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ders von nns verlangte, und der Zustand äußerster Ner- vorsität, den diese Spannung verursachte, machte uns diese Ausgelassenheit nicht schwierig. Aber seit ich in diesem Hause Liu, habe ich nicht mehr so viel gelacht. Einmal entdeckte ich nachts, daß sie sich nicht in ihrem Zimmer befand, als sich schon alle zurückgezogen hatten. Am nächsten morgen erzählte Herr Beaton einen merkwürdigen Traum—, der mich schrecklich geängstigt hat. Und dann kam der Augenblick, wo Herr Sinclair seine Amethystbrosche zeigte und mit der harmlosesten Miene der Welt erklärte, Ivie ein einziger Tropfen aus dem Gläschen einen Menschen zu töten vermöge. Ich fühlte den Schauer, der sie Ivie ein Blitz durchzuckte, ich hörte den leisen Seufzer, den sie ausstieß, und beschloß, daß sie nie die Gelegenheit finden sollte, jenes Kleinod zu berühren. Das ist der Grund, warum ich bei der ersten Gelegenheit, die sich mir bot, in die Bibliothek schlich und das Herzchen aus der Schublade nahm und in meinem Haar verbarg. Ich dachte nicht daran, es zu öffnen und hineinzublicken; natürlich kani mir nicht der Gedanke, daß sich das! Fläschchen nicht mehr im Futteral befand, und daher war ich sest davon überzeugt, daß fie in Sicherheit war, so lange es mir gelang, den Amethyst im Haar versteckt zu halten. Den Rest weißt du. —
Den Rest kannte ich allerdings. Wie sie das Herzchen in ihrem Zimmer öffnete und entdeckte, daß es leer war. Wie sie in Gilbertines Zimmer eilte, die Türe unverschlossen fand, hineinblickte, Fräulein Lane in ihrem Bette schlummern sah, aber Gilbertine zu ihrem Entsetzen nicht darin vorfand. Wie ihre Aufregung sich bei dieser Entdeckung steigerte und wie sie vergaß, daß ihre Cousine schon oft über den anstoßenden Ballon in ihr Zimmer geschlichen war, und das ganze Haus in der Hoffnung abfuchte, Gilbertine in einem der Zimmer des' unteren Stockwerks zu finden. Wie sie ihr Mut verließ, bevor sie die große Diele erreichte, und wie sie zurückkehrte, und dann, als sie eben die Weudeh- treppe betrat, jenen entsetzlichen Schrei vernahm. Ich hatte ihn ja selbst vernommen und konnte mir ihr Entsetzen und ihren Schrecken nur zu gut vorstellen, und warum es ihr nicht möglich war, auch nur einen Schritt weiter vorzudringen, wie sie sich halb .tot vor Grauen an das Treppengeländer anklammerte, wo fie stehen blieb, bis sie von den Personen aufgefunden wurde, die fich auf die Suche nach ihr begeben hatten. Aber ihre Gedanken und Gefühle hat sie mir nicht verraten — und die kenne ich noch bis zum heutigen Tage nicht —, die auf sie einstürmten, als sie 6eint Betreten des Zimmers ihrer Tante auf dem Bette, zu dem sie geführt wurde, nicht, wie sie erwartete, ihre Cousine leblos ausgestreckt sah, sondern den starren Leichnam ihrer Tante erblickte, lieber diesen Punkt hat sie stets Schweigen beobachtet, und ich habe es auch nicht zu brechen gewagt.
Als sie ihre Erklärung mit den Worten schloß: „den Rest weißt du!", da schlang ich die Arme um sie und gab ihr meinen ersten Kuß. Dauu befreite fie sich sanft aus meiner Umarmung, und- wie auf stillschweigendes Einverständnis hin, begaben wir uns beide auf den Weg, den uns der Tag vorschrieb.
Der meinige führte mich aus die untere Diele, die von abreisenden Gästen belebt war. Unter ihnen entdeckte ich Beaton. Als er sich verabschiedete, drückte ich ihm die Hand und flüsterte ihm leise zu:
Wenn das Dunkel sich ganz aufgeklärt haben wird, so werden Sie sehen, daß in Ihrem Traume zu gleicher Zeit mehr und weniger Bedeutung lag, sSie ihm zuzuschreiben geneigt waren!
Er verbeugte sich stillschweigend. Das war das letzte Wort, das wir über diesen Gegenstand gewechselt haben.
Was in Beziehung auf die Ereignisse an jenem Nach- mittag den größten Eindruck auf mich gemacht hat, wär das kurze Gespräch, das ich mit Sinclair führte. Ich fürchte, ich habe ihn dieser Unterredung zwingen müssen, aber ich wollte den traurigen Tag nicht verstreichen und ihn in einer noch traurigeren Nacht enden lassen, ohne Sinclair über einen Punkt aufzuklären, der in der neuen Stellung, die er Gilbertine und auch mir gegenüber einuahm, noch von einer gewissen Unklarheit umgeben zu sein schien. !2sts es mir daher gelungen war, ihn aufznfinden, redete ich ihn an und ohne die förmlich« Verbeugung zu beachten, tnit d?r er jede vertrauliche Mitteilung abzuwehren suchte, sagte ich:
Die Zeit ist zwar nicht gerade sehr günstig gewählt, um dich mit meinen persönlichen Angelegenheiten zu belästigen, aber ich kann es nicht über nlich bringen, dir nicht mitzuteilen, daß die Mißverständnisse zwischen Dorothea und mir aufgeklärt und beseitigt sind, und daß der Tag nicht mehr fern ist, an dem wir uns heiraten werden!
