Ausgabe 
19.9.1912
 
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uns an jenem Abend stark genug, es mit jeder beliebigen Anzahl Feinde aufzunehmen, so daß uns das, was' unserem Schützling Furcht verursachte, nur Spaß machte.

So kamen wir allmählich bis' ans Criterion die Mer Mann immer hinter uns her.

Nach einem so opulenten Souper, Herr Garem, sagte ich hier zu ihm, gestatten Sie mir, daß ich Sie wenigstens zu einem Gläschen Chartreuse einlade?

Er sah mich an und verstand, wie ich's meinte.

Mit Vergnügen, Herr Williams, erwiderte er. Wir gingen hinein, bis ans Ende der langen Bar, und ich paßte auf, ob jemand nach uns einträte. Ich sah jedoch nieman­den hinter uns Herkommen.

Rasch! sagte ich deshalb. Zum Hinteren Ausgang 'naus, durch den Cafs-Salon.

Im nächsten Moment standen wir denn auch schou in der Jermyn-Straße; aber an der Ecke vom Heumarkt sah ich zu meinem Aerger auch schon zwei von unseren vier Ver­folgern stehen. Sie mußten also erraten haben, warum ich ins Criterion eingekehrt war, und ich wußte nun, was ja immerhin auch ein Vorteil war, mit was für ausgefeimten Kerlen ich zweifellos zu tun hatte. Bei ihrem Anblick zitterte Herr Garcia so stark, daß wir es fühlen konnten und uns über den Ernst der Lage nicht länger im unklaren waren. Trotzdem suchte ich ihn natürlich zu beruhigen.

Sie brauchen nichts zu befürchten, ermunterte ich ihn, wir wollen Ihnen schon durchhelfen. Wenn Sie wollen, drehen wir uns um und bringen diese Halunken an einen todsicheren Ort, während Sie sich aus dem Staube machen.

Nein, nein, bät er beinahe flehentlich. Ich bitte Sie UM alles in der Welt, bleiben Sie bei mir. Ich habe unbegrenztes Vertrauen zu Ihnen. In Ihren und Ihres Freundes starken Armen fühle ich mich sicher. Ich werde Ihnen diesen Dienst nie vergessen nur, bleiben Sie, bei mir!

Gut, sagte ich. Wir wollen 'nen anderen Kniff ver- fuchen. Wie denkst du über denBun-shop", Charley, heh?

Charley Mortimer lachte und meinte, das würde gehen.

Nun, wenn man sich auskennt und z. B. einen lästigen Schneider oder sonst einen unangenehmen Bekanntenver­setzen" will, gibt's keinen geeigneteren Ort alsBun-shop". In dem langen schmalen Salon ist nämlich ein wunderbarer Seitenausgang, Und wenn man flink genug ist, kann man sicher und wohlbehalten in Maiden Lane fein, ehe der Ver­folger diesen Ausweg wittert. Wir nahmen zu dieser List unsere Zuflucht, und ich hätte tausend gegen eins wetten mögen, daß sie gelingen müßte. Aber diese Fremden schienen uns über zu fein. Als wir in Maiden Lane hin­austraten, sahen wir bereits zwei von den vieren, ge­mächlich Zigaretten im Munde, entlang spazieren, und gleich danach kamen auch die beiden anderen wieder dazu.

Das ist wahrhaftig stark, Charley, sagte ich. Da ist es besser, wir gehen sofort insSavoy" und überlegen uns die Sache, mein ft du nicht auch?

Da er keinen besseren Rat wußte, begaben wir uns durch die Baufort Buildings nach dem Savoyhotel, um auf diese Weise unsere Verfolger wenigsteüs für einige Minuten los zu werden. Wir hielten uns auch gar nicht in den Restau­rationsräumen auf, sondern gingen gleich aus Herrn Gar­cias Zimmer.

Nun, Herr Garcia, sagte ich zu ihm, als wir oben angekommen waren, Sie haben uns heute abend fürstlich bewirtet, und wir sind daher willens, Sie aus Ihrer Gefahr zu befreien. Wir verlangen keinen näheren Ausschluß über Die Sache das geht uns nichts an. Sie brauchen uns nur zu sagen, was wir für Sie tun sollen.

Weun's geht, mochte ich heute nacht nach Southampton fahren, meinte er.

Gut, versetzte ich. Klingeln Sie und lassen Sie sich die Rechnung gehen oder soll ich's tun? Dabei drückte ich schon auf den Knopf der elektrischen Klingel. Nun, Charley, fuhr ich dann fort, hast du eine gute Idee?

Jawohl, antwortete er und setzte sie auch gleich aus­einander.

Sie war wirklich gut, und nach kurzer Zeit war bereits ein Laufjunge mit einem eiligen Schreiben an einen in der Nähe wohnenden bekannten Kostümmacher unterwegs. Als der Kleiderkünstler ankam', war die Rechnung bereits beglichen, und ich hatte schon Herrn Garcias Anzug an, mein eigener war in einen Handkoffer gepackt.

Es handelt sich hier um Leben und Tod, sägte Mortimer ohne Umschweife zu dem Kostümier, und es ist keine Zeit zu langem Bedenken. Sie brauchen aber deshalb' keine Angst zu haben es geschieht Ihnen nichts. Unser Freund' hier dabei deutete er aus Herrn Garcia wünscht, aus politischen Gründen London unerkannt zu verlassen. Der andere Herr will, wenn sichs Machen läßt, derweilen iW maskieren. . Können Sie das bewerkstelligen?

