Ausgabe 
18.11.1912
 
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Kinder, hellten Hunde und bei jedem Schritt wirbelte der Sand auf, der berüchtigte, und lagerte sich über alles, wie eine leichte Dunstwolke. Im Gasthaus spielte eine Militärkapelle tausendmal gehörte Weisen, itub das Klappern von Gläsern und Tassen tönte als Leitmotiv dazwischen hervor.

Heute nun ein ganz anderes Bild! Die paar Menschen vor uns, wie Schemen hergleitend, der Staub niedcrgebändigt von der Feuchtigkeit, alle zerstreuten Papiere mitleidig von Dämme­rung und Nebel verhüllt. Auch das Restaurant zeichnet sich nur undeutlich ab in den: rieselnden Nebel, und von seinen 'Geräuschen dringt heute keines heraus in die Ruhe.

Die letzten Regenwanderer verschwinden hier, sie geben den Kampf auf, die Wärme siegt, Aber wir dringen mutig weiter, Überschreiten die Landstraße, einige Schritte durch den Wald, dann sind wir am Grunewaldsee. Er, auch int Sommer vornehm ruhig, hat jetzt einen eigenen Reiz. Hebet seinem Wasser wogt ein leichter Schleier und die grüne Wand der Kiefern vom ren- seitigen Ufer hebt sich nur ganz geheimnisvoll darunter ab. Man hört keinen Schritt und keinen Laut; und das sanfte, rieselnde Niedersprühen des Nebels zwingt alle Gedanken zur Ruhe. Man mag nicht sprechen und nicht denken, sondern läßt sich einlullen von diesem Rieseln.

Der schlichte, trotzige Schattenriß des Jagdschlosses Grüne­wald tritt gespenstisch aus dem Nebel hervor. Ah, das ist das Schloß des Nebelkönigs, der jetzt hier gebietet; seine Töchter hat er ausgeschickt, daß sie über dem Wasser und zwischen den Bäumen ihren Tanz weben, und alle skeptischen Menschenkinder, die vorbei kommen, in ihren Schleier hüllen und sie so in ihren Bann ziehen. So können auch wir ihnen iricht entgehen.

Und unter diesem Bann gehen wir immer weiter, durch Wald, dannKrumme Lanke" Onkel Toms Hütte mit ihrer Wärme und ihrem Licht lockt uns nicht von unserem schweigsamen Weg ab. Der schmale Pfad geht direkt am Wasser her, da mit leisem Aufschluchzen am Ufer heranfschlägt, bis vor unsere Füße; links ist Gebüsch, das uns ab und zu streift. Und wie manchmal ein dürres Blatt sich löst und langsam zu Boden sinkt, so fallen auch ab und zu die Worte von unseren Lippen. Aber der Ton der eigenen Stimme klingt wie aus weiter Ferne an unser Ohr, und die Seele weiß nichts von dem, was der Mund spricht. So sind wir schweigsam, auch wenn wir reden.

Es ist völlig dunkel, als iqir Schlachtensee erreichen. Wir erfassen gerade einen Zug. Berlin umfängt uns wieder, ehe wir es noch recht wissen.

Allmählich weicht der Bann, denn vor dem grellen Licht und dem Lärm zerreißt der Zauberschleier der Nebelprinzessinnen.

Und dann stehe ich in meinem Zimmer und Licht, Wärme und meine Bücher dringen allmählich wieder in mein Bewußtsein ein.

Ein paar Fetzchen aber von dem Zauberschleier blieben doch haften, das sind die Erinnerungen an jene Märchenstunden, und diese Erinnerungen sind unzerstörbar.

Hanna Bauer -Gießen.

Anzefgesucht.

