Ausgabe 
18.7.1912
 
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lischen Gottesdienstes und Kultus zunächst nur da, wo es von der Bevölkerung ausdrücklich verlangt wurde, itnb auch da noch sehr zurückhaltend und mit der ausdrücklichen Anordnung, daß die katholischen Priester in der ferneren Aus­übung ihrer Funktionen nicht gestört und Niemand zur An­nahme des evangelischen Glaubens genötigt werden sollte. Auch später, als er auf das Drängen der evangelisch Gesinnten hindie Meßpriester hie und ha abschaffte", wie der damalige Ausdruck War, erlaubte -er den katholisch Gesinnten auf ihre Kosten sich eigne katholische Seelsorger zu halten und räumte ihnen Kirchen ein. Zu einer allgemeinen Anstellung evangelischer Pfarrer im ganzen Stift kam es schon deshalb nicht, weil es an den nötigen evangelischen Predigern sehlte und weil an manchen Orten die seit Balthasars Gegenreformation schon int zweiten Gliede katho­lischen Stiftsgemeinden (wie z. B. Fulda und Herbstein) sich in­zwischen an den katholischen Zustand gewöhnt hatten und, nach Auswanderung der treu gesinnten Evangelischen, eine Aenderung ihres Bekenntnisstandes nicht mehr begehrten. Dazu kam, daß übereifrige, Unterbeamte des Landgrafen manche Mißstimmung hervorriefen und daß vor allem die Bevölkerung der Abtei sehr gegen den protestantischen Landgrafen erbittert wurde durch die drückenden Kriegssteuern, die er wie überall in seinem Lande so auch im Stift Fulda erheben mußte, und die, tote man vermutete, sogar nicht einmal alle in den Säckel des Landgrafen geflossen sein sollen. Angesichts der dadurch hervorgerufenen Verbitterung der Bevölkerung gegen die protestantische Regierung befürchtete schon im Januar des Jahres 1634 der Hofprediger und Super­intendent Neuberger prophetischen Geistes eineseltsame Kata­strophe"?) Sie kam noch tn demselben Jahre 1634, als durch die für die Schweden unglückliche Schlacht bei Nördlingen das Uebergewicht der katholischen Waffen in Deutschland wieder hergestellt wurde und Landgraf Wilhelm infolgedessen die Oberhoheit über das Stift Fulda wieder auf­geben mußte. Ter 1633 in Köln gewählte neue Fürstabt Johann Wolf von Hoheneck konnte am 2 4. Dez em - ber 1 6 3 4 durch die Kroaten in sein Stift ein­geführt werden. Unterstützt von der katholischen Bevölke­rung, welche durch die Kriegssteuern aufgebracht war, konnten die neuen Herrn die vom Landgrafen eingesetzten evangelischen Pfarrer und ihre Anhänger wieder aus dem Lande jagen. Nur in den ritterschaftlichen Patronats Pfarreien kon- ten sich die Evangelischen mit ihren Pfarrern be - h au pt e n. Aber auch sie hatten noch manche schwere Heimsuchung bis zum Ende des Krieges zu erdulden. Zwar wurde Abt Hoheneck bald wieder durch die Niederhessen aus Fulda vertrieben und starb zu Hammelburg, aber sein Nachfolger Georg von Neu­hof (163544) brachte mit Hilfe der Kroaten die Verhältnisse in der Abtei wieder auf den alten katholischen Stand und suchte, so lange er re« gierte, die prote st antische Ritterschaft und ihre Untertanen heim durch räuberische Einfälle, die von Fulda, Herb st ein und den andern festen Plätzen des Stifts.aus die kroatischen und fnl - dischen Soldaten in die evangelischen Dörfer der Nachbarschaft unternahmen. Dazwischen hatten die landgräflichen und ritterschaftlichert Dörfer und Städte im öst­lichen Vogelsberg und auch Herbstein viel unter den verheerenden Wirkungen des Bruderkrieges zwischen Hessen-Darmstadt und Hessen-Kassel zu leiden. Als Evangelische wurden sie von den suldischeu und kaiserlichen Soldaten und als D a r m st ä d t e r von den Niederhessen gehaßt und mißhandelt. Tie kaisertreue Politik ihres Landgrafen hatte sie in ein böses Kreuzfeuer gebracht. Was den Niederhessen und Kroaten entging, das fiel dann oft noch durchziehenden Räuberbanden und Marodeuren in die Hände, die mordend, plündernd, sengend, brennend, schändend und ver­heerend durch die Lanoe zogen. Von 16341648 haben die Dörfer int östlichen Vogelsberg unaufhörlich unter dem Kriegs­verderben auf das Entsetzlichste leiden müssen. Wir werden dar­über noch einiges erzählen. Ganze Törfer wie z. B. Eudorf, Grebenhain und wahrscheinlich damals auch das später nicht wieder aufgebaute Oberndorf bei Herbstein gingen in Flammen auf. Die in der langen Kriegszeit verwilderte Soldateska machte schon lange keinen Unterschied mehr zwischen Freund und Feind und führte Krieg gegen alle, bei denen noch etwas zu holen war. Tie Hessentrommel erweckte, wo sie gehört wurde, denselben Schreck und dasselbe Entsetzen tote die Kroatentrommel. Unsere Kinder ijngen heute noch spielend:

