Ausgabe 
18.12.1912
 
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Das Amethyst-Fläschlein.

Eine Erzählung von A. K. Green.

(Nachdruck verbaten.)

(Schluß.)

Gilbertiue, bat ich, als sie nunmehr auf die Klinke drückte, ans der bis jetzt ihre Hand geruht hatte, gehen Sie nicht weg, ehe ich Ihnen noch ein Wort sage: ein junges Mädchen kennt nicht immer die Wünsche seines eigener! Herzens, lind die Wahrheit über die äußeren Umstände haben Sie nun auch erfahren. Der Mann, den Sie ver- schmäht haben, besitzt eine Goldseele, wie Sie unter Tansen- oen kaum eine finden. Lassen Sie sie nicht von Ihnen gehen! Eine solche Liebe schenkt das Leben einem Weibe nur eilt einziges Mal.

Ich weiß es, murmelte sie und ging zur Türe hinaus.

Ich dachte, sie sei schon fort und stieß einen tiefen Seufzer ans, den ich schon lange in der Brust gefühlt hatte, da hörte ich plötzlich von außen her noch die Worte flüstern:

Ooffnen Sie rasch die Fensterläden! Dorothea kommt! Ich will sie so lange aufhalten!

Eine Stunde war verflossen, wo für mich die Sonne meines Lebensglückes in vollem Glanze aufging und Doro­thea und ich endlich jedes Mißverständnis beseitigten, das zwischen uns lag. Wir saßen Hand in Hand in jenem kleinen Boudoir, als sie mir plötzlich ihr liebes Gesicht zuwandte und lächelnd bemerkte:

Sind wir nicht schreckliche Egoisten, so dazusitzeu und uns um Niemand außer uns zu kümmern? Aber Gilbertiue bestand darauf. Weißt du, mit was sie jetzt beschäftigt ist? Sie hilft der alten Frau Cummings und spielt mit dem kleinen Kind von Frau Barnstable, während ihre Zofe die Koffer packt. So wird sie sicher den ganzen Tag arbeiten und dazu noch das freundlichste Lächeln zur Schau tragen. Oh, sie besitzt doch einen glücklichen, einen idealen Cha­rakter. Ich glaube, wir brauchen uns nunmehr keine Sorge um ihre Zukunft mehr zu machen.

Da ich nicht gerne über Gilbertiue redete, selbst mit Dorothea nicht, gab ich keine Antwort. Mer sie war allzu sehr mit diesem Thema beschäftigt, als daß sie es hätte fallen lassen mögen. Ich glaube, sie wollte ihr Herz ein für allemal von all dem erleichtern, das es betrübt hatte.

Der Tod unserer Tante, fuhr sie fort, wird eine Be­freiung für sie sein. Ich glaube nicht, daß du vdev sonst irgend jemand in diesem Hause dir vorstellen kannst, welche Bevormundung die Tante Hannah auf jeden ausübte, der in ihren Machtbereich kam und stets um sie sein mußte. Es wäre gauz das nämliche gewesen, hätte sie, statt reich und unabhängig zu sein, eine bescheidene, ja unselb­ständige Stellung eingenommen. In ihrem kalten Cha­rakter wohnte eine Herrschsucht, der sich uiemand entziehen konnte. Du lveißt ja, tote ihre Freunde, trotzdem ver­

schiedene von ihnen ebenso begütert und einflußreich waren, wie sie selbst, sich ihrem Willen unterordneten und ihr Unterwürfigkeit bezeigten. Was konnte man dann anderes von uns zwei armen Mädchen verlangen, die in allem', was sie besaßen und genießen durften, von ihr abhängig waren? Gilbertiue konnte trotz ihres Mutes der Tante Hannah nicht trotzen, und ich bemühte mich, überhaupt keine Wünsche zu äußern. Wäre dem anders gewesen, hätten wir statt einer Tyrannin eine Freundin in der Frau gefunden, die uns eine Heimat bot, so hätte Gil- bertine wahrscheinlich ihre Gefühle mehr zu zügeln ge­wußt und mehr für die Wirklichkeit übrig gehabt. So aber zog sie sich in die Welt ihrer romautischen Träu­mereien zurück. Dies war ihr ein Bedürfnis, um ihre natürlichen Neigungen verbergen zu können. Und so ge­lang es ihr auch, im Hause und vor der Welt den An­schein zu erwecken, als ob sie mit ihrer Stellung als Braut befriedigt sei, die doch gerade deu Anlaß zu ihrer Mut­losigkeit und unbeschreiblichen Verzweiflung bildete. Ihre Achtung vor sich selbst hatte tief gelitten. Sie fühlte, daß ihr Leben eine Lüge sei, und die Folge davon war, daß sie sich selbst verachtete.

Du findest vielleicht, daß es nicht recht von mir war,- ihr meine Zuneigung zu dir nicht zu gestehen, insbeson­dere nach den Worten, die du mir an jenem Abend im Theater ins Ohr flüstertest. Ich beging auch in der Tat einen Fehler. Das sehe ich jetzt ein. Sie besaß in Wirk­lichkeit mehr Charakterstärke, als ich ihr zutraute, und hätte ich damals entschlossener gehandelt, so wären wir alle von den schrecklichen Vorkommnissen dieser Nacht ver­schont geblieben. Mer ich war schwach und hatte Angst. Ich hielt dich zurück und ließ zu, daß sie sich selbst und damit auch Herrn Sinclair betrog. Ich dachte, wenn sie einmal verheiratet wäre und sich in ihrem eigenen Heini befände, würde sie ihre Schwärmerei leicht vergessen, und war überzeugt davon, daß ihr all das bald, sehr bald nur noch wie ein unruhiger Traum Vorkommen würde. Ich selbst hatte allen Grund zu dieser Hoffnung. Sie legte das natürliche Interesse einer jeden Frau für ihre Aus­steuer und die Pläne zu ihrem neuen Haus an den Tag: aber als sie erfuhr, daß du Herrn Sinclairs. besten Freund seiest, empörte sich ihr ganzer weiblicher Instinkt, und es kostete sie ihre ganze Selbstbeherrschung, nicht der -Tante und dem Liebhaber ein lautes trotziges Nein ins Gesicht zu schleudern. Bon diesem Augenblick an wurde ihre Stimmung immer düsterer, bis sie sich zu einer wahren Verzweiflung steigerte. Im Salon, im Theater zwar war sie das glänzende Mädchen, das alle bewunderten und viele beneideten: aber nachts in meinem Zimmer vergrub sie ihr Antlitz in meinen Kissen und sprach vom Tode, so daß ich unäblässig mich in Schrecken und Furcht befand. Weil sie aber immer vergnügt aussah und vor den anderen lachte, setzte ich vor der Welt dieselbe Maske auf und lachte ebenfalls. Wir fühlten, daß man das nicht ß,n-