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Abenteuer des Brigadier Gerard.
Von C. Dohle.
Wie sich der Brigadier seine Medaille holte.
(Fortsetzung.)
Bouvet war ein tapferer Mann, das muß ihm die Gerechtigkeit lassen. Seinen Säbel schwingen und rasselnd die Treppe hinausstürmen war das Werk eines Augenblickes. Ich folgte ihm nach; aber als wir in die Küche gelangten, lehrte uns lauter Jubelruf der Preußen, daß das Haus sich abermals in Feindes- Hand befand.
Ta packte ich Bouvcts Acrmel und riet: „Wir sind verloren!"
„Was schert mich das?" schrie er ititb sprang ime von Sinnen die Treppe hinan. Uiib in der Tat, ich wäre ebenso bereit gewesen, in den Tob zu gehen, wie er, wenn ich an seiner Stelle gewesen wäre; warum hatte er keinen Posten ausgestellt, nm sich warnen zu lassen, wenn bie Deutschen nahten? Einen Moment schwankte ich, ob ich mit ihm gehen sollte, aber gl üblicherweise bebachte ich mich noch — fiel ich in Feinbeshand, so war des Kaisers Brief verloren! Nein, Bouvet mußte allein in den Tob gehen; ich stieg wieder in ben Keller hinab unb schloß bie Türe hinter mir zu.
Nun, hier bot sich mir auch Tente sehr verlockende Aussicht dar. Bouvet hatte im ersten Schrecken bas Licht fallen lassen, und ich tappte nun im Finstern umher unb stieß auf nichts als zerbrochene Flaschen. Enblich fanb ich das Licht, aber unmöglich, es anzuzünben; ber Docht war naß geworden, und erst nachdem ich mit meinem Säbel ein Stückchen davon entfernt hatte, waren meine Bemühungen von Erfolg begleitet. Doch, was nun? Tie Kerle oben, dem Lärm nach wohl hundert an der Zahl, brüllten sich ganz heiser; wie lange würde es dauern, so kamen sie herunter, um die Kehle anzuseuchten! Tann aber — adieu, braver Soldat, Mission und Medaille! Die Bilder mjeiner Mutter und des Kaisers stiegen vor mir auf, unb, ich weinte bei dem Gedanken, daß die eine einen so wacheren Sohn, der andere den besten Husarenoffizier, den er seit Lasalle gehabt, verlieren sollte! Doch! fort mit den Tränen! „Mut!" rief ich, mir an die Brust schlagend, „Mut, mein tapferer Junge! Halst du es denu wirk- siir möglich, daß einer, der aus Moskau zurückgekeyrt ist, ohne auch nur eine Frostbeule davongetragen .zu haben, in einem Wem- kellcr umkommen kann?" Und da stand ich schon auf den Fußen und umfaßte meinen Brief in der Tasche, denn sein Knistern flößte mir neuen Mut ein.
Mein erster Gedanke war, das Haus anzubreuuen und m der Verwirrung zu entwischen, mein zweiter — in ein leeres Faß zu kriechen. Eben sah ich mich nach einem folchen um, als ich plötzlich in der Ecke eine kleine, niedrige Türe entdeckte, die genau dieselbe Farbe wie die Maner hatte, so daß nur ein sehr scharfes Auge sie bemerken konnte. Ich wollte sie ausitoßen, fand aber Widerstand, so daß ich sie verschlossen glaubte; endlich aber gab sie doch ein wenig nach, nnb nun wurde nur klar, daß ein Gegenstand von der anderen Seite her auf sie drückte Ta stemmte ich meinen Fuß au ein großes Weinfaß und druckte ,o kräftig gegen die Tür, daß sie aufflog, ich aber gleichzeitig ans den Rücken fiel. Das Licht entglitt meiner Hand, es erlosch, und ich war abermals im Finstern. . ■ ,,
Ich erhob mich und spähte in den Raum. Das Licht des anbrecheubeu Morgens brang durch irgenb eine Dehnung unb zeigte mir die Rimbung von einigen Fäsieru. Aha, der Resmve- keller des Herrn Maire, wo er diejenigen Weine aufbewahrte, die ihrer Neife 'eutgeqengingen! Nun, hier bot sich mir Men- salls ein besseres Versteck als im ersten Keller, und ich war eben im Begriffe, die Türe zu schließen, als ich «Avas sah, was mich Mit Stannen, ja, ich möchte fast sagen, mit entern ganz kleinen Anflug von Bangigkeit erfüllte.
