370
um der Welt zu belueift«, sie höhere Wesen sind, zu denen der gewöhnliche Sterbliche voller Bewunderung und Anbetung heraufschauen muß."
„Ja, ja, meine Mutter! Die hat über so manches ihr« eigenen Ansichten, lind ich glaube, sie würde mich noch lieber haben, wenn ich wirklich ein solches Ekel wäre, wie Sie es eben charakterisierten. Aber leider kann ich ihr den Gefallen nicht tun — ich habe in meinem Wesen doch zu viel vom Vater, wenngleich ich im Aeußeren wohl mehr der Mutter gleiche."
„Ja ja, meine Mutter," fuhr der junge Graf fort, während er mit der Zigarette spielte, Um dadurch eine gewisse Verlegenheit zu verbergen. „Sie kennen Sie ja auch, und da brauche ich es Ihnen nicht erst zu sagen, daß sie die beste Frau der Welt ist, die zärtlichste Mutter, die außer ihrer Familie nur noch «inen Gedanken hat,---und der ist
es gerade, der mich ihr zuweilen, trotz aller Liebe und Verehrung, die ich meiner Mutter entgegenbringe, doch etwas entfremdet. Diesesmal noch mehr als sonst. Und ich glaube
— daran sind Sie etwas schuld, Herr Baron."
„Ich?" Der sah den jungen Offizier ganz verständnislos an. Er begriff gar nicht, was der meinen konnte. So sagte er denn: „Wenn Sie glauben, Herr Graf, daß ich — ohne Sie zu kennen — sei es im guten oder im schlechten Sinne mit der Frau Gräfin über Sie gesprochen hatte--"
„Aber, Herr Baron! Davon kann doch gar nicht die Rede sein," fiel ihm Hans schnell ins Wort. „Ich meinte etwas ganz anderes. Und — um es kurz zu sagen — ich glaube: Sie Unterhalten sich mit Meiner Mutter zu viel über beit Adel." ;
Der Baron lachte lustig auf: „Kommen Sie im Auftrage Ihres Herrn Vaters?"
„Ich? Wieso?" fragte Hans ganz erstaunt. „Mein Baier weiß gar nicht, daß ich bei Ihnen bin. Sie würden mich sogar zu Dank verpflichten, wenn Sie unser Gespräch vorläufig überhaupt nicht erwähnten."
„Ganz wie Sie es wünschen. Wer im übrigen verstehe ich immer noch nicht.--"
„Aber das ist doch sehr einfach, Herr Baron. Und da Sie selbst von Adel sind, kann ich es ja ruhig sagen, ohne Sie dadurch zu verletzen: ich verkenne keineswegs die Vorzüge und die Ausnahmestellung, die man allein schon dadurch in der Welt einnimmt, daß man adelig ist. Ich bin ßr stolz auf meinen Namen. Aber trotzdem hat der
rgerstand doch auch eine große Bedeutung, und es gibt doch auch in diesen Kreisen Familien, die über jeden Zweifel und über jeden Tadel erhaben sind, die das Recht haben, auf ihren Namen ebenso stolz zu sein, wie wir es sind."
„Gewiß, Herr Graf," stimmte der Baron ihm bei. Er freute sich, aus dem Münde seines Gegenübers so vernünftige Ansichten zu hören.
„Ich wußte ja, daß Sie mir beistimmen würden, Herr Baron. Ich habe es gar nicht anders erwartet. Und deshalb habe ich eine Bitte. — Ich habe den großen Einfluß bemerkt, den Sie — selbstverständlich ohüe es zu wollen — hier int Schloß auf alle ausüben. Tun Sie mir den Gefallen und sprechen Sie des Abends, wenn Sie sich mit meiner Mutter unterhalten, nicht nur über den Adel, sondern auch etwas über die Bedeutung und das Ansehen des Bürgerstandes." ■
Es schien, als ob Hans noch gern weitergesprochen hätte. Statt dessen schwieg er und spielte verlegen mit seiner Uhrkette.
Der Baron hatte erraten, was in dem jungen Offizier vorging. Es war ja auch nicht schwer, in dessen Seele zu lesen. Und so fragte er denn plötzlich ohne jeden lieber» gang: „Sie sind verliebt, Herr Graf?"
Der wurde dunkelrot und sagte nach einer kürzen Pause: „Es wäre unnötig, es zu leugnen — und ich bin ja auch hergekommen, um Ihre Hilfe zu erbitten. So will ich's denn eingestehen: ich bin in ein bürgerliches Mädchen verliebt, ja noch mehr: ich bin heimlich mit der Tochter des Regierungsrates Glöckner verlobt."
Das überlebt die Gräfin keine vierundzwanzig Stunden, dachte der Baron. Dann reichte er seinem Gast die
- „Darf ich Ihnen meinen herzlichen und aufrichtigen Gluckwunsch aussprechen?" a
„Ich danke Ihnen."
