Ausgabe 
19.10.1912
 
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Mr bald auf die Spur zu kommen. Trotzdem »lachte ihm ihre Ergreifung viel zu schaffen.

Wie Sie selbst wissen, hatte sie einen guten Vorchrung und hatte ihren Weg nach der Brücke zu genommen; dann hatte sie sich umgedreht, war bis Star and Garter die Hohe hinausgegangen und über Black Horse Lane und Standy Combe Road nach Kew gelangt, ohne eine der Hauptstraßen benutzt zu haben. , t . r ,,

Er folgte ihren Spuren jedoch mit der ihm in solchen Fällen eigenen Energie und Sicherheit überall hin, ms er sie in einer Hütte in der Nähe von der Kew Bridge stellte. Noch ehe sie Zeit hatte, wieder in ihre Frauenkleider zu schlüpfen, verhaftete er sie wegen, des Diebstahls Ihrer Kleider und transportierte sie nach Richmond zurück.

Heute morgen, als Sie bereits weg waren, har ^hre Schwester auf dem Polizeiamt Kleider uiid Mädchen identi­fiziert. Zwecks weiterer Vernehmung ist sie vorläufig tn Arrest behälten worden. Mein Manii war eoen hier uuh hat mir die ganze Sache berichtet, und ich kann Ihnen versichern, er war nicht wenig stolz auf seine Leistung, ^ch beabsichtige nun, morgen nach Richmond zu fahremund die biedere Person gehörig ins Gebet zu nehmen, denn ich glaube bestimmt, daß sie mir über den Aufenthalt Ber- tholdis Aufschluß zu geben vermag, damit ich diesen Bur­schen, dessen Gesicht Sie am Fenster gesehen haben, auch festnehmen lassen tarnt.

Ich hatte diese Erzählung mit größtem Intereste und lebhafter Befriedigung angehört, ohne ihn zu unterbrechen. Als ich jetzt nach der Uhr sah, gewahrte ich, daß es die höchste Zeit fei, der Vorladung unseres Anwalts zu folgen.

Das war die erste erfreuliche ^Nachricht, Herr Inspektor, sagte ich zu Herrn Beate, und ich will hoffen, daß wir Ihnen bald neue zu berichten haben. Mein Freund und ich haben um drei Uhr eine wichtige Besprechung bei unserm Notar wegen der Geldangelegenheit, von deren Verlauf wir Sie, wenn es nötig ist, sofort in Kenntnis setzen werden. Damit verabschiedeten wir uns und fuhren in schnellstem Tempo in einer Droschke nach Lineolns Inn.

Ans den Chef unserer Anwaltsfirma hatten der Baron und die Baronin von Gißen offenbar einen sehr günstigen Eindruck gemacht. Seiner Ansicht nach touren ihre An­sprüche auf das deponierte Kapital kaum zweifelhaft. Mor­timer dagegen hob mit großem Scharfsinn die Widersprüche in ihren Erklärungen hervor und wies darauf hin, daß bei der Aushändigung einer so bedeutenden Summe an voll­kommen unbekannte Personen die größte Vorsicht geboten sei. Auf alle Fälle, fügte er hinzu, werde sich ja bei itnserer Konfrontierung Herausstellen, ob seine Vermutun­gen und Einwände begründet seien. Wir kennteil die Dame sehr genau und würden, wenn sie tatsächlich mit der Ba- ronin von Eißen identisch sei, selbstverständlich der Heraus­gabe des Geldes keinen Augenblick im Wege stehen.

Diese Ausführungen meines Freundes leuchteten dem Notar ein. Die Verhandlung, sagte er, sei auf drei Uhr tm Hotel Cecil festgesetzt, und er halte es in Erwägung aller Bedenken für das beste, wenn wir vorläufig alte tu dort vorsprächen und ihn das Resultat unserer Ermittelungen noch im Lause des Nachmittags wissen ließen. Hterztt er­klärten wir uns sofort bereit und begaben uns auf dem schnellsten Wege ins Hotel, wo chir aber doch mit einer Verspätung eintrafen.

Wir gaben unsere Karten ab und wurden nach kurzem Warten in Nummer soundsoviel auf den zweiten Flur geführt.

Der Baron selbst öffnete uns die Ture, machte eine steife Verbeugung und bat uns, einzutreten.

Jin selben Moment erhob sich eine mir wohlbekannte Gestalt von ihrem Lehnsessel und ging lächelnd auf uns zu, unt uns zu begrüßen.

Ich freue mich außerordentlich. Sie hier wiederzusehen, Herr Doktor, und auch Sie, Herr Rechtsanwalt.

Ehe ich hier weitergehe, möchte ich erst, soweit es möglich ist, winc Eindrücke wiedergeben, die ich in jenem Augenblick hatte. .

