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„König von Thule?" Nachdenklich wiederholte er den Namen; dann schüttelte er lächelnd den Kopf. „Wie ich dazu lotnnte, kann ich nun wirklich nicht ergründen."
Sie schwieg einen Moment, dann erwiderte sie ihm:
„Wie die Herren darauf gekommen sind, weiß ich auch nicht. Wer ich finde den Namen gar nicht schlecht."
„So?" Er sah sie, etwas verwundert, an. „Und warum denn?"
Sie zögerte abermals ein wenig; dann gestand sie letfcr;
„Sie haben wirklich etwas so Ueberragendes und Beherrschendes. Sie verstehen es, Menschen zu lenken."
Sein Blick heftete sich fester auf sie, aber sie sah ihn nicht an, sondern machte sich an ihrem Handschuh zu schaffen. Sie fürchtete, daß er aus ihren Augen noch mehr lesen könne: wie sie ihn warm bewunderte in seiner Kraft und stolzen Selbstsicherheit, wie unendlich wohl es ihr tat, sich an ihm zu stützen — ja, wie gern sie sich von ihm lenken und beherrschen ließ!
„Und Sie sinden diese meine „Herrschsucht^ nicht anmaßend und unausstehlich?" fragte er dann lächelnd.
Sie schüttelte stumm den Kops, dann aber schloß sie den Handschuhknopf energisch und sah zu ihm auf:
„Herrschsüchtig sind Sie ja auch gar nicht. Sie herrschen, ohne es zu wollen."
„Ah — also angeborene Majestät!" bespöttelte er sich selbst. „Sie sind übrigens der erste, der diese verborgene Königskrone an mir entdeckt."
„Vielleicht machen Sie nun von dieser Entdeckung Gebrauch!" scherzte sie. „Aber im Ernst: könnte es Sie nicht reizen, über die Menschen zu herrschen — sie sich zu unterwerfen?"
„Es lohnt nicht der Mühe," entgegnete er stolz. „Auch wäre es nicht meine Passion, — mit Ausnahmen vielleicht." Sein Blick suchte unwillkürlich ihr Auge, so daß sie es senkte.
Eine Befangenheit kam unter seinem Blick über sie. Sie zog die Uhr aus ihrem Gürtel.
„O," machte sie erschreckt, „gleich elf! Da wird es ja Zeit, zu Bett zu gehen."
Sie streckte ihm die Hand hin.
„Gut Nacht denn und auf Wiedersehen morgen!" Schnell eilte sie von ihm fort.
VIII.
Helles Jauchzen eines Kinderstimmchens und dazwischen ein tieferes, wohltönendes Frauenlachen tönten an Am- thors Ohr, wie er sich dem Ende des Ganges näherte. Etwas überrascht bog er um die Ecke, und freudig überflog es seine Züge.
„Ah — da sind Sie ja! Schönen guten Morgen! Ich sah mich schon überall nach Ihnen um. Hier konnte ich Sie allerdings kaum vermuten."
Amthor trat grüßend auf Frau Söllnitz zu, die er eben auf dem kleinen Deckplatz hinter der zweiten Kajüte bei seiner über das ganze Schiff ausgedehnten Morgen- Somenade entdeckt hatte, wie sie spielend neben einem nde auf dem Boden kauerte, von fremden Augen unbeobachtet. Nur noch eine ihm fremde weibliche Erscheinung, vermutlich die Bonne des kleinen Mädchens, war zugegen.
Die junge Frau, ihm abgewändt. War bei dem Klang der Männerstimme unwillkürlich aus ihrer zwanglosen Haltung aufgefahren. Nun aber, da sie ihn sah, streckte sie ihm mit frohem Lächeln die Hand hin.
„Guten Morgen, lieber Herr Doktor! Also haben Sie unser Versteck doch aufgespürt! Wir halten hier nämlich immer unsere Spielstunde ab, meine süße Anne-Marie und ich. Gelt, mein Herzblatt?" Und sie drückte zärtlich das allerliebste, in duftige Spitzen und Rosa gehüllte kleine Geschöpfchen an sich, das mit den Aermchen ihre Knie umschlang und so, das goldblonde Köpfchen an sie geschmiegt, mit den großen braunen Augen verwundert auf Amthor schaute.
„Bitte, lassen Sie sich nicht stören," bat er. „Ihre kleine Freundin soll heute nicht zu kurz kommen: — Guten Tag, mein Kleinchen! Bekomm ich auch ein Händchen?"
Das Kind sah erst einen Augenblick dem großen fremden Mann ein wenig verschüchtert in das bärtige Gesicht; dann aber bot es ihm langsam die Rechte.
Amthor nahm vorsichtig die zarten, Weißen Fingerchen
in seine große, sonnengebräunte Hand. Sehr freundlich« fast zärtlich blickte er auf das reizende, elfenhaft feine Geschöpschen nieder.
