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aufnahmefähig: Man hat beobachtet, daß m Mr nicht seltenen Fällen täglich 7 Pfund () Don gegessen werden. Solche Voller» leisten sich freilich nur die „Bessergestellten", denn umsonst ist jener Leckerbissen den Leuten von Dikuy nicht „gewachsen.. Ein Stück Tonerde von 15 Zentimeter Länge, 10 Zentimeter Breite und und 4 Zentimeter Dicke ist z. B. immerhin 20 KaurOchnecken Mert, ilebrigens wird mit solchen Stücken von den Eingeborenen auch ein schwunghafter Kandel betrieben, der sich bis zu. einem Umkreis von 30 Kilometern erstreckt.
Wer wie erstaunt ist der Laie in geophagischen Dingen, wenn er dffährt, daß auch auf europäischen Märkten Erde als Näscherei feit geboten wird! Dies ist z. B. auf Sardinien der Fall. Auch in Oberitalien (Treviso) und Steiermark gelten bestimmte Erdarten als Leckerbissen. Und deliziös fanden einst die vornehmsten Damen Spaniens und Portugals die Erde von Ertemoz. Im äußersten Norden Schwedens ist die Geophagie gleichfalls nicht unbekannt, und auf der Halbinsel Kola wird eine bestimmte Erde unter das Brot gebacken. Aber schließlich gibt es gar noch — deutsche Geophagen! Diese treiben ihr Wesen in den L>and- steiugruben unseres romantischen Kpfshäusers und int Lünebür- gischen. Hier pflegen nämlich die Arbeiter die sogenannte „Stern- butter", einen seinen Ton, auf ihr Brot zu streichen.
Bei der auffallend weiten Verbreitung der Geophagie fragt man int Interesse nach ihren Entstehungsursachen. Als ihr frühester Ursprung werden von manchen Hungersnöte bezeichnet. Vielleicht erhob auch nur ein gewisser Wohlgeschmack fettige Tonerden zum menschlichen Leckerbissen. Da solche Erden aber Mitunter recht salzhaltig sind, mögen sie auch in kochsalzarmen Gegen- de meine Rolle als Ersatz des Salzes spielen. Mancherorts — wie auf Timor — stellt das Erde-Essen eine religiöse Handlung dar. Schließlich ist es nicht von der Hand zu weisen, daß hysterische, krankhafte Gelüste, die suggestiv ansteckend wirken, mit in Betracht kommen. Auch bei uns kann man ja mitunter beobachten, daß Jugendliche — namentlich Bleichsüchtige — von dem perversen Triebe befallen werden, Kreide zu verzehrm, alten Mörtel zu efsm und sonstige, an Geophagie erinnernde Allotrien und Sonderbarkeiten zu treiben. Wer auch draußen sieht man diesen Trieb besonders gern im Kindesalter auftreten. So sollen z. B. im Süden Mgerieus gerade zahlreiche Kinder dem Erde- Effen fröhnm, und auch in einem Teile Marokkos naschen die Kleinen schon im zarten Alter leidenschaftlich gern Erde. Allerdings sehen sie ja, wie ihre Mütter — wohl aus einem Aberglauben heraus — Kügelchen dieser Erde oft verschlucken. Ueber- triebenes Erd-Essen bleibt natürlich nicht ohne Einfluß auf die Gesundheit. Wer an krankhafter Geophagie leidet, bem schwellen Milz und Leber an, er magert stark ab und bekommt einen charakteristischen Kärkgebauch.
Was Schlafwandler leisterl.
Unter einem Schlafwandler stellt man sich gewöhnlich eilten Menschen vor, der im Nachkgewande und zur Nachtzeit auf Dachfirsten mit untrüglicher Sicherheit zu geben vermag und von feinem Tun nichts weiß. Ein Psychiater berichtet nun in einer englischen Wochenschrift von Schlafwandlern aus der Schar feiner Kranken, die im somnambulen Zustande die merkwürdigsten Leistungen auf geistigem Gebiet zustande brachten.