Während ich mein Auge so durch das Gewölbe schweifen ließ, bemerkte ich nämlich einen großen, starken Mann, welcher sich einen Augenblick im hereinfallenden Lichtschimmer zeigte, um
dann in ber Dämmerung wieder zu verschwinden. Auf mein Wort, ich führ derartig zusammen, daß der Kinnriemen an meinem Tschako beinahe geplatzt wäre. Hatte mir der kürze Moment doch genügt, um zu sehen, baß ich es mit einem langbeinigen, breitschultrigen Kerl in einer Kosakenmütze und mit einem Säbel bewaffnet, zu tun hatte! Bei meiner Ehre, selbst Etienne Gerard fühlte einen leichten Anfall von Schwindel bei dem Gedanken, mit so einem Burschen allein zu sein.
Aber ich versichere Ihnen, mes amis, das dauerte nur einen Moment; dann sprach ich zu mir selbst: „Mut! Bist doch ein Husar, ein Brigadier, ja, der erwählte Bote des Kaisers!" Im rechten Lichte besehen, hatte doch ber Schleicher dort viel mehr Grund, sich zu fürchten,- als ich; ja, ja, jetzt hatte ich's: der Kerl fürchtete sich in der Tat, flirchtete sich entsetzlich ! Warum beim sonst jene eiligen Schritte und die gekrümmten Schultern, als er wie eine Ratte, bie ihr Loch sucht, zwischen ben Fässern! nmhersuhr? Der war's auch gewesen, der sich vorhin gegen bie Türe gestemmt, uitb nicht irgend ein Faß ober eine Kiste. So, so, bet war ich also der Verfolger, und er ber Verfolgte!; Oh, dieser Räuber des Nordens sollte sehen, wen er vor sich hatte; fühlte ich doch schon, wie sich mir ber Schnurrbart sträubte/ als ich ihm in der Dunkelheit nachging. Ja, mes amis, bei derartigen Gelegenheiten stelle ich meinen Mann!
Anfangs hatte ich kein .Licht gemacht, weil ich mich nicht! verraten wollte; nachdem ich mich aber tüchtig an das Schienbein gestoßen und mit den Sporen in ein Stück Leinwand verwickelt hatte, mußte ich mich endlich dazu entschließen und schritt nun, Säbel unb Kerze in den Händen, tapfer vorwärts., „Heran,- Schurke! Tn kannst mir nicht entgehen; die Strafe für deine Missetaten erwartet dich!"
Mit diesen drohenden Worten hielt ich das Licht hoch empor unb gewahrte nun den Mann, ber mich über ein Faß hinweg anblickte. Es würbe mir sofort klar, baß ich einen Offizier/ nnb zwar einen gebilbeten Offizier vor mir hätte, unb bas gol- bene Abzeichen an seiner Mütze bestätigte meine Vermutung.-
„Monsieur," rief er in tabellosem Französisch, „ich ergebe mich Ihnen unter der Bebingung, daß Sie Pardon geben; wü nicht, so werde ich mein Leben so teuer wie möglich verkaufen! -
„Monsieur, ein Franzose weiß, was er einem unglückliches Feinde schuldig ist, furchtet nichts!"
Nun reichte er mir seinen Degen über das Faß hinweg, und ich verbeugte mich, das Licht an die 58ruft drückend.
„Wen habe ich die Ehre zu meinem! Gefangenen zu machen?
„Graf Budkin, Offizier der Don-Kosaken des Kaisers. Bist mit meinen Leuten ausgerückt, um Senlis zu rekognoszieren, und d« wir keine Spur von Franzosen hier bemerkten, beschlossen wir,- die Nacht über hier zu bleiben."