Oberlandesgerichtsrat Mayer in München, der als Derhand- lungsleiter sich schon aus dem Harben-Prozefse her eines besonders guten Namens weit über Bayern hinaus erfreut, sendet beutKnnst- wart" undKnltnrivart" < Halbmonatschau für Ausdrucksknltnr auf allen Lebensgebieten, Verlag von Georg D. W. Callwey tit München) aus feiner Erfahrung heraus die folgende, wie uns scheint, sehr zeitgemäße Anregung:

Man beklagt alsStrafsucht", daß in Deutschland viel zu viel gestraft und geahndet werbe. Ob mit Recht, ist eine ftrage für sich. Ich möchte heute nur daraus Hinweisen, daß die Münze auch eine Kehrseite hat: Die Anzeigesucht. Zweifellos würde weit weniger gestraft werben können, wenn nicht so viel angezeigt würbe. Das peinliche Gerechtigkeitsgefühl, bas in unserem deutschen Blute schläft, und das wohl so ziemlich jeden von uns beseelt, läßt uns doch vielfach weit schneller und weit lauter nach dem strafenden Arme rufen, als dies vielleicht nach bet Art des verübtenFrevels" bei mehr ruhiger Ueberlegung geschehen würde. Die setzt aber leider meist erst bann ein, wenn das Rad ins Rollen gekommen und nicht mehr aufzuhalten ist.

Man kann die Richtigkeit dieser Beobachtung bei kleinen, eher komischen als ernsten Vorfällen an sich selbst und anderen erproben. Nehmen wir an, wir sitzen in einem Wagenabteil eines Eisenbahtt- zuges, in dem das Rauchen untersagt ist. Nun soll ja durchaus nicht etwa dem Rauchen am verbotenen Orte das Wort geredet fein. Ist es aber nicht doch beinahe erheiternd, zu sehen, daß im selben Augenblick, in dem irgend ein des Verbotes Unbewußter feine Zigarre ansteckt, mit fast unfehlbarer Sicherheit die Augen sämt­licher anderer Wagengenossen zwischen dem Schwerverbrecher und der Verbotstafel unruhig und rachelüstern hin und her zu wandern beginnen? Und nicht eher schwindet häufig die Unruhe, als bis irgendwer, und oft gerade einer, der sich vielleicht am liebsten selbst eilte Zigarre anzünben möchte, das Zugspersonal aufmerksam ge­macht und den Sünder so wenigstens durch eine Rüge seitens des Beamten einer gewissen Ahndung ausgeliefert hat.

In wie viel tausend Fällen, wo man mit einem freundlichen Wort eine geringfügige Uebertretung abstellen könnte, verleiten Uebereirer, Geschäfti keit, Wichtigtnerei ober auch nachbarliche Gereiztheit, versteckter Neid, verhohlene Schadenfreude verleitet das Behagen an der kleinen Unannehmlichkeit eines Dritten Leute, die gar nicht dienstlich dazu genötigt und die nicht geschädigt sind, zum Anzeigen von Dingen, die sich auf anderem Wege viel rascher, ein­facher und ohne Bloßstellung des lieben Nächsten abstellen ließen! Tie Behörde, die einmal verständigt ist, kann zumeist gar nicht ver­mitteln. Sie muß eingreifen sie muß strafen. 8lb er wir selbst haben andere, sanftere Büttel in Händen. Wie oft sind es nicht reine Formalvoischriften, die ohne jede böse Absicht übertreten werben, Kleinigkeiten, bie den großen Apparat gor nicht ver­dienen, der ihrethalben in Bewegung gesetzt werden muß! Und wie häutig überführt sich einer der vorschnellen Anzeiger später selbst der eigenen lieber eiluug durch das Geständnis:Ja, wenn ich gewußt hätte, baß das solche Scherereien macht, hätte ich lieber keine Anzeige erstattet!"

DieStrafsucht" wirb nachlassen, wenn dieAuzeigesncht" sich mindert. Wilhelm M aye r.

Viichertisch.

