Ausgabe 
19.12.1912
 
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Das wäre auch nicht mein Falt," schaltete Herr Ferdi­nand Caroc ein; doch der alte Herr ließ sich in seinem Aedankengange nicht stören.

De gustibus non est disputandum, meinte er.Also eine Witwe fürs neue Jahr!"

Damit schüttelte er lachend dem jungen Manne die Hand, wünschte den alten Herrschaften glückliche Reise, toöhliche Festtage und gesundes Wiedersehen und eilte zur Tür hinaus.

Einige Tage später, es war der zwanzigste Dezember, fuhr mittags eine mit vielem Gepäck beladene Droschke Vor das Bahnhofsgebäude des Städtchens vor und zwei Herren und eine Dame ientstiegen ihr.

Zwei große Stück Gepäck und fünf Stück Handgepäck, Vergiß nur keines, Ferdinand! 1 Das /heißt, nein; es bleiben nur vier Stück, denn diesen kleinen, grauen Koffer nehme ich selber!"

So laß ihr: mich doch tragen, liebe Mütter!"

Nein, nein, den gebe ich nicht aus der Hand, darin hübe ich alles Nötige für Papa, im Fall er krank wird, Verpackt; er ist ganz leicht, hebe ihn nur einmal auf, den darfst du mir nicht nehmen, das würde mich unruhig machen!"

Bald saßen alle in einem gut durchwärmten Coups zweiter Klasse.

Ob wir eine Zigarre rauchen, Ferdinand? Zwar sind wir im Nichtraucher-Coups, aber unsere einzige Dame wird's uns wohl erlauben, sie ist ja daran gewöhnt!"

Ja, aber sie wird zählen, wie viele es bis Dresden geworden sind,"' erklärte die alte Dame.Unb das sage ich dir gleich, Alterchen, mehr als zehn Stück Zigarren täglich erlaube ich dir nicht in Dresden zu rauchen. Wenn du nichts zu tun hast, bist du hanz unmäßig im Rauchen, und das ist dir entschieden schädlich!"

Zehn Stück?" protestierte der alte Herr,ich rauche nie mehr als sechs!"

Höre, Ferdinand," begann nach einiger Zeit die Mut­ter,laß auch nicht den Schlüsselkorb stehen, wenn du nach den Festtagen ohne uns nach Hause zurückkehrst; idj traue der Minna nicht. Gib ihr des Morgens Geld und lasse sie einholen, was sie gebraucht. Kaffee und Zucker mußt du selber herausgeben. Es läßt sich wirklich nicht anders einrichten und deine Wäsche mußt du allein herausneh- men. Die Hemden immer hübsch von oben herunter, ziehe mir nicht eines aus der Mitte heraus und drücke es dann Ivie einen Ball zusammen, wenn dir etwas daran nicht paßt! Knöpfe haben alle; ich habe sie gestern nochmals nachgc- ehen! Und dann, Ferdinand, dafür mache ich dich verant- vortlich: der Kontorbote kommt mir nicht ins Haus, solange ch fort bin. Du verstehst mich, ich will keine Liebschaft mit der Minna angebändelt haben!"

Sei ohne Sorgen, liebe Mutter, ich werde alles, was Und wie du es wünschest, besorgen. Du kannst mir ja während der beiden Festtage Bescheid sagen und mich mit allem beauftragen, was du etwa noch vergessen haben solltest."

Seht einmal, es schneit!" sagte der alte Herr, nach- dem man einige Stunden gefahren sein mochte.Weiße Weihnachten, da werden sich die Kinder freuen!"

Auch die Gedanken der Großmutter flatterten nun nach Dresden zu den Enkelkindern und malten ihr die Freude des Ankommens und den Jubel des Weihnachtsabend aus.

Ob wohl das Hänschen zn unserem Empfang heute abend aufbleiben wird?! Elsbeth, das gute Kind, wird jetzt Trepp auf und Trepp ab laufen, um unsere Zimmer vorzurichten! Wenn sie sich nur nicht am Herde erhitzt und dann in die kalte Speisekammer geht!"

Inzwischen fielen draußen immer dichter die weißen Flocken, bedeckten das Land und hüllten die Gegend in immer uu-durchdringlichere Schleier, je mehr man sich Berlin näherte, und als der Schaffner, dort angekommen, die Tür aufriß, trieb ein heftiger Windstoß den Schnee bis weit in das Coups hinein.

Ist das ein Wetter geworden," meinte der Sohn,wer hätte das geglaubt, als wir fortfuhren!"

Hast du kalte Füße bekommen, Alterchen?" fragte be­sorgt die Mutter, als sie mitsammen in der Droschke saßen, Und das erleuchtete Berlin durch die verschneiten Wagen­fenster schattenhaft an ihnen vorüberflog.

Das wäre," rief der alte Herr,du hast mich ja gleich

wieder in den Pelz gepackt, wie ein Wickelkind ; ich sitze wie im Backofen!"