„Wenn es nicht indiskret ist, möchte ich mir die Frage gestatten, wozu Sie in diesen Keller gekommen sind?"
„Auf die einfachste Weise," antwortete er. „Wir gedachten mit dem Frühesten .wieder aufzubrechen, und da mich nach denk Ankleiden «was fröstelte, stieg ich hier herunter, um nach einem guten Trunk auszuschanen. Während ich noch so umherstöberte,- tourbe das Hans plötzlich so schnell erstürmt, daß alles schon vorüber war, als ich oben an ber Treppe anlangte. Was blieb mir nun nock übrig, als mein eigenes Leben,zu retten? Und so kehrte ich denn wieber zurück unb verbarg mich hier, wo Sie mich entdeckt haben."
Da fiel mir der alte Bouvet ein; wie hätte der doch so ganz anders unter ben gleichen Umständen gehandelt! Ja, Tränen der Freude über bie Treue der Verteibiger Frankreichs traten mir in bie Augen. ,
Was aber nun mit meinem Gefangenen beginnen ? Offenbar war ihm unbekannt geblieben, daß das Hans sich abermals in den Händen seiner Verbündeten befand; ein Glück für mich/ beim sonst wäre ich ber Gefangene, er ber Sieger gewesen. Was war nun das Beste? Anfangs wollte mir gar nichts ein-, fallen, bis ich enblich eine brillante Idee hatte, die mich heute noch mit Bewuuberuug erfüllt.
„Graf Bubkin," sagte ich zu ihm, „Sie sehen mich in eiltet sehr schwierigen Lage!"
„Und bie wäre?"
„Ich habe versprochen, Ihnen das Leben zu lagen. , „Sie wollen doch Ihr Versprechen nicht zurücknehinen? rief er, nnb fein Gesicht zog sich.merklich in bie Länge.
„Sieber über Ihrer Verteibigung selbst zugrunbe gehen L Met bas macht meine Schwierigkeit nicht weniger gering?
„So sprechen Sie!" „ , . ,, . .
„Nun benit, ich will ganz offen mit Ihnen sein. Uni-eve, Solbaten, besoubers aber die Polen, sind so eingenommen gegen die Kosaken, daß ber bloße Anblick ihrer Uniform! genügt, ulrt sie auf bas äußerste zn erbittern. Niernanb, auch nicht ihre! eigenen Offiziere, können sie Hinbern, sich über einen jener Unglücklichen herzustürzen und ihm Glieb für Glied vom Selbe zu teiftett41
Ter Russe erbleichte. „Das ist entsetzlich!" rief er aus, „Furchtbar!" stimmte ich bei. „Wenn ich, mich jetzt mit Ihnen sehen ließe, köniite ich nicht für Jksi-e Sicherheit stehen.
„Oh, raten Sie mir, was ich tun soll! Meinen Sw nicht, es sei am besten, ich bliebe hier unten?"
„Tas wäre das AMimMel"
eröffnet würde. Erinnern Sie sick, wie ich zu ihm hirp- schaute, einen Augenblick, nachdem der Notar das Wörtlein „alles" ausgesprochen hatte?
Gewiß, Fran Sinclair!
Ob ich mich! erinnerte! Es war ja eine der fesselndsten Erinnerungen meines Lebens. Der Blick, den er ihr zuwarf und ber Blick, den sie erwiderte. Gewiß, daran erinnerte ich mich!
In jenem Moment, fuhr fie fort, erkannte ich mit untrüglicher Sicherheit aus seinem Blicke, daß er mich- ohne Vermögen ebenso — ja vielleicht noch rMSenschaftlicher — liebte, als wenn i ch statt Dorothea bedacht worden wäre. Ich sah mit einem einzigen Schlage ein, daß er nie einen Augenblick an mein Erbteil gedacht hatte, und daß ihn die Bestimmung des Testaments völlig kalt ließ. Brauche ich Ihnen da noch ausführlicher zn erklären) warum ich nicht länger mehr zögerte, sondern sein Weib wurde?


