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— Leben in die Bude Bringen, — wenn das ibie Dienstboten hörten."
„Ja, du hast ganz recht," stimmte er ihr bei, „man soll sein ganzes Leben stets so einrichten, daß unsere Diener Nlit uns zufrieden sind. Aber im übrigen: wie denkst du über meine Idee?"
Zu seinem größten Erstaunen fand er seine Frau nicht so ganz seinem Vorschlag abgeneigt. Gräfin Konstanze war in ihrer Jugend selbst eine leidenschaftliche und hervorragende Reiterin gewesen, und so wußte sie selbst, daß ihren beiden Kindern in dieser Hinsicht noch viel zu lernen übrig blieb. Und wenn sie in Berlin im Tattersall ihren Töchtern zusah,_ hatte sie oft genug aus dem Munde der auf der Galerie herumstehenden Offiziere Aeußernngen über das Reiten ihrer Töchter erlauscht, deren Wahrheit sie sich nicht verschließen konnte, wenngleich diese sie natürlich empörten. Und ihre Töchter sollten in allem vollkommen sein. Wenn sie sich in Berlin oder sonst irgendwo zu Pferde zeigten, bann sollte alle Welt sie loben und bewunbern, aber keiner eine abfällige Bemerkung machen. So hatte sie auch schon in biesem Winter ihren Kindern Unterricht geben lassen, aber der hatte mehr darin bestanden, ihnen einige Untugenden abzugewöhnen, als sie aufs neue ganz in die edle Kunst des Reitens einzuführen.
So sagte die Gräfin denn nach kurzem Besinnen: „Ich kann die Idee nicht so ohne weiteres verwerfen, bitte, lies das Inserat noch einmal vor."
Das geschah, und die Gräfin nickte zustimmend mit dem Kopf. „Die Annonee gefällt mir — sie ist kurz, klar und bündig. Aber erkundigen müßten wir uns natürlich vorher. Ebenso müßten wir um Abschriften der Zeugnisse und um eine Photographie bitten."
„Ganz recht, Mama," stimmte Dagmar ihr lebhaft bei. „Ein Bild müssen wir unbedingt haben, wir müssen doch wissen, wie unser neuer Hausgenosse aussieht, um daraus wenigstens einigermaßen unseren Schluß ziehen zu können, wer und was er ist."
„Aber Dagmar," rief Alexa entsetzt, „ein adeliger Ka° vallerieoffizier a. D. ist doch kein Dienstmädchen und kein Diener!"
„Sehr richtig," stimmte der Graf ihr bei. „Ein Adeliger bleibt doch immer ein Adeliger. Und daß er arbeiten und Geld verdienen will, beweist, daß er als Mensch ernst zu nehmen ist und daß man ihn nicht mit jenen zahllosen, verabschiedeten Offizieren vergleichen kann, die in der Großstadt Herumlaufen und das Arbeiten unter ihrer Würde halten."
„Wer weiß, welche Gründe aber gerade diesen dazu bewegen, arbeiten zu wollen? Wer weiß, ob er nicht eine dunkle Vergangenheit hat?" warf Dagmar ein.
„Das glaube ich nicht," nahm die Gräfin das Wort. „Wer da noch auf sich und seinen Namen hält, und das tut der Bewerber, denn das geht daraus hervor, daß er in erster Linie als Gast des Hauses behandelt sein will, obgleich er sich seine Tätigkeit bezahlen läßt — also ich meine, wer da noch etwas auf sich hält, der hat keine dunkle Vergangenheit, der unterscheidet sich auf das vorteilhafteste von jenen Leuten, die sich trotz ihres Namens alles gefallen lassen/ wenn sie dadurch auf der anderen Seite auf Grund ihres Namens nur möglichst viel herausschlagen können."
„Sehr richtig," stimmte der Graf ihr bei, obgleich er eigentlich gar nicht zugehört hatte. Aber er hielt es für seine Pflicht, seiner Gemahlin zuzustimmen, und zwar aus einem sehr egoistischen Grund. Was ihm zuerst im stillen nur als Hoffnung erschien, war ihm inzwischen plötzlich ohne jede besondere Veranlassung zur Gewißheit geworden, nämlich: daß der Reitlehrer sicher Esearts spielen würde! Einen adeligen Offizier, der nicht Eseartö kann, gibt es auf der ganzen Welt nicht, und der Gedanke, von nun an täglich seinem Lieblingsspiel huldigen zu können, ließ ihn den zukünftigen Gast schon jetzt mit einer gewissen Begeisterung in die Arme schließen.
