Ausgabe 
17.7.1912
 
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sie tat ihr aufrichtig leib, tausendmal lieber hätte sie doch sicher neben ihrem Verlobten gesessen! Sie warf ihrem Mann einen tadelnden Blick zu und verwundert fragte fte sich: tote ist es nur möglich, daß jeder Herr in seiner Eitelkeit glauben kann, jede Dame säße am liebsten neben ihm? Und wie konnte Eduard nur so egoistisch sein, die Braut zu Tisch zu führen, und derselben dadurch die ganze Freude an dem Verlobungsfest zu zerstören.

Aber mit Erstaunen sah die Gräfin, daß die jungen Damen von heute doch wohl anders dächten als die frühere Generation.

Claire schien ihren Bräutigam gar nicht zu entbehren, ihre anfängliche Verlegenheit schwand mehr und mehr, und wenn sie auch nicht ganz wich, so unterhielt sie sich doch lustig und fröhlich mit dem Grafen, lachte über seine Scherze und ließ sich sogar ritt klein wenig von ihtn den Hof machen.

Und auch im weiteren Verlauf des.Diners unterhielt sich der Graf so ausschließlich mit ihr, daß Claire nicht einmal Gelegenheit fand, mit der Gräfin mehr als ein paar flüchtige Worte zu wechseln.

Wissen Sie wohl, Herr Baron," fragte Dagmar jetzt ihren Nachbar,daß ich noch nie einen Verlobten ge­sehen habe, der sich so wenig um seine Braut kümmert wie Sie?"

Der Baron bekam es mit der Angst. Er hatte sich doch fest vorgenommen, den glücklichen Bräutigam zu spielen, und wenigstens heute noch nicht irgendwelchen Ver­dacht und Argwohn aufkommen zu lassen. Aber er hatte so lebhaft mit Dagmar und Marianne geplaudert, daß er darüber doch wohl Claire ganz vergessen haben mußte! und auch da mußte er sich fortwährend verstellen, denn er sah ja, wie Dagmar über seine plötzliche Verlobüng dachte wie sie auf das tödlichste beleidigt war, obgleich sie mit heiterer Miene lachte und scherzte.

Die gänzliche Unbefangenheit, die zwar sehr gekünstelt ist, aber doch natürlich erscheinen soll, hat den Zweck, dir zu beweisen, wie froh sie ist, sich ganz ungezwungen geben zu können, ohne weiter deine Huldigungen fürchten zu müssen!" sagte er sich.Nur schade, daß ich das doch durchschaue."

Er mußte an sich halten, um seine Freude nicht zu ver­raten, daß Dagmar ihm gerade dadurch so -deutlich ihr Innerstes enthüllte!

Finden Sie wirklich, Komtesse, daß ich als Bräutrgam nicht zärtlich genug bin?" fragte er endlich, als hätte er sich seine Worte erst überlegen müssen.Ich glaube. Sie tun mir unrecht. Nicht, was wir nach außen hin zur Schau tragen, ist der Spiegel unserer wahrsten Empfindun- gen, die tragen wir ganz versteckt in unserem Herzen, häufig so tief verborgen, daß wir selbst zuweilen lange suchen müssen, bis wir sie finden."

Er hielt seinen Blick, während er sprach, fest auf sie gerichtet, und sie wußte: seine Worte gingen auf sie! Was

Mittwoch, den 17. Juli

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Die. von Gründingen.

Roman von Freiherr von Schlicht.

(Nachdruck verboten.)

(Fortsetzung.)

Die Gräfin erkannte ihren Mann kaum wieder, so lustig war er heute.

Wenn du aus Freude über die Verlobung des Barons so aus den: Häuschen gerätst, was stellst du da erst an, wenn Hans sich mal verlobt?" fragte sie zärtlich.

Der Graf te^te sein Gesicht in ernste Falten:Das ist doch noch sehr tue Frage, ob ich dann ebenso alle Ursache habe, glücklich zu sein. Der Hans ist ein Schlingel, und ob der jemals ein Mädel kriegt, das auch nur annähernd dieser Claire gleicht."

Unser Hans kriegt jede, die er haben will," nahm die Gräfin ihren Liebling in Schutz.

Aber nicht jode gleicht der Claire und gerade solche Frau müßte er haben, die wäre so was für ihn. Wenn es nicht eine Sünde gegen den Baron wäre, möchte ich sagen: ich möchte wohl, Hans hätte sich mit ihr verlobt."

Noch bevor die Gräfin etwas hatte erwidern können, trat der Baron ins Zimmer, glücklich und freudestrahlend, wie sich das für einen Bräutigam gehört, und als jetzt das zweite Zeichen zum Diner gegeben wurde, erschienen auch die anderen, als letzte: Alexa mit Claire.

Sie ist wirklich sehr anmutig, dachte die Gräfin, die einige Worte mit ihr wechselte und dabei die Bescheidenheit bemerkte, die sie in ihrem ganzen Wesen zur Schau trug. Die wußte, welche Verehrung und Hochachtung sie der Gräfin und einem hohen Adel schuldig war!

Der Diener öffnete die Tür zum Speisesaal.

Bitte, Herr Baron reichen Sie Ihrer schönen Braut den Arm," bat die Gräfin, aber der Graf wid.r'prach:Das geht nicht, das geht unter keinen Umständen! Das habe ich dem Baron schon auf dem Bahnhof erklärt: heute sitzt Claire neben mir, nicht wahr, Claire, du bist damit einver­standen?"

Aber seit wann sagst du denn zu der Brant des Herrn Barondu"?, fragte die Gräfin, die vor Erstaunen zuerst gar keine Worte sand.

Der Graf machte ein ganz verwundertes Gesicht:Was habe ich gesagt,du"? Da mußt du dich verhört haben, 'Konstanze; nicht wahr, Claire, ich sage nämlich Claire und nicht gnädiges Fräulein, das haben wir gleich auf dem Bahnhof verabredet ich erwähne das nur, damit du dich nicht darüber wunderst der Baron sagt ja auch Claire und Alexa sagt auch Claire warum soll ich da nicht auch Claire sagen?"

Bitte, meine Herrschaften, die Suppe wird kalt."

Die Gräfin machte absichtlich dem Gespräch ein Ende. 85ie hatte die Verlegenheit in Claires Zügen bemerkt, und-