Zu seinen Patienten gehört z. B. ein Maler, der für die nächste Akademieausstellung ein Bild malen will. Allnächtlich arbeitet er daran, ohne es yu wissen. Mitten in der Nacht steht er auf und geht zur Arbeit; nach ritt paar Stunden legt er sich wieder zum Schlafe, und am nächsten Morgen ist er erstaunt über die Fortschritte seiner Arbeit. Wenn ihm seine eigene Mutter von feinem nächtlichen Tun erzählt, das sie genau beobachtet hat, so glaubt er ihr nicht. Ganz ähnlich geht es einer Malerin. Sie arbeitet merkwürdigerweise im Zustande des Schlafwandelns bebeutenb besser, als im Wachzustände. Besonders merkwürdig ist der Fall eines Journalisten. Er war regelmäßiger Mitarbeiter einer Zeitschrfft und hatte für diese einen Aufsatz übernommen, der ihm viel Koptzerbrechen machte. Er fing wiederholt an, warf das Manuskript, mit dem er nicht zufrieden war, in den Papierkorb und schließlich schrieb er dem Herausgeber, er tonne den Aufsatz nicht liefern, weil er dem Gegenstand nicht gewachsen sei. Zu seiner großen Verwunderung erhielt et fast gleichzeitig einen Bries von dem Redakteur, in dem dieser den Empfang des versprochenen Manuffripts bestätigte und zugleich aussprach, der Aussatz sei seht gut gelungen. Der Schriftsteller ging sogleich zur Redaktion, und dort zeigte man ihm seinen eigenhändig geschriebenen Aufsatz. Er wußte durchaus nicht, daß er ihn geschrieben hatte, und es bleibt nur die einzige Erklärung, daß er ihn in einem unbewußten, traumhaften Zustande geschrieben hatte. Zu den Patienten des Psychiaters gehört auch ein Musiker, der schwer neurotisch ist. Er komponiert regelmäßig in einem unbewußten Zustande. Er weiß dies auch und bereitet sich darauf vor. Seit vielen Jahren hat er überhaupt nur unbewußt komponiert, aber trotzdem ist er an jedem Morgen doch wieder etwas erstaunt, wenn er eine fertig geschriebene Komposition auf seinem Nachtttsche vorsindet.
Die Reihe der Patienten, von denen der Psychiater solche Dinge erzählt, ist ziemlich ansehnlich. Besondere Erwähnung verdient noch ein Schauspieler, der nachtwandelnd Schachprobleme löst, sowie ein Geistlicher, der ebenso Predigten ausarbeitetz Dieser Prediger verfährt dabei ganz eigentümlich. Er schreiW zunächst feine Predigt auf; bann kleidet er sich an, steigt auf einen Stuhl und hält nun seine Predigt mit guter Betonung und sprechenden Gesten, als ob er auf der Kanzel stände. Sein Manuskript aber braucht er dabei nicht, denn als man ihm einmal statt des Manuskripts unbeschriebene Blätter in die Hand schmuggelte, hielt er die somnambul aufgeschriebene Predigt doch, und zwar wörtlich mit dem Text übereinstimmend. Sein un- bewutztes Gedächtnis arbeitet also außerordentlich gut, während er Sonntags in der Kirche, wenn er im Wachen Zustande predigt, wegen seines schlechten Gedächtnisses die Predigt ablesen muß.
Vermischtes.
