Ausgabe 
18.5.1912
 
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Mr von Gründingrn.

Roman von Freiherr von Schlicht.

(Nachdruck verboten.)

(Fortsetzung.)

In früheren Jahren war es auf Schloß Gründingen auch nicht anders gewesen als jetzt, auch da hatte man regel­mäßig nach der Rückkehr aus Berlin zuerst gescholten und sich einsam gefühlt. Ader doch nicht so, wie dieses Mal.

Alle hatten gehofft, daß Hans einen längeren Urlaub erhalten und mit,einigen Freunden Herkommen würde. Das wäre als Uebergangsstadium allen sehr willkommen ge­wesen. Aber Kans hatte geschrieben: er wäre aus dienst- lichen Gründen nicht,abkömmlich.

Die Mutter und,die Schwestern hatten den Aermsten beklagt, aber der Graf wußte aus eigener Erfahrung, was solche Ausrede bedeutet. Dahinter steckte irgend eine Liaison, ein Flirt oder sonst irgend eine Geschichte, die mit dem Dienst auch nicht das Allergeringste zu tun hatte. Solche Ausreden waren auch seinem Vater immer sehr teuer zu stehen gekommen, und der Gras versuchte, sich darüber klar zu werden, was das Fernbleiben seines Sohnes Hans ihm wohl kosten würde. Aber trotz allen Grübelns kam er zu keinem Resultat, nur so viel wußte er: billig würde eS nicht werden.

Graf Eduard gähnte zum zweitenmal, aber nicht wie vorhin, laut und vernehmlich, sondern leise und dezent. Aber gehört wurde es dennoch.

Es ist wirklich sehr einsam." Er sah nach der Uhr. ^,Schon gleich halb zehn. Da bleiben wir heute wieder einmal allem, wenn nicht der Laudrat noch angehupt kommt."

Wo hast du denn nur diesen gräßlichen Ausdruck wieder her?" fragte die Gräfin, während Alexa laut aus­lachte.

Der Graf warf sich stolz in die Brust, so daß das'Frack- hemd, ohne das er nie abends um sieben zum Diner erschien, laut knackte, dann sagte er:Selbst erfunden. Und ich bin und bleibe stolz darauf, bis mir jemand nachweist, daß schon ein anderer vor mir das Wort entdeckte." Und zu Dagmar gewandt, fuhr er fort:Gib mir doch bitte noch ein Stück von der Zeitung. Ich kenne sie zwar schon aus­wendig, nicht nur von vorn, sondern auch von hinten. Aber trotzdem."

Dagmar schob dem Vater das Blatt hin, und in dem großen, vom elektrischen Licht hellerleuchteten Raum herrschte tiefe Stille. Die Gräfin stickte eine neunzackige Krone in ein seidenes Taschentuch, Alexa durchflog den neuesten Roman und versuchte zuerst festzustellen, ob, wann und wie sie sichkriegten", um dann erst später das Buch nochmals in Ruhe zu lesen, und Dagmar blätterte nun in einigen alten Journalen, während der Grus, seine Zigarre rauchend, die Zeitung las.

Es war ein Pendant zu den Bildern, wie man sie auf dem Umschlag der Famtlienblätter mit der poetischen Unter­schriftIm trauten Kreise" oderNach getaner Arbeit" findet.

Na also!" sagte der Graf plötzlich.Hier habe ich doch noch eine Nachricht von der allergrößten Wichtigkeit übersehen: in Karlsbad steht ein Wechsel in dem Bürger­meistersposten bevor."

Aber das interessiert dich doch nicht, Papa," meinte Mexa belustigt.

Das sagst du so mit deinem kindlichen Verstand. Aber vielleicht hast du doch recht. Na, lesen wir weiter."

Wieder herrschte wohl zehn Minuten hindurch tiefstes Schweigen, bann rief der Graf:Kinder das wäre lvas für uns hört mal zu." Und mit lauter Stimme las er:

Kavallerieoffizier a. D. sucht für einige Monate auf einem adeligen Gut ober auf einem sonstigen großen, herr­schaftlichen Besitz Stellung als Reitlehrer für bie Söhne ober Töchter bes Hauses. Bewerber ist von Adel und ein anerkannt hervorragender Reiter. Gehalt nach Ueberein- kunft. Grundbedingung ist, daß Bewerber in gesellschaft­licher Hinsicht vollständig als gleichberechtigter Gast des Hauses betrachtet wird."

Wo steht das, Papa?"

Mit einer ihr sonst ungewohnten Lebhaftigkeit nahm Dagmar ihrem Vater das Blatt aus der Hand und überflog die Annonce. Ihre Hand zitterte ein klein wenig, und eine leise Röte stieg jn ihre Wangen. Aber niemand merkte dies.

Kinder, das wäre so was für uns," sagte der Graf nach kurzem Besinnen.Was meint ihr, wenn ich diesen Baron ober was er sonst ist, zu uns einlüde? Schaden könnte es euch beiden Mädels nicht, wenn ihr noch einmal gründlich Reitunterricht nähmet. Das hat mir der Besitzer vom Tattersall auch erklärt, mit dem ich oft über euch sprach, während ihr in der Bahn herumgaloppiertet. Er meinte: Euer Unterricht, soweit von einem solchen überhaupt bie Rede sein kann, wäre auf ganz falscher Grundlage erteilt worden."

Mexa war für die Idee Feuer und Flamme.Ach ja, Papa, bitte, ich habe es diesen Winter selbst oft genug bemerkt, wie viel mir noch zu einer fertigen Reiterin fehlt! Was meinst du dazu, Dagmar?"

Die hatte inzwischen ihre Ruhe wiedergesunben:Ich glaube nicht, daß ich noch Unterricht nötig habe. Wenn ich es noch nicht kann, werbe ich es' auch wohl nicht mehr lernen."

Man kernt beim Reiten nie aus," widersprach der Graf,und auch du kannst noch manches zulernen. Aber von dem Unterricht ganz abgesehen: wir bekämen dann durch unfern Gast noch einen neuen Hausgenossen, der hoffentlich etwas Leben in die Bude bringt."

Die Gräfin sah ihren Gatten streng an:Du hast «wirk­lich manchmal Ausdrücke, Eduard angehupt kommen