Die Beleuchtung des Zimmers war Nicht besonders gut. Schwere Vorhänge vor den Fenstern hielten das Tageslicht ziemlich ab, und außerdem verbreitete nur das Kaminsener einen matten Schein. Immerhin, wenn dieses Weib nicht Marcella selbst war, dann sicher ihre Doppel­gängerin. Sie war gekleidet, als ob sie noch nicht lange von einer Ausfahrt oder einem .Spaziergange zurückge/-.

kommen wäre. Das Pelzbarett hatte sie noch auf denk Kopfe und den Mantel aufgeknöpft und zurückgeschlagen, so daß man den Rock und die Bluse mit dem Biberpelz sehen konnte, die sie während der letzten Tage bei mir getragen hatte.

Sie trug dieselben Brillantohrringe, und trotz des Schleiers erkannte man Marcellas Gesichtszüge, Augen, Teint und Haar. Und doch fiel mir Verschiedenes auf. Die Stimme klang nicht so melodisch, der Druck der behänd^ schuhten Hand war nicht derselbe, und ich vermißte den wonnigen Schauer, der mich durchzogen haben und durch die dickste Hülle hindurchgegangen sein würde, wäre es meiner Marcella zarte kleine Hand gewesen. Es fehlte das gewisse Etwas, das nur von dem geliebten Weibe auszuströmen scheint, und von keinem anderen. Aber dieses beseligende Gefühl, d>as die Nähe der Geliebten im Manne wachruft, vermochte dieses Weib nicht in mir zu erwecken. Es schien; eine Marcella zu sein, sogar eine äußerst gut nachgeahmte, aber nicht meine Marcella.

Ich schaute Mortimer an, sah aber nur blankesEr-- ftaunen in seinem Gesicht. Sicherlich war er sich über ihre Identität noch nicht im klaren.

Wir verbeugten uns beide, setzten uns steif auf einen Stuhl nieder, erwiderten ihren Gruß jedoch mit keiner

Silbe.

Es entstand dadurch eine peinliche Pause, bis von Eißen

das Wort ergriff. . ,

Erkennen Sie die Dame wieder? fragte er, indem er mich mit seinen kälten, stahlgranen Augen durchbohren zu wollen schien.

Ja und auch nein, antwortete ich-. Sie 'ieht dem Fräulein Garcia entschieden sehr ähnlich.

Er sprang mit drohender Gebärde von seinem Stuhl auf. . ,

Mein Herr, Sie sprechen von meiner Frau! Und |te hat Ihnen, schriftlich wenigstens, diese Tatsache deutlich genug auseinandergesetzt, so daß Sie sie begriffen haben könnten, wenn sie sie neulich! auch selbst geleugnet hat, was ich selbstverständlich zugebe.-

Bitte, setzen Sie sich nur wieder, sagte ich, wir wollen diese Angelegenheit in aller Ruhe besprechen; ich befinde mich heute in durchaus keiner Kampfstimmung. Zn einer anderen Zeit würde ich es vielleicht, doch das tut jetzt nichts zur Sache. Sie gestehen also selbst ein, daß sic neulich leugnete, Ihre. Frau zu fein. Das hat sie getan. und zwar mit großem Nachdruck. Ebenso hat sie damals auch erklärt, sie heiße Marcella und nicht Julia, und ferner, sie sei die Tochter Emmanuel Garcias. Diese Tatsachen lassen sich nicht wegstreiten. Dann wandte ich mich scharf an die Frau und fragte sie bestimmt: Sind Sie, Frau Ba -uin, die Tochter Emmanuel Garcias?

Der Baron fing jetzt bereits wieder heftig zu werden an. Das ist sie nicht, warf er ein; das habe ich schon ein­

mal gesagt. I t ,, .

Dann ist sie eben nicht die Dame, die ich wahrend einiger Tage in meiner Wohnung als Gast gehabt habe. Diese ivar Emmanuel Garcias Tochter und war nach Eng­land gekommen, unt mir einen Auftrag ihres Vaters zu übermitteln. Ich hatte das Vergnügen, ihn vor einem Jahre etwa der Verfolgung einer Verbrecherbande zu ent­ziehen, wofür er mir feinen Dank abstatten wollte. Mein Freund Mortimer hier, der jenes Mal auch mitwirkle, wird Ihnen die Richtigkeit meiner Aussagen bestätigen, falls Sie es wünschen. Mortimer nickte, und icEy fuhr fort: Aus diesem Umstande muß ich schließen, daß Sie sich in einem Irrtum befinden, und zwar in einem sehr schweren, um keinen stärkeren Ausdruck anzuwenden. Immerhin bin ich noch gern bereit, mich eines Besseren belehren zu lassen; denn es würde ja recht schlimm für Sie fein, wenn ich recht behielte und Sie unrecht hätten, nicht wahr?

Ich habe keinesfalls unrecht, mein Herr, entgegnete der Baron hartnäckig, das werden Sie zu Ihrem Leidwesen bald einsehen, wenn Sie sich, nicht auf der Stelle entfi schließen, mir mein Geld- zurückzuerstatten.

Wieviel Geld? fragte ich. ,

Das Geld-, das Sie in Besitz genommen haben, ver^ lange ich von Ihnen, wieviel das ist, wissen sie selbst sehr wohl. '

Natürlich weiß ich es; ich möchte nur Horen, ob Sie -es auch wissen, versetzte ich. _____ .

Seien We vorsichtig,. Herr Doktor Williams, sagte der