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Er verließ dahier das Promenadendeck und stieg die Treppe zum Zwischendeck hinunter, aber da hier wieder die dienstfreien Matrosen und Stewards herumstanden,, so klomm er am anderen Ende die Stufen zur, Back hinaus, dem hochragenden Vorderdeck, das ganz frei war, wie es rhm schien.
Ein frischer Luftzug empfing ihn hier oben,. Ah', das tat wohl! Fester drückte er sich die Bordmütze ms Gesicht und schritt vorwärts, nach dem Bug hin. Aber tote er um die mannshohen Ventilatoren bei der Ankertornde bog, erblickt er ganz vorn an der Spitze eine weibliche. Gestalt, die, über das Eisengeländer gelehnt, regungslos hmab tns Wasser blickte.
Mso auch hier wieder ein Mensch! Gab' es denn kein Plätzchen auf dem ganzen Schiff, wo man einmal altein sein konnte? Aergerlich wollte er gleich wieder umkehren, aber da faßte sein Auge die dunkle Silhouette jener Frauengestalt da vorn genauer auf, und sein Fuß stockte: täuschte er sich, oder war das wirklich da vorn Frau Söllnitz?
Einen Augenblick zögerte er noch, dann trat er zu ihr hin. Wahrhaftig, sie war es wirklich! Der kräftig wehende Gegenstrom, den das Schiff beim Durchschneiden der Luft erzeugte und der die Haare um Schläfe und Nacken der jungen Frau flattern ließ, nmßte das Geräusch seiner Tritte ganz übertönt haben, denn sie fuhr zusammen, als da plötzlich neben ihr eine Stimme erscholl.
„Verzeihung, wenn ich Sie erschreckte!" bat er, Uun dicht an ihre Seite tretend. „Also sind Sie's doch. Ich glaubte Sie schon längst in Ihrer Kabine."
Ein ernster, stiller Blick traf ihn.
„Ich würde doch keine Ruhe finden," erklärte sie, dann den Kopf wieder nach vorn wendend, in den Wind hinein. „Die Luft tut meinen Nerven wohl."
Er zauderte noch einen Moment, dann sagte er leise:
„Sie sind mir böse."
Auch sie erwiderte nicht gleich. Sie kämpfte offenbar Mit sich, ob sie ihm ihr wahres Empfinden zeigen sollte; aber dann kehrte sie ihm das Gesicht zu.
„Warum waren Sie vorhin so abweisend zu mir?" Die leise Trauer in Ton und Blick bei ihr rührten ihn.
„Verzeihen Sie mir!" bat er warm. „Ich habe mir schon selbst Vorwürfe darüber gemacht."
Ihr immer noch ernstes Gesicht hellte sich leise auf; aber sie fragte noch einmal:
„Warum waren Sie denn so? Ich habe mir ja den Kopf darüber zerbrochen."
Gespannt blickte sie auf ihn.
Er suchte nach den rechten Worten, um sie nicht zu
-erletzen; dann begann er langsam, überlegend:
„Ich bin vielletcht sonderbar in der Beziehung — es ist vielleicht Weltfremdheit infolge meines zurückgezogenen Lebens — aber ich kann mir nicht helfen: es fällt mrr schwer, mich an Sie zu gewöhnen, wie Sie sich heute gaben."
Sie blickte ihn erstaunt an:
„Aber wie denn? Ich gab mich doch heut wie immer!"
„Eben darum!" bestätigte er ernst. „Ich muß leider merken, daß Sie unter Menschen eine andere sind als sonst."
Betroffen sah sie ihn an. Allerlei Gedanken stürmten auf sie ein. Sollte er an der Aufrichtigkeit ihrer Empfindungen zweifeln? Mein Gott, sie hatte ihm doch so deutlich durch geheime Zeichen zu erkennen gegeben, wie glücklich sie über sein Kommen gewesen war!
„Ich verstehe Sie nicht," bekannte sie leise, gequält.
-.Bitte, sagen Sie mir doch deutlicher, was Sie meinen."
„Nun gut!" Er beschloß, jetzt ganz rückhaltlos zu reden. „Sehen Sie, was mir gerade so gut an Ihnen gefiel, das absolut Wahrhafte und Aufrichtige, das verdunkelt sich so au diesem neuen Bilde, das Sie hier von sich zeigen."
Sie sah ihn erschrocken, mit großen Augen an.
„Hier sind Sie so ganz Weltdame, in jedem Moment bestrebt, Ihr wahres Gefühlsleben ängstlich hinter einer lächelnden und tändelnden Maske zu verbergen, auch da, wo es nicht notwendig wäre."
„Und wo wäre das zum Beispiel?" Eine tiefe Ver- letztheit spracht aus ihrem Ton.
„Warum verheimlichen Sie Ihren Freunden ganz unser gutes Bekanntsein? — Warum empfingen Sie mich wie einen ganz Fremden, den Sie etwa nur einmal flüchtig gesehen haben? Ich muß Ihnen ganz offen gestehen: es hat mich das sehr peinlich 'berührt. Ich bin kein Freund von schiefen Positionen und Heimlichtuereien. Warum zeigen
Sie nicht aller Welt frei, daß wir gute Freunde sind? Es ist doch nichts Unrechtes, dessen wir uns zu schämen brauchten!"
Sie gab keine Antwort. Unbehaglich stand sie, in das Meer zu ihren Füßen hinabblickend; aber es zuckte verräterisch in ihrem Gesicht.
„So reden Sie doch!" drängte er. „Habe ich denn nicht recht?"
Da kam es langsam von ihren Lippen, und sie zitterte während (des (Sprechens «vor innerster Erregung: „Sie wissen nicht, wie weh Sie mir tun in diesem Augenblick. Was ch tat, geschah doch nicht aus Feigheit oder Falschheit! Aber Sie kennen die Welt nicht; nicht die, in der ich lebe — die auf diesem Schiff hier. Ich habe nichts mehr als meinen guten Rus ■— Sie wissen es ja. Soll ich den auch noch aufs Spiel setzen? Ohne zwingenden Grund! Oder meinen Sie, diese Leute hier ringsum, die mich mit Argusaugen bewachen, um endlich den gewünschten dunkeln Fleck an mir zu entdecken, sie würden es ohne weiteres begreiflich finden, daß wir in den paar Tagen so schnell Freunde geworden sind? Würden an die Harmlosigkeit dieser Freundschaft glauben? — Nein!" schloß sie mit tiefster Bitterkeit, „davon können Sie mich nicht überzeugen. Ich kenne diese Menschen besser, die ich — leider! — -tagtäglich um mich sehe. Aber gleichviel! Da Sie meine Vorqrchr für unwürdig halten, gut — so will ich sie sortan fallen lassen. Ich will Sie nicht in eine schiefe Lage bringen, die Sie mit Ihren Grundsätzen nicht vereinbaren können.
Entschlossen richtete sie sich auf.
(Fortsetzung folgt.)
Der Inhalt des freimaurerischen hnmanitötsgedankeirs.
Vor zwei Jahren erschien in Frankreich ein Buch des AbbS Emmanuel Barbie: Les infiltrations maconniques dans l’Eglise, welches die verderblichen Einflüsse der Maurerei in die Kirche nachweisen sollte. Leider hatte der Verfasser hierbei das Unglück, daß er nicht die Freimaurer, sondern Rosenkreuzer und diesen verwandte Gesellschaften als die Träger des kirchenfeindlichen Bazillus anführte. Bei den Angriffen auf die Freimaurerei kann man häufig bemerken, daß ihr völlig fernstehende und wesensverschiedene Gesellschaften mit ihr verwechselt werden, und die Freimaurerei Sünden tragen muß, die andere verbrochen haben. Auf dem letzten Mvnistenkongresse in Hamburg ist es vorgekommcn, daß einer der Leiter des Monistenbundcs eure Erklärung im Namen der deutschen Freimaurerei abgab, obgleich er dem Freimaurerbunde nicht angehört und dieser mit dem Monismus nichts zu tun hat.
Solche Verwechslungen und Unrichtigkeiten können nur vorkommen, weil über das Wesen der Freimaurerei grundfalsche Vorstellungen herrschen. Der Verein deutscher Freimaurer hat sich seit Jahren bemüht, hierüber Aufklärung zu schaffen und hat im letzten Jahre zwei Schriften preisgekrönt, welche die von seinem Vorstande gestellte Preisfrage: Der Inhalt des freimaurerischen Humanitätsgcdankens, beantwortet haben. Keller in seinem Buche über die geistigen Grundlagen der Freimaurerei und Starcke in der Schrift über die Freimaurerei als Lebens- kunst.*)
Keller behandelt seinen Stoss historisch und läßt die Entstehung und Entwicklung des Begriffes „Humanität" an unserem Auge vorbeiziehen, zeigt, welchen Inhalt er in den verschiedenen Kulturepochen gehabt hat und das dem freimaurerischen Humanü tätsbegriffe Charakteristische. Wer ein geistiges Gebilde recht verstehen will, darf nicht allein dessen gegenwärtige Erscheinung betrachten, sondern muß zu fernem Ursprünge hinaufsteigen und den Lauf seiner Entwicklung verfolgen. Historia magistra! So verfährt die neuere Theologie, so jede Wissenschaft. Wenn «N Bund, der die Mitarbeit an dem Kulturfortschritt sich als Aufgabe gestellt hat, nicht auf einer sicheren geistigen Grundlage! ruht, wenn er nicht in dem allgemeinen Strome der Menschhecks- entwicklung eingeschlossen ist und nicht im Leben der Gegenwart eine Bedeutung aufweisen kann, so wird es bald um ihn ge-- schehen sein. v. ,, ,
Der Freimaurerbund ist ein solcher; gelingt es rhm nach- zuweisen, daß sein geistiger Inhalt eine sichere Grundlage hat, daß diese zugleich eine Grundlage der Geistesentwicklung überhaupt ist, so ist damit seine Daseinsberechtigung erwiesen. Der Inhalt der Freimaurerei ist die H u m a n i t ä t. Für den Bund bedeutet dieser Begriff das Ideal der höchsten Vollkommenheit;
*) Die geistigen Grundlagen der Freimaurerei und das öffentliche Leben. Ludwig Keller, (Geh. Archivrat), Jena bet Eugen Diederichs. Freimaurerei als Lebenskunst. Tr. E. vc. Starcke, (Universitätsprofessor in Kopenhagen). Berlin vn Franz Wunder.


