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ich ihn mir kommen lasse, tut er, als ob nichts geschehen wäre. Es seien ja so viele Jungen in Pension! Er empfindet das Trostlose der Situation gar nicht."
Wieder machte sie eine Pause; dann endete sie:
„Anfangs hab ich geglaubt, ich würde das nicht überstehen. Aber mit der Zeit gewöhnt man sich ja auch daran: ein Kind zu haben — und doch keines."
Wie trostlos klang ihm das furchtbare Wort aus rhrem Munde:
Müde sagte sie dann noch das letzte:
„Und nun ist es überwunden. Meine Mutterliebe ist erstorben. Ich tue an dem Kinde, was ich für meine Pflicht halte, aber ohne jedes wärmere Interesse. Es ist mir ganz gleichgültig geworden. Es ist, als ob es nicht mehr mein eigenes wäre."
Eva Söllnitz endete, und mit einem unbeschreiblich milden Ausdruck blickten ihre Augen vor sich Hin ins Weite.
Amthor war im Innersten ergriffen. Er konnte dieses noch junge Gesicht nicht sehen, aus dem so alle Lebensfreude geflohen war. Wo war all der frische Mut wieder hin, den er gestern an ihr angesacht? Ihm war, als müsse er ihre in Gram und Verzweiflung erstarrte Seele wachrütteln. Nein, nein! Es konnte ja nicht in ihr gestorben sein, das höchste, das weiblichste aller Gefühle — in todesähnlichem Schlummer nur lag es. Und so kam es denn beschwörend von seinen Lippen:
„Nicht doch! Nicht doch! — Nicht so sprechen, liebe, gute Freundin!" Er griff nach ihren kalten Händen. „Versündigen Sie sich nicht am Höchsten der Natur: die Mutterliebe stirbt nickt — sie kann nicht sterben!"
Er schüttelte und preßte ihre regungslosen Hände, als könne er so auch ihre starre Seele erwärmen; aber sie blickte ihn nur mit einem schmerzlichen, hoffnungslosen Lächeln an.
„Ich weih es besser." Langsam entzog sie ihm die Hände.
„Wer das wäre ja furchtbar!" Heimliche Angst stand in seinen Augen. „Dann würde Ihnen ja der Boden unter den Füßen fortgerissen!"
Sie sah ihn an mit einem Blick, den er nie vergessen würde.
„Ich habe ihn längst verloren." Mit einer ihn erschreckenden Ruhe sagte sie es. „Wurzellos bin ich, schwanke hin und her, und wer weih, wohin ich falle."
Er zuckte zusammen, sagte aber nichts. Nur seine Augen umfaßten ihre zarte, süße Frauenerscheinung, das feine Gesicht, trotz seiner Müdigkeit so unendlich sympathisch. War es denn denkbar? Diese von Haus aus so hochgesinnte Seele wirklich flügellahm — im Begriff, die Beute des Lebens zu werden, das sie todesmatt gehetzt hatte?
Eva Söllnitz aber fuhr fort, im gleichen, erschreckend ruhigen Tone:
„Ist es denn auch ein Wunder, daß dem so ist? Eine Stütze nach der anderen hat mir das Schicksal fortgerissen — nun auch noch den letzten Halt, an den ich mich geklammert hatte, an dem ich den armseligen Rest meines Lebens aufrichten wollte. Wozu bin ich überhaupt noch da? Für wen leb ich und halt ich mich noch aufrecht? — Wirklich, oft frag ich es mich: warum kämpf ich bloß immer noch gegen das Leben, das mich ganz niederreißen will? Ich bin ihn oft so müde diesen ewigen Kampf, den mir doch keiner lohnt. Ich könnte es ja doch so viel be- guemer haben, wenn ich wirklich die wäre, zu der mich die Welt mit Gewalt machen möchte."
„Frau Eva!" Die quälende Angst um sie trieb ihm den Namen auf die Zunge, den er vorhin von der Kleinen kennen gelernt hatte, und die vertraute Anrede, die Qual um sie, die aus seiner Stimme zitterte, sie erreichten, was seinen Worten bisher nicht gelungen war. Ihre Seele erwachte aus ihrer Starrheit. Ein leiser Hauch von Rot flog über ihre Wangen, und sie strich sich mit beiden Händen über die Schläfe. Erst jetzt kam ihr zur Besinnung, was sie da eben, von ihrer verzweiflungsvollen Stimmung fort- gerissen, geäußert: nachtdunkle Empfindungen, die sie sonst stets wt tiefsten Herzen verschlossen hatte, nun hatte sie sie mit lauten Worten preisgegeben — vor einem Manne preisgegeben.
Der leise Hauch auf ihren Wangen ward plötzlich zum brennenden Rot, und verwirrt wandte sie den Blick vor seinen klaren, sie tief durchdringenden Augen ab; Ihr war, als hätte sie sich vor ihm entblößt.
