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Mieten können, bestand in einem Äon Druckfehlern wimmelnden, durch die Zensur verstümmelten und durch einen Dritten, den Redakteur Eduard Duller, noch! weiter verunstalteten DramaDan- tons Tod", das in einem dünnen unansehnlichen Heft tfortag. Gutzkow hatte von ihm mit einer gewissen Anerkennung gesprochen Und der Kreis von deutschen Revolutionären, der in Zürich fernen Umgang bildete, war das Geniale, Unvergleichliche seiner Per­sönlichkeit wohl gewahr geworden. Ein Echo dieser Anschauungen Waren Georg Herweghs berühmte, Hymnenhaft hinströmende Ge- denkverse:

Mein Büchner tot! Ihr habt mein Herz begraben!

Mein Büchner tot, als seine Hand sch!vn offen, Und als ein Volk schon harrete der Gaben, Da ward der Fürst von jähem Schlag getroffen. Der Jugend fehlt ein Führer in der Schlacht, Um einen Frühling ist die Welt gebracht ...

Ms einen Helden und Propheten, als einen Pfeiler der grosten Menschheitskirche, zu früh gesunken, doch Denkmal und Vorbild, hervorleuchtend unter Trümmern so feierte ihn ^rwegh, so erschien den zurückbleibenden Genosten tue verklarte Gestalt des Heldenjünglings und Freiheitskämpfers.

Doch es war das äiustere Schicksal des Studenten, der Mit todesmutiger Kühnheit eine Verschwörung gegen die hessische Re­gierung eingeleitet, der in Acht und Bann gelebt, der stir die er­träumte Freiheit des Vaterlandes gelitten, diese Märtyrer gloriole war es, die sein Andenken in der aufgeregten Zeitzwischen den Revolutionen" noch« eine Weile umgoldete. Dann vergast man Wer den Helden und Opfern von 1848 bte Schwärmer der Fruh- zeit, die ihnen den Weg bereitet. So war denn auch« Buchner nichts anderes, wie Treitschke sagt, als eines jener traurigen Symptome der Verwirrung und Verirrung, die in den politischen Kopsen damals herrschten. Und seine dichterische Begabung? Sie schien nur Unfertiges, Verheißungsvolles gegeben zu haben. Nichts Reises, in sich Geschlossenes:

Ein unvollendet Lied, sinkt er ins Grab, Der Verse schönsten nimmt er mit hinab."

DerDanton" war freilich nur einProbUkt der Not", in wenigen Wochen hastig hingewühlt, mit angstfieberndem Herzen abgeschlossen und abgeschickt, als die angezettelte Empörung ver­raten war und als letzter fettester Bissen von einem geldgierigen Schuft nun auch der Rädelsführer ans Messer geliefert werden sollte Vor strenger Kerkerhaft, die manch andern blühenden Jüngling iit frühes Siechtum brachte, rettete ihn die Flucht m Nacht und Nebel, aber dem Drama merkte man es an, daßdie Darmstädtischen Polizisten seine Musen" gewesen waren. AW dem eigensten Erleben beg jungen Revolutionsmannes war die nervös gequälte, tragisch« verzweifelte, wild leidenschaftliche Sttm- mung erwachsen, die in den groß geschauten Szenen des Stückes zuckt, aber im ersten Druck war, wie Gutzkow selbst zugestehen Mußte,der beste, nämlich. der individuellste, der eigentümlichste Teil des Ganzen" geopfert worden.Der echte Danton von Büchner ist nicht erschienen. Was dävon herauskam, ist ein not­dürftiger Rest, die Ruine einer Verwüstung, die mich Ueberwindung gekostet hat."

