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„Frau Maudru, haben Sie nicht ein wenig Oel, ich habe 8as meine vergessen." .
„Fran Maudru, ich nehme einige Ihrer Zwiebeln, ich mochte nicht erst nach meiner Küche hinnntergchen. ™ .it< ,
„Fran Maudru, leihen Sie mir doch dies, Fran Maudru leihen Sie mir doch jenes." Ich schlug Ihnen nichts ab. ^^ch habe es nie verstanden, den Leuten zu widersprechen. Das amzige Ungliiick war, daß sie dadurch von Tag zu Tag anspruchsvollen wurden. Wenn irgend etwas in meinem Haushalt fehlte, so forderten sie mich einfach aus, diesem Mangel abzuhelfen.
„Was, Frau Wandru," sagten sie,, „Sie haben keine Butter mehr? Sie müssen "rasch welche kaufen, das ist doch etwas, was in keiner Küche fehlen darf."
Und zu alledem wuchs die Zahl der Köchinnen beständig an. Jeden Morgen führte man mir eine neue zu. .
„Frau Maudru, hier bringe ich Ihnen Fräulein Mslie, sie wohnt im Nebenhause, Nr. 53. Sie ist ein sehr braves Mädchen, und ich dachte, daß es Sie freuen würde, sie kennen zu lernen.
Und Fräulein Melie wickelte ihr Rurnsteack aus, setzte es aufs Feuer, und die Sache war in Ordnung.
Es kommt immer besser, mein Herr. Eines Tages wird die kleine Tochter des Herrn Piston, des Schutzmanns, sehr krank,- und der Arzt verordnet ihr Bäder, heiße Bäder. Sie erraten wohl schon, was nun geschieht! Zwei Stunden später hatte die Mutter bereits eine Badewanne zu mir gebracht und begann ganze Eimer voll Wasser kochen zu lassen; das ging so acht Tage lang. Da die Badewanne den andern in der Küche im Wege war, so hatte ich sie in mein Zimmer tragen lassen, und die Kleine nahm jetzt ihre Bäder dort. Doch man fürchtete, daß das Kind sich durch das Hin- und Hergchen erkälten könnte, so wurde beschlossen, es ein für allemal bei mir zu lassen. Man brachte mir also ihr Bett und stellte es neben dem meinen auf, so daß ich sie eigentlich pflegte, während ihre Mutter anderen! Beschäftigungen nachging. _
Endlich ging es der Kleinen besser. Die Bader waren überflüssig geworden, und die Mutter nahm ihr Kindchen wieder nach Hause. Ich suhlte mich jetzt im Vergleich zu früher fast glücklich darüber, daß nur noch die Frauen zu mir kochen kamen. Doch was geschieht? Kaum war sie einen Tag fort, so kommt die Portiersfrau herauf und sagt: ,
„Sie kennen doch den alten Moineau, Fran Maudru, Woi- neau, der im fünften Stockwerk wohnt und die kleinen roten Luftballons für Kinder anfertigt. Ach! Er ist nichts weniger als reich, der arme Mann. Die Gasgesellschaft hat ihm soeben das Gas abgesperrt, weil er nicht mehr bezahlen konnte. Mit Rücksicht darauf, habe ich ihm angeboten, seine Ballons bei Ihnen füllen zu kommen, da es Sie ja doch nichts kostet." -
Ich konnte unmöglich nein sagen, dann das hätte die Portiersfrau beleidigt, und es ist immer besser, sich mit diesen Leuten gut zu stehen. So ist also der Alte zu mir gekommen und hat sich daran gemacht, seine Ballons aufzupusten. Und den ganzen Tag hörte er nicht mehr damit auf. Am nächsten Tage bat er mich, ihm meine Schlüssel zu lassen, damit er auch in meiner Abwesenheit eintreten und arbeiten könnte. Und so kam ich nie mehr ohne Furcht vor einer Explosion nach Hause; ich lebte in einer steten Angst, denn Sie werden wohl auch wissen, daß man die Gashähne, die einem nicht selbst gehören, mit weniger Vorsicht schließt, als
die eigenen.
