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für seine Widersacher einen elenden Gößen (S. Pachtler, der Götze der Humanität). Wiel die Humanität, so haben auch die Begriffe „Philosophie" und „Religion" ihren Inhalt verändert; andere Zeiten und andere Denkerkreise gaben dem Worte eine andere Bedeutung. In dem Kreise der römischen Welt des 2. Jahrhunderts vor Christus, Ivelcher der sokratisch-platonischen Philosophie sich zuerst geöffnet hatte, wurde dem Worte „Humanität" zuerst ein tieferer Sinn beigelegt: die Idee von dem unendlichen Werte der Menschenseele, eine Idee, welche Seneca in die Worte faßte: Homo res sacra homini, d. h. der Mensch soll dem Menschen heilig sein, und die später als Achtung vor dem Menschen als solchem, abgesehen von allen äußeren Zufälligkeiten, lebendig wurde. Unter den römischen Cäsaren verlor das Wort an Wert und sank zu der Bedeutung von „Wohlerzogenheit", „Bildung" und „milder Denkart" herab. Das Christentum gab ihm neuen Inhalt, und das Zeitalter der Renaissance brachte es von neuem zu Ehren, so daß diese ganze Zeit mit dem Namen des „Humanismus" und die Anhänger dieser Geistesrichtung als „Humanisten" bezeichnet wurden.
Die humanistische Denkweise stand immer im Gegensätze zu den in Staat und Kirche herrschenden Parteien, ebenso wie Jesus im Kampfe stand Mit Schriftgelehrten und Pharisäern und Paulus mit den griechischen Philosophen. Aller Zwang in der Regierung von Staat und Kirche drückte die Humanität nieder, alle Freiheit hob sie wieder auf; so bedeutete „Humanität" die bürgerliche und religiöse Freiheit und die innere Freiheit der Person von jedem außer ihr liegenden Zwange: die sittliche Freiheit. Die Kämpfer für die Humanität, die Galilei, Baco, Grotius, Comenius, Leibniz, sind zugleich die Bahnbrecher des kulturellen Fortschritts. Sie befreiten die Menschheit von der Vorstellung von bevorzugten Völkern, Ständen und allein seligmachenden Religionen und stellten die Idee der Einheit des Geschaffenen und einer allen Menschen eignenden allgemeinen Menschheitsreligion auf. Die Humanität erhielt damit die Bedeutung „Einheit des Menschengeschlechtes; alle Menschen sind Kinder eines Vaters und somit Brüder". Naturphilosophie und Idealismus brachten ihren Beitrag zu dem Inhalt hinzu, und mit diesem Gedankeninhalt kam die Humanität im Jahre 1717 in die in London gegründete erste freimaurerische Groß- l o g e. Seit dieser Zeit ruht die in der ganzen Welt verbreitete Freimaurerei auf der Grundlage der Humanität, der Geistes- richttmg, welche in der Entwicklung der Kultur klärend, einigend und befreiend genstrkt hat und welche als Träger des Idealismus überall die Fackel voranträgt.
