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Sie üoir Gründingen.
Roman von Freiherr von Schlichte (Nachdruck verboten.) (Fortsetzung.)
Sie hntte sich mit dem Baron Verlobt, vielleicht aus einem Gefühl warmer Freundschaft heraus, vielleicht auf Wrängen der Eltern. Sie hatte sich mit einem anderen verlobt, während sie ihren Sohn noch liebte. Wie war es nur möglich, daß sie uicht gleich darauf gekommen war? Das erklärte ja alles! Die Scheu und die Verlegenheit, mit der sie den Eltern ihres Hans gegenübertrat, die warme Freundschaft, die sie gleich für, Alexa, _ seine Schwester, empfand, die Zurückhaltung, bte sie hier im Haus, in dem sie sich in kühnen Träumen vielleicht sogar selbst als Tochter gesehen haben mochte, zur Schau trug.
„Ich werde Hans morgen sehr energisch schreiben und ihm erklären, daß er bitter unrecht tut, so in der Welt herumzuflirten! Das ist seines Namens unwürdig; er kann da ein Unheil anrichten, das er vielleicht eines Tages vor seinem eigenen Gewissen nicht verantworten kann!"
Claire tat ihr aufrichtig leid. Für die Mutter war es ganz selbstverständlich, daß Claire ihren Hans leidenschaftlich geliebt hatte; denn nach ihrer Meinung konnte niemand ihrem Sohne begegnen, ohne sofort sein Herz an ihn zu verlieren. Und daß es Claire ebenso ergangen war, machte ihr das hübsche jnnge Mädchen noch sympathischer, und sie empfand aufrichtiges Mitleid mit ihr.
„Ich muß als Mutter an ihr gutznmachen versuchen, was Hans, wenn auch unbeabsichtigt, an ihr sündigte! Die Schuld hat er aber doch in erster Linie; denn daß (edes junge Mädchen den Wunsch und den Ehrgeiz hat, ferne Frau zu werden, ist selbstverständlich. Hans muß in Zukunft viel vorsichtiger werden, sonst sagt er vielleicht einmal irgend ein unüberlegtes Wort, bei dem ein anderes junges Mädchen, das weniger vornehm denkt, als diese schöne Claire, ihn leicht festhalten kann! Und dann wäre der Eklat fertig." ,
Und zu dem Mitleid Und der Teilnahme, dre sre dem schönen Mädchen entgegenbrachte, gesellte sich auch noch das Gefühl der Dankbarkeit, daß sie freiwillig auf Hans verzichtet, daß sie von selbst jeden Gedanken, ihn für immer zu gewinnen, aufgegeben und dadurch ihm und den Seinen große Unannehmlichkeiten erspart hattet--
So zog Tie denn plötzlich Claire an sich-und küßte fte — nicht, wie sie sonst zu küssen pflegte, auf die Stirn, sondern auf den Mund-.
Und sie nahm sich vor, noch am Abend vor dem Schlafengehen sehr ernsthaft mit ihrem Mann über Hans zu sprechen. „ m ,
Aber der war heute zu keinem ernsten Gespräch aufgelegt. Er hatte in seiner übermütigen Stimmung dem
Champagner reichlich zugesprochen und ein, vielleicht auch zwei Glas zuviel getrunken.
„9(6er Eduard, wie kann man nur," schalt die Gräfin.
„Ja, Konstanze, wie kann man nur?" fragte er zuruck. „Aber eins will ich dir unter dem Siegel der Berschwiegen- heit anvertrauen: man kann noch ganz andere Dinge, —! wenn man nur will."
Das klang so geheimnisvoll, daß sie ganz uberrafcht aufsah : „Was willst du damit sagen?"
„Ich? Sagen?" rief er erschrocken. „Ich sage gar nichts! Das habe ich dem Baron versprochen." .
„Was hast du ihm versprochen?"
Sie hatte keine Ahnung, um was es sich handelte; aber sie erriet natürlich gleich, daß die beiden Herren ein Geheimnis zusammen hatten.
Der Graf wurde plötzlich wieder nüchtern: „Was ich ihm versprach? Gar nichts. Warum sollte ich ihm auch wohl was versprochen haben?"
Die Gräfin trat näher auf ihn zu und sah ihm fest in die Augen: „Eduard, lüge nicht, das ist deiner unwürdig."
Er knickte förmlich in sich zusammen, dann aber richtete er sich um so stolzer auf: „Ich bin mein freier Herr — ich kann lügen, wenn ich will — ich kann nicht lügen, wenn ich nicht will —."
„Du irrst," sagte sie stolz, „lügen darf mau nie! Für jede Sünde gibt es ein Verzeihen, aber für das Lügen nicht! Also gestehe offen: um was handelt es sich?"
„Ich werd' mich hüten!" dachte er. „Gelogen habe ich ja doch schon, Verzeihung gibt es dafür nicht, da schweig' ich lieber, und ich muß ja auch schweigen, ich hab's dem Baron versprochen."
„Du siehst Gespenster, Konstanze, wo keine sind," sagte er endlich. „Hinter einer harmlosen Bemerkung witterst du Verrat, das ist deiner unwürdig."
Er war sehr glücklich über diese Wendung. 9lber leider verfehlte sie ihre Wirkung. Sie knickte nicht zusammen wie vorhin er, sondern .hob den Kopf noch höher: „Eine Gräfin tut nichts, was ihrer unwürdig ist, merke dir das, Eduard." , .
Wenn sie so zu ihm sprach, Mußte er immer an feine Dienstzeit zurückdenken. Er sah- sich als junger Leutnant auf dem Kasernenhof einem hohen Vorgesetzten gegenüber, und er glaubte dann stets den Schlußrefrain einer langen Strafrede zu hören, der da immer lautete: „Bitte, merken
■ Sie sich das, Herr Leutnant."
„Gute Nacht, Eduard."
Sie hielt es unter ihrer Würde, heute abend noch langer mit ihrem Gatten zu sprechen.
„Gute Nacht, Konstanze."
Er war froh, so billig davongekommen zu sein, und vor allen Dingen sein Geheimnis auch, in dieser ehelichen Zwiesprache gewahrt zu habeu!


