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Eins Woche später lag Prinzeß Clarissa in dem kleinen Wintergarten, der zu den gemieteten Appartements gehörte, auf einer Rosenschaukel. Herr von Hammer chatte eigenhändig für seinen Liebling den amerikanischen Schaukelstuhl mit einer Rosengirlande umwunden. Die Prinzessin war ein kleines, fast überlebhaftes Persönchen. Sie konnte keine ruhige Bewegung machen, insbesondere hatte sie sich angewöhnt, aller Augenblicke mit beiden Händen an die Frisur zu greifen und ein paar widerspenstige Löckchen zu ordnen. Die Nase saß keck int Gesicht, und die dunklen Augen zeigten meist einen träumerischen Ausdruck, nur wenn sie schnell die Lider hochschlug, blitzte etwas wie Begehr und Herrschlust darin auf.
Neben der Prinzessin saß Kathinka auf einer geschnitzten Truhe. Sie hielt einen Orchideenstrauß itt der Hand und ordnete etliche Blüten.
„Also diesen Strauß schickt mir der Prinz mit?"
Kathinka nickte: „Und viele Grüße."
„Bloß viele —, nicht herzliche?" fragte die kleine Prinzessin lauernd.
„Verzeihen, Ew. Hoheit, — aber ich bedauere, nur von „vielen" Grüßen gehört zu habet:, — ich denke jedoch, — die herzlichen wird Se. Hoheit persönlich bringen wollen."
„Gut — sehr gut, — sehr diplomatisch."
Fräulein von Hämmerling stand beleidigt auf uud trat an eine Brvnzestatue, die sie angelegentlichst betrachtete. Aber wie eine Katze sprang Clarissa aus ihrer Rosenschaukel und umschlang Kathinka. „Ach, war das garstig von mir, ich wollte Ihnen nicht wehe tun, Käthi, bitte, machen Sie wieder ein gutes Gesicht, bitte — bitte." Uud wie ein Schmeichelkätzchen, schmiegte sich die Prinzessin an Kathinka und streichelte ihre Hände und Wangen.
„Ich bin Ihnen ja gar nicht bös, Ew. Hoheit, und wie dürfte ich das auch?"
„Mcht so, — Käthi — nicht in diesem devoten Ton.. Haben Sie schon vergessen, daß Sie mir gestern in: Gletschergartei: versprachen, mich Cläre zu nennen und daß Sie meine Freundin sein wollten?"
„Ich bin Ihnen nicht bös, Cläre, wirklich nicht."
„So erzählen Sie mir von meinem Hans Jochen, ja?" Sie drückte Kathinka in die Rosenschaukel und setzte sich selbst dicht daneben auf einen kleinen gepolsterten Hocker, — dann wiegte sie die Schaukel ganz sa::ft auf und nieder.
Sie schwiegen lange. Plötzlich sprang die Prinzessin aus, küßte Kathinka auf Stirn und Wangen und flüsterte: „Beim Himmel, sind Sie schön, Käthi. Wissen Sie, wie Sie jetzt gerade ausschauen, so mitten unter Rosen und Blüten? — Wie Dornröschen."
Kathinka zuckte zusammen. „Sagen Sie das nie wieder, Prinzessin, nie — ich bitte Sie."
„Aber warun: nicht, mein Kind? Ist das ein Verbrechen?" Und die Kleine lachte übermütig und rief: „Sie fürchten wohl, es käme kein Prinz, der Sie wach küßt? Keine Angst, — er wird kommen und Sie küssen, — bloß der meine nicht, gelt?"
Uud sie lachte und tanzte im Zimmer umher, und dann kniete sie vor Kathinka nieder und sagte: „Möchten Sie meinen Prinz haben? — Oh — wie Sie rot werden. Nur keine Angst, Käthe, ich nehme es Ihnen nicht übel. Ich glaub es gern: Haus Jochen möchten viele haben, — aber bloß ich kriege ihn, mein, mein alleii: ist er. Und wie ich ihn lieb habe, auffressen möchte ich ihn vor Liebe." Das exaltierte Dämchen rückte ganz dicht an Kathii:kas Ohr und flüsterte: „Ob er mich auch so lieb hat, Käthi, was denken Sie?"
Kathinka verging fast vor Quäl. Sie strich der erhitzten Prinzessin die Löckchen aus der Stirn und sagte gepreßt: '„Weiß ichs? Aber ich denke, denn wer sollte Sie nicht lieb haben?"
„Ich habe eine große, große Bitte au Sie, meine gute Käthe. Ich weiß, Hans Jochen und Sie sind wie Bruder und Schwester. Still — ich weiß es, die Fürstin hat es mir gesagt. Und Sie sollen ihn fragen, ob er mich so liebt, <— so über alles, wie ich ihn liebe. Ach versprechen Sie es mir, meine liebe, gute Käthi."
