Samstag den 20. April
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Der König von Thule.
Roman von Paul Gräbern.
(Nachdruck verboten.)
(Fortsetzung.)
Ainthor nickte; auch er war ja ein solcher Kindernarr. Wie oft träumte er nicht in seiner trübseligen Einsamkeit von einem sonnigen Kinderlachen und kleinen, weichen Händchen, die ihm Leben ins stille Haus schaffen würden.
„Ja," nickte er ernst mit einem Blick ins Weite und mit einem leisen Anflug von Melancholie im Ton. „Beneidenswert, wer das fern eigen nennt! — Nun, Sie haben ja solch Glück — dies wenigstens."
Es kam keine Antwort.
Ueberrascht sah er daher nun auf sie und bemerkte einen schmerzlich-bitteren Zug in ihrem Gesicht.
„Ihren Knaben!" wiederholte er deutlicher. „Der Trost ist Ihnen doch bei allem geblieben."
Sie erwiderte noch immer nicht gleich; es war, als ob sie ein quälender Gedanke bedrucke, den sie sich aber scheute, auszusprechen.
„Ein Knabe kann einer Mutter doch nie das sein, was ein Mädchen ist," antwortete sie schließlich.
Er dachte eine Weile nach.
„Gewiß, ich gebe zu, ein Junge ist nicht so anschmiegsam, so zärtlich. Wer trotzdem — ich weiß doch, wie ich an meiner eigenen Mutter, gerade an der Mutter, gehangen habe, bis ins Mannesalter hinein. Sie war meine beste Freundin und Vertraute, über die zartesten Dinge gerade, wo mich der Vater nicht verstand, da sprach ich mich nur mit ihr aus. Mit keinem Menschen sonst auf der Welt! — Ich meine, solch inniges Vertrauen, solch ernstere Zärtlichkeit müßte ein Mutterherz doch auch glücklich machen."
Er hatte sie beim Sprechen angesehen. Nun nahm er plötzlich wahr, wie es in ihren Zügen zitterte wie von mühsam verhaltener, tiefster Bewegung. Besorgt fragte er da:
„Was haben Sie? Habe ich unwissentlich irgend etwas gesagt, das Ihnen wehe getan hat? — Bitte, sagen Sie es mir doch!"
Sie schüttelte heftig den Kopf. Wer er sah es ihr an, daß sie ein tiefes Leid, das nach erleichternder Aussprache schrie, gewaltsam hinunterkämpfen wollte. Da neigte er sich ihr naher zu, und leise klang seine Frage:
„So wenig Vertrauen zu mir?"
Ein letztes Aufbäumen ihres Willens noch — es schien ihr furchtbar, das in Worten laut zu bekennen, was doch fdjon längst mit Flammenschrift in ihrem Herzen brannte — dann entfuhr es ihr wie ein unterdrückter Schrei tiefster Quak:
„Ich habe mein Kind innerlich verloren! — Verstehen Sie, was das heißt?"
Ein Blick voll unsagbar tiefen Leids traf ihn zugleich.
Erschüttert sah sie Amthor an.
„Sagen Sie mir alles," bat er leise.
„Ich habe mein Kind so namenlos geliebt!" beteuerte sie unter tränendem Blick. „Sie wissen ja, was ich um seinetwillen getragen habe."
Er nickte ihr langsam zu, sich ihrer trostlosen Ehe- schilderung damals in allem erinnernd.
„Gott, was war das Kind damals süß, und wie hing es an mir als kleines Geschöpfchen! Ich war ja sein ein und alles. Noch bis zu seinem sechsten Lebensjahre qm — aber dann kam es anders. Es war wohl »der Einfluß'der Schule — ganz gleich, ich mußte mit Sck)recken bemerken, mein Junge ward ein ganz anderer. All das Zarte, Liebe — er war fast wie ein Mädchen früher gewesen — fiel von dem Kinde ab. Er wurde so hart und unlenksam, immer verschlossener und unliebenswürdiger. Ich war tief bekümmert, ganz unglücklich darüber. Ich versuchte alles, alles, erst in Liebe und Güte, dann mit größter Strenge — aber nichts half! Seine Eigenarten traten nur immer schärfer hervor — ich mußte mit Entsetzen erkennen: ganz das Bild seines Vaters, des rücksichtslosen, hartherzigen, brutalen Menschen, den ich schließlich hassen gelernt hatte."
„Ms ich das erkannte — mein Gott! war ich eins todunglückliche Frau. Ich sank auf meiüe Knie und flehte zu Gott: nur das nicht noch! Laß mich nicht auch mein Kind noch verlieren! — Und von neuem rang ich um seine Liebe. Ich beschwor es unter Tränen, sich zu ändern, wieder lieb und gut wie früher zu sein, ja nicht nur um mich, sondern um seiner selbst willen — aber alles umsonst ! So etwas Kaltes, Gleichgültiges, Eindrucksloses wie an diesem Kinde ist mir noch nicht vorgekommen. Mitunter konnte mich dieses störrische, herzlose Wesen zur Verzweiflung, fast zum Wahnsinn treiben — ich schäme mich nicht, es zu sagen, ich wußte bisweilen in solchen Momenten nicht mehr, was ich tat: ich habe das Kind furchtbar gestraft! Wer alles war ihm gleich, ob ich es kniefällig beschwor oder sinnlos züchtigte."
In völliger Erschöpfung schwieg Eva Söllnitz, dann fuhr sie fort:
„Es ging so lange, bis ich nicht mehr konnte. Mein Arzt riet mir dringend, meine Nerven zu schonen und mich nicht mit der Erziehung dieses völlig unzugänglichen Jungen gänzlich aufzureiben. Immer und immer wieder gab ich mir noch eine letzte Frist, hoffte immer noch eine Wendung zum Besseren. Ich konnte mich ja nicht dazu entschließen, mein Kind in fremde Hände zu geben. Schließlich aber — nach einem neuerlichen Vorfall, der mich wirklich krank niedergeworfen hatte, — mutzte es geschehen, was ich nie für möglich gehalten hätte: ich gab den Jungen aus dem Hause, zu einem seiner Lehrer."
„Dort ist er nun schon fast ein Jahr. Wer es hat sich nichts geändert; auch dies letzte hat seinen Starrsinn nicht brechen können. Er fragt nicht nach mir, und wenn