Er aber sprach auf sie ein, in einem ernsten, innig mahnenden Ton:
„Sie fragten eben, für wen Sie kämpfen sollten? Nun, ich sage Ihnen, wenn Sie sonst wirklich niemanden wüßten, an dessen verehrungsvoller Achtung Ihnen gelegen wäre: um Ihrer selbst willen! Er wäre ja der furchtbarste Irrtum, wenn Sie wähnten, Sie könnten leben wie jene anderen Frauen in ihrer Lage. Sie nicht! Nur allzubald würde für Sie ein Erwachen aus dem Rausch des Vergessens kommen und dann — ein Ende ohne Schrecken."
Ein leises Zittern erschütterte ihre, ihm halb abgewandte Gestalt. Ihr war, als sähe sie sich bereits in jener Stunde furchtbaren, zu späten Erwachens. Und plötzlich standen Tränen in ihren Augen. Sie kehrte sich ihm zu und streckte ihm beide Hände hin:
„Sie sind so gut zu mir. — Haben Sie Dank, tausend! innigen Dank für Ihre Worte! Und vergessen Sie das vyrhin gesagte. Ich war nicht bei Besinnung, als ich so sprach — mein besseres Ich hatte keinen Anteil daran. Bitte, bitte — glauben Sie es mir!"
Er sah sie an mit einem stillen, weichen Blick, voll tiefer Güte, wie ein Vater, der tröstend ein weinendes Kind in seine Arme nimmt.
„Es bedarf dieser Versicherung nicht," sagte er mild, während ihre Hände ihn einen Augenblick beschwörend preßten. „Ich wußte, daß es Ihnen nicht ernst mit solchem Wunsch sein konnte." Doch dann fuhr er mit festem Nachfdruck fort: „Aber sie sollen auch nicht erst spielen mit solchen Gedanken, Sie dürfen nicht mehr wanken — Sie müssen wieder fest Wurzeln schlagen."
Das alte bittere Lächeln flog da wieder um ihre
Mundwinkel. t
„Nein, nicht diese hoffnungslose Resignation!" drängte er, „Sie haben kein Recht, schon am Leben zu verzweifeln, noch so jung und —"
Er stockte; aber seine sie zärtlich anleuchtenden Blicke vollendeten den Satz.
(Fortsetzung folgt.)
Die Millionenbraut.
Humoristisches Dorfgeschichtchen von M. U.
„So e 'Glück! So e Glück!", das war seit zwei Tagen in dem kleinen Gebirgsdörflein Mückenbach der Refrain der lebhaften Redeergüsse bei der Familie des Bauern Becker und all ihren Gevattersleuten. Tas ganze Dorf war in Aufregung. Wie Lauffeuer gingen fast jede Stunde neue erstaunliche Nachrichten von dem Glücke der „Beckersch" von Munde zu Munde, und alle Mückenbacher stimmten allmählich ein in den Refrain: „So e Glück!" '<
Vor zwei Tagen war ein vornehm geneideter junger Mann auf das Gehöfte des Bauern Becker gekommen, hatte diesen gefragt, ob er der Bauer sei und ihm; als er bejahte, freudig die Hand geschüttelt. Dann hatte er viele herzliche Grüße von der Tochter Emma ausgerichtet, die in der Stadt diente. Und schließlich hatte er schlankweg erklärt, daß er sich mit der Tochter zu verloben gedenke.
Als dann die Familie mit dem Fremden in der Stube zust sammcnsaß, da erzählt« der gesprächig, er sei der Sohn eines Millionärs, habe Chemie! studiert und suche nun nach einer passenden Gelegenheit, um seine Kenntnisse in einer Unternehmung größten Stiles praktisch zu verwerten. Er wolle, wie schon an manchem Orte, so auch hier den Boden darauf untersuchen, oh er für eine Bergwerksanlage günstig sei.
Tann erzählte er der immer mehr staunenden Familie, wie er Emma kennen gelernt und liebgewonnen habe. Sie hätten sich beide das Heiratsversprechen gegeben, und wenn alles nach Wunsch ginge, sollte die Verlobung in ein paar Wochen veröffentlicht! werden. ,
Tie ganze Familie war durch die Erzählungen allmählich vor Glückseligkeit kopflos geworden. Tas war ja fast ein Wunder! All die große Verwandtschaft ward für den Abend zusammens- getrommelt; sie sollte an dem Glücke teilnehmen. Ja die Emma, so erzählte der Bauer in seinem Freudentaumel, die Emma sei schon immer ein Deufelsaas gewesen, oder, wie der feine Herr Bräutigam gesagt habe, ein goldiges Kind.
Als am Abend die ganze Verwandtschast um den Herrn Millionär, den zukünftigen Verwandten, herumsaß, da erzählte der wieder in seiner „echten, treuen Manier".
Er sei nach Mückenbach gekommen, um mit den Angehörigen und Verwandten seiner lieben Emma bekannt zu werden. Mil allen wolle er recht vertraut und befreundet werden, und aller Einwilligung zur Verlobung wolle er sich einholen. Er hoffe aber schon, sich mit allen recht gut zu vertragen.