Und zu alledem war er durchaus nicht angenehm im Umgang, der gute Mann. Er brummte, wenn man ihn auch nur zwei Minuten unterbrach, um etwas kochen zu lassen. Und so gab es unaufhörlich die schrecklichsten Streitigkeiten mit den andern, mit den Hausfrauen, die schon länger zu mir kamen als er und gar nicht daran dachten, ihm das Feld zu räumen.
Sie schlugen sich, mein Herr! Mein ruhiges Hans war zü einem Schlachthause, zu. einer Metzelei geworden. Mich selbst machten diese ewigen (Streitigkeiten krank, und so hatte ich seit langer. Zeit darauf verzichtet, mein Essen auf Gas zu kochen. Ich hatte mir den kleinen Spirituskocher gekauft, den Sie dort! sehen, er gibt genügend Hitze und ist sehr bequem.
Aber jetzt hören Sie das Schönste. Sie werden lachen. !Am Ende des Monats kommt wie gewöhnlich der Gasbeamte. In all meinem Aerger hatte ich ihn fast vergessen. Er unterfuchill den Zähler und nimmt eine außerordentlich erstaunte Miene an:
„Ist Ihr Zähler auch in Ordnung?"
„Ich glaube doch," sage ich, „ich habe ihn nicht 6erül)rt." „So haben Sie also besonders viel verbraucht?" „Gott! nicht gerade allzuwenig."
Da beginnt er seine Rechnungen in ein Büchelchen zu schreiben und sagte: „Es macht gerade vierhundertundfünfzig Meter!"
Ja guter Herr, vierhundertfünfzig Meter zu vier Sous: im ganzen neunzig Franken. Allem Anscheine nach war der Zähler von selbst wieder in Gang gekommen und zeigte nun alles an, was die anderen verbraucht hatten!
Ich habe nichts erwidert und habe die Summe bezahlt, wie ich konnte. Doch habe ich den Zähler, den Gasofen, die ganze Anlage entfernen lassen und mein Abonnement in der Gasanstalt aufgegeben. Und als die Nachbarinnen mit ihrem Essen wiedergekommen sind, habe ich ihnen die Sache auseinandergesetzt.
Können Sie sich denken, daß sie mir das übel genommen haben? Alle schrien sie durcheinander, daß ich geizig, daß ich ungefällig sei, daß ich ihnen das nur zum Possen getan — was weiß ich, was sonst noch alles?
Jetzt ist das ganze Haus mit mir böse. Wollen Sie mir die Geschichte nicht glauben? Sehen Sie, jetzt lachen Sie mich noch obendrein aus."
vermischtes.
* Wilhelm Baurs L e b e n s er i n » erun geu. In Nr. 27 der Familienblatter ist die Ueverschriit des Artikels Wilhelm Baurs Lebenserinnerungen unvollständig wiedergegeven. Die vollständige Ueberschriit lautet: Wilhelm Bau r. Lebenserinnerungen. Mit Einleitung und Erläuterungen von Karl Esselborn. Hessische Volksbücher 10 und 11, besprochen von Justizrat Straft. Zugleich wird ein sinnentstellender Druckfehler berichtigt, indem es am Schlüsse des Artikels heißen muß Verfasser, nämlich Dr. Karl Esselborn, nicht Professor.