„Was für ein bildhübsches Kind," flüsterte er leise, einen Blick zu Frau Söllnitz sendend. „Es gehört zur Reisegesellschaft?"
„Ja — das Töchterchen eines jungen Ehepaares aus Hamburg," nickte sie und drückte dann liebkosend das Gesichtchen der Kleinen fester an sich. „Sie ist ja auch meine ganze Seligkeit, mein Feenprinzeßchen, mein einziges!" Und in aufwallender Zärtlichkeit beugte sie sich plötzlich nieder und küßte das Kind leidenschaftlich.
Es war ein reizendes Bild, die anmutige junge Frau in dieser mütterlich-innigen Anwandlung und das allerliebste kleine Mädchen, das nicht minder zärtlich seine Aermchen um ihren Nacken geschlungen hatte.
„Liebe, süße Tante Eva!" schmeichelte die Meute und bat dann: „Spielst du nun weiter mit mir?"
Aber nun trat das Kinderfräulein dazwischen.
„Nein, Anne-Marie, komm! Du darfst die Herrschaften nicht stören." Sie machte die betrübt dreinsehende Kleine von Frau Söllnitz los. v,,
„Aber lassen Sie doch," wehrte Amthor freundlich. „Sitz stört uns ja gar nicht."
Doch das Fräulein beharrte auf ihrem Entschluß, anscheinend ein wenig pikiert. Wahrscheinlich hatte sie es verletzt, daß ihr der fremde Herr nicht vorgestellt worden war. Es wäre auch Zeit, daß Anne-Marie ihr Frühstück erhielte, erklärte sie und nahm das Kind mit sich fort.
Amthor und Frau Söllnitz sahen ihm beide nach, wie es mit den zierlichen Füßcheit in weißen Glacsstieselchen neben der schnell sich entfernenden Gardedame hintrippelte.
„Ist es nicht etwas Himmlisches — so ein süßes, kleines.
Geschöpf?"
Mit träumerischem, sehnsuchtsvoll aufleuchtendem Blick fragte es die junge Frau, während ein leichtes Seufzen; ihre Brust hob. ।
(Fortsetzung folgt.)
20. zösische
22.
Gießen vor hundert Jahren.
(Nach ungedruckten Berichten.) Von M. P l o ch - Darmstadt.
(Fortsetzung.)
März. „Es Wurde beschlossen, ein Lazarett für das sran- Militär im Kloster Arnsburg zu errichten."
März. „Der armselige Rest unseres schönen Setbregw ments, welches 2000 Mann stark ausmarschiert war, kam an, Die meisten sind zwischen Smolensk und Wilna erfroren, verhungert oder in Gefechten geblieben, nur wenige gefangen worden. Es kamen 7 Mann. Etwa 30 sind vorher mit Krankentransporten gekommen. Von Offizieren kam ungefähr die Hälste
zurück."
„Ein französischer Divisionsgeneral kam hierher und wurde im Posthause einquartiert. Vor dem Einhorn war ein Volksauflauf, da französische Soldaten einen Bauern, der einen Franzosen geschlagen hatte, als Arrestant einbrachten."
„Aus dem Lazarett wurde ein hessischer Soldat und ein französischer zugleich begraben auf die gewöhnliche militärische Weise, Der eine mit einem schwarzen Leichentuche, der andere mit einem; weißen." . ,
26. März. „Heute war für Stadt und Gegend ein freudevoller Tag. Das in Gießen liegende 9. französische Regiment Infanterie lögtzre und alle Truppen aus den Dörfern zogen nach Frankfurt ab, um sich mit dem Armeekorps des Marschalls Ney Ur vereinigen. Abends; kamen 240 Mann Rekruten aus dem Lande Westfalen an." ,
Dieser Eintrag, mit dem folgenden zusammengehälten, zeigt Napoleon am Werke, sich so rasch wie möglich eine neue Streitmacht zu bilden, mit deren Hilfe ev die Niederlage des vor- . hergegangenen Jahres vergessen zu machen gedachte.
28. März. „Heute marschierte das 1. Bataillon des neufot- mierten Leibregiments ab, unter ihm viele Rekruten, die noch nicht gehörig einexerziert waren. Sie zogen ohne Gewehre, die sie erst in Darmstadt erhalten sollen."
„Wir sahen heute die ersten der neu ausgebildeten französischen Kavallerie bei uns« ebenso 140. Mann reitender Ar- tt'llerte."
29. März. „Heute zog Unser zweites Bataillon aus."
1. !April. „Seit 3 Tagen kamen viele kranke, invalide, untaugliche Offiziere und Soldaten aus den Lazaretten in Niedersachsen und Westfalen hier an. Much gehen fortdauernd Koppel ansgekauster Pferde nach Frankreich, Tie französische Garnison


