Gedanken die Peitsche, aber die Hand selbst rührte sich nicht — er wagte es nicht vor dem Herrn Baron.
Endlich meldete der Diener, daß das Gepäck verladen sei. Wohl nur mit Rücksicht auf die kleinen Bahn- Verhältnisse hatte dies so lange gedauert, denn sowohl die Anzahl der Koffer, wie deren Größe waren nicht allzu beträchtlich.
„Wenn der Herr Baron vielleicht jetzt einsteigen wollen — es ist alles bereit."
Eine Minute später rollte der Wagen auf der ebenen, sehr gut gehaltenen Chaussee schnell dahin. Und wie schon vorhin, während der Eisenbahnfahrt, betrachtete Baron Scheidegg auch jetzt voller Interesse die ihm ganz neue und fremde Gegend. Es war gewissermaßen ein ganz neues Land, das sich hier vor feinen Augen auftat. Wieviel war er nicht in früheren Jahren gereist, gereist, damals, als er „noch jung, schön, lustig und reich" gewesen war, wie er es mit bitterer Ironie zuweilen selbst nannte. Aber immer hatte es ihn nach dem Süden gezogen, nicht der Natur, sondern des dort herrschenden Luxus' wegen. Die Riviera, Monte CaLlo, Nizza, dann Kairo, die Märchenstadt Konstantinopel und so manches andere! Aber den Norden Deutschlands hatte er nie betreten, weiter als bis nach Berlin war er nicht gekommen. „Jenseits Berlins hört die Kultur auf," hatte es in seinen Kreisen immer geheißen, und wenn er natürlich auch die Uebertreibung, die in triefen Worten lag, anerkannte, so hatten sie dennoch für ihn eine gewisse Wahrheit enthalten.
„Als Gegend geht die Gegend."
Der Baron drehte sich blitzschnell nach links, aber der Platz an feiner Seite war leer. Und doch hatte er ganz deutlich die Stimme des dicken Schmidt zu hören geglaubt, der im Regiment wegen seiner Redensarten und Schnäcke berühmt gewesen war. Wie hattew alle gelacht, als der Dicke damals bei seinem ersten Besuch in Monte Carlo das geistreiche Wort prägte: „Als Gegend geht die Gegend!" Das hatte Furore gemacht, war von Mund zu Mund gegangen, in alle lebenden Sprachen übersetzt worden, und der Dicke hatte getan, als rechne er mit Sicherheit darauf, in Anerkennung dieser Geistesleistung in den erblichen Melsstand erhoben zu werden. Wie lustig und vergnügt hatte man darauflos gelebt! Und jetzt? Der Dicke hatte znm Revolver greifen müssen, um seine Spielschulden wenigstens mit seinem Leben zu bezahlen,--
und er selbst?
Wie so oft, wenn er im leichten Gespann dahinfuhr, dachte er zurück an seine beiden Jucker, die er damals in Hannover auf Reitschule gefahren hatte. Selbst dort hatten sie Aufsehen erregt: die Gäule und der echte Wiener. Kutscher, der Franzt mit dem Lockert, wie er sich selbst nannte, ein großer Gauner vor dem Herrn, aber gut zu seinen Tieren, und ein Fahrer, wie man ihn so leicht nicht wiederfindet.
Das „Hup-hnp!" eines Automobils ließ ihn seine Ge? danken unterbrechen, und neugierig blickte er auf. Die Pferde wurden unruhig, aber Friedrich behielt sie doch „in der Hand", als das Auto jetzt an ihnen vorbeisauste. Gleich darauf aber bekamen sie die Peitsche.
... .... . (Fortsetzung folgt.) . MM.WH
Zrautfurls Hafen.
Zur Einweihung des Osthafens am 21. Mai. . ! j
Von Dr. Carl Weichardt (Frankfurt a. M.).,
Mit der Elektrischen fahren wir unmittelbar vom Frankfurter Dauptbahnhvf in etwa 20 Minuten, entlang der ganzen west?-, östlichen Ausdehnung der Stadt, mainaufwärts mitten ins Reich