Friedrich Nietzsches Werke beginnen soeben in einer Lieferungsausgabe zu erscheinen. Diese umfaßt 44 Lie­ferungen zu 1' Mark, von denen alle 14 Tage eine Lieferung aus­gegeben wird. Die ersten Lieferungen enthalten die Schriften des jungen Nietzsche, aus der ersten Zeit seiner Dozenten- tätigkeit in Basel, des schaffensfreudigen Gelehrten, der in den Griechen ein Volk mit vorbildlicher Kultur sah, das noch immer befruchtend auf unsere Lebensgestaltung einwirken kann, der in Schopenhauer seinen philosophischen Wegweiser und in Richard Wagner den Genius verehrte, der feine künst­lerische Sehnsucht durch schaffende Tat voll befriedigt. Aber wenn es auch die Gedankenwelt des jungen Nietzsche ist, so ist es doch eben Nietzsche. Die Grundansichten des ausgereiften Denkers wer­den schon sichtbar, wenn auch noch in einer Verpuppung. So ist es schon ganz späterer Nietzsche, wenn als Glaubens­bekenntnis in der Antrittsrede überHomer und die klassische Philologie" der Satz formuliert wird:philosophia facta oft quac Philologin fnit". DieGeburt der Tragödie" enthält mit ihr^m Antiintellektiialismus bereits die Fundamentalanfchauung Nietzsches vom höheren Werte des Instinktiven, Unbewußten gegen­über der Bewußtheit. Die VorträgeU eher bie Zukunft unserer Bildungsan st alten" eine Schrift, die noch immer als hochmodern bezeichnet werden muß, weil sie einen Standpunkt vertritt, der jetzt allmählich erst der allbeherrschende wird legen in überaus anmutiger, fesselnder Form die wesent­lichen Ansichten Nietzsches über Bildung und Erziehung dar, die der Hauptsache nach später unverändert geblieben sind. Tas zum großen Teil buchmäßig aiisgesührte FragmentD i e Phi­losophie im tragischen Zeitalter der Griechen" ist deshalb hochinteressant, weil Nietzsche damit, was er an den altgriechischen Denkern hervorhebt, die Form der Lebensführung skizziert, die er früher ersehnt und später tatsächlich verwirk­licht hat. Die Abhandlunglleher Wahrheit und Lüge im außer moralischen Sinn" vertritt bereits Anschau­ungen, die vollkommen in die Gedankenkreise desJmmvralisten" desUmwerters aller Werte" hineinpassen. So ist dieser An­fang in mehrfacher Hinsicht geeignet, auch den Anfang für da8 Studium von Nietzsches Werken zu bilden: er weckt das sym­pathische Interesse für die Persönlichkeit und bereitet auf die Gedankenwelt des gereiften Denkers vor.

Rudyard Kipling, Puck, Geschichten aus alten Tagen. Mit zahlreichen Illustrationen. Einzig be­rechtigte Uebertraguug von Pros. Tr. E. Rosenbach. (Vita, Deutsches Verlagshaus, Berlin-Ch.) In naiver und doch pracht­voll anschaulicher Art wird in diesem Buch die vorgeschichtliche Zeit des ehemaligen sagenhaften Nordlarrd vorgeführt. Dem Er­wachsenen bietet das Werk einen hohen ästhetischen Genuß, ein fein satyrisches Vergnügen, dem Kind, auch dem reifen Alters, aber ebnet es die Wege zur geschichtlichen Erkenntnis.

Uapsel-Nötsel.

Bernstein, Zigarrenkiste, Reifender, Wanderer, augenblicklich, Rhederei, Hungersnot, Verschivendnug, Indigo, Habseligkeit.

In vorstebenden Wörtern ist der Reihe nach je eine Silbe eines Zitates ans SchillersWallenstein" enthalten.

Auflösung in nächster Nummer.

Auslösung des magischen Quadrats in voriger Nnnnner;

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Redaktion: K. Neurath. Rotationsdruck und Verlag der Brühllschen Universttäts-Buch- und Steinbruckerei, R. Lange, Gießen.