Ausgabe 
18.7.1912
 
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Mer das wenige, das' er verraten, beunruhigte die Gräfin mehr als er ahnte. Wenn sich ihr Verdacht auch noch nach keiner bestimmten Richtung hin erstreckte, so sah sie aus den Worten ihres Mannes doch, daß irgendwo Irgend etwas nicht stimmte, daß ihr Mann mit dem Baron ein Geheimnis hatte, daß er zum Schweigen verpflichtet war! '

Das ging aber unter keinen Umständen! Sie mußte hinter dieses Geheimnis kommen! In erster Linie war es natürlich ihre Neugierde, die sie dazu trieb, alles er­fahren zu wollen. Aber vor sich selbst nannte sie es anders: Stellung als Hausfrau Würde der Mutter Be­schützerin der Braut aus all diesen Tugenden heraus mußte sie erfahren, was los war.

Und je länger sie sich ruhelos in ihren Kissen hin und her warf, je mehr sie sich über die regelmäßigen Atemzüge ihres Eduard ärgerte, die' durch die nur angelehnte Tür des Nebenzimmers zu ihr drangen, je länger sie sich ver­gebens ihr Gehirn zermarterte, worauf sich die Worte ihres Mannesman kann noch ganz andere Dinge, wenn man will!" bezogen, um so fester stand ihr Entschluß, alles zu ergründen.

Aber tot e sollte sie das erreichen? Ihr Mann schwieg, wohl weniger, weil er dem Baron sein Wort gegeben hatte, als aus Furcht, sie zu erzürnen. Und der Baron sah nicht danach aus, als ob er sich ein Geheimnis ent­reißen ließe. Mit diplomatischer Schlauheit war bei dem nicht viel anzufangen; es gab nur ein Mittel, so ziemlich das älteste von allen. Aber da es sich schon millionenfach bewährt hatte, warum sollte es da nicht auch dieses Mal helfen?

So ließ sie denn am nächsten Vormittag den Baron in einer dringenden Angelegenheit zu sich bitten.

Wenig später erschien dieser.

Ritterlich küßte er ihr die Hand:Sie wünschen mich zu sprechen, Frau Gräfin? Ich stehe ganz zu Ihren Diensten."

Sie bat ihn, ihr gegenüber Platz zu nehmen, Und fah ihn dann lange prüfend an. Würde auch er auf den alten Trick hineinfallen, der schon gewiegte Diplomaten zum Sprechen gebracht hatte? Auf jeden Fall mußte es probiert werden, und so sagte sie denn: ' ,

Herr Baron ich weiß alles."

Aber wenn sie geglaubt hatte, der Baron würde ganz erschrocken zusammenfahren und sie verwirrt ansehen, dann irrte sie sich. So schlau sie es auch nach ihrer Meinung angefangen hatte, der Baron war doch noch schlauer. Der hatte diesen Augenblick erwartet; er hatte es schon gestern abend befürchtet, daß der Graf in seiner Sektlaune irgend welche Anspielungen machen und dadurch die Neu­gierde der Gräfin erwecken würde! Vielleicht war ihr auch wirklich das eine oder andere verdächtig vorgekom­men genug: er hatte geahnt, daß die Gräfin ihn holen lassen würde, und er hätte darauf geschworen, daß sie ihn mit den Worten begrüßte: ich weiß alles!

Und deshalb machten ihre Worte auf ihn auch nicht den allerleisesten Eindruck. Wenn sie wirklich alles wußte, dann würde sie ihm nicht so ruhig gegenübersitzen!

Ich weiß alles, Herr Baron," wiederholte sie noch einmal.Ich kenne das Geheimnis, das Sie mit meinem Mann haben. Er gab Ihnen zwar sein Wort, zu schweigen, und das hat er natürlich auch gehalten, aber aus seinen Aeußerungen habe ich doch alles erraten."

Auch darauf fiel der Baron nicht hinein. Wenn die Gräfin wirklich etwas wußte, dann würde sie ganz anders zu ihm sprechen! Aber trotzdem: wenn sie selbst so tat, als sei sie in alles eingeweiht, dann konnte er ja ruhig darauf eingehen, dann brauchte er selbst ja kein Geständnis abzulegen, und wenn sie dann später schalt, dann konnte er sagen:Aber Frau Gräfin, das haben Sie doch schon alles gestern abend gewußt warum regen Sie sich denn erst jetzt darüber auf?"

So sagte er denn:Wenn Sie denn doch alles mit -Ihrem Scharfblick erraten haben, so hat es keinen Zweck, weiter zu leugnen. Und deshalb gestehe ich es Ihnen 'offen ein: was Sie wissen, ist die Wahrheit."

In Wirklichkeit wußte sie gar nichts. Aber sie wollte es gerne wissen! Wie fing sie das nur an?!