Er warf mir einen ernsten Blick zu, in dem die ganze Freude darüber lag, daß er seinen Freund wieder gefunden habe. Dann drückte er mir warnt die Hand und sagte beinahe mit der alten Innigkeit:
Du Verdienst das ganze Glück, das dich erwartet. Das- meinige ist dahin; aber wenn ich es wieder erobern kann, werde ich es tun. Darauf verlaß dich, Worthington!
Und darin, fügte ich mit Wärme bei, wirst du auch Erfolg haben!
Der Coroner, der Viel vom Leben und der menschlichen Natur kennen gelernt hatte, verfuhr ist Ifcier Untersuchung, die er anzusteKen sich verpflichtet hielt, mit großer Umsicht und Verschwiegenheit. Er stellt fest, daß Frau Lansing ihren Tod durch Vergiftung gefunden habe; daß das Gift aus einem Juwel stammte, das ihrer Nichte gehörte, und daß ihre Nichte ein Vorwurf treffe. Da jedermann, der mit den Gewohnheiten Frau Lansings vertraut war, sie eines solchen Vergehens wohl für fähig hielt, wurde das Verdikt ohne Widerspruch und Kommentar ausgenommen; und so war der innerste Kern dieser Tragödie vor jedem unberufenen Auge für immer verhüllt.
Als wir im Begriff waren, Newport zu verlassen, kam Sinclair auf mich zu.
Ich habe Gründe zur Annahme, sagte er, daß die Eröffnung von Frau Lansings letztem Willen Ueberraschungen bringen wird, nicht nur für ihre Nichten, sondern auch für die Welt im allgemeinen. Ich gebe dir den Rat, deine Verlobung öffentlich anzukündigen, ehe mir New Jork erreichen.
Ich folgte diesem Ratschläge. Wenige Tage später verstand ich, warum er mir ihn gegeben hatte. Das große Vermögen, das diese Frau htnterlasseu hatte, war Dorothea vermacht worden; Gilbertine dagegen bekam nicht einen Heller!
Wir haben nie in Erfahrung bringen können, was Frau Landing dazu veranlaßt hatte. Gilbertine war stets als ihre Erbin betrachtet worden, weil sie sie ja selbst als solche bezeichnet hatte. Das Testament war jedoch schon vor Jahrett abgefaßt worden, lange bevor eine der beiden Nichten nach New Jork zu Frau Lansing kam. Offenbar hatte sie es — wenigstens wenn es ihr mit ihrer Behatiptung ernst war — zwar noch zugunsten Gilbertinens abäuderu wollen, war aber nicht mehr dazu gekommen.
Was die Welt am meisten in Erstaunen versetzte, wär, daß sie der einen alles, der andern gar nichts hinterließ. Die einzig mögliche Erklärung dafür — und zugleich dafür, daß sie Dorothea den Vorzug gegeben — war die Zuneigung, die sie für Dorotheas Mutter gehegt haben sollte, oder vielmehr die Abneigung gegen Gilbertines Mutter. Wer weiß, ob diese Erklärung richtig ist? Aber wie dem auch sein möge, diese Bestimmung über ihr Vermögen versetzte die arme Gilbertine in eine sehr unvorteilhafte Lage. Oder vielmehr wäre dies eingetreten, hätte ihr nicht Sinclair mit einer Gewandtheit, die seiner Liebe ebenbürtig war, bewiesen, daß ein öffentlicher Bruche in ihren Beziehungen bei den obliegenden Verhältnissen seinen guten Ruf und seine Selbstlosigkeit ernstlich gefährden müßte. So sicherte er sich die Gelegenheit, ihr seine Liebe zu beweisen. Dies endete — wie es tnt Leben oft so geht — mit einer neuen Verlobung. Dieses Mal wurde ihre gegenseitige Liebe durch keinen Schatten mädchenhaft rvman- tischer Schwärmerei getrübt; das sah jedermann ein, der den beiden zusammen begegnete: Aber wie im einzelnen die Sache verlief, bis dieses'schwer erringbare Herz schließlich seine wahre Bestimmung erfuhr, das habe ich erst später gehört, und zwar aus Gilbertines eigenem Münde.
Ich war seit einigen Monaten, sie seit einigen Wochen verheiratet, als wir uns zufällig einmal trafen. Augenblicklich, als habe sie auf diese Gelegenheit gewartet, wandte sie sich mit dem schönen Lächelte an mich, das sie seit dem Tag schmückte, wo ihr neues Glück erblühte, und sagte:
Sie haben mir einmal einen sehr guten Rat gegeben, Herr Worthington; aber ihm bin ich nicht gefolgt, als ich mich von der Aufrichtigkeit von Herrn Sinclairs Neigung überzeugte. Es geschah bei einer kürzen Unterredung, die wir am Tage hatten, wo der letzte Wille meiner Tante


