Ausgabe 
19.6.1912
 
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Ungefähr fünfundzwanzig Kilometer von dem Städtchen Serlon entfernt, in dem ich seit etwa zehn Jahren als Arzt tätig war. Brainville ist von einem prächtigen Park umgeben, ein schönes herrschaftliches Besitztum!, das die klaren Gewässer der Bivette penetzen. Als ich mich in Serlon niederließ, war das Schloß Noch unbewohnt. Marquis de Brögy bezog es vier Jahre vor dem Geschehnis, das ich jetzt erzählen will. Der Marquis war ein Mann von sünfunddreißig Jahren, groß und von so kräftigem Aussehen, daß ich mir bei unserer ersten Begegnung dachte, ein so forscher Kerl würde kein sehr einträglicher Patient werden. Herr de BrSgh rechtfertigte diese Annahme. Jedoch führten einige geringe Hilfeleistungen zu freundschaftlichen Beziehungen zwischen uns. Wir sahen uns ziemlich häufig, Herr de Brsgy verschmähte tzs nicht, die Küche meiner alten Claudine zu versuchen. Wir wachten lange Automobilfährten, und jedes Jahr verbrachte ich Nir Eröffnung der Jagd zwei oder drei Tage in Brainville.

Trotz dieser anscheinenden Intimität war mir Herr de Brsgh ganz unbekannt. Wie man so sagt: er war eine verschlossene Natur. _ Sein Leben war einförmig und tätig. Brainville mußte Au^er instand gesetzt werden, und die Sorge um fein Besitztum beschäftigte ihn. Die Jagd und Bücher waren seine einzige Zerstreuung, er besaß eine schöne Bibliothek. Er war wortkarg und wenig mitteilsam. Die kleinen Ereignisse der Gegend lieferten Ms ausreichenden Gesprächsstoff. Nie erzählte Herr de Brsgy tztwas von sich, und nur zufällig erfuhr ich gewisse Begebenheiten aus ferner .Vergangenheit.

Ich war nach Paris gefahren und besuchte meinen alten Vreund, .den Professor Villelongue. Als er mich voll gütigen Interesses über mein Proviitzleben ausfragte, nannte ich auch den Namen des Marquis de Brsgy. Villelongue kannte ihn gut und erzählte mir folgendes: Infolge eines häuslichen Dramas hatte uch Herr de Brsgy nach Brainville zurückgezogen. Er war «tue Neigungsh'eirat mit einem Fräulein de Rineourt eingegangen, Md das Paar hatte zuerst in glücklichster Ehe gelebt, bis der Marquis srch eines Tages aus ungerechtem Argwohn von seiner Frau trennte. Vergebens! hatte sie sich bemüht, ihren Gatten von fernem Entschluß abzubringen. Herr de Brägh hatte nichts horen^ wollen unb hatte alle Versöhnrrngsversuche brutal zurück- gewresen. Frau be Brsgh, die ihren Mann vergötterte, war über die von ihm bewiesene Härte untröstlich geblieben. Nach und Nach litt ihre Gesundheit durch den Gram, und Villelongue, den .Uran zu der Patientin gerufen hakte,äußerte mir gegenüber traurig: r,sre war wie ihr eigener Schatten geworden . . ."

Unterdessen hatten wir uns Brainville genähert, und ich Wäänn lene Ungeduld zu empfinden, die ich imMer in dem Augen- blrck fühlte, wenn ich! einem Kranken nahe war; denn ich konnte Nicht glauben, daß der Marquis wirklich tot sein könnte. Man Hatte sich wohl sehr Wer seine Ohnmacht erschreckt und Domi­nique mit dem Auto eilig zu mir geschickt. Jedenfalls würde ich Mt einem Schreccschuß und einer Nachtfahrt davonkommen, und als der Wagen vor der Freitreppe des Schlosses hielt, sprang ich voller Hoffnung Und fast beruhigt hinaus.

Als ich das Bibliothekzimmer Setrat, bewies der Anblick, der sich mir bot, daß es sich um einen ernsthaften Unfall'handle: Der Marquis lag auf dem Teppich; mit ausgespretzten Armen war xr hinten über gefallen.

