Ausgabe 
18.3.1912
 
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Dann pilgerten sie die Leipziger Straße vor. Bet Wert­heim blieb Hans Jochen stehen.

Hört, Herrschaften, es ist dreiviertel elf Uhr; tote wäre es, wenn wir jetzt frühstückten?"

Die Damen waren einverstanden.

Der große Kuppelbau rechts in der Leipziger Straße, der wird Euch in fünf Minuten beherbergen. Das ist Kempinski)."

Gegen einhalb zwölf Uhr verließen sie das berühmte. Weinhaus wieder. Die Fürstin wünschte in das Hotel zu fahren, da sie ermüdet sei. Der Portier rief eine Auto- Droschke herbei, die Ihre Durchlaucht entführte, während der Erbprinz und Kathinkä im angenehmsten Geplauder weiter die Leipziger Straße vorgingen und dann links in die Friedrichstraße einbogen.

Wissen Sie, Prinz, was ich gern einmal sehen möchte? Das Innere des Kaiserlichen Schlosses, den weißen Saal und alle die berühmten Gemächer."

'Gern, Kathinkächen. Ich fürchte nur, daß Sie fich dann in unserem dumpfen, muffigen Kasten daheim, herzog­liches Residenzschloh genannt, nicht mehr wohl fühlen werden."

Ach Prinz, wo Sie sind fühle ich mich immer wohl..."

Sie schwieg, erschrocken über ihre eigenen Worte. Hans Jochen aber blickte sie strahlenden Auges an.

Sie liebes, liebes, gutes Mädel."

Er wollte noch mehr sagen, aber die ungeheuere Masse von Menschen, die um die Mittagszeit die Friedrichstraße durchfluten, trennte sie mehrere Schritte.

Unter den Linden rief der Erbprinz einen Taxameter herbei, und nun fuhren sie bis zur Schloßfreiheit.

Im Schloßhofe lösten sie die Eintrittskarten und dann gingen sie nach der Portiersflur. Zahlreiche Leute warteten schon, um ebenfalls das Schloß zu besichtigen. Die Lakaien schienen den Erbprinz erkannt zu haben. Sie flüsterten Untereinander rind warfen verstohlene Blicke nach Hans Jochen. Der Prinz erkannte erst jetzt, daß er wohl nicht ganz klug gehandelt habe, in eine Schloß-Besichtigung zn willigen. Er hätte sich denken können, daß er von der Dienerschaft erkannt werden würde.

Doch nun konnte er nicht mehr zurück. Mit möglichst gleichgültigem Gesicht gab er in der Portiersloge Kathinkas Sonnenschirm ab, steckte gelassen die Marke ein ititi) schritt dann neben Kathinka mit den anderen die sanft ansteigende Serpentine, die nach den Festsälen führt, hinauf.

Am Nachmittag besuchten sie mit Tante Clothilde das Seeaquarinm, und da die Fürstin bei einzelnen Molchen viertelstundenlang in Betrachtung versunken war, konnten Hans Jochen und Kathinka in den dunklen Grotten ungestört plaudern. Der Erbprinz fragte wieder:

Müßte es nicht herrlich sein, wenn wir, unabhängig von Etikette und Hofschranzen, immer so aus Reisen sein könnten, wir zwei allein, Sie und ich?"

Ach Prinz, denken Sie nicht daran; genießen wir die Augenblicke. Es kann ja nicht sein machen Sie mir das Herz nicht noch schwerer. Es ist ja schön, im seligen Ber­gessen zu leben, aber es ist doch ein Unrecht."

Kathinkä."

Ja, Prinz, es ist ein Unrecht. Wir tun unrecht an uns und wir tun unrecht an dem gütigen, alten Herzog, Ihrem Herrn Vater."

Hans Jochen zog Kathinka ungestüm an sich und küßte sie leidenschaftlich. Plötzlich ließ er ab und sagte resigniert:

Sie haben recht, Kathinka, tausendmal recht, und ich weiß wohl, daß ich nie die Kraft haben werde, meine Fesseln von mir zu werfen. Um meines Vaters willen kann ich dies nicht, aber ich liebe Sie im tiefsten Innern meines Herzens."

Seien Sie stark, Hans Jochen, und ich will versuchen, es auch zu sein."

*

Am Ab end reiste der Erbprinz von Berlin zurück nach N., und zwei Tage später folgten auch die Fürstin und Kathinka. Die nächsten Tage verflogen in der Aufregung der Reisevorbereitungen, und am 30. Juli früh 6.15 Uhr fuhren die Herrschaften nach dem Süden.

Schon vor Eintreffen des D-Zuges BerlinLindau hatten die Fürstlichkeiten in dem Salonwagen Platz ge­nommen. Der Salonwagen wurde schnell einrangiert, und

zwei Minuten später fuhren sie aus dem Bahnhof der Resi­denz hinaus.

An dem schwarzen, unfreundlichen Bahnhof zu Lindau wurden die Herrschaften vom Hoteldirektor empfangen und' zu den Wagen geleitet.

Nachdem die Herrschaften im Hotel das Diner einge­nommen, unternahmen sie unter Hans Jochens Führung einen Nundgang durch das alte Städtchen.

Sie wanderten auf der breiten Hafenmauer am Damen­bad vorüber bis zum Löwen, der in imposanter Größe den einen Pfeiler der Hafeneinfahrt ziert. Gegenüber ragte der schlanke Leuchtturm als Lindaus Wächter in die Lüfte.

Auf den steinernen Bänken am Löwensockel war nur wenig Platz. Touristen, mit Kodaks bewaffnet, und Sommer­frischler, in ihre Lektüre vertieft, hatten zum größten Teil die Bänke eingenommen. Die Fürstin und Merkwitz saßen nebeneinander an der hinteren Seite des Löwen, mit dem Blicke nach Lindau, während der Erbprinz au der Vorder­seite neben Kathinka Platz nahm.

Wie schön," flüsterte Kathinka.

Und an deiner Seite, Lieb," gab der Prinz leise zurück und haschte verstohlen nach Kathinkas Hand.

Ein Schauer überlief Kathinka. Sie ergriff Hans Jochens Hand und küßte sie heiß dann sank sie in sich zusammen und schluchzte fast unhörbar:

Und dies alles muß aus sein."

Wir wollen heimgehen. Lieb und alles vergessen," sagte er weich. Er rief die Fürstin und Merkwitz, und sie gingen nach dem Hotel.

Noch lange nach dem Souper standen Hans Jochen und Kathinka am Fenster des Speisezimmers. Die Musik am Promenadenplatz spielte feurige Weisen, heiße Sehn­sucht nach Liebe und Genuß überkam Kathinka. Sie warf hastig einen Blick nach Merkwitz und der Fürstin, doch die beiden waren in eine Partie Schach vertieft und kehrten ihnen den Rücken zu, und sie sahen nicht die stummen heißen Küsse, die Hans Jochen und Kathinka tauschten.--j

In Nebel gehüllt lagen Lindau und See, als die Herr­schaften am anderen Morgen die Weiterreise antraten.

Der «Expreß huschte aus einem Tunnel in den anderen, und nun lag es vor ihnen, unter ihnen, Has märchenhaft schöne Luzern und die grünen Fluten des Vierwaldstätter Sees. Noch ein Tunnel am Gitschen, dann ging es rasselnd über die Brücke ber Reuß, deren grün gesättigte Wellen bäumte» und brandeten und in weißem Gicht hochauf schäumten.

Vor dem Bahnhofsgebäude harrten zwei elegante Om­nibus-Automobile der Gäste. Im ersten Wagen nahmen Ihre Durchlaucht uud seine Hoheit sowie der Konsul und Gemahlin Platz, während Herr von Merkwitz und Fräulein von Hämmerling den zweiten Wagen bestiegen.

Dem Erbprinzen war es sehr unbehaglich zu Mute. Seine Blicke suchten Kathinkas Augen, doch das Fräulein lauschte den Worten des Hofjägermeisters, der ihr die Land­schaft erklärte, und ihre Augen sogen trunken das farben­prächtige Bild Luzerns ein. Nach kurzer Fahrt hielten die Wagen vor dem Riesenhotel.

Die Appartements der Fürstin lägen rechts der Em­pfangs- und Gesellschaftsräume, der Erbprinz und Mcrkwitz dagegen bewohnten die Gemächer links davon. Kathinkas Zimmer, das direkt neben der Fürstin Schlafgemach lag, war nicht groß, besaß aber einen ziemlich breiten, mit duftig blühenden "Pflanzen verzierten Balkon. Eine Markise schützte vor den sengenden Sonnenstrahlen. Auf diesem Balkou saß Kathinka, als am Spätnachmittag Ihre Durchlaucht zu ihr trat. Die Hofdame ruhte in einem bequemen Klubsessel. Die Hände unter dem Kopf verschränkt, und aus dem Schoß Jockel, so träumte sie in die Ferne. <

Nun, gefällt es Dir hier, mein Kind?" begann die Fürstin das Gespräch, während sie sich in einer amerika­nischen Gondel niederließ.

Sw schön ist's hier, Durchlaucht, so sch!ön, tote ich es mir nie geträumt habe. In der Ferne ganz schnmch die Eisgipfel, und hier so unmittelbar nahe und doch so weit, die Heiligen Luzerns: Der finstere Pilatus und da zur Linken der sonnenglänzende Rigi. Und der See, der herrliche wunderbare See! Hier möcht ich in! Unschuld und ewiger Kindheit mein Leben verbringen, Fürstin, so ganz ohne Wünsche, nicht wissend oder! erkennend, daß es überhaupt eine Zukunft gibt."