795
Ter erste Anblick, der mir wurde, als ich! mit' erheucheltem Gleichmut die Halle betrat, war Bouvets Leichnam. Es mußte einen heißen Kampf gesetzt haben, denn seine Hand hielt noch den Säbel umklammert, und sein Haupt lag in einer tiefen Blnt- lache. Ich hätte dem wackeren Manne gerne salutiert, als ich an ihm vorüberging, aber ich fürchtete, gesehen zu werden, und schritt weiter.
Im vorderen Teil der Halle standen eine Menge Soldaten: und schlugen Schießscharten in die Mauer, um' für einen erneuten Ueberfall vorbereitet zu sein, während ihr Offizier, ein kleiner Mann, eifrig hin- und herlief und Anweisungen erteilte. Tie Leute waren alle zu sehr in ihre Beschäftigung vertieft, um auf mich zu achten, aber ein zweiter .Offizier, der mit einer riengen Pfeife an einer Türe lehnte, gewahrte mich und kam auf mich zu. Er klopfte mir auf die Schulter, deutete auf die Körper unserer gefallenen Husaren und sagte dazu etwas, was Wohl ein Scherz sein sollte, denn sein langer Bart teilte sich so weit auseinander, daß alle seine weißen Zähne sichtbar ^wurden. Ich lachte herzlich mit und sagte.dabei die einzigen russischen Worte, die ich kannte. Tie kleine Sophie hatte sie mich gelehrt, als ich damals in Wilna lag, und sie lauteten: „Wenns heute abend schön ist, finden Sie mich an der alten Eiche; wenn es aber regnet, treffen wir uns unter deniiTorweg." Tas störte aber unseren Deutschen durchaus nicht, denn er pochte mir wieder auf die Schulter, als ob ich einen ganz vorzüglichen Witz gemacht hätte, und brach von neuem in ein schallendes Gelächter aus. Ich nickte ihm zu und stieg mit einer Kaltblütigkeit zur Halle hinaus, als ob ick) mindestens Kommandant einer Festung wäre.
Traußen standen gegen hundert Pferde, die zum größten Teil den Polen und den preußischen Husaren gehörten. Auch Violetta stand unter ihnen und wieherte, ati: fie mich kommen sah. Aber die durste es heute nicht sein, nein, dazu war ich zu pfiffig. Ich suchte mir im Gegenteil das zottigste, kleinste Kosakenpferd aus, das ich finden konnte und schwang mich mit einer Sicherheit darauf, als ob es schon meinem Vater vor mir gehört hätte. Darauf ergriff ich den Sack mit Lebensmitteln, welcher ihm um den Hals geschlungen war, legte ihn auf Violettas Rucken und ließ dieselbe neben mir hertraben. Was für ein treffliches Bild von einem Kosaken, der eben vom Fouragieren zurückkehrt, muß ich doch damals abgegeben haben!
Jetzt wimmelte das Städtchen bereits von Preußen; sie standen in den Seitenstraßen beisammen, und als ich vorbeiritt, wiesen sie mit Fingern auf mich und sprachen zueinander: „Da ist schon wieder so ein verdammter Kosak, der "’S Mausen nicht lassen kann!" — wenigstens deutete ich mir ihre Mienen so.
Zweimal wurde ich sogar von Offizieren mit sehr wichtigen Gesichtern angeredet; aber ich schüttelte nur lächelnd den Kopf und plapperte meinen russischen Satz her, woraus sie die Schultern zuckten unb die Sache aufgaben.
Auf diese Weise arbeitete ich mich glücklich bis vor die Stadt hinaus und bemerkte schon von ferne auf der Landstraße die zwei Ulanenvorpvsten mit ihren schwarzweißen Fähnchen. Jetzt nur noch dort vorüber und jenseits winkte mir die goldene Freiheit. Ich ließ daher mein kleines Kosakenpferdchen einen munteren Trab anschlagen, während Violetta fortwährend ihre Nase an meinem Knie rieb und zu mir aufschaute, als wenn sie sich Auskunft darüber erbitten wollte, womit sie es beim verbient habe, baß dieses zottige, kleine Geschöpf sie heute verdrängte. Schon war Ich ben Ulanen bis auf höchstens zweihundert Schritte nahe gekommen, da sah ich — oh, denken Sie sich, meinen Schrecken — einen wirklichen Kosaken auf mich zukommen!
Ah, mes chers amis, wer ein fühlend Herz sein eigen nennt, der kann sich jetzt gewiß recht lebhaft in meine Lage versetzen. Wie viele Gefahren und Bedrängnisse lagen nun glücklich hinter mir, und nun sollte ich, so nahe am Hafen, noch Schiffbruch leiden? Warum soll ich es verschweigen, daß mir einen Moment lang der Mut sank, ja, daß ich in Versuchung geriet, alles über mich ergehen zu lassen? Aber nein, nein, das durfte nicht sein! Schnell zwei Knöpfe meines Rockes anfgerissen, damit ich leicht zu dem Brief gelangen konnte — denn ich war fest entschlossen, wenn es zum Schlimmsten kam, den Brief zu verschlucken und mit dem Säbel in der Hand zu sterben. Nachdem ich mich endlich noch versichert, daß mein kleiner, krummer Säbel lose in der Scheide steckte, trabte ich auf die Posten zu. Sie schienen mich anhalten zn wollen, da aber deutete ich auf jenen Kosaken, der immer noch ziemlich weit entfernt war, als ob ich beabsichtigte, ihm entgegenzureiten, und nun ließen sie mich unbehelligt vorbei.
Nun gab ich meinem Pferde die Sporen, denn es lag mir daran, so weit wie möglich aus dem Bereiche dieser Soldaten zu kommen, und ben Kosaken für mich ganz allein zu haben.
Es war ein Offizier, ein großer, bärtiger Mann, mit derselben Mütze wie ich selbst. Als er mich kommen sah, machte er Halt unb unterstützte mich unwillkürlich in meinen Bemühungen, so baß ich einen schönen Vorsprung vor jenen Posten gewann. Ich aber ritt stracks auf ihn zu unb konnte recht gut bemerken, wie sich der Ausdruck der Verwunderung in;(feinen braunen Augen bei dem Anblick meiner Person, des Ponys, sowie der ganzen Ansrüsfimg in Argwohn verwandelte. Jetzt rief er mir eine Frage entgegen, unb, als keine Antwort erfolgte, zog er blank. Tas aber erfüllte Mich mit großer Befriedigung; denn ich habe immer lieber gekämpft, als einen Feind hinterlistig'medergehanen.
Ich parierte seinen Hieb, stieß zu und bohrte ihm' gerade unter dem vierten Knopfe seines' Rockes die Säbelspitze in die Brust. Er sank vom Pferde, und sein Gewicht würde mich ebenfalls mit niedergerissen haben, wenn ich mich nicht schnell freigemacht hätte. Ob ich ihn getötet ober nur verwundet habe, weiß ich nicht, beim, ich sprang in größter "Eile von meinem) Pony und bestieg Violetta, konnte mir jedoch nicht bas Vergnügen versagen, den beiden Ulanen hinter mir zuzuwinken und Kußhändchen zuzuwersen. Tie hatten natürlich nicht Eiligeres zu tun, als mir nachzusprengen; aber Violetta hatte frische Kräfte gesammelt unb jagte wie toll dahin, so daß mich jeder ihrer Sätze weiter von meinen Feinden entfernte. An der Biegung der langen Landstraße schaute ich mich um, aber da war von meinen Verfolgern nicht das geringste mehr zu sehen, und ich wußte, daß ich gerettet war.
Ein unbeschreibliches Wonnegefühl durchströmte mich bei dem Gedanken, daß ich des Kaisers Befehl bis auf den letzten Buchstaben nachgekommen war. Was der wohl sagen würde, wenn ich vor ihn trat! Ja, was konnte er eigentlich sagen, um mir Gerechtigkeit widerfahren zu lassen? Er hatte mich durch Sermoise, Soissons und Senlis reiten heißen, ohne die geringste Ahnung zu haben, daß jeder dieser drei Orte vorn' Feinde besetzt War. Ich aber hatte es getan; ich hatte seinen Brief unverletzt hindurch^ befördert. Husaren, Dragoner, Ulanen, Kosaken, Infanteristen — sie alle hatten mir nachgestellt, und ich war heil davon- gekornMen.
In TamMartin angelangt, erblickte ich auf freiem Felde die ersten unserer eigenen Vorposten und galoppierte auf sie zu, um! mich zu vergewissern, daß zwischen hier und Paris alles, in Ordnung war. Tab ei konnte ich mich vor Stolz über meinen! Erfolg nicht lassen, ich jubelte laut auf und schwang den Säbel hoch in die Luft.
Ta sprengte, seinen Säbel ebenfalls hoch schwingend, ein Offizier aus jener Gruppe auf mich zu, und es tat meinem Herzen wohl, zu sehen, daß ich mit so viel Eifer und Begeisterung begrüßt wurde. Aber wer beschreibt mein Entsetzen, als er, knapp vor mir angelangt, plötzlich einen Hieb nach; mir führte, der mit sicher das Haupt vom Runipfe getrennt haben würde, hätte ich nicht schnell meine Nase in Violettas Mähne geborgen. Ich meiner Treu, wie ’n Ostwind Pfiffs damals über meine Mütze hinweg! Natürlich war nur diese verwünschte Kosakenunifornt daran schuld, die ich in meinem Eifer ganz vergessen Hütte, und der junge Dragoner hatte gemeint, ich fei irgend ein Russe, der die französische Kavallerie zum Zweikampf herausfordern wolle. Ah, aber sein Schrecken, als er gewahr wurde, daß er.beinahe den berühmten Brigadier Gerard getötet hätte!
Nun stand mir weiter nichts mehr im Wege, und gegen drei Uhr nachmittags war ich in Saint Denis; aber von dort bis nach Paris hatte ich immer noch zwei gute Stunden, denn der Weg war von Foiiragewagen und Kanonen, die für Marmont und Mortier im Norden bestimmt waren, ganz und gar verstopft. Sie können sich schwerlich einen Begriff von der Aufregung machen, welche meine Erscheinung in Paris hervorrief. Ja, als ich auf der Rue de Rivoli aulangte, ritten und liefen mir wohl eine Viertelmeile Leute nach. Zwei jener Dragoner hatten sich mir an* geschlossen und hatten die Kunde von meinen Taten schon in der Stadt verbreitet, so daß ich nun wie im Triumph einzog. Die Männer schrien mir ihre Glückwünsche zu, während die Frauen mit Tüchern winkten und mir Kußhändchen zuwarfen.
Obgleich ich nun eigentlich ein Mann bin, dem nichts ferner liegt als Stolz, so konnte ich doch bei dieser Gelegenheit nicht umhin, meiner Befriedigung über einen solchen Empfang Ausdruck zu geben, unb während die russische Uniform mir bisher ganz lose gesessen hatte, warf ich mich nunmehr in die Brust, so daß sie sich prall anlegte.
Und Violetta, mein kleiner Liebling, scharrte mit den Vorderhufen und warf den Kopf in die Höhe, als wolle sie sagen: „Ja/ ja, schaut nur her auf uns beide; unfereinem kann man schon Aufträge anvertrauen!" Und als ich ihr nun gar einen Kuß zwischen die Nüstern drückte, als ich vor beit Tnilerien abgestiegen war, da entstand ein Aufruhr, als ob ein Bulletin von der granbe armee
verlesen worden wäre.
Allerdings war ich tzn einem Besuch bei einem König durchaus nicht angetan; wenn man aber eine gute, stramme Figur hat, so braucht man sich daran nicht sonderlich zu stoßen, und ich erhielt sogleich bei Joseph, dem König von Spanien, Zutritt. Ich kannte ihn schon von Spanien her und sand ihn ganz unverändert — behäbig, ruhig und freundlich wie immer. Talley- raitb war bei ihm — eigentlich sollte ich; ihn wohl Herzog von Benevento nennen, aber ich halte mich immer gern an die alten Namen. Er las den Brief, ben Joseph Bonaparte ihw reichte und schaute mich dann sehr eigentümlich mit feinen Heinen, blinzelnden
Augen an. m ,
„Waren Sie der einztge Bote?" fragte er.
„Ter Major Charpentier von den Grenadteren war der ctTtbcic."
„Der ist noch nicht angekommen," bemerkte der König von Spanien. . . ,
„Wer die Beine feines Pferdes gesehen hat, ©tre, werd sich darüber nicht wundern." ., '
„Kann auch andere Gründe haben, warf Talleyrand mit seinem komischen Lächeln ein.