Schnell beugte ich mich über ihn. Sein Herz schlug nicht mehr. Dominique leuchtete mir mit einem der Kaminleuchter. In dem leichenblassen Gesicht Herrn de Bröghs sahen seine weit aufgerissenen Augen wie zwei gläserne Flecken aus. Herr de Brsgh war tot, aber den Ausdruck des Schreckens, der auf den Perzerrten Zügen lag, hatte das Sterben nicht zu lösen vermocht. <v?ch hatte schon viele Tote gesehen; keiner jedoch hatte auf so tragische Weise ähnliches Entsetzen bekundet: Herr de Brsgh war offenbar im Paroxysmus der Furcht zu Boden geschmettert worden.

. Nachdem alle meine Wiederbelebungsversuche erfolglos ge- blreben waren, befragte ich die Dienstboten über die Umstände des Unfalls, der Wen Herrn betroffen hatte. Sie konnten mir nichts Außergewöhnliches angeben. Herr de Brsgh hätte auf me Raben im Park geschossen und nachher zur gewöhnlichen Zeit Wendbrot gegessen. Nach! Tisch hatte er sich in die Bibliothek zurückgezogen, und von dort war der fürchterliche Schrei erklungen, der alles in Schrecken versetzt hatte. Man war hinzugeeilt und hatte den Marquis rücklings auf dem Teppich liegend gefunden.

Ich ging in dieser Nacht nicht zu Bett und beschäftigte mich mit den traurigen Angelegenheiten, die ein solches Ereignis mit sich bringt. Ich erteilte Anweisungen. Ich setzte ein Telegramm an Professor Villelongue auf, damit er die Marquise de Brsgh von dem Vorgefallenen unterrichtete.

Endlich begann es zu däMMern. Ich ließ mir ein Zimmer geben, um darin Meine Morgendliche Toilette zu machen. Der Wind hatte sich gelegt; der Himmel war klar, und da ich das Bedürfnis Wlte, frische Luft zu schöpfen, ging ich in den Park hinunter.

Mein Spaziergang führte mich ziemlich weit und- dauerte lange. Ich war von einer eigentümlichen Unruhe erfaßt; mit gesenktem Kopf ging ich einher und überlegte mir die Ereignisse der verflossenen Nacht, als mich bei der Wendung einer Mee jemand anrief:

Guten Tag, Herr Doktor. Sind Sie heute im Schloß? Ist jemand im Hause krank?"

Es war der Briefträger. Ich setzte den Mann von dem Vorgefallenen in Kenntnis. Er hörte mir bestürzt zu, und als ich geendet hatte, wühlte er in seiner Brieftasche umher, zog einen Brief heraus, reichte ihn mir und sagte:

Da, Herr Doktor, da ist gerade ein Brief für den armen Herrn Marquis. Ich will ihn Ihnen lieber geben. Seft ich ihn in Meiner Tasche habe, ist mir ganz merkwürdig zu Mute. Sie wissen, wir Briefträger kennen unsere Briefe schon... Es sind immer welche dabei, von denen man fühlt, daß sie nichts taugen, und dieser da sagte mir nichts Gutes. Aber jetzt adieu, Herr Doktor, ich muß weitergehen. . ."

Damit entfernte der gute Pivon sich schnellen Schrittes.

Als ich allein war, betrachtete ich den Briefumschlag. Er trug den PoststempelNizza" und zeigte nichts Besonderes, außer daß er sehr schnell geschlossen war und den VermerkEilig" trug. Dies bewog mich zu einem Entschluß. Enthielt der Bries vielleicht irgendwelche eilige Angelegenheit? Schnell entfaltete ich den Bogen und las:

Mein Jnniggeliebter! Ich kann nicht mehr fern pon Dir leben. Ick) habe versucht, mich abzufinden, zu vergessen; ich habe versucht Dich zu hassen, und ich liebe Dich. Ich liebe Dich trotz Deiner Ungerechtigkeit und Deiner Härte. Wenn Du diese Zeilen lesen wirst, hab!e ich mein trauriges Dasein beendet. Ich sterbe aus Sehnsucht nach Dir. Ich bin mit allem fertig, nur noch eine ganz kleine Bewegung habe ich zu machen. Wenn DU der Lebenden so unbarmherzig gegenübertratest, wirst Du entgegen­kommender gegen die Tote fein? Vielleicht duldest Du die liebes- durchfttömte Gegenwart meines armen kleinen Fantoms um Dich..."