Rumpete, pumpete pum, Hüt' dich, Bauer, ich kurnM: Ich nehnr dir Küh' und Kälber weg Und sag dir nicht warum."

Aber damals war's blutiger Ernst. Und glücklich, wer bloß mit dem Verlust seiner Kühe und Kälber davon kam! Zu be­neiden war, wer nicht schwereren Verlust und Schaden an Ge-

!) Vgl. zu den Ausführungen dieses Kap. Tr. Brunner, die kirchl. Verwaltung der Abtei Fulda usw. in Beiträge^ z. hesi. K. G. Bd. I, Heft 4, S. 344 ff. Chronik des Gangolf Hartung, Heransg. v. Gegenbanr, Fnld. Gymnasialprogramm 1863 und die bereits angeführten Monographien von Komp, Eglossitern u. a.

sundheit, Leben und Ehre beklagen hatte! Wers Wache» wnnte, verlteß Haus und Hof, um in den festen Plätzen Alsfeld/ Romrod, Lauterbach, Eisenbach, Stockhausen und Gelnhausen das nackte Leben zu fristen. Zeitweilig waren die Flüchtlinge da so zusammengedrängt, daß sie in Heu Stuben knapp nebeneinander stehen, geschweige sitzen oder liegen konnten. Mehr als einmal mußten unsere Voreltern mitten im Winter in die Wälder flüchten, wo viele, jung und alt, durch Hunger und Kälte elend umkamen. Was Hunger und Kälte und Feindeshand verschonte, das siel dann ost noch dem Hungertyphus und der entsetzlichen Pest zuM Opfer. Ganze. Familien, Gehöfte und Ortschaften starben aus« Ihre Güter blieben wüst liegen oder kamen an ihre Gläubiger. Für ein Stück Brot konnte einer einen Acker haben, und wer noch Geld genug hatte, um die auf den Grundstücken haftenden Abgaben, Steuern und Ktiegskontributionen zu bezahlen, der konnte ein großer Grundbesitzer werden. So groß war das Elend, daß das Volk es gar nicht glauben wollte, als 1648 die Kunde kam, daß die kriegführenden Parteien, des Haders und Jammers müde, endlich zu Münster und Osnabrück Frieden g e- schlossen hätten. Umso größer war die Freude, als die Knude sich bestätigte und bekannt wurde, daß man im Friedensvertrage ausgemacht hatte, daß das ins reformandi der Landesherrn und der Grundsatz cuius regio, eins religio nicht mehr gelten sollte» und daß künftig niemand mehr in deutschen Lan­den um seines Glaubenswillen verfolgt und zu! einem andern Bekenntnis gezwungen werden! dürfe. Es hat unser Volk viele und schwere Opfer gekostet/ bis die Machthaber zu diesem Schlüsse gekomwen waren. Aber die nun nicht bloß den Reichsständen, sondern auch dem ein­zelnen Untertanen garantierte Glaubens- und Ge­wissensfreiheit ist ein so hohes Gut, daß fern Gewinn auch mit diesen schweren Opfern nicht zu teuer bezahlt ist. Aller Fortschritt der Kultur und Wissenschaft, der Bildung und Gesittung, des Wohlstandes und Glückes, dessen unser Volk seit dem großen "Kriege sich erfreuen durfte, be­ruht auf diesem schwer erkämpften Grundsätze! derGewissensfreiheitunddergegenseitigenAch- tung und Duldung in Sachen des Glaubens und des Gewissens. Auch der Streit