ks. Das deutsche Spiel zeug in England und Amerika. „Nürnberger Tand" ist in der ganzen Welt bekannt.. Besonders in den letzten Jahren ist dem Nürnberger Tand ein Verbreitungsfeld erschlossen worden, das sich mit dem anderer Exportgegenstände des Deutschen Reiches durchaus messen kann. Die Wiege des in die Welt hiiiausgehenden Tandes hat allerdings nicht immer in Nürnberg gestanden; sondern in Deutschland sind mit der Zeit eine ganze Reihe von Spielwarenzentren entstanden. Wie amtliche Berichte besagen, hat die Zahl der im Monat Oktober nach Großbritannien und Amerika verschickten deutschen Spielzeuge einen Rekord erreicht. In den ganzen ersten zehn Monaten dieses Jahres sind 10 250 Tonnen deutsches Spielzeug allein nach England gegangen. Im Vergleiche zum Vorjahre bedeutet das eine Zunahme um 10 Prozent, im Vergleiche zum Jahre 1907, sogar eine solche von 17 Prozent. Aber England wird in dieser Hinsicht poch von Amerika übertroffen, das, abgesehen von unserem eigenen Baterlande, wohl der bedeutendste Verbraucher deutschen Spielzeuges ist. In den ersten zehn Monaten dieses Jahres wurden nicht weniger als 16 090 Tonnen deutschen Spielzeuges nach Amerika verschisst. Insgesamt schätzt man die Einnahmen aus dem Spielwarenexport in diesem Jahre auf annähernd 15 Millionen Mark. Das bedeutet im Vergleich zum Vorjahre eilte Zunahme von ungefähr zwei Millionen Mark.
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Sprachecke der Allgemeinen Deutschen Sprachvereins.
— 93 o in Pedanten. In Engels Deutscher Stilkunst lesen wir solgende treffliche Worte vorn Pedanten (eigtl. „Erzieher") t „In den Xenien stehen die noch mehr spitzfindigen als geistreichen Verse Schillers gegen Campe:
Sinnreich bist du, die Sprache von sremden Wörtern zu säubern; Nun, so sage doch, Freund, wie man Pedant uns verdeutscht.
Der arme Campe enviderte mit einigen schwachen Gegen» versen. Er hätte Schilleui ganz anders zu schaffen machen können. Wie, wenn er ihn gefragt hätte:
Sage mir, Schiller, zuvor, aus welcher Sprache entnommen, Was es darin wool besagt,, wer es denn zu uns gebracht?
Oder was hätte ihm Schiller Triftiges entgegnen können auf die Antwort: Wir können im Deutschen auf mindestens zehn gute Arten Pedant ausdrücken: Schulfachs, Kleinmeister, Kleinigkeitskrämer, Fädchenzähler, Linfenzäbler, Mückeuseiher, Silbenstecher, Quengler usw, alle sinnenhafter, schärfer, geistvoller als das eigentlich doch unverständliche Pedant. Die Franzosen, die es nicht erfunden, aber zu uns gebracht, haben nur dieses Wort, dessen Anwendung auf die Dauer langweilt. Und zu allererst hätte der kleine Campe den großen Schiller abtrumpfen können: Es fällt mir gar nicht ein, Pedant verdeutschen zu wollen; mag es ruhig bleiben und in späteren Zeiten die paar dann noch übrigen Fremdwörtler bezeichnen. Campe hat nachmals wirklich Schulfuchs für Pedant vorgeschlagen und ist damit durchgedrungen, allerdings ohne Pedant zu verdrängen. Das außerdem von Campe vorgeschlagene Eratzwort Steifling taugte nicht viel. Neusterdings wurde Peinling empfohlen; welcher bedeutende Schriftsteller tragt es damit? Es würde sich überraschend schnell einbürgern. Oder gehört größerer Mut zu diesem Wagnis als z>im Verfertigen von Egoität, Emotivität, Solipsismus, Intensivierung, Verintensivierung?"
Logsgriph.
Blutdürstiger Vogel mit einem ,,Sp", Doch ehrsamer Handwerker bin ich mit „G"; Und n>er mich „93" in dem Haupte sah, Dem künde ich Wunder ans Afrika.
In früherer Zeit mit dein „W" im Haupt, Da hab ich manch jugendlich Glück geraubt. Tie Burschen trieb ich zu blutigem Streit, Nicht ungern seh'n mich die Mägdelein heut.
Auflösung in nächster Nummer.
Auslösung des Bilderrätsels in voriger Nummer: Leben beißt träumen.
Redaktion: K. Neurath. — Notationsdruck und Verlag der Brühl'schen Universitäts-Ruck- und Steindruckerei, R. Lanae, Gießern