* B an kn o t e n w ä s ch e. Bei einer mikroskopischen Untersuchung, die in einem amerikanischen wissenschaftlichen Institut vorgenommen wurde, stellte sich heraus, daß stark beschmutzte Banknoten bis 585 000 Bazillen enthielten, darunter Krankheitserreger aller Art. Weniger diese Tatsache (die immerhin zu denken gibt), als vielmehr praktische Erwägungen rein geschäftlicher Art Haven die Amerikaner dazu geführt, ihre Banknoten zu waschen, anstatt sie wie früher aus dem Verkehr zu ziehen und zu vernichten. Die beschmutzten Geldscheine werden in eine Jllrt Drahtkord gelegt, den man in eine Sodalösung taucht; ein Strom komprimierter Lust versetzt diese Lösung in Wallung, und in,gang kurzer Zeit sind die Banknoten „wie neu". Getrocknet in einer von Heißlust durchströmten Rotationstrommel und alsdann zwischen Stahlwalzen geglättet, erlangen sie ein völlig frisches Aussehen und haben an Haltbarkeit-nur wenig eingebüßt. Das Verfahren lohnt sich. Die amerikanische Staatsbank mußte bisher jährlich ungefähr 200 Millionen Stück Banknoten aus dem Verkehr ziehen und neu drucken. Diesen Neudruck zu l1/,, Cent pro Stück gerechnet, ergibt sich die hübsche Ausgabe von mehr als zwei Millionen Dollars, d. h. über acht Millionen Mark. Dabei ist die Zeit (time is moneyl) und die Abnutzung der kostspieligen Druckmaschinen nicht mitgerechnet. Nun stellte sich heraus, daß von 100 Geldscheinen durchschnittlich 80 der „Wäsche" unterworfen werden können. Diese Reinigung kostet pro Stück nicht ganz 0,1 Cent, für 160 Millionen Stück (80 Prozent der jährlichen Einziehung) noch nicht 700 000 Mk. Zieht man den Neudruck der unbrauchbaren 20 Prozent mit in Rechnung, so ergibt sich als „Resultat der Wäsche" eine Ersparnis von überb1/, Mill. Mark. Sodalauge und heiße Luft haben also vortreffliche Dienste geleistet.
* Die zwölf Apostel des Jahres 1912. Unter den alten Sitten und Gebräuchen, die sich ans der guten alten Zeit noch in unser modernes schnellebiges Zeitalter vererbt haben, ist eine der ehrwürdigsten die Fußwaschung der zwöls Apostel, die alljährlich am Gründonnerstag in der Münchener Residenz unter feierlichen Zeremonien vom Prinzregenten vorgenommen wird. Zu diesen zwölf Aposteln werden die ältesten Männer des Königreichs Bayern ausgesucht und der Prinzregent wäscht diesen alten Leuten eigenhändig die Füße. In diesem Jahre wurden zwölf Männer ausgewählt, deren Gesamtalter 1121 Jahre beträgt. Der älteste der Apostel ist der 100 Jahre alte Samer aus Saulgarn in Niederbayern, der bereits dreimal an den Fußwaschungen; teilgenommen hat. Der zweitälteste Apostel ist der Privatier Michael v. Miller aus Rothenbrnck in der Oberpfalz; er ist 98 Jahre alt. Der jüngste der Apostel, der Austräger Johanns Ebner aus Wallersdorf in Niederbayern ist 92 Jahre alt. Die Apostel überragen daher alle den greifen Prinzregenten, der am 12. März seinen 91. Geburtstag feierte, an Älter. Außer deck Aposteln werden noch zwölf arme Mädchen ausgesucht, die sogenannten Sklavenmädchen, die am Gründonnerstag vom Hof neu eingekleidet und mit Geld beschenkt werden.
ScherzrcMel.
Feist noch war ich, als ich lag und schlief . Als ich aufgeschencht ins Weite lief: Meines Leibes volle Formen schwanden; Bin nun dünn, doch überall vorhanden, Bin am Ausgangspunkt und auch am Ziel. Klingt das nicht ivie spukhaft Zauberspiel?
Auslösung in nächster Nummer.
Auslösung des Kreuzvätsels in voriger Nummer: 8 8 8 etc h r h
Schwalben Stradella Sohle sien b 1 i e 1 e n a n
Redaktion: K. Neurath. — Rotationsdruck und Verlag der Brühl'schen Universitäts-Buch- und Steindruckerei, R. Lange, ©feien.