über den äußeren Rechts- bestaud der verschiedenen christlichen Konfessionen wurde im west­fälischen Frieden dahin geschlichtet, daß man das Jahr 16 2 4 als Normaljahr aunahm. Damit erhielt in den unmit­telbar dem Abte unter st ehenden Pfarreien wie Herbstein, Fulda, Salzschlirf, Großenlüder die katholische Konfession und in den landgräslichen und rtkter- schaftlichen, insbesondere auch in den Riedesel- schen und Görz'scheu Pfarreien, die evangelische Konfession den dauernden gesetzlichen Bestand/ dessen sie sich heute noch erfreuen. Nur zwei Mächte gibt es in der christlichen Welt, die die Errungenschaft des west­fälischen Friedens in Hinsicht auf den Grundsatz der Gewissens­freiheit und Duldung in Sachen des Glaubens und Gewissens bis heute nicht anerkannt haben und ihr in Theorie und Praxismit groß.Macht und viel List" entgegen arbeiten: Das Papsttum und der Jesuitenorden. Möge unser Volk aus der mit Tränen und Blut geschriebenen Geschichte des dreißigjährigen Kriegs die Mahnung . für die Gegenwart und Zukunft schöpfen:Halte, was du hast, daß niemand deine Krone nehme!"

Trinken und Durften.

Mensch und Tier lechzt in der Siedehitze dieses Somwers nach dem erquickenden Tranke, und wer nach ermüdendem Marsche in der Sonnenglut endlich kühles Wasser erhält, trinkt und trinkt, bis endlich das Durstgefühl verschwunden ist. Warum aber trinken wir eigentlich int Sommer mehr als sonst? Die Antwort, weil wir durstiger sind, sagt recht wenig denn waS ist eigentlich Durst? Die Psychologen rechnen den Durst zu denGemein­gefühlen"; aber worin er eigentliche besteht, kamt niemand er­schöpfend beantworten. Wahrscheinlich gibt es überhaupt zwei' Arten des Durstes, von denen die eine ihren Sitz in Mund und Schlund, die andere den ihren im' ganzen Körper hat. Man trinkt, um das trockene Gefühl in Mund und Kehle zu beseitigen. Dazu braucht man aber eigentlich nicht zu trinken, denn Ausspulen und Gurgeln mit kalter, am besten etwas säuerlicher Flüssigkeit tut die gleichen Dienste. Man muß aber auch trinken, um bte Wasseraufnahme und -abgabe des Körpers zu regeln. Wenn man im Sommer mehr schwitzt, also mehr Wasser abgibt, muß das richtige Gleichgewicht wieder hergestellt werden, wenn ntcht ein äußerst unbehagliches Gesühl eintreten soll. Es handelt sich dabet iricht nur um den .Ersatz des verdunsteten oder anders ausge­schiedenen Wassers, sondern auch um die Konzentration der Flüssig- keiten des Körpers. 'Ein unbehagliches, psychologisch als Durff gedeutetes Gefühl stellt sich ein, wenn sie zu konzentriert sind, aber auch der entgegengesetzte Zustand ist unangenehm'. Ist man etwa sehr durstig und trinkt nun große Mengen Wasser, so werd nach kurzer Zeit eine Verdünnung der Flüssigkeiten des Körpers etw- treten, und die Folge ist, daß man sich schlaff fühlt. Hiernach