Ein Drama, das nicht einmal sein Drama, sondern ein verball­horntes Unding war, bildete das winzige literarische Gepäck, mit dem Georg Büchner vor 75 Jahren die Reise in die Unsterblichkeit antrat. Das schien wenig, herzlich wenig, wo zu gleicher Zett die Auffenberg und Pyrker mit Dutzenden von Bänden um einen (ihnen glatt verweigerten) Platz in der Literaturgeschichte kämpften. «Drei ungedruckte Schauspiele und noch manch anderes fanden sich zwar int Nachlaß; man munkelte sogar, daß er mit dem be- rMtigten Pfarrer Weidig zusammen eine höchst staatsgefahrliche Flugschrift verfaßt habe; aber Gutzkow, mit der Durchsicht des Nachlasses betraut, war enttäuscht; seine handfeste Theatralik, die damals bereits die eigenen vielgespielten Bühnenstücke zu zrm- mern begann, hatte augenscheinliche andere dramatische ideale, als sie die preciös Helle Ironie und gracile Lyrik vonLeonce und Lena", der realistisch«--phantastische, grandios grausige Balladenton desWozzeck" und jener leider für immer v«erlorene, gewiß nicht Minder eigenartigePietro Aretino" verkörperten. Nur ein NovellenfragmentLenz" druckte er in seinemTelegrafen" mit ein Paar gut charakterisierenden einführenden Worten ab. Das alles zerstatterte. Der Nachlaß ruhte noch manches Jahr, den alten Jahrgang desTelegrafen" nachzuschlagen, nahm sich niemand die Mühe, und doch wirkten die Keime eines neuen impressionist- naturalistischen Stils, die imDanton" ausgestreut wären, sogleich fruchtbringend weiter. Der junge Hebbel ward dav«on stark er­griffen und der zwischen kalter Reflexion und unheimlich wilder Phantastik schwebende Stil des Dramas wird von ihm in der Judith" weitergeführt. Auch! Otto Ludwig .hat sich mit der problematisch anziehenden Erscheinung Büchners lange beschäftigt; als er sich au Gutzkow mit seinem ersten Dram«a Manbte1, erinnerte er ihn an das Beispiel des Danton-Dichters. Ms eine eigenartige, doch chaotisch wirre und unreife Erscheinung steht der junge Revolutionär mit seinem Revolutionsdrama um 1850 tm Urteil der Besten jener Zeit da; 30 Jahre später aber war es! eilt ganz- neuer Dichter, der aus Georg BüchnersSämtlichen Werken herausschaute.

Ludwig Büchner, Georgs jüngerer Bruder, der Verfasser Äon Kraft und Stoff", und K. E. Franzos, der bekannte Erzähler, halben das Verdienst, in ihren Ausgaben (1850 und 1879) uns. alles zugänglich gemacht zu haben, was sich noch von feinen Werken hatte zusammenbringen lassen. Da erschien zunächst 18t>0 die entzückende Biedermeierkomö«die vom glasierten sehnsüchtigen Prinzen Leonce, der seine liebliche Lena findet, wohl das Witzigste,- was die deutsche Sprache in der geistreichen Eleganz echt roman­tischen Humors, in dem unruhigen Funkeln graziöser Wortjpielei UNd dem Feuerwerk eines1 leichten Esprits hervorgebracht hat, bann derhessische Landbote", dies Meisterwerk eines wuchtig pathe­tischen Pamphletsttls, dessen Anschauungen besonders die Sozial­demokraten dazu benutzten, um Büchner als emen der ihren zu 'eiern; endlich brachte bie Ausgabe L. Büchners außer dem eben- älls ganz neuartig wirkendenLenz" noch« eine Reihe von Briefen Und Briefstellen, die den Einblick in eine unendlich! senstttve Seele, :n einen bald mystisch überschwänglichen, bald medizinstch klar und hart empfindenden Charatter gewährten Jene Vereinigung- dichterisch visionären Schauens und wissenschaftlich kühler Beobach­tung, bie bie Zola-Jünger des Naturalismus erstrebten, war vorher chon in dem Bilde dieser Persönlichkeit aufs Schärftte ausgeprägt. Sodann entriße Franzos nun noch ein Drama dem Untergang, das alle Züge romantischer Phantastik, realistischer Darstellungskmist und grotesken Humors zu einem grandiosen Gemälde menMicher Leidenschaft vereinigte, den Wozzeck. Die erloschenen Minutiösen Schriftzüge eines völlig zermürbten, fast zerfallenden Manuskripte mußten nach Anwendung eines chemischen Verfahrens ihr nntzr als 40 Jahre bewahrtes Geheimnis hergeben, uA der deutschen Literatur wär ein ganz einzigartiges Werk hoher Stimmnngskunst gewonnen^aturalismus vom Ende des vorigen Jahrhunderts ist hauptsächlich von zwei Werken Büchners beeinflußt worden, wn dem- nun in seiner urspttinglichen Gestalt ^gestellten^anton und dem wundervollen Lenz-Fragment. ImDanton war dl Masse der Held wie in HauptmannsWeoern ; der AhreM?K) mus der einzelnen ©jenen, die anschaulich malende Milieu childe- rung, die Realisttk des Stils all das wirtt-e auf die xungeN Dichter. Besonders Hermann Eonradi, wohl der genialste jener Stürmer und Dränger, der nur wenige ^ahre alter wurde als- sein Vorbild, hatte sich! ganz in Buchner eingelebt.. Gerhart Hauptmanns ErstlingserzählungDer Apostel fnubft w loaisch deutenden Stil, in der Verbindung von Mensch und Lauch schäft eng an denLenz" an.. Das ästhetische ^aubensbekmntnis Büchners smach das Evangelium des konsequenten Realismus in einer klassischen Form aus, die in den theoretischen Erörterungen oft verwendet wurde. .