>,Jch bewundere Ihren scharfen Verstand, Fräu Gräfin, Und fast noch mehr Ihre große Herzensgüte."

Wenn sie nur eine Ahnung gehabt hätte, wo rau? sich das bezog!

Es hat noch nie ein Mensch vergebens an mein Herz appelliert Gutes zu tun in Worten unb Werken, Liebe und Verständnis für alles zu zeigen, hielt ich von jeher für meine vornehmste Aufgabe."

Er küßte ihr von neuem die Hand:Ich danke Ihnen, Frau Gräfin."

So kam sie nicht von der Stelle, das sah sie ein. So richtete sie sich denn jetzt in ihrem Stuhl hoch auf:Kommen wir bitte zur Sache."

Gewiß, kommen wir zur Sache, das ist auch mir sehr lieb."

Die Gräfin spielte nervös mit ihrem Taschentuchi der Baron war ja verschlossener und verschwiegener als ein Grab der hätte Diplomat werden müssen.

Eine Zeitlang herrschte tiefstes Schweigen. Dann fragte die Gräfin mit beinahe zärtlicher Stimme:Und haben Sie mir gar nichts anzuvertranen, Herr Baron?"

Nichts, Frau Gräfin, nichts, wenigstens nichts, das Sie nicht schon wüßten."

So ernsthaft saß er ihr gegenüber spielte er mit ihr, oder war das sein wahres Wesen, das er zur Schau trug? Sie wurde nicht klug aus ihm.

Der Baron amüsierte sich köstlich über die Verlegen­heit, die ans ihren Zügen sprach, dann sagte er sich: auf diese Weise kommen wir nicht weiter; nun werde i ch einmal die Zügel der Staatsregierung in die Hand nehmen, dann wollen wir mal sehen, was dabei herauskommt!

So begann er denn:Und darf ich fragen, Frau Gräfin, wie Sie die Mitteilungen Ihres Herrn Gemahls anf- faßten? Daß Sie im ersten Augenblick überrascht waren, kann ich mir natürlich denken. Aber: offen und ehrlich gestanden, Frau Gräfin, bei aller Hochschätznng und Anerkennung Ihres Scharfblickes das hatten Sie denn doch nicht vermutet?"

Ein stolzes Lächeln umspielte ihren Mund:Doch, Herr Baron! Ich habe es gewußt ich habe es kommen sehen, und die Worte meines Mannes bewiesen mir nur, daß ich abermals mit meinen Vermutungen recht hatte. So schlau auch alles ausgedacht war mich täuschten die Herren doch nicht."

Das hätte ich denn doch nicht gedacht, Fran Gräfin," sagte er anscheinend voll ehrlichen Staunens,aber noch mehr bewundere ich Ihre Ruhe, mit der Sie trotz alledem diese Neuigkeit aufnahmen."

Ich war doch darauf vorbereitet, Baron, ich hatte doch Zeit, mich darein zu finden. Leicht wurde es mir natürlich nicht; aber wenn es sein muß, und es geht ja anscheinend nicht anders, dann muß 'ich mich eben darein fügen."

Ich beneide Sie, Frau Gräfin, um diese abgeklärte Ruhe des Stoikers, die aus Ihrer Musterung spricht! Wie dem aber auch immer sei auf jeden Fall hat Ihr Herr Gemahl Ihnen dadurch doch eine große Freude bereitet?"

Eine große Freude, Herr Baron; er ist ja die Güte selbst," sagte sie warm.AVer, um auf die Sache selbst zurückzukommen

(Fortsetzung folgt.)

Die Reformation und Gegenreformation in Herbstein und den ehemals lau-gräflichen und ritterschastlichen Orten der östlichen und südöstlichen vogelsvergr.

Bon Pfarrer Zinn in Herbstein.

(Schluß.)

12. Die weiteren Schicksale der Evangelischen im östlichen Vogelsberg während der zweiten Hälfte des dreißigjährigen Krieges.

Bei der Besitzergreifung hont Stift Fulda durch den evange­lischen Landgrafen Wilhelm von Hessen-Kassel hat es Niemand im Stift anders erwartet, als daß dieser evangelische Fürst nach damaliger Änschaimng und Rechtslage von demselben landes­herrlichen Reformationsrechte (ins reformandi) Gebrauch machen würde, von dem die katholischen Landesherrn seither überall Ge­brauch gemacht hatten, wo sie die Wacht dazu hatten. Zu ver­wundern war nur die schonende unb milde Art, wie dieser evan­gelische Fürst im Gegensatz zu der rücksichtslosen Art der katho­lischen Landesherrn, sein Recht handhabte. Er gestattete die An­stellung evangelischer Marrer und die Einführung des Wange-