Meine Hände zitterten, und als ich! am Schluß, des Brieses den NamenMadeleine de Brsgy" las, sah ich mit einem ängst­lichen Schauder wieder das gespenstische und von Entsetzen er­füllte Gesicht des Marquis de Brsgy vor Mir, sein totes Antlitz mit jenem Blick voll Ueberraschung, jenem Blick voll Angst und Grauen.

Abneigung gegen Speisen.

Es gibt viele Menschen, die eine ausgesprochene Abneigung gegen gewisse Speisen haben. Zumeist ist ber, Grund dieser Abneigung in dem Aroma der betreffenden Speisen zu suchen. Während der angenehme Geruch einer Speise anregend auf den Appetit wirkt, sind üble Gerüche, die vom Essen ausgehen, mitunter von recht unliebsamer Wirkung auf den Magen. Häufig wird eine solche Abneigung gegen eine bestimmte Speise chervorgerusen, wenn- man sich einmal den Magen daran verdorben hat, und es genügt dann schon der Geruch dieses Gerichtes, um Uebelkeit hervorzurufen.

Man kann in solchen Fällen nicht von Voreingenommenheit und Vorurteilen sprechen, sondern man hat es hierbei mit aus­gesprochenen Idiosynkrasien zu tun, indem durch einen krank­haften Zustand das Verdauungssystem angegriffen wird. Bei solchen Personen, die eine pathologische Ueberempfindlichkeit gegen gewisse Nahrnngs- und Genußmittel besitzen, wirken die betreffen­den Stoffe, die anderen Menschen nichts schaden, ihnen im Gegen­teil gut bekommen, wie ein Gift. Mitunter ähnelt das Krank­heitsbild dem bei der Fleisch- und Wurstvergiftung.

Beispielsweise erhalten titele Personen ngch dem Genüsse von Krebsen und Hummern einen roten, heftig ruckenden, Ausschlag- der sich oft über den ganzen Körper erstreckt und mit Aiebererschei- nungen und Kopfschmerz verbunden ist. Nichts minder häufig wird Idiosynkrasie gegen Erdbeeren beobachtet, die mit ähnlichen Folgeerscheinungen verbunden ist. Eine in der Erdbeere enthaltene- dem Chinin ähnliche Substanz, das Fragorianin, soll hier die Ursache der Krankheitserscheinungen fein. Auch nach dem Genuß von Fischen, namentlich Aalen und Flundern, stellt sich viel­fach bei dazu neigenden Personen Nesselsucht ein.

Nicht selten findet man Abneigung gegen gewisse Speisen bei Kindern, selbst im frühesten Alter. So hat ein Breslauer. Kinderarzt bei einem Säugling sogar nach dem Genuß von Kuh­milch schwere Vergiftungserscheinungen: Erbrechen, Durchfall- Krämpfe beobachtet. Angestellte Versuche ergaben, daß diese körper­lichen Störungen auch durch Milch und Haferschleim (halb und halb), durch Buttermilch, Molke, Kasein (Msestoff), Butter, also durch alle Bestandteile der Kuhmilch hervorgerufen werden können. Dagegen vertrug dieser Säugling Mütter- bezw. Ammeumilch sehr gut, ein Zeichen, daß feine Verdauungsorgane gesund und funktionstüchtig waren. Es handelt sich auch hier um eine Idiosyn­krasie, um eine zum Glück recht selten vorkommende Reaitton des Körpers auf ein derartig wichtiges Nahrungsmittel, das von den Kindern sonst gern genommen und gut vertragen wird.

Oft genug müssen Kinder ihre Gesundheit dem unsinnigen Vorurteile der Eltern, das Kind müsse essen, was auf den Tisch kommt, zum Opfer bringen. Glücklicherweise revoltiert der kindliche Mägen in den meisten Fällen, wo gegen die Natur gefünbigti wird, und befördert das Unzweckmäßige wieder hinaus. Es ist durchaus falsch, dem Kinde eine Speise Mfzuzwingen, bte feinem! Geschmack nicht zusagt und gegen die es entert Widerwillen emp­findet; wohl aber soll man jedesmal den Versuch machen, daS Kind an die betreffende Speise langsam zu gewöhnen. Es kommt