Ausgabe 
20.3.1912
 
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Welch seltsame Frage, Cläre?"

Bitte antworten Sie. Mögen Sie Feigheit leiden?"

Ich verabscheue sie."

Ich auch. Und doch wär ich heute feig."

Cläre."

Sehr feig sogar. Doch ich will das aus der Welt schaffen. Ich habe heute früh unsere Käthi gebeten, Sie etwas zu fragen, weil, ich mich fürchtete, die Frage selbst zu stellen. Jetzt soll es geschehen. Ich will Sie fragen, ob ob"

Sie stockte und blickte verlegen zu Boden.

Hans Jochen betrachtete sie, jetzt eigentlich das erste Mal' mit Interesse. Er konnte sich nicht verhehlen, daß, die Prinzessin ein reizendes Köpfchen besaß, und die lieb­liche Verwirrung erhöhte noch mehr ihre kindliche Schön­heit. Ihn erfaßte Mitleid, und der Gedanke, daß er dieses holde Geschöpf schmählich betrog und auch fernerhin be­trügen müsse, kam ihm zum ersten Male mit drückender Schwere zum Bewußtsein.

Sehen Sie, Hans Jochen, nun bin ich! schon wieder feig," flüsterte die Prinzessin.

Der Erbprinz faßte ihre Hand und sagte:Nein, Sie sind nicht feig, liebste Cläre. Ich verstehe Sie voll und ganz und weiß, was Sie mich fragen wollen. Ersparen Sie sich die Frage und mir die Antwort, die Zukunft wird Ihnen die Antwort geben." Und als ihn Clarissa verständnislos und angstvoll anblickte, sagte er noch:Sie sind ein liebes, herziges Mädel, und ich will versuchen, Ihrer wert zu werden."

Da jauchzte Clarissa auf und umschlang ihn. Hans Jochen aber küßte sie zweimal auf die Stirn.

*

Mit dem Nachmittagsdampfer fuhren die Herrschaften nach Küßnacht.

Dort wurde das Goethe-Haus betrachtet, dann wanderte man durch das kleine altertümliche Städtchen, um die hohle Gasse zu besichtigen.

In der kühlen Tells-Kapelle ruhten sie aus'. Das große Bild, Teils Tod in den Wellen darstellend, wirkte mächtig aus die Beschauer.

Unterdessen waren die Wagen, die man in Küßnacht gemietet hatte, nachgekommen.

Nach langer Rast fuhr man dann nach Küßnacht zurück. Der Dampfer wär so voll besetzt, daß die Herrschaften nicht zusammensitzen konnten. Hans Jochen und Kathinka wur­den beim Ueberschreiten der Landungsbrücke von den anderen getrennt und nach dem Deck der zweiten Kajüte gedrängt. Fräulein von Hämmerling setzte sich ganz vor an die Spitze des Schiffes auf eine Rolle Ankertaues, während sich der Erbprinz an einen riesigen Bootsbalken lehnte.

Hans Jochen beugte sich zu Kathinka und fragte sanft: Isis hier nicht paradiesisch schön?"

Hier kann man fromm werden, Hans Jochen. Die Natur ist doch eine mächtige Sprache Gottes."

Und impulsiv griff sie nach des Erbprinzen beiden Händen und sagte flehend:Hab sie lieb, «Hans Jochen, hab sie lieb."

Der Erbprinz wandte sich ab. Eine Träne schimmerte in seinen Augen.

(Fortsetzung folgt.)

ttoche mit Gas".

Humoreske von Bernard G e r v a i s e.

Autorisierte Uebersetzung von Gutti Al fett

Wie, Sie kochen nicht mehr mit Gas', Frau Maudru?"

Ach, lieber Herr, fragen Sie mich nicht danach! Wissen Sie denn nicht, was mir mit dem Gas passiert ist?"

Nein, Fran Mandru. Vielleicht eine Explosion?"

O nein, etwas Schlimmeres."

Also eine Erstickung?"

Etwas noch viel Schlimmeres! Aber zerbrechen Sie sich nicht den Kopf darüber . . . Ich werde Ihnen die Sache er­zählen.

Also: Schon seit langer Zeit schien es mir, als ob mein Gaszähler nicht gut funktionierte. Jeden Monat zeigte er etwas weniger Verbrauch an, als den vorhergegangenen. Mer scheu Sie, wenn man sich daran gewöhnt hat, mit Gas umzugehen, so weiß man ganz gut, wieviel man verbrannt hat, und ich brauchte jeden Monat ungefähr dasselbe Quantum.

Schließlich dachte ich mir, daß ich vielleicht doch, ohne es ÜU merken, mit der Zeit sparsamer damit umgegangen sei. Doch

sagte mir der Beamte, der den Gaszähler prüfen kam, am Ende eines Monats:

Das muß man sagen! Diesen Monat haben Sie nicht viel Gas verbraucht, gute Frau, es sind im ganzen nur sechs Meter."

Ich hatte darauf gerechnet, mindestens fünfzig Meter bezahlen zu müssen. Sie glauben vielleicht, daß ich mich nun über den falschen Zähler beflagt hätte. Fehlgeschossen! Ich sagte deut Manne im Gegenteil mit der natürlichsten Miene der Welt:

O, das überrascht mich gar nicht, ich habe diesen Monat fast nichts mit Gas gekocht."

