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Arzt befände. Dies war nicht der Falk. Er kehrte dann — die bezeichneten Maßnahmen hatten nur wenige Minuten gedauert — zu den Verletzten zurück und legte, unterstützt von einem Reisenden, die anscheinend am schwersten verletzte Dame unter den nötigen Hilfeleistungen auf die Bank, die zweite war noch ohnmächtig und der dritten nahmen sich Mitreisende an. Jetzt kam es für den Beamten darauf an, so zweckmäßig wie möglich zu disponieren. In seiner schwierigen Situation erhielt er wertvolle Unterstützung durch das Eingreifen des ihm dienstlich vorgesetzten Betriebskontrolleurs. Beide Beamte hielten es für das Wichtigste, den anscheinend in ihrem Leben gefährdeten Damen schleunigst ärztlichen Beistand zu beschasfen. Der Betriebskontrolleur eilte selbst zu der nächsten Bude (Nr. 13) und gab von dort den Stationen Finkenkrug und Nauen telephonische von dem Ueberfall Kenntnis. Diesem wohlüberlegten Vorgehen war es zu verdanken, daß die verletzten Damen nicht verbluteten und beim Eintreffen in Finkenkrug zwei Aerzte zur Hilfeleistung bereit fanden. Der Aufenthalt des Zuges auf der Strecke währte nur elf Minuten. Ein längeres Verweilen hätte zur Ergreifung des Messerstechers nicht beigetragen, wohl aber den bedauernswerten Damen verhängnisvoll werden können. Darum war die schnelle Weiterfahrt, die auch im Betriebsinteresse auf der viel befahrenen Strecke wünschenswert erschien, der beste Entschluß, der gefaßt werden konnte. Bei der späteren amtlichen Untersuchung hat auch das Verhalten des Zugführers bezw. des tätig gewesenen Betriebskontrolleurs die volle Billigung der vorgesetzten Behörde gefunden.
Der geschilderte Vorgang stellt eine der zahlreichen kritischen Situationen dar, die in dem schwierigen Dienst des Zügführers eintreten können, und in denen es für ihn darauf ankommt, schnelle Entschlüsse zu fassen, durch die die Interessen des Betriebes und des reisenden Publikums gleichzeitig mit möglichster Umsicht, Gewissenhaftigkeit und Gewandtheit wahrzunehmen sind. Bei Unfällen, die dem Zuge auf freier Strecke zustoßen, hängt von seiner Geistesgegenwart und Entschlossenheit oft das Leben vieler Reisenden und die Rettung Hoher Werte ab. In solchen gefahrvollen Lagen ist er fast immer auf sich allein angewiesen. Er trägt der Verwalung und den Reisenden gegenüber die Verantwortung dafür, daß die Unsallstelle unter allen Umständen nach beiden Richtungen hin gesichert wird, um weitere Unfälle zu verhindern. Er hat für sofortige Meldung des Unfalls Sorge zu tragen und eventuell Hilfszüge anzufordern. Unter seiner Aufsicht und Leitung sind sodann mit allen verfügbaren Bediensteten und sonstigen Kräften und unter Benutzung der ans der Lokomotive und im Packwagen vorhandenen Geräte die Ret- tungsarbciten sofort aufzunehmen; namentlich ist für die Bergung verletzter oder getöteter Personen zu sorgen, einem entstandenen Feuer mit allen Mitteln Einhalt zu tun und, so bald wie möglich, die Strecke wieder frei zu machen.
Das reisende Publikum befindet sich! meist in vollständiger Unkenntnis der Bedeutung, die dem Zugführer für die geordnete, pünktliche und die vielseitigen Bedürfnisse berücksichtigende Eisen- bahnfahrt beizumessen ist. Bevor der Zug auf der Abgangsstation den Reisenden zugänglich