Der Aufenthalt am Anhalter Bahnhof war nur kurz, und als die Reisenden sich dann wieder in einem warmen, hell erleuchteten Coups'befanden, und Frau Caroe sich von ihrem sämtlichen Handgepäck, einschließlich des grauen Köfferchens, das sie ivirklich nicht von der Hand gelassen hatte, umgeben sah, da meinte sie mit einem Erleichierungs- seufzer und einem zärtlichen Blick auf ihren Sohn:

Das hast dn gut gemacht, lieber Ferdinand, so leicht und bequem ist uns noch niemals eine Reise geworden/'

Die Karten nach Dresden-Neustadt werde ich gleich behalten," sagte der Schaffner, die Abteiltür schließend.

Damencoups!" rief's in demselben Augenblick.

Ist besetzt," lautete die Antwort,aber hier im Nicht­raucher ist noch Platz."

Zu gleicher Zeit wurde die Tür wieder geöffnet, um eine Dame mit einem etwa zehnjährigen Knaben einzu­lassen. Die Billets wurden eilig kupiert, dann brauste der Zug davon.

Die soeben Gekommene wickelte sich in ihren Pelz, schob das runde Barett etwas tiefer in die Stirn und suchte mit dem Köpfchen den bequemsten Platz in der Ecke.

Ich bin müde, Fritzchen, und werde schlafen, versuche es auch, dann vergeht ° die kurze Zeit der Fahrt am schnellsten."

Und als wäre es ein Losungswort gewesen, legten auch die andern Reisenden sich in ihre Ecken und gaben ihren Gedanken Audienz. Einmal hielt der Zug, um aber gleich weiter zu dampfen.

Findest du nicht auch, daß wir recht langsam von der Stelle kommen, Ferdinand," fragte nach längerer Zeit Herr Caroe, indem er zugleich seine Uhr hervorzog.Wahrhaftig, schon halb acht Uhr, da müßten wir ja bereits in Röderau sein!" Gerade in diesem Augenblick hielt der Zug. Herr Caroe junior versuchte das Fenster herunterzulassen, was erst nach einigen Schwierigkeiten gelang und ihm die Reise­mütze kostete. Der Sturm, der den Schnee in das Coupö und ihm ins Gesicht peitschte, hatte sie ihm entführt.

He, Sie da, Schaffner!"

Mache das Fenster zu, Papa wird sich sonst erkälten/' rief die Mutter.

Doch der Sohn folgte nur halb dem zürnenden Befehl und fragte den herbeigeeilten Schaffner, der jedoch den Flüchtling nicht mehr ergreifen konnte:Wo sind wir denn eigentlich?"

In Falkenberg, Herr!"

Aber wir müßten doch schon in Röderau sein?"

Dahin kommen wir vielleicht heute auch noch, aber 's Wetter muß erst anders werden," lautete die gemütliche Antwort.

(Fortsetzung folgt.)

MenLeuer Les Brigadier Serard.

Von C. Doyle.

Wie sich der Brigadier seine Medaille holle.

(Fortsetzung.)

Dagegen machte er jedoch allerhand Einwendungen; aber ich hatte in meinem Leben gelernt, niemals eine Chance zur Be­förderung vorübergehen zu lassen, und roer stand mir dafür, daß der Bursche da, wenn ich den Rücken gewendet, nicht doch noch Einsicht in die wirkliche Sachlage erhielt und meinen Plänen entgegenarbeitete? Ter Mann lehnte eben an einem Fasse, ich ergriff also einen Strick, lief damit sechsmal um ihn herum und band schließlich hinten einen festen Knoten. Wenn er nun doch die Absicht hatte, heraufznkommen, so mußte er sich wenigstens be­quemen, zirka tausend Liter guten französischen Wein mit nach oben zu schleppen. Nun schnell die Türe des Kellers hinter mir verschlossen, damit er nicht hören konnte, was o6en vor sich ging, das Licht weggeschleudert und die Küchentreppe hinan!

Nur zwanzig Stufen aufwärts, und doch, wie lang schien mir der Weg! Alles, was ich nur je gewünscht und erhofft, trat in dieser kurzen Spanne Zeit wieder vor mein Auge. Es war genau, wie damals bei Eylau, wo ich mit gebrochenem Bein auf dem Schlachtfeld lag und die Artillerie aus mich losstürmen sah. Tenn ich wußte ganz gewiß, was mir bevorstand: wurde ich in meiner falschen Uniform erkannt, so erschoß man mich auf der Stelle als Spion. Und dennoch! Welch ruhmvoller Tod, ein Tod direkt tot Dienste meines Kaisers! Tas warf sicherlich fünf Zeilen imMoniteur" für mich ab, wenn nicht gar sieben! Hatte Palarat doch acht bekommen, und seine Karriere war jtidj4 so glänzend wie die meinige.