Als er fortgegangen war, habe ich meiner Freude freien Lauf gelassen. Ich habe vor Vergnügen um meinen Gasofen herumgetanzt und wie ein Gassenbube aus vollster Kehle geschrien: Mein Zähler ist käput, mein Zähler ist kaput!" *

Als ich mich dann ein wenig beruhigt hatte, bin ich rasch zu Frau DuPont hinübergelaufen, die mir auf dem TreppenfluU gegenüber wohnt. Denn sehen Sie, es geht mir mit den Freuden wie mit den Leiden, ich kann sie nie für mich allein behalten/ ich muß sie durchaus jemand anvertrauen. Ich bin also zu Frau Dupont gelaufen und habe ihr die Sache erzählt. Und in meiner übergroßen Freude habe ich hinzugefügt:

Und wissen Sie was, Frau Dupont: Wenn Sie etwas zU kochen haben, kommen Sie ruhig zu mir. Genieren Sie sich nicht ... in Anbetracht des Preises, den ich jetzt dafür zu zahlen habe. . ."

Man muß im Leben nicht nur immer an sich denken, nicht wahr? Doch Frau DuPont mochte es nicht und widersprach! mir höflich:

Glauben Sie, Frstu Maudru, daß ich es so mir nichts dir nichts wagen würde, in Ihre Küche einzudringen?"

Und so war ich denn am Abend genötigt, sie holen zu gehen, damit sie so freundlich sei, ein ganz bescheidenes kleines Kotelett! auf meinem Gas zuzubereiten. Und ich mußte beinahe böse werden, damit sie mir wiederzukommen versprach.

Als wir nun ihr Wiederkommen vereinbart hatten, hörte sie nicht auf, mir dafür zu danken. Ihr Glück war so groß, daß sie gleich am andern Tage dem ganzen Hause die Neuigkeit ver­kündete. Und so hatte ich den ganzen Tag über Besuche von allen Nachbarn, die mir gratulieren kamen.

So ist es also wirklich wahr, Frau Maudru," sagten sie, daß Ihr Zähler zerbrochen ist? Das muß man sagen. Sie haben ein Glück, mir würde so etwas bestimmt nicht passieren," und so ging das bis zum Abend.

Ich trank alle diese Reden wie ein Labsal in mich ein. Denn wenn man auch an der Ursache derartiger Dinge unschuldig ist, so erfüllen sie einen doch mit gewissem Stolze. Und so wieder­holte ich das Anerbieten, das ich Frau DuPont gemacht, auch allen andern gegenüber.

Wenn Sie irgend eine Kleinigkeit zu kochen haben, so ge­nieren Sie sich gar nicht ..."

Ach, da habe ich etwas Schönes angerichtet, mein Herr.

Dennoch muß ich gestehen, daß sic mein Anerbieten nicht sofort ausgenutzt haben. Anscheinend wagten sie es nicht. Die Portiersfrau hat sich zuerst dazu entschlossen, was in Anbetracht! der kleinen Dienste, die sie mir zuweilen geleistet hat, ja auch ganz natürlich ist. So fiel cs dieser braven Frau nicht all­zuschwer. Am andern Tage, gegen elf Uhr, tritt sie also mit einer ganz kleinen Terrine bei mir ein.

Erlauben Sie, Frau Maudru," spricht sie z'u mir,daß ich dieses zwei Minuten bei Ihnen wärme. Es ist für meine« Mann, der sosort nach Hause kommen wird, und mein Ofen ist noch nicht angesteckt."

Dem Beispiele der Portiersfrau folgend, haben die anderen! Mut gefaßt und sind nacheinander zu mir gekbmmen.

Anfangs war ich recht froh darüber, sie kommen zu sehen. Denn sehen Sie, ich liebe die Geselligkeit; und außerdem waren sie sehr liebenswürdig und sehr höflich mit mir. Alle vertrugen! sich gut miteinander, man plauderte, und es ging in meiner Küche immer lustig zu. Unaufhörlich hörte man Suppen kochen und das Geräusch bratenden Fleisches, es war, als ob immer Feiertag Bei mir wäre.

Aber unglücklicherweise konnte das keinen Bestand haben. Frauen können nun einmal nicht lange vernünftig bleiben. Bald nahm die Sache überhand. Zuerst setzten es sich einige in den Kopf, überhaupt nichts mehr in ihrer eigenen Küche zu tun. Sobald sie nur ein Ei zu kochen ober einen Topf Wasser zu wärmen hatten, nahmen sie zu meinem Gasofen Zuflucht. Das verstimmte die andern. _

Ich sehe nicht ein, warum die Damen So Und So das Gas für sich ganz allein in Anspruch nehmen sollten," sagten sie sich.

Und aus reinem Widerspruchsgeist taten sie es dann den ersten gleich, so daß sich jetzt immer zwei bis drei Frauen in meiner Küche a'ufijielten, die darauf warteten, daß sie an die Reihe kämen. Während eine andere damit beschäftigt war, irgend­etwas zu kochen. Und so waren sie wohl oder übel genötigt, sich zu zanken, damit die Zeit schneller verginge.

Es war a|ud) ganz natürlich, daß sie es mit der Zeit ün- beguem fanden, ihre eigene Mcheneinrichtung bis z'u mir herüber­zuschleppen! Sie benutzten einfach die meine. Doch das war nicht das einzige, was sie bei mir in Anspruch nahmen. Den ganzen Tag über hörte ich jetzt: