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ländern in Szene gesetzt; damik ist e§ Heute nichts mehr. Das Schlimmste bei diesen Menschenjagden war, daß nur der geringste Teil der Uebersallenen lebend fortgeschlevpt wurde, nämlich die jungen Weiber und die Kinder. Die übrigen Gefangenen ließ man gewöhnlich über die Klinge springen. Und da die Sklavenjäger nie vergaßen, die Felder zu Pernichten und das Vieh wegzutreiben, so zog Hungersnot ein, und es gingen viel mehr Menschen nebenher zugrunde, als wirklich geraubt wurden.
Nun gibt es noch einen dritten Fluch Afrikas, unter den: noch heute ungezählte seiner Bewohner dahinsinken, trotz der Kolonisationsarbeit der Weißen. Er entgeht gewöhnlich ihrer Aufmerk- sammt und erscheint nur selten als Faktor in den Rechnungen der Kolonialpolitiker;, denn die Wirkungen treten nicht so offen zutage, wie etwa bei Sklavenraubzügen oder der Schlafkrankheit. Dieser Fluch ist der Ab er g l a u b e der schwarzen Menschheit, ein Aberglaube so finster, wie etwa der noch nicht weit zurückliegende Hexenwahn europäischer Völker. In der kolonialen Praxis herrscht heute der an sich ganz vernünftige Grundsatz, daß die Beamten und Offiziere sich der Eingriffe in die sozialen Verhältnisse, die Rechtsanschauungen und sonstigen inneren Angelegenheiten der Sultanate und Häuptlingsschaften möglichst enthalten sollen, besonders dort, wo die europäische Herrschaft nur erst an der Oberfläche haftet. Es genügt in diesen Fällen, daß die Stamm« mit einander Frieden halten, für Sicherheit sorgen und ihren Steuer- oder Arbeitsverpslichtungen gegen die Stationen leidlich nachkommen. Um das, was sie sonst tun oder dulden, pflegt man sich wenig zu kümmern. Daher kommt es, daß der Aberglaube nach wie vor Verheerungen anrichtet.
. Zur Erläuterung dieses beklagenswerten Zustandes mag hier auf Beobachtungen Bezug genommen werden, die ein französischer Offizier namens Poupard teilweise gerade in den Gegenden hat sammeln können, die durch das jüngste Kongoabkommen deutsch geworden sind. Man weiß, daß die Franzosen ihre Kolonie Aequatorialafrika, aus der jene Kompensationen h raus- geschnitten sind, noch sehr wenig in der Gewalt hatten, oaß sie ihnen größtenteils nur auf dem Papier gehörte, und daraus erklärt es sich leicht, daß Dinge, wie sie Poupard vor drei Jahren bekannt gab, hier sogar ganz in der Nähe der Militärstationen vorkommen konnten. Der Hauptträger des afrikanischen Aberglaubens ist der Fetischpriester mit seinem Anhang. Man verabscheut ihn im Dorfe oder Stammesbezirk und zeigt ihm doch stets ein freundliches Gesicht. Man fürchtet ihn und überhäuft ihn doch mit Gunstbezeugungen. Ihn schützen eben seine Verbrechen; denn seine Schüler, die er allein kennt, würden ihn durch allmähliche Vernichtung des ganzen Dorfes rächen, wenn es jemand einfallen sollte, ihm zu schaden. Der Fetischpriester bedient sich kstnes Kr'egs- handwerks enges und hat doch eine wirksame Was e, und d e s' lägt schnell, sicher und geräuschlos. Sie hinterläßt keine Blutflecken und sonstige Spuren. Der Betroffene selbst spürt sie kaum, er leidet wenig, stirbt aber immer. Diese Waffe ist das Gift.
In der Umgegend von Libreville beobachtete Poupard beim Durchzuge durch ein Dorf eine sehr bewegte Szene, die damit schloß, daß jemand ein Getränk, das ihm gereicht wurde, zu sich nahm. Der Franzose begriff damals die Szene nicht, später wurde sie ihm erklärt. Es handelte sich einfach um die über ganz Afrika verbreitete Giftprobe, der sich ein irgend eines Vergehens Beschuldigter aus Veranlassung des Fetischpriesters zu unterwer'en hatte. Will der Zauberer nicht, daß der Beschuldigte stirbt, hat ihm dieser z. B. insgeheim ein ansehnliches Geschenk gemacht, so verringert er die Menge des Giftes und lenkt nachher den Verdacht aus einen aitderen, der vielleicht weniger glücklich ist. In dem erwähnten Fall starb der Angeklagte nach einer Stunde, womit auch seine Schuld als erwiesen galt. Ein anderes Mal befand sich Poupard in der Zollstation Mbeto und vernahm Gestöhn aus einer Hütte, die nur 300 Schritte von der Behausung des weißen Beamten ablag. Man sagte ihm, da läge eine ganz gleichgültige kranke Frau. Tatsächlich lag darin ein von Messerstichen und Schwerthieben schrecklich zerfleischtes Weib, das schon tagelang in diesem Zustande und offenbar dein Tode nahe war. Die Europäer verbanden sie und nahmen sie mit sich, und sie kam wider Erwarten mit dem Leben davon. Und was hatte sie verbrochen? Der Gatte, der noch mehrere Frauen hatte, war gestorben. Während die Leiche begraben wurde, orakelte der Fetischpriester, der Tod sei kein natürlicher, sondern von einen: der Weiber verschuldet worden. Sogleich stürzten sich die Männer auf die Frau des Verstorbenen. Die eine strauchelte bei der Flucht und wurde in der erwähnten Weise mißhandelt; denn sie war -„ohne Zweifel" die Schuldige.
Die Frau ist eben in Attika, abgesehen von den Saharastämmen, rechtloser und gefährdeter als sonst wo. In der französischen Kolonie Gaboir haben sich die verheirateten Männer ein sonderbares Ding zurecht gemacht, das sie „Bieri" nennen, und mit heg: sie ihre Frauen ängstigen. Es genügt nämlich für eine Fran, eine Bieri zu sehen, um sterben zu müssen. Das Bieri ist eine zylindrische Schachtel aus Rinde, die eine oder mehrere Schädeldecken enthält, besonders von angesehenen Vorfahren der Familie oder 'von einem berühmten Zauberer. Diese geheimnisvolle Schachtel wird in einer verborgenen Ecke niedergelegt, auf einer Art von Altar mit häßlichen, schreckhaften Verzierungen. Sie ist der Gegenstand eines, besonderen Kults, .und -abenteuerlicher Riten,.
wird nur aus außergewöhnlichen Anlässen hon ihrem Platze entfernt und in dringenden Fällen um Rat angegangen. Mle Frauen und Kinder müssen beim Nahen eines Bieri verschwinden. Wehe dann dem, der ihn aus Unachtsamkeit oder infolge einer ihm gestellten Falle gesehen hat; der Tod ist ihn: gewiß. Urtb- die Frau schwebt dabei in besonders großer Gefahr; denn ihre häuslichen Pflichten zwingen sie ja, beständig in der Nähe dieses bösen Nachbarn zu leben. Wird nun ein argwöhnischer oder launischer Ehemann gewahr, daß seine Frau träge, ungehorsam oder gar untreu zu sein scheint, so zögert er nicht mit der Beschuldigung, sie habe einen indiskreten Blick aus das Bieri geworfen, oder richtet es mit Litt so «in, daß sie es sehen muß. Damit! ist das Verfahren konstruiert, und sie stirbt dann auch bald, sei es plötzlich oder nach einem Leiden, dessen Symptome immer dieselben sind: sie ist vergiftet worden. In einem Dorf am Muni wohnte ein Greis mit 22 Weibern, von denen einige jung und hübsch waren, und man nahm wahr, daß alle jungen Männer, die sich in der Nähe anfledeln wollten und vielleicht auch aus dem für -den Alten überflüssigen Weiberreichtum Nutzen und Annehmlichkeiten zu ziehen gedachten, auf geheimnisvolle Weise starben. Sie waren vergiftet worden, sei es durch den Fetischpriester selbst, sei es durch Gift, das bei ihm gekauft worden war.
Die Bevölkerung der Gabonkolonie — es sind die Mfang oder Pahuins — ist kräftig und an Geburten mangelt es nicht, und doch sind die Dörfer dünn gesäet, so daß auf den Quadratkilop meter nur eine.bis zwei Seelen entfallen. Aber das erklärt sich leicht: die. Kinder werden geboren und siird- lebenskräftig, aber die Erwachsenen sterben, verschwinden, man weiß nicht: !vie. Oder vielmehr, man weiß es sehr gut, aber die Furcht vor den Fetischpriestern sitzt derart tief, daß man sich gegen ihr Trechen nicht aufzulehnen wagt. An einen natürlichen Tod wollen die Eingeborenen nicht mehr glauben; sie sind vielmehr überzeugt, daß jedem Todesfall ein Verbrechen zugrunde liegt. Da muß man also den Schuldigen finden, uni> man ruft nach dem Zauberer, der, um nicht aus der Atolle zu fallen, ein Opfer bezeichnet. So zieht jeder Todesfall unvermeidlich den Tod eines zweiten Menschen nach sich. Wie ungünstig dadurch die Bevölkerungstzahl beeinflußt wird, ist klar.
Poupard glaubt, daß alle die Kriege und Krankheiten, die den schwarzen Erdteil heimgesucht haben, alle die Sklavenjagden mit ihren Schrecken, alle die afrikanischen Tyrannen mit ihren Henkern nicht so viele Menschenleben gefordert hätten, wie der Zaubererglaube, der in schwärzester Gestalt gerade am Kongo regiere. Das ist vielleicht etlvas übertrieben. Sicherlich aber ist das afrikanische Fetischweseir mit so viel verderblichen Folgen für die Neger verknüpft, daß die Kolonisatoren seinen Auswüchsen nicht minder kräftig zu Leibe gehen sollten, wie sie der Verbreitung des Alkohols oder dem Sklavenhandel entgegentreten. Leider wird das vorläufig nur in beschränktem Umfange möglich sein; denn es handelt sich da um ein tief in abergläubischen Vorstellungen wurzelndes Uebel, dessen Bekämpfung schwere Er« schütterunge!: rrach sich ziehen könnte.
§e!ix Dahns pr-aktikantenffreiche.
Min 11. Oktober 1854 hatte Felix Dahn seine juristisch«! Prüfung abgelegt, und wenige Tage später trat er bei dem „Königlichen Landgericht München, rechts der Isar" als Rechtspraktikant ein. Er arbeitete zunächst unter Assessor Müller in der Abteilung des Landgerichts für bürgerliches Recht. Jedoch gleich am ersten Tage, so erzählt er selbst launig in seinen Erinnerungen, ging er bestürzt um 12 Uhr mittags und noch bestürzter um 6 Uhr abends nach Hause und dachte schon daran, seinem Vater gu erklären, er sei unfähig, je im Rechtsdienste irgend etwas zu leisten. „Denn ach (das ist die Erklärung) ich sollte ein „Protokoll" schreiben, uitb ich hätte ebenso leicht! Seil tanzen können! Die verwickelten Feinheiten der Geschichte des altrömischen Erbrechts konnte ich hersagen, und der ganze Reichskammergerichtsprozeß war mir herzvertraut, aber was ein „Protokoll" war, wie so ein Ding aussah, das hatten wir nicht gelernt."
Der Herr Assessor allerdings lächelte über diese Veirzweif- lung seines Lehrlings gutmütig und meinte ermunternd: „Run- Herr Dahn, gar so viel dümmer kommen Sie mir auch nicht vor, als die vielen Dutzend, die das vor Ihnen gelernt haben. Aber — Jesus Maria und a bisserl an Josef! — was seh ich da? Sie können ja twch nicht einmal Akte:: binden! Und Sie wollen promovieren? Kommen's her! Ich zeig Ihnen 's Aktenbinden! — das ist die erste Staffel zum Justizminister!" Dank der Mühe des Assessors lernte Dahn denn auch das Akteubmden (wie übrigens auch das Protokollschreiben!) aufs vollkommenste, und nun ging er mit einem wahren Feuereifer in die Amtsstube und arbeitete ebenso Ivie der vorbildliche Assessor außerhalb! der Dienststunden. Der Assessor war nämlich mit Arbeit überhäuft, und der dankbare Dahn wollte ihm recht viel von seine« Arbeit abnehmen. „Ich werkte, (erzählt Dahn) wie er unter der Arbeitslast litt, und ward von wahrer Wut erfüllt gegen di« „Rückstände", welche sich, gleich den nachmachsenden Häuptern der Hydra, immer wieder auf seinem Tische häuften. Da beschloß ich, ihm einmal gründlich und für immer zu helfen-, .U® Ostern