Fügt sich die Freimaurerei, wie im vorstehenden dargelegt, in die allgemeine Menschheitsentwicklung ein, so hat sie doch durch ihre äußere Geschichte, und durch die Ausprägung besonderer Seiten des Humanitätsgedankens etwas eigenartiges, das sie von anderen Vereinigungen unterscheidet. Aus der Ueberzeugung von der Einheit des Menschengeschlechtes erwächst die Menschen- und Bruderliebe, die Bezeichnung der Bundesmitglieder als Brüder, die im großen Umfange geübte Werktätigkeit; weiter die Pflicht der Duldung jeder ehrlichen Ueberzeugung, nicht nur der religiösen, die Achtung vor dem wahren inneren Werte des Menschen, einerlei in welchem Gewände er einhergeht; die Idee der Freiheit des Denkens und Handelns, welche einerseits jedes Dogma, es mag politisch, religiös, wirtschaftlich oder sonstwie sein, verwirft, anderseits als Freiheit des Willens sich nicht von Naturtrieben, sondern allein von dem Sittengesetze leiten läßt; die Ueberzeugung, daß das Endziel aller Entwicklung, des einzelnen wie der Menschheit, die Vollkommenheit ist, woraus die Pflicht der Selbstveredlung Und Selbsterziehung erwächst. Als Bekenner der Religion, in welcher alle Menschen übereinstimmen, überlassen die Freimaurer die Ausgestaltung des Gottesbegriffcs jedem einzelnen und verehren Gott, den Vater aller Menschen, unter dem Symbol des Baumeisters des Weltalls. Sie schätzen die Gottes- und Menschenliebe höher als den Glauben, das Tun höher als das Lehren und bilden daher eine Gesinnungs- und Strebensgemeinschaft, aber keine Glaubensgemeinschaft. Ihr Strebeziel, die Vollkommenheit, ist ein Ideal; die endliche Enigung der Menschen in einem großen Bunde von Brüdern und Schwestern, die vollkommene Freiheit dieser so geeinigten Menschen von der Herrschaft des Sinnlichen, der höchste Glückszustand dieser sittlich reinen Men- fchengesellschast, den die Freimaurer unter dem Symbol eines Tempels der Menschheit erstreben, und der sonst als Reich Gottes symbolisiert wird, ist das Ideal dör Menschheitsentwicklung überhaupt.
Tie Ausübung der Freimaurerei Wegen ihre Anhänger als „königliche Kunst" zu bezeichnen, als die Kunst, die eigne Seele wie die Menschheit zur Wohnung des Ewigen zu erbauen. Von dieser freimaurerischen Lebenskunst handelt das Starckesche Buch im besonderen. Die Kunst des Lebens besteht darin, es als ein Ganzes harmonisch zu entfalten; das ist jedoch nur dem möglich, welcher das Sittengesetz erkennt und ihm int innersten seiner Seele gehorcht. Das Ringen und Streben nach Glückseligkeit auf dem Grunde des Sittengesetzes legt die Freimaurerei ihren Gliedern als ernste Pflicht auf. Da sie das Sittengesetz als allgemein verbindlich erkennt, kann sie nicht in den pharisäischen Hochmut fallen, sich für eine ganz ausnahmsweise fortgeschrittene sittliche Gesellschaft oder gar ftir allein seligmachend
zu halten, sondern sie! erkennt jeden sittlichen Fortschritt an und übt Duldung und Anerkennung der Möglichkeit, auch auf andere Fasson selig zu werden.
Indessen der Weg zur Herausbildung einer sittlichen Persönlichkeit allein durch Lehre ist lang; kurz aber, wenn zur Nachfolge reizende Beispiele aufgestellt werden. Die freimaurerische Erziehung stellt daher Vorbilder auf, denen nachzustreben ist: Johannes den Täufer, nach dem die Logen Johaunislogen genannt werden, und das Vorbild aller Vorbilder, Jesum. Ihnen nachzufolgen, durch ihr Leben sich zur Ausübung der rechten Lebenskuust anreizen zu lassen, das ist die wahre Betätigung der Religion, des starken Gefühls, das die Menschen an das Ewige bindet. Ta die Freimaurerei die Hebung dieser Religion fordert, ist ihr eine Feindschaft gegen die Religion, wie ihr häufig vorgeworfen wird, ganz unmöglich. Die freimaurerische Lebenskunst äußert sich als starkes Pflichtgefühl gegen die Forderungen der Sittlichkeit, als Pflichtübung in Familie, Beruf, Staat und Gemeinde, als Liebe zu den Menschen, insbesondere zu den Brüdern, als Mitleid, Barmherzigkeit, Billigkeit und Gerechtigkeit im Verkehr mit der Umgebung, als Achtung und Wertschätzung der Person nach dem Maße der erreichten Vollkommenheit und nicht nach äußeren Umständen, als ernstes Stteben jedes einzelnen nach höchstmöglichster Vollkommenheit.
Zur Erlangung dieser Lebens'kunst dient die Arbeit in den Logen, in welchen als Mittel der Erziehung neben Lehre und Beispiel hauptsächlich die Symbole angewandt werden, die durch ihre Allgemeinverständlichkeit eindringlich wirken. Durch diese der Freimaurerei eigentümliche Erziehung werden ihre Jünger angeleitet, echte Weisheit zu suchen und zu üben — nicht bloße Lebensklugheit —, die rechte sittliche Stärke zu erwerben, die uns von den Fesseln des Vergänglichen frei macht, und uns in reiner Harmonie des Charakters, in sittlWer und geistiger Schönheit als ein wahrer Mensch in der Welt ,darzustellen.