Hans schüttelte die ihm dargebotene Rechte: „Nun, da Sie alles wissen, kann ich auch freier sprechen. Ich
kam hierher, um meiner Mütter Meine Verlobung, — die natürlich noch tiefstes Geheimnis ist — mitzuteilen. Ick weiß ja, wie sie denkt. Trotzdem aber hoffte ich auf einen günstigen Augenblick, aber ber kam nicht, denn, wie ich schon vorhin sagte, scheint mir meine Mutter noch mehr als sonst den Adel als einzig unb allein existenzberechtigt anzusehen. So habe ich ihr nichts gesagt, sie hätte mich nicht verstanden, .mich gescholten, mir zugeredet, die Verlobung zu lösen, mir sogar klar zu machen versucht, daß Claire — sie heißt nämlich Claire--"
„Ein sehr hübscher Name, Herr Graf —"
In den Mgen von Hans leuchtete es ganz glückselia auf: „Nicht wahr? Und Sie sollten Claire erst einmal selbst sehen! Keine andere ist auch nur annähernd so hübsch, so lustig, so klug und so nett! Wirklich, Herr Baron — ich kann das Glück manchmal gar nicht fassen, daß sie mich liebt — und ich tue alles, was sie will — ich könnte auch gar nicht anders. Ich habe ihr versprochen, nicht mehr zu spielen, und ich rühre seitdem keine Karte mehr an. Habe auch gar nicht den Wunsch danach. Auch sonst bin ich ganz anders geworden. Claire ist ein Engel, Herr Baron. Ich weiß sehr wohl: das sagt jeder Verlobte von seiner Braut, — aber Claire ist es wirklich. Sie müssen mich einmal in meiner Garnison besuchen, dann führe ich Sie bei meinen Schwiegereltern ein, da werden Sie ja selbst sehen, wie bezaubernd sie ist. Und wenn ich daran denke, daß meine Mutter sie nicht mit offenen Armen aufnimmt, nur deshalb nicht, weil sie bürgerlich ist, — wenn sie mir vielleicht erzählen würde: Claire liebte mich gar nicht, sondern sie nähme mich nur meines Adels und meines Geldes wegen,--wenn ich nur an so etwas denke,
steigt in mir ein fremdes Gefühl gegen meine Mutter auf,--ich weiß, ich würde es ihr nie verzeihen, wenn sie
auch nur ein einziges, unfreundliches Wort über Claire spräche. Das würde uns auf immer entfremden. Ich würde nie wieder mit einem Schritt hierherkommen, so lange meine Mutter noch lebte. Und ich will mich nicht mit ihr entzweten, dazu habe ich sie zu lieb, — aber ich habe Claire noch lieber, und ich darf es nicht dulden, es nicht nist anhören, daß man sich unfreundlich über sie äußert."
(Fortsetzung folgt.)
Die Deformation und Gegenreformation in Herbstein und den ehemals landgräflichen und ritterfchafklichen
Grien des östlichen und füdöftlichen Vogelsbergs.
Von Pfarrer Zinn in Herbstei» (Fortsetzung.)
Derselbe Conrad Saun muß auch noch 1557 Pfarrer in Herbstein gewesen sein, denn es befindet sich im Grotzh. Hausund Staatsarchiv zu Darmstadt (Abt. V, 6, Conv. 241) eine von ihm mit zittriger Hand geschriebene und mit „Cappellan Conrad laun pfarher zur Herbstet)" unterschriebene Beschwerde wegen einer ehemals zur Frühmesserei in Herbstein gestifteten Hube Sandes in der Wüstung Breitenbach bei Herbstein mit dem Datum des 18. Novembers 1557. Aber diese • Beschwerde muß auch wohl eine seiner letzten Amtshandlungen gewesen sein. Denn von 1555 bezw. 156013) an finden wir, wie! sich aus Akten des Archivs zu Darmstadt Nachweisen läßt, bereits Valentin E ck h a r d t als Pfarrer zu Herbstein, und zwar als ü l l e i u i g e u
. 1S) In einem im Darmstädter Archiv befindlichen Schrifh >atz vom 24. September 1581 beschweren sich Bürgermeister und Rat samt ganzer Gemeine zu Herbstein bei der fuldischen Regierung, daß ihr Pfarrer Velten Eckhardt das baufällige Pfarrhaus nicht mehr auf seine Kosten unterhalten wolle und darum aus demselben in eine eigne Behausung gezogen sei, nachdem er doch in die 16 'aber 17 Jahr darin gewohnt und es m Lmch und Fach gehalten habe. In einer ebenda befindlichen zweiten Beschwerdeschrift vom 12. Juli 1582 klagen die Obeit- jenannten, daß ihr Pfarrer die Psarrbehausung nun schon in die sechs Jahre habe wüst stehen lassen. In denselben Akten wird erwähnt, daß bei der Ankunft des Pfarrers Eckhardt das Pfarrhaus, in übelstem Zustande war, weil vordem „ein alter pfarher drinnen wonnett, welcher Ein Ihar oder zwei) bawfellig tzewesemt" und an dem Haus nicht viel gebessert habe, so daß oer Pfarrer Eckhardt „den gegenwärtigen Winter" sich nicht darinnen vor Kalte und Nässe zu erhalten gewußt und int Frühjahr ans Bauen gegangen fei. Aus dem allen ergibt sich, daß Valentin Eckhardt wahrscheinlich im Herbst 1559 (spätestens 1560) tn Herbstein als Pfarrer aufgezogen ist und seitdem alleiniger Inhaber des Pfarrhauses war