Den Naturalisten und Psychologen hatte man in Gdorg Buchner aevrieien und aus sich wirken lasten; der graziöse Romantiken her stilisierende Tragiker, der lyrische Aesthet und Visionär IN ihm blieb unerkannt. Erst als um das Ende des Jahrhunderts du! romantischen, stilisierend«en und ästhettsierenden Tendenzen m der Literatur immer stärker wurden, spürte man auch tu dieseni^ung- deutschen" einen verwandten Hauch, ein zartes und raffiniertes! Formaefühl, kulturelle Schwebungen twn unsäglicher Feinheit. 1895 führte Max Halbe im Münchenerintimen Theater Leonce und Sena, für einen kleinen Kreis stimmungsvoll inszeniert, aus, aber diese Veranstaltung trug doch« -einen zu improvisaterstchen Charakter, um weiter wirken zu können. Auch die mehrfach unter­nommenen Aufführungen des Danton, so 1902 wn den beiden Berliner Freien Volksbühnen, konnten keinen Erfolg erringen.

Unterdessen wurden die Beziehungen, die aus den Werken Büchners in bie Gegenwart führten, immer starker; eine neue Ausgabe seiner Werke schien notwendig, um dem modernen ~efer feine Persönlichkeit und bie rein ästhetische Große feiner Dlch- limo nabe-mbrmaen. Die 1909 erschienene, von mtr besorgte Sammlung der Schriften hat versucht, diese Aufgabe zu lösen. Eine neue Etappe in derWiederkehr" Georg Buchners ist so eingeleitet, die hoffenttich eine dauernde Einkehr in den streng behüteten Kreis unserer besten Dichtung bedeuten ttnrb. Ml- qentein hat man ihm nun eine Stellungzwischen.Kleist und Hebbel" in der Reihe unserer großen Dramatiker ein geräumt.

Dantos Tod" bewies 1910 seine außerordentliche theatralische Wirkung in einer glänzenden Vorstellung des Hamburger Thatta- theaters. Die besondere Liebe unserer Zeig ist aberLeoee und Lena" zuteil geworden. Dazu mag in erster Lime der iode- gcschmack geführt haben, der sich allen Kunstmßerungen der Biedermeiereopche begeistert zuwandte. . Nun besitzt das Lust- swel den Duft dieser Kulturstimmung rm höchsten.Maße, dieses zarte Verklingen der Romantik ins Philiströte, dieses ironische Spielen mit Gefühlen und Schicksalen und neben deni phan­tastischen Hochflug die derbe Erdenschwere, die sich m Gestalt des dicken Valerio bem aetherisch!en Leonce an dm Gchoße Mnes flaschengrünen Fracks hängt. Diese spezifische Kultursphare des Ganzen hat Karl Walser in brn Radierungen, die er für eine Prachtausgabe der Dichtting schuf. Nicht getroffen. .Stalker und überzeugender war die Wirkung, die die moderne Wiedergabe der Dichtung bei den vor kurzem erfolgten beiden Aufführungen er­zielte. Sowohl auf der Wiener Residenzbuhne wie rm Duffel- dorfer Schauspielhaus «erlebte man eine künstlerische Offenbarung, als dies wundersame! Spiel tn geschmackvoll geformten Bildern vorüberzog, bald zart, bald zart, und schemenhaft fern wie das