Kathinka war bleich geworden, ihre Augen hatten schwarze Ringe bekommen, — sie stammelte Ausflüchte und wand sich, um von Clarissa loszukömmen, aber das heißblütige Fürstenkind ließ nicht ab und drängte sie, bis sie es fest versprochen hatte. Prinzeß Clarissa machte eit:en Luftsprung, daun eilte sie aus den: Zimmer. Kathinka von
Hämmerling stand auf und preßte die Hände an die Stirn, Ihr war so weh ums Herz. Sie fühlte, wie heiße Eifersucht sich in ihr regte, sie fühlte aber auch die Größe ihres Unrechtes, und wie dies ivuchs und wuchs mit jeder Stunde, die sie noch den Prinzen liebe.
Clarissa schlüpfte zur Tür herein, in der Hand ein goldenes Kettchen mit einem kleinen Medaillon, auf welchem ein wundervoller Brillant funkelnd sprühte.
„Hier — Kindchen, das nimm zum Geschenk ui:d als Freundschastszeichen, — und nun wollen wir uns „Du" nennen, ja? Exzellenz Hammer hat nichts dagegen, er liebt dich sehr, wie alle, die dich kennen."
Kathinka war erschrocken einen Schritt zurückgewichen. Sie suchte nach Worten. Aber die Prinzessin band ihr schnell die Kette um, und küßte sie dann laut und herzhaft aus deu Mund.
„Brauchst nicht erst von hoher Ehre und Auszeichnung zu sprechen, Käthi, — wir sind jetzt nicht bei Hofe. Wenn du mich nur ein bissel lieb hast, ja, willst du?"
Die Kleine war jetzt von so natürlicher, mädchenhafter Anmut, daß Kathinka alle Bedenken fallen ließ. Sie fühlte sich int Innern beschämt von diesen: Mädchen.
„Ich will dir eine große Freundin fein, eine treue Freundin, Cläre, — ntag es werden, wie es will," sagte: sie ernst und reichte der Prinzessin die Hand.
„Hn. . . das klingt fürchterlich feierlich, Kleines, so schlimm tyird es uns wohl nicht ergehen auf dieser Welt. Und nun an bet: Kai. Hans Jochen hat telephoniert und erwartet uns dort."
Die Prinzessin ließ sich von ihrer Kammerzofe Hut und Schirm reichen, dann verließen die beiden Damen das Hotel und wandelten an: Kai vor bis zur Seebrücke. Dort begegnete ihnen der Prinz. Während er den beiden Damen die Hand reichte, warf er einen forschenden Blick in Kathinkas Antlitz, und ihm entging nicht der müde, schmerzliche Zug. Er fragte besorgt, ob die beiden Damen schot: lange in der Glut spazieren gegangen seien?
„Noch keine 10 Minuten, Prinz, — nicht wahr, Käthi — du sagtest auch noch, es ist gerade 11 Uhr."
„Was höre ich, meine Damen, — Sie nennen sich „du"? Und Sie, Fräulein, haben dazu nicht einmal die Genehmigung des Oberhosmarschalls eingeholt?" scherzte Hans Jochen gedrungen. Ihm war nun sofort klar, in welcher.Seelenverfassung sich Kathinka befinden mußte.
„Befremdet Sie unsere Freundschaft, Prinz?" fragte Prinzeß Clarissa.
„Nein, — sie beglückt mich, teuerste Cläre, — ich bin Ihnen dankbar, daß Sie so gütig sind zu Kathinka," sagte er mit Wärme.
Der Prinzessin Augen strahlten. „Siehst du, Käthe, hier hast du die brüderliche Liebe Hans Jochens, die du, vorhin in deiner Bescheidenheit nicht zugeben wolltest."
Fräulein von Hämmerling ward blaß und rot, das Gespräch wurde ihr immer peinlicher, und sie zupfte aus tödlicher Verlegenheit an dem Medaillon, dem Geschenk der Prinzessin uno sagte: „Cläre überschüttet mich mit ihrer Güte, sehen Sie, Prinz, sogar diesen Schmuck verehrte sie mir."
Des Prinzen Hand zitterte, als er das Medaillon in der Hand hielt und betrachtete.
„Wundervoll, Cläre, — und ich bitte Sie, auch meinen Dank entgegenzunehmen, meinen Dank in Eigenschaft des Beschützers von Fräulein von Hämmerling."
Am Schweizerhof verabschiedete sich Kathinka. Die gab vor, der Fürstin bei der Toilette helfen zu müssen, — in Wirklichkeit war sie am Ende ihrer Selbstbeherrschung angelangt. Prinz und Prinzessin trugen ihr Grüße auf für die alte Durchlaucht.
Sie selbst gingen dann nach der Stadt. Haus Jochen zeigte und erklärte der Prinzessin die Bilder an der alten Kapellbrücke, doch die junge, lebenslustige Dame zeigte nicht viel Interesse für diese Art der antiken Kunst. Die Bergfahrt mit oer Zahnradbahn auf den Gitsch war ihr viel mteressanter. Arm in Arm wanderten nun die beiden durch den prächtigen Wald des G'itschen. Es war das erste Mal, Paß Hans Jochen mit der Prinzessin allein war. Sie gingen ziemlich rasch, Cläre fang ein Liedchen vor sich hin, während Hans Jochen in Gedanken versunken neben ihr herschritt. Plötzlich blieb die Prinzessin stehen, — kein Mensch war in der Runde zu sehen.
„Hören Sie, Hans Jochen: Mögen Sie Feigheit leiden?"