Im allgemeinen war es bet Gräfin ziemlich gleichgültig, ob ber Graf ihr zustimmte oder nicht, denn sie wußte, daß sie die viel Klügere war und daß das, was. sie einmal als richtig erkannt hatte, auch richtig blieb. Trotzdem war es ihr jetzt ganz angenehm, daß der Graf ihre Ansicht teilte. Denn während sie sprach, war ihr plötzlich die Erkenntnis gekommen, daß der adelige Offi
zier, der sich um eine Stellung bewarb, sicher sehr adels- stolz sein müsse, das ging ja nur zu deutlich aus der Ab- sassnng seines Gesuches hervor. Manchem anderen Be- Werber wäre es vielleicht viel lieber gewesen, er hätte in seinem eigenen Zimmer gespeist, wäre sein eigener Herr gewesen und hätte tun und lassen können, was er wollte. Gast zu fein, legt nicht nur den Wirten, sondern auch dem Gast selbst mancherlei Verpflichtungen und Unbequemlichkeiten auf, und daß er diese freiwillig erbat, war ein gutes Zeichen und sprach für ihn.
Und was die Gräfin zuerst im stillen nur erhofft hatte, wurde plötzlich ohne jede besondere Veranlassung für sie zur Gewißheit; sie würde sicher täglich mit ihm über den Adel und über adelige Geschichten sprechen können, denn einen adeligen Kavallerieoffizier a. D., der auf diesem Gebiete nicht bewandert ist, gibt es ja gar nicht.
Sie kannte in dieser Hinsicht nur eine unrühmliche Ausnahme. Und das war ihr Mann. Der freute sich auch seines stolzen, vornehmen Namens, aber von der richtigen Bedeutung der hohen Auszeichnung, adelig zu sein, war er nicht durchdrungen. Er war ihr zu leutselig, er machte sich häufig in ihren Augen zu populär, er streckte dem Nachbar Weidemann die Hände zuweilen viel herz?- licher entgegen, als einem adeligen Nachbar, der zu Besuch kam. Vergebens hatte sie versucht, ihn in dieser Hinsicht zu ändern, vielleicht würde dies dem Baron gelingen, der konnte doch unter Umständen nicht nur ber Reitlehrer ihrer Töchter, sondern auch der Erzieher ihres Mannes werden. Und bei diesem Gedanken schloß sie den Baron schon jetzt — natürlich nur bildlich — mit einer gewissen Begeisterung in die Arme.
Ob er wohl auch Tennis spielen kann? dachte Alexa. Was nützte es, daß man int Garten unter großen Unkosten einen wahrhaft idealen Tennisplatz angelegt hatte? Sie selbst war eine leidenschaftliche Spielerin, und doch fehlte eS meist an einem Partner. Dagmar konnte diesem Sport kein Interesse abgewinnen, und wenn sie sich schließlich durch die Bitten der Schwester erweichen ließ, doch einmal den Schläger zur Hand zu nehmen, dann geschah es immer nur für wenige Minuten, und gelangweilt legte sie bann bas Racket toieber fort. Sie spielte schlecht, unb immer nur zu verlieren, machte ihr ebensowenig Vergnügen wie die ewigen Ermahnungen der Schwester. Nur wenn Hans mit feinen Freunden kam, konnte Alexa ihrem Lieblings- fport huldigen, aber ernsthaft wurde auch dauu nicht gespielt, dann wurden Witze erzählt, es wurde gelacht unb Unsinn getrieben, so baß man schließlich, anstatt die Bälle zu schlagen, mit dem Schläger in der Hand auf dem Rasen saß und sich unterhielt.
Ob er wohl auch Tennis spielt? Was ihr zuerst nur als Hoffnung erschien, wurde ihr plötzlich zur Gewißheit: denn einen adeligen Kavallerieoffizier a. D., der noch nie das Racket zur Hand genommen hat, gibt es doch gar nicht. Und in ber Freude, von nun an täglich ihrem geliebten Tennis huldigen zu können, hieß sie schon jetzt den Gast von ganzem Herzen willkommen. Und in ihrer Lebhaftigkeit rief sie: „Papa, an deiner Stelle würde ich gleich heute noch an die Expedition schreiben, denn sonst schnappt ihn uns womöglich noch ein anderer vor der Nase fort."
„Du hast wirklich Ausdrücke, Alexa," schalt die Gräfin von neuem, „Ausdrücke, die alles andere, aber nur nicht gräflich sind."
„Alexa meint es ja nicht fo schlimm, Konstanze. Aber im übrigen hat das Mädel mit dem, was sie sagt, eigentlich recht. Wie denkt ihr darüber?"
Die Gräfin schwieg noch einen Augenblick, bann meinte sie: „Eine Anfrage verpflichtet ja schließlich zu nichts," „Und was meinst du dazu, Dagmar?"
Die war, während sich die anderen unterhielten, noch schweigsamer gewesen als sonst. Sie konnte einen Gedanken, der sich ihr plötzlich aufgedrängt hatte, nicht wieder los werden. Sollte der Offizier a. D., ber sich ba um bie Stellung bewarb, vielleicht berselbe fein, den sie fast täglich im Tattersall hatte reiten sehen und der sich gar nicht bie Mühe gegeben hatte, zu verbergen, wie seht: rhr Aeußrres ihm gefiel?
(Fortsetzung folgt.)


