Ausgabe 
20.5.1912
 
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M2 - Nr. 78

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Me von Gründingen.

Roman üvir Frei h err von Schlicht.

(Nachdruck verboten.)

(Fortsetzung.)

Deutlich genug hatten seine Blicke ihr das stets gesagt, und eines Tages hatte sie ihre Neugierde nicht mehr unterdrücken können und sich bei dem Stallmeister, der neben ihr ritt, mit einigen kurzen Worten nach ihm erkundigt. Der hatte den Namen selbst nicht gewußt, nur erzählt, es sei ein verabschiedeter Offizier, der nie anders alsder Herr Baron" genannt würde, und er lebe davon, daß er für fremde Leute, zuweilen auch für höchststehende Persönlichkeiten, Pferde zuritte, da er ein anerkannt guter Reiter sei. Ob die gnädige Komtesse es wünsche, daß der Herr Baron ihr vorgestellt würde?

Sie hatte nur energisch mit dem Kopf geschüttelt und war mit keinem Wort mehr auf ihn zurückgekommen. Aber yoch kühler als sonst hatte sie sich seinen Blicken gegen­über verhalten, und als sie einmal ihre Peitsche in der Garderobe hatte liegen lassen und er ihr die seine anbot, um das störrische Pferd über die Hürde zu bringen, da hatte sie sein Anerbieten, ohne mit einem Wort dafür zu danken, nur mit einem hochmütigen Blick so kalt ab­gelehnt, daß sie sich selbst dessen hinterher beinahe schämte.

Aber auf den Baron selbst schien das gar keinen Ein­druck gemacht zu haben. Nur ein leises, spöttisches Lächeln hatte für eine Sekunde seinen Mund umspielt, dann hatte er die Arbeit mit seinem Pferd wieder aufgenommen.

Dagmar war empört gewesen über die stummen Hul­digungen, die er ihr dargebracht hatte. Aber dennoch empfand sie es fast wie eine Ungezogenheit, und beinahe yls eine Taktlosigkeit, daß er sie von jenem Tage an, ett sie seine Hilfe ablehnte, gar nicht mehr zu bemerken cfiie)!. Die Schuld für sein Verhalten, die sie selbst trug, Mob sie ihm zu. Sie war mehr als unhöflich gewesen und nannte ihn deswegen taktlos.

Aber wenn er sich auch anscheinend gar nicht mehr um sie bekümmerte und selbst dann nicht mehr nach ihr hinsah, wenn sie ganz allein zusammen in der Bahn ritten, so glaubte sie dennoch zu wissen, daß er keinen Blick von ihr verwandte, sobald sie ihn nicht beobachten konnte. Das machte sie unruhig und nervös, das übertrug sich auf ^hren Sitz und auf die Zügelführung, und daß sie sich dann m seiner Gegenwart von denr Bereiter ermahnen und unterrichten lassen mußte, erfüllte sie aufs neue mit Zorn gegen Mn.

Wer und ,was war dieser verabschiedete Baron, der es sich anscheinend zur Ehrs anrechnete, für hohe und höchste Herrschaften gegen Bezahlüng Pferde zuzureiten, und was wollte er von ihr? Wußte er nicht, wer und was sie war? Woher nahm er den Mut, um nicht zu

sagen, die Unverfrorenheit, seine Blicke zu ihr zu erheben. als stände er mit ihr auf derselben gesellschaftlichen Stufe?

Sie nahm sich vor, sich auch ihrerseits gar nicht mehr um ihn zu kümmern, ihn vollständig als Luft zu betrachten, aber seine Gegenwart genierte sie doch, bis sie dann schließ? lich unter einem Vorwand das Reiten ganz aufgab, nur um ihn nicht mehr zu sehen und um ihm nicht mehr W begegnen.

Sie hatte sofort an ihn denken müssen, als sie die Annonce las. Sollte er im Tattersall zufällig davon er­fahren haben, daß man dem Grafen geraten hatte, seinen Töchtern nochmals Reitunterricht geben zu lassen? Und hatte er nur deshalb die Annonce erlassen, um dadurch wenn der Zufall ihm günstig war, nach Schloß Grün­dingen zu kommen? Sollte er seine Keckheit so weit treiben, sich ihr unter diesem Vorwand doch wieder zu nähern, ob­gleich sie ihm deutlich genug zu.verstehen gegeben hatte, daß sie seine Gegenwart und auch nur seine persönliche Bekanntschaft in keiner Weise wünsche?

Das wäre wirklich mehr als stark! Im- ersten Augen­blick dachte sie daran, ihren Eltern abzuraten, diesen Baron, oder was er sonst war, auf das Schloß einzuladen. Denn wenn der Bewerber und der Baron wirklich identisch waren, so konnte er daraus, daß er nach Schloß Gründingen ge­rufen wurde, leicht den Schluß ziehen, daß sie sein Ver­halten ihm gegenüber bereite und daß sie gegen seine Hul­digungen jetzt nichts mehr einzuwenden habe. Daß sie wußte, wer er war, konnte für ihn keinem Zweifel unter­liegen, denn sicher hatte der Bereiter dem Herrn Baron mitgeteilt, daß sie sich nach ihm erkundigt habe. Daß sie das überhaupt je getan, ärgerte sie maßlos; denn schon daraus allein konnte er folgern, daß sie doch irgend welches Interesse an ihm nahm. ,

Sie wollte die Eltern bitten: ladet den Baron nicht ein. Ein Adeliger, der auf der einen Seite bezahlt, auf der anderen lediglich als Gast betrachtet sein will, ist ein Unding, und dieses Verhältnis wird für beide Teile schwer durchführbar sein. Dann aber besann sie sich eines andern.

Gerade wenn eine Offerte ihres Vaters ausblieb, auf die der Baron, wie sie nicht mehr bezweifelte, in erster! Linie rechnete, so konnte er daraus schließen, daß sie seine Nähe fürchtete, daß sie sein Kommen Hintertrieben hätte, lediglich aus Angst, vielleicht ihr Herz doch an ihn zu verlieren. Der Gedanke stimmte sie beinahe lustig, er­füllte sie aber dann doch mit Trotz. Trieb er seine Keck­heit so weit, sich ihr unter diesem Vorwand zu nähern, hatte er den Mut, wirklich um ihre Gunst zu ringen, dann wollte sie ihm beweisen, daß sie ihn nicht fürchtete, daß sein Kommen oder Nichtkommen ihr völlig gleichgültig sei! Sie war und blieb, die sie war: die schöne und stolz« Komtesse Dagmar. Und sie würde die Schranken zwischen ihnen beiden schon aufrecht zu erhalten wissen! Ein Reit­lehrer konnte ihr nicht gefährlich werden, selbst dann nicht, wenn er Kavallerieoffizier o,. D., und außerdem Baron