Ausgabe 
17.6.1912
 
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Die von Gründingrn.

Roman von Freiherr von Schlicht, (Nachdruck verboten.) (Fortsetzung.)

Und als man dann hinterher im Laufe des Gesprächs den Selbstmord des Freundes zuerst mit dem Spielverlust, dann da es sich auch gerade um fünfzehntausend Mark handelte zuerst nur vermutend und argwöhnend, dann immer bestimmter mit dem Diebstahl in Verbindung brachte, da war er aufgesprungen und hatte für den Toten, der sich selbst nicht mehr rechtfertigen konnte, eine Lanze gebrochen: der Freund sei sicher ganz unschuldig, und wer wisse denn, ob der Andere gerade im Klub bestohlen sei, ob ihm nicht das Geld schon wo anders genommen wäre? Wie oft passiere es nicht, daß man darauf schwören möchte, eine bestimmte Summe eingesteckt zu haben, und hinterher dann doch merke, daß man sie auf dem Schreibtisch oder im An­kleidezimmer habe liegen lassen. Wie oft fände man nicht das längst verloren Geglaubte plötzlich doch noch in der­selben Tasche, weil man zuerst nur zu flüchtig nachgesehen habe--man dürfe eine so schwere Beschuldigung nicht

aussprechen, solange man nicht die sichersten Beweise der Schuld in Händen HIa.be. Solange die nicht erbracht wären, träte er für den Freund ein.

Die Worte hatten ihren Eindruck nicht verfehlt, und der Bestohlene hatte plötzlich gerufen:Jetzt fällt mir ein, ich war vorhin bei dem Juwelier vielleicht habe ich dort das Geld liegen lassen oder vielleicht doch in eine andere Tasche gesteckt ich will noch einmal nachsehen."

Er war hinausgegangen und dann ganz verstört zurück­gekommen: die Banknoten in der Hand.

Alle hatten erleichtert ausgeatmet, ihnen allen fiel ein Stein vom Herzen: es wäre ja auch zu entsetzlich, wenn einer von ihnen der Dieb gewesen wäre, wenn einer von ihnen, durch das Spiel verleitet, sich dazu hatte hinreißen lassen, sich an fremdem Gut zu vergreifen. Und mit einem Male hatten, sie alle den Toten um Verzeihung gebeten, daß sie es gewagt hatten, icm seiner Ehre zu. zweifeln, und in ein­fachen, aber von Herzen kommenden Worten hatte der Vor­sitzende des Klubs dem Verstorbenen einen warmen Nachruf gewidmet.

Erst nachdem der Tote bestattet war, kam die Wahrheit an den Tag.

Mn Klubdiener hatte gesehen, wie der Baron sich an dem Falschen Paletot zu schaffen machte. Mn Diener er« wählte es dem Ändern, bis dann der Vorstand' davon Mel­dung erhielt. Jetzt fiel es auch einigen Herren wieder ein, baß er plötzlich verschwunden gewesen und ziemlich atemlos zuruckgekehrt sei. M hatte das Geld aus eigener Tasche ersetzt, um die Ehtre des Freundes zu retten.

Keiner sprach mit ihm darüber, denn der Tote sollte weiterhin als Ehrenmann im Angedenken leben. Das war

der Klub schon sich selbst und seinem Ansehen und der Stellung der Welt gegenüber schuloig. Wer an dem Hände­druck, mit dem ihn fortan ein Jeder begrüßte, an der Auszeichnung, mit' der man ihn behandelte, merkte er, daß alle wußten, toag er getan hatte. Das bedrückte ihn, und er suchte nach einem Vorwand, um aus dem Klub aus­treten zu können.

Wer ein anderes Ereignis kam ihm zuvor. Durch irgend eine Indiskretion war die Sache in die Oeffent- lichkeit gekommen, in allen Gesellschaften wurde davon ge­sprochen, teils wahre, teils unwahre Gerüchte schwirrten durch die Luft, und so blieb dem Regimentskommandeur, als dem die Sache zu Ohren kam, nichts weiter übrig, als gegen ihn das ehrengerichtliche Verfahren einzuleiten. Er hatte gejeut, sich wenigstens an einem Spielabend beteiligt, der den Tod eines Kameraden zur Folge hatte. Aber er ver­weigerte vor dem Gericht die Aussage darüber, ob er dem Kameraden das Geld gegeben habe oder nicht, und' er nahm den Toten auch da in Schutz. Man erkannte das Ritterliche seiner Gesinnung .und 'Handlungsweise an---

aber er bekam den 'Abschied. Er nahm das Urteil ruhig hin. Lange hätte er sich mit Iden geringen Mitteln, die er noch besaß, ja doch Vicht mehr halten können.--

Mit Blitzesschnelle zog das in diesem Augenblick wieder an ihm vorüber, dann sagte er:Da Sie ja alles wissen, Herr Graf, hat es ja keinen Zweck, es leugnen zu wollen, aber ich darf wohl die Bitte aussprechen, daß Sie gegen jedermann hier im Schloß, davon schweigen."

Aber das ist doch ganz selbstverständlich, Herr Baron. Hätte ich sprechen wollen, dann hätte ich das schon lange tun können. Ich gebe Ihnen mein Wort, daß nie eine. Silbe über meine Lippen kommt."

Ich danke Ihnen, Herr Graf."

Einen Augenblick herrschte eine etwas verlegene Stille^ dann fuhr Hans fort:Ich muß. Sie überhaupt um Ver­zeihung bitten, daß ich diesen Punkt berührte, aber es geschah nach reiflicher Ueberlegung. Ich wollte Ihnen damit zeigen, daß Sie mir absolut kein Fremder sind, daß ich Sie schon lange kenne, wenn unser Weg auch erst hier zu­sammenführt, und daß das Gefühl meiner Wertschätzung wirklich meiner aufrichtigsten Ueberzeugung entspringt."

Bei einem jungen Leutnant, der nicht, tote Hans, die frische Natürlichkeit selbst war, hätten die Worte leicht arrogant und überhebend geklungen, a&er jetzt taten sie dem Baron wirklich wohl.

So klang auch seine Stimme warm, als er sagte:Das freut mich, Herr Graf. Und da eine Liebe der anderen und ein Geständnis des anderen wert ist, will ich Ihnen offen bekennen, daß Ihre Bekanntschaft mich auf das angenehmste enttäuscht hat. Mach den Erzählungen der Frau Gräfin hatte ich Sie mir ganz anders vorgestellt, ausgerüstet mit all jener schrecklichen wenn auch keineswegs böse gernein- tin Anmaßung und .Arroganz, die junge, reiche Offiziere an sich haben, die sie nach ihrer Meinung auch haben müssen.