Beide hier genannten Werke sind, jedes in seiner 2htz vorzüglich geeignet, Vorurteile über die Freimaurerei zu zerstreuen und zu zeigen, daß diese doch etwas mehr ist, als eine Wohltätigkeitsgesellschaft, oder als ein exklusiver Klub mit reichlichen Tafelgenüssen und kindischer Spielerei mit Schurzen und Bändern, oder gar als ein Laboratoriuzn, in welchem die Bomben zur Zerstörung von „Thron und Altar" verfertigt werden. Die Verfasser haben das große Verdienst, weiten Kreisen eine höhere Wertung der Loge und Freimaurerei möglich gemacht, und der Verein deutscher Freimaurer verdient großen Dank dafür, diese Werke dem großen Publikum zugänglich gemacht zu haben.
W. d. Aelt-i
Schulansang.
Ein offener Brief an die Eltern.
9?uit kommt Ihr wieder zur Schulgasse herein, wie ich Euch schon vielmals kommen sah, Ihr Mütter! Freundin bei Freundin und vor Euch her oder Euch zur Seite trippeln Eure Sprößlinge: Der Junge mit dem Ranzen auf dem Rücken, das Mädel mit der Schultasche am Arme. — Ja, sie sind nun Eigentümer geworden, die Kleinen, und sie sind ganz im Gefühle ihres Besitzrechts. Was sie da tragen, gehört ihnen, ihnen ganz allein, ist ihr uw- bestreitbares Besitztum. ■— Eigentum verpflichtet! Werden sie dem gerecht werden, was Griffel, Tafel und Buch von ihnen fordern? Der kleine Blondkopf dort scheint schwer an den Verpflichtungen zu tragen, dicke Tränen rollen ihm über die Wangen, und die Mutter muß ihren Liebling an der Hand nachziehen.
Und Ihr Alten, Ihr fichlt heute auch mehr wie sonst den Druck der Pflicht. Undeutlich vielleicht — nicht klar ausgesprochen — lebt in Eurer Seele der Gedanke: Das, was da vor uns hergeht, ist unser eigentliches Eigentum, unser Eigentum für die Ewigkeit. Alles, was wir sonst noäy unser nennen, ist uns nur verliehen, um diesem lebendigen Eigentume, dem Fleisch von unserem Fleische, den Fortbestand zu sichern. Und darauf — auf das Weiterleben — kommt alles an. Es ist eine hohe Freude — das Bewußtsein, etwas getan zu haben, was diesen Fortbestand sichert. In Euch spricht das mächtige Gesetze das der Schöpferwille in jede Kreatur, besonders aber in die Menschenseele gelegt hat: Du sollst leben/ denn du kannst leben.
Nun kommt Ihr mit Eurem höchsten Besitze zu mir und meint, der Gang zur Schule sei auch geeignet, den Bestand Eures Eigentums zu sichern. Wird nicht auch in manchem Herzen der Zweifel aufsteigen bei den Fragen: „Ist das auch der rechte Mann? Kann ich ihm mein Teuerstes unbesorgt anvertrauen?" Was wißt Ihr denn von den Empfindungen, die die Seele des Mannes bewegen, der Euch da oben aus seinem Schulsaale entgegenschaut? Daran denkt Ihr ja nicht, daß in seinem Innern die Macht desselben Gesetzes wirkt, dem auch ihr gehorcht, daß ihm dieselbe Stimme zuruft: Du kannst, denn du sollst leben! Wir werden alle von der einen Macht getrieben, von dem mächtigen GeseW des Lebens, das uns heute besonders laut sagt: Kirke so, daß Dein Eigentum Bestand hat.
Wenn ich nun wieder zurück in die eigene Seele schaue und den mächtigen Hebel, der die Welt des Lebens bewegt, erkenne, dann sehe ich ein Stück Zukunft vor mir: Diese, kleinen und doch