Der Angeredete erfaßte die Situation sofort.

Jawohl, antwortete er, ich verstehe. Schön. Er warf einen musternden Blick auf Herrn Garcia und verschwand.

Nach etwa einer Viertelstunde erschien er wieder mit den nötigen ptensilien, die gewünschte Umwandlung zu vollziehen, und machte fich gleich ans Werk. Das Resultat war einfach großartig. Als ich mich im Spiegel betrachtete, hätte ich fast schwören können, ich wäre Herr Garcia selbst. Als wir unseren Gastfreund nun von fernerer Verfolgung frei wußten, wünschten wir ihin Lebewohl und gute Reise, gingen furchtlos hinunter auf die Straße, nahmen eine Droschke und fuhren eiligst nach Station Euston, wo wir den Liverpooler Schnellzug gerade noch erreichten. Mortimer stieß die Schranke aus und schob michtsamt meinem Hand­koffer in ein Knpee erster Klasse. Als ich zum' Fenster hinaussah, bemerkte ich, wie zwei von den vier Männern plötzlich auf den Perron stürzten und, während sich der Zug schon in Bewegung setzte, in den hintersten Wagen sprängen. Vor Willesden hätte ich bereits meinen eigenen Anzug wieder ungezogen, die Perücke und die übrigem Maskierungsstücke weggeworfen, und als der Zug zurnj Bahnhof hinaussuhr, sprang ich hinunter, während meine Feinde eine vergebliche Spritztour nach Liverpool machten,, worüber ich herzlich lachen mußte.

(Fortsetzung folgt.)

Zur Schlitzer Jubiläumsfeier.

Von Pfarrer Zinn in Herbstein.

Am' kommenden Freitag, dem 20. September, gedenkt das bekannte oberhessische Städtchen Schlitz mit seinem Grafenhaus und dem nach ihM benannten Schlitzerlande ein großes Fest zu feiern, zu dem man auch Kaiser und Großherzog eingeladen hat. Gilt es doch des Tages zu gedenken, an dem genau vor 110 0 Jahren an einer Anhöhe im Schütztale die Kirche geweiht wurde, die der Ausgangspunkt für die Entstehung der Stadt Schlitz, für die christliche Besiedlung des Schlitzerlandes und für die .'Bekehrung der Satten int östlichen Vogelsberg werden sollte. Eine besondere von Dekan Schmidt in Schlitz int Vorem mit geschichtskundigen Ämtsbrüdern soeben herausgegebene Fest­schrift will allen Interessenten ausführlichen Aufschluß'geben über die Geschichte dieser ältesten Mutterkirche im' westlichen Buchomen und über die wichtigsten Schicksale, die sie in 11 Jahrhunderten mit der nnwohnenden Bevölkerung freudvoll und leidvoll geteilt hat. Außerdem wird ein von Schlitzer Bürgern aufgeführtes Festspiel' die Höhepunkte dieser Geschichte in lebenden Bildern vorführen..

Schon in ältester vorchristlicher Zeit muß die Gegend um Schlitz gut bevölkert gewesen sein mit Sueven und Satten, 'die den Bergen und Flüssen, Wäldern und Fluren ihre Namen gaben. Aber die Bevölkerung scheint später wieder abgewandert oder durch räuberische Wendeneinfälle dezimiert worden zu sein. Jeden­falls fanden Bonifatius und sein Schüler Sturmius n'ur^etne! unwirtliche Einöde vor mit unnahbaren Sümpfen in den Fluß- niederuugeit und undurchdringlichen Wäldern an den Berghängen, in denen Bären und Wölfe sich heimisch suhlten. Ein Häuflein badender Slaven unb ein weg- und ortskundiger Mann aus der Wetterau, der seines Herrn Ortes Pferd nach Thüringen Bringen! wollte, waren, wie es scheint, die einzigen menschlichen Wesen, auf die man stieß. Eine ausgedehnte Neu-Besiedlung und Kulti­vierung der Gegend Begann erst mit der Gründung der Schlitzer Kirche im Jahre 812, im 44. Jahve der Regierung Karls des! Großen. Die Gründung der Kirche ging vom Kloster Fulda äus,- dem Orte, den Bonifatius und Sturmius sich zunächst als Mittel­punkt ihrer Missionstätigkeit int alten Buchenlande erwählt und bebaut hatten. Die ersten Kirchen, die von dort ans begründet wurden, waren die auf dem Frauenberg (voM Jahre 808), Bischofs- Berg (809) und Johannisberg (811). Ihnen schloß sich als 'vierte! die Schlitzer Kirche an.. Erbauer war der Kunstverständige und banlustige Abt Ratgariüs Von Fulda, der als der Bedeutendste! »e ArchiteÜ s. Zt. angesehen wird und Fulda MM Bedeutend­ittelpunkt Baulicher Tätigkeit nächst deM Kaiserhose gemacht hat. Nach Analogie der übrigen von Ratgariüs erbauten Kirchen/ insbesondere der 819 vollendeten Fuldaer Stiftskirche, zu der er die Pläne noch fertigte, dürfen wir annehmen, daß auch die damals von Ratgariüs zu Schlitz erbaute Kirche ein massiver Steinbaü war, und zwar eine dreischiffige Basilika mit Pfeilern, Arkaden/ Fenstern im OBergäden und einer Apsis. > Wie diese ursprüngliches Kirche dann später umgebaut und erweitert würde, lese man in