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Der König von Thule.
Roman von Paul Gräbern.
(Nachdruck verboten.^ (Fortsetzung.)
Wie sie sich zu beherrschen, zu verstellen wußte, so leicht, spielend! War es nicht eigentlich aber eine etwas bedenkliche Kunst? Er hatte sie, allein mit ihm, immer so ganz anders gesehen, so offen, ohne jedes Falsch. So hatte sie ihm unvergleichlich besser gefallen. Die glatte Maske der Weltdame nun berührte ihn peinlich an ihr. Sein Ton wurde daher unwillkürlich noch kühler und formeller, als er jetzt auf ihre Aufforderung mit einer leichten Verbeugung erwiderte:
„Vielen Dank, guädrge Frau! Sie sind wirklich sehr gütig."
Verwundert sah sie zu ihm auf. Was hatte er denn? Warum war er denn so gemessen zu ihr? Statt auf ihren Ton einzugehen und ihr unter einem Scherz zu verstehen zu geben, daß er verstand, wie es gemeint war? Aber seine Miene blieb unverändert ernst, und mit einem Seitenblick auf Neidhardt fügte er hinzu:
„Der Herr Kapitän war bereits auch so freundlich —"
Der alte Seemann glaubte nun, den neuen Bekannten in die allgemeine Unterhaltung ziehen zu sollen.
„Aber ja, Herr Doktor! Verfügen Sie ganz über mich. Wenn ich Ihnen irgendwie dienen, Sie noch sonstwo bekannt machen soll? Aber Sie werden sich unfehlbar bald einleben. Es ist ja ganz famos hier auf unserem Schiffchen, namentlich in unserer engeren Gesellschaft." Und die Konversation wurde nun allgemein.
Längere Zeit saß man so beisammen in lebhaftem Geplauder, das allerdings in der Hauptsache von dem gesprächigen Kapitän und dem Ehepaar geführt wurde. Frau Söllnitz war, infolge Amthors so merkwürdigen Wesens, heute gegen ihre Gewohnheit schweigsam, und auch der fremde Doktor schien kein Freund überflüssiger Worte zu sein, wennschon er sein Interesse an der Unterhaltung durch gelegentliche Bemerkungen bekundete. Wenn sie sich von den anderen unbeobachtet glaubte, warf die junge Frau oftmals einen Blick zu ihm; aber er erwiderte ihn nicht. Er war offenbar, nachdem sie einmal die Parole des Verleugnens ihrer näheren Bekanntschaft ausgegeben hatte, nun ganz konsequent und wollte auch von heimlichen Vertraulichkeiten nichts wissen.
Eva Söllnitz quälte nachgerade dies ihr unverständliche Verhalten. Sie merkte ja nur zu deutlich, daß er verstimmt über sie war; aber so sehr sie sich auch insgeheim zergrübelte, sie fand nichts in ihrem Benehmen, das ihm begründeten Anlaß gegeben hätte. Eine Traurigkeit kam schließlich über sie. War das nun die Freude, die sie sich io ersehnt batte? Ihre Nerven fingen so wieder an, sich
zu melden, und es war keine Ausflucht, als sie plötzlich aufstand und erllärte:
„Entschuldigen Sie, meine Herrschaften, aber ich merke, ich darf mir doch noch nicht zu viel zumuten. Ich w N mich lieber zurückziehen — auf Wiedersehen." Und schnell ging sie davon, offenbar, um sich in ihre Kabine zu begeben.
Amthor hatte sie bei ihren Worten mit seinem still prüfenden Blick angesehen. Wirklich, sie sah blaß und angegriffen aus; das wenigstens war keine Vorspiegelung.
„Frau Söllnitz war heute schon den ganzen Tag über nicht ganz wohl?" erkundigte er sich bei ihren Bekannten.
„O, leider nein!" gab Mrs. Sanderham Auskunft, in ihrem gewandten, aber fremd llingenden Deutsch. „Sie llagte schon gestern in dem Nachmittag, gleich wie sie kam an Bord, über starkem Kopfschmerz und ist bis zum Diner heut den ganzen Tag unten geblieben in ihre Kabine."
„O," ein bedauernder Laut kam von Amthors Lippen. Seit gestern nachmittag schon! Also seit der Rückkehr von ihrem Ritt, seit dem Abschied von ihm! Ein warmes Gefühl quoll ihm wieder im Herzen hoch. Also echt und tief war ihr Fühlen doch trotz der Schauspielermaske, die sie leider vor den Leuten trug. Und ein Empfinden von Reue überkam ihn, daß er sie eben die ganze Zeit über so kühl behandelt hatte, trotz ihrer geheimen bittenden Blicke, die er wohl bemerkt hatte. Wenn er ihr doch wenigstens jetzt noch ein freundliches Wort hätte sagen können! Aber es war ja nun zu spät. Sie hatte sich bereits in ihre Kabine zurückgezogen, gewiß um wieder eine neue schlechte Nacht zu verbringen — seinetwegen.
Er stand auf, von innerer Unruhe getrieben. Auch die anderen erhoben sich.
Der Kapitän sah nach der Uhr.
„Na, da können wir wohl unseren gewohnten Schlummertrunk nehmen. Kommen Sie mit, Herr Doktor?"
„Vielen Dank!" lehnte Amthor ab. „Aber ich möchte lieber noch eine kleine Promenade machen."
„Nun, dann gut' Nacht!"
Die Herrschaften reichten ihm alle freundlich die Hand und gingen dem Rauchsalon zu, wo sie stets noch ein Glas Pilsner vorm Schlafengehen zu trinken pflegten. Auch die Amerikaner hatten diese gute deutsche Sitte schnell angenommen.
Amthor begann in der Tat, seinen Deckspaziergang anzutreten. Seinen Gedanken nachhängend, schritt er den breiten geschützten Gang hinunter, der im langen Rechteck rings um die Kajüten und Kabinen der ersten Klasse 'führte. Aber bald störte ihn der rege Verkehr, der hier noch herrschte, obschon es fast zehn Uhr war. Der Abend war, nördlich des Polarkreises, ja taghell und, da man noch im Bereich des Golfstromes fuhr, sommerlich mild; allenthalben saßen daher noch auf den Bänken oder Deckstühlen die Passagiere plaudernd zusammen. Amthor fühlte sich im Vorübergehen an den einzelnen Gruppen durch die neugierigen Bllcke gestört, die ihn, den neuen Schiffs genossen, vielfach trafen.


