Donnerstag -en \8. April
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Der König von Thule.
Roman von Paul Grabern.
(Nachdruck »erboten.)
(Fortsetzung.)
Ihre Erklärungen, besonders aber die mit leiser Bitterkeit gesprochenen letzten Worte machten einen tiefen Eindruck auf ihn.
„Nicht doch! Nicht so!" Er griff nach ihrer Linken, die sie ihm nach kurzem Widerstreben überließ.
„Ich wollte Ihnen ja nicht wehe tun. Nun, wo ich Ihre Gründe kenne, beurteile ich ja Ihr Wesen ganz anders. Arme schutzlose Frau, daß Sie so auf Ihrer Hut sein müssen! Uber sehen Sie, gerade weil diese Menschen so elend, so miserabel sind, wurmt es mich, daß eine hochstehende Frau wie Sie ihnen Konzessionen machen soll, wo sie ruhig, aufrechten Hauptes, in vollstem Licht dahinschreiten sollte. Nicht um mich — ich ertrüge Ihnen zuliebe jetzt gern solche Doppelstellung!" ein warmer Blick traf sie. „Aber um Ihrer selbst willen sollen Sie es nicht tun! Sie sollen sich durch diese Elenden nicht einschüchtern lassen — ich möchte Sie so gern immer stolz und wahrhaftig sehen, in jedem Augenblick; die Verstellung, selbst aus solchem Grunde, ist ein störender Fleck auf Ihrem Bilde. Bitte, glauben Sie mir, daß ich es nur gut mit Ihnen meine." Seine Augen rjen treu und herzlich zu ihr. „Sie sind durch all
Leid verängstigt worden und haben ganz das Zutrauen zu sich verloren. Aber glauben Sie mir: diese Kläffer sind feig, so feig wie frech. Wenn sie hinterrücks über Sie herfallen, fliehen Sie nicht, bleiben Sie stehen und packen Sie fest zu! Sie sollen sehen, wie die Bestien sich heulend und schwanzwedelnd vor Ihnen ducken. — Fassen Sie einmal Mut, nehmen Sie den Kampf mit der Meute auf — gerade jetzt, wo Sie nicht mehr allein sind, wo Ihnen ein Freund zur Seite steht, der sie nicht im Stich lassen wird — dessen seien Sie sicher!"
Er hatte die ganze Zeit, während er so auf sie einsprach, ihre Linke nicht losgelassen, sondern sie, seinem lebhaften Impulse folgend, dann und wann wie zur Bekräftigung seiner Worte stark gedrückt. Willig halte Eva Söllnitz ihm die Hand gelassen, und lveit, immer weiter hatte sie ihre Seele diesen Worten geöffnet. Wie ein frischer, starker Hauch wehte es ihr da aus seinem Innern entgegen, hinein in ihre eigene Brust. Ja, er hatte nur zu recht! Selbst sah sie nun, wie sie durch die langen Leidensjahre ihrer Ehe multos und kraftlos geworden, wie sie seitdem wirklich in schwächlicher Angst vor dem Gerede, vor den Nachstellungen der Menschen wie ein gehetztes Wild gewesen war. Wenn sie es sich auch äußernch nie hatte anmerken lassen, wenn sie auch immer getan hatte, als glitten alte Pseile wirkungslos an ihr ab, im Innersten hatten diese stest nur zu gut gesessen! Ihr gleichmütiges Lächeln, ihre
stolze Haltung war ja nur eine Maske gewesen, hinter der sich bitterstes Weh und eine zitternde Angst vor der Welt verbargen.
Aber nun mit einem Male regte sich wieder ihr Stolz, von ihm aufgestört, und von seiner auftohenden Kampfnatur sprang ein zündender Funke in ihre Seele hinüber.
Fest fühlte er plötzlich ihre Hand ihn drücken, und mit einem kraftvollen Entschluß wandte sie sich ihm schnell zu:
„Haben Sie Dank! — Ja, Sie haben recht! Es ist meiner unwürdig, diese Leute zu fürchten, die ich verächtlich mit Füßen treten sollte. Und von nun ab will ich, unbekümmert um sie, tun und lassen, was ich für gut halte. — Sie sollen mit mir zufrieden sein!"
Hell strahlte ihn ihr Blick an. Der frische Lebensmut, der plötzlich über sie gekommen war, machte sie wieder jugendlich reizvoll. Froh sah Amthor auf sie nieder: ja, so gefiel sie ihm — so war sie nach seinem Sinn, gesund! an Leib und Seele, stark und wahr.
„So ist's recht!" lobte er sie. „Und nun wollen wir Schulter an Schulter einen frisch-fröhlichen Krieg gegen diese Kläffer da beginnen. Ich kann Ihnen sagen: ich freue mich ordentlich darauf!"
Noch einmal schüttelte er ihr, wie im Gelöbnis treuer Bundesgenossenschaft, die Hand.
„Aber sagen Sie," fuhr er dann fort, mit ihr langsam auf dem Vorderdeck auf und ab schreitend, „glauben Sie denn, daß auch Ihre engeren Bekannten hier, der Kapitän zum Beispiel, der mir doch ausnehmend gefallen hat —"
„Nein! Der und auch Sanderhams sicher nicht!" versicherte sie lebhaft. „Besonders aber der Kapitän ist Gentleman durch und durch. Ein Mann, der alles versteht und fern von jedem gehässigen Klatsch ist. Aber die anderen —?" Sie zuckte vielsagend die Achseln.
„Gut! — So halten wir uns die ganze übrige Gesellschaft vom Halse. Sie sollen mal sehen, wie gut ich da§ verstehe," scherzte er. „Ich habe ein ordentliches Talent, die Leute fortzugraulen. — Also, darf ich?"
„Nur zu! Sie haben Plein Pouvoir!" nickte sie ihm heiter zu, angefteckt von seiner frohen Kampfstimmung. „Aber Sie werden bald der bestgehaßte Mann an Bord sein. Ein paar gute Freunde haben Sie sich übrigens schon gewonnen, wie ich heute beim Diner merkte."
„So schnell! Und ohne jedes Zutun?" lachte er. „Wer sind denn oiese unbekannten Gönner?"
„O, Sie kennen sie: unsere Begleiter neulich auf dem Ritt zu den warmen Quellen!"
„Ah, die beiden? Ja freilich, das glaub ich. Deu Herren werd ich kaum nach ihrem Geschmack sein."
„Sie haben Ihnen auch schon einen Spitznamen zugelegt. Soll ich ihn Ihnen verraten?"
„Bitte — ich bin nicht empfindlich."
„O, Sie können ihn sich schon gefallen lassen; „Der König von Thule" heißen Sre!"


