Donn rstag, dm (9. Dezember
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Eine Weihnachtsreise.
Von Marie Silling.
(Nachdruck verboten.)
Sie fänden es also wirklich nicht leichtsinnig oder unvernünftig, lieber Herr Geheimrat, toenn wir der Kinder Wunsch erfüllten und Weihnachten zu ihnen reisten?"
„Im Gegenteil, recht und klug würde ich es finden, wenn Sie es täten, beste 'Frau! — Nach Ihres Mannes langer Krankheit halte ich für Sie beide eine kleine geistige Erfrischung durchaus geboten, und wo könnten Sie dieselbe in jetziger Jahreszeit besser suchen und finden, als im Kreise Ihrer Kinder und Enkel?"
„Sie haben wohl recht, Herr Geheimrat, und ich habe mir selber schon ähnliches gesagt, aber es ist doch schwer, daß wir solcher Erholung und Freude halber im Winter eine Reise machen sollen in unserm Alter! — Hätte unser Ferdinand geheiratet, wie wir so lange und oft gewünscht haben, dann könnten wir auch hier längst eine fröhliche Enkelschar haben. Aber er hat doch nun einmal nicht geheiratet, und die Enkel sind ausgeblieben."
„Dafür haben sie in Dresden sechs solcher lustigen Trabanten, die sich auf das Kommen der Großeltern freuen. Unb Ihr Großmutterherz- sollte die Unbequemlichkeiten der Reise nicht überwinden können? Ich kenne Sie gar nicht wieder, liebe Fran Caroc." <
„Ach, wer spricht denn von mir und meinem Herzen, lieber Freund! Meine Sorge ist allein, daß mein Mann sich auf der Reise erkälten und krank werden könnte, wir den Kindern in Dresden dann eine Last statt eine Freude wären und außerdem Ihre bewährte Hilfe entbehren müßten."
„Das sollten meine Kollegen in Dresden hören, werte Frau! — Und warum muß sich denn Ihr Mann durchaus erkälten, und krank werden? Ich sehe die Notwendig« keit dazu nicht ein. Wozu gibt es denn Pelze und -ge? heizte Coupes? Ja, wenn es noch so wäre, wie vor fünfzig Jahren, wo Ihr Herr Vater zur Winterzeit einmal drei Tage mit der Eilpost unterwegs war, um nach Dresden zu kommen, dann wollte ich Ihre Sorge gelten lassen, aber heutzutage! — Schlagen Sie ein, liebe Frau Caroc, und versprechen Sie dem alten Hausfreund, daß Sie die Koffer packen und reisen wollen." . . .. . ,
Noch ehe die kleine, für rhre sechzig Jahre äußerst bewegliche Dame eine Antwort zu geben vermochte, öffnete sich die Tür, und zwei Herren traten herein, die man sogleich als Vater und Sohn erkannte. .
Sieh da, lieber Geheimrat, sind Sw für oder gegen die Reise? Erst antworten Sie, Mann, ehe rch Sre als Freund begrüße; denn ich kann mir ja denken, daß meine liebe Frau Sie als Rettungsengel für ihre Retsenote her-» zitiert hat!"
„Ich habe soeben das Rezept verschrieben, alter Freund, und hoffe. Sie reisen sobald als möglich! Es ist übrigens erstaunlich, wie gut Sie wieder aussehen, und die letzte Attacke war doch ernstlich genug. Wer Sie sieht, wird nicht glauben, daß Sie schort vierundsiebzig Jahr alt werden! 'Verraten Sie mir nur das Mittel, wodurch Sie Ihr Haar schwarz erhalten! Wahrhaftig, Sie haben stoch kein einzig weißes Haar."
„Aber der Kopf ist mir durch die Haare gewachsen, ivie mein kleiner Enkel einst sagte, und mit deut Beißwerk will's nicht mehr recht gehen; auch die Beine wollen nicht mehr so, wie ich wohl möchte. Im übrigen freilich fühle ich mich so wohl wie ein Fisch int Wasser. Nur meine gute Alte will's mir nicht glauben, die möchte gern einen alten, gebrechlichen Greis aus mir machen. Natürlich, um mich noch sorgfältiger hegen und pflegen zu können, das ist ja nun einmal ihr Steckenpferd."
„Ja leider, denn sie vergißt sich selbst ganz dabei," stimmte auch der Sohn bei, der bisher lächelnd am Flügel lehnend der Unterhaltung beigewohnt hatte.
„Für Sie habe ich übrigens aucfy noch ein Rezept in petto, junger Mann", wendete sich nun der Arzt an diesen. „Sie müssen heiraten, und zwar schnell, damit die Mama zum nächsten Weihnachtsfest hier ein Eitkelcheti hat."
„Sie haben wohl vergessen, Herr Geheimrat, daß ich noch vor diesem Weihnachtsfest in das Schwabenalter ein« trete; zum Heiraten ists da zu spät," erwiderte der junge Manu lachend.
„Vierzig Jahre sollten's schon her sein, daß ich Ihrem Vater das erste Kind auf den Arm gelegt habe?! — Wahrhaftig! — Run, dann ist es doppelt Sünde und Schande, daß Sie nicht längst geheiratet haben. Es gibt so viel nette Mädchen hier in der Stadt, und so viele sind, zu meinem Kummer, alte Jungfern geworden, und da läuft in meiner Praxis ein Mensch herum, jung, gesund, imstande eine Frau zu ernähren, und ist unbeweibt! Unbegreiflich, daß ich das bisher übersehen konnte! Warum haben Sie nicht geheiratet, Mann, gleich beichten Sie einmal?!"
„Je nun," meinte Herr Caroc junior zögernd, „die Rechte ist mir wvhl eben, Nicht begegnet; dann lebten wir auch so behaglich miteinander, und," mit einem Blick auf seine Mutter.hinüber, „ich fürchtete, der Hausfriede könnte darunter leiden. Außerdem sind mir die Mädchen heutzutage entweder zu gelehrt oder zu oberflächlich. Die verheirateten Frauen gefallen mir stets bei weitern besser!"
„Erfahrungsreicher Jüngling," sagte der alte Arzt. „Sie haben so unrecht nicht, erst Wenn das weibliche Geschlecht das einzig große Examen bestanden hat, für das es bestimmt ist, ich meine, wenn die. Frauen Mütter geworden sind, fangen sie an vernünftig zu denken; man kann mit ihnen reden und mit ihnen leben. Darauf aber wollten Sie's nicht an Kommen, lassen; der Versuch hätte ja mißglücken können! Verstehe, verstehe! Bleibt also nrkr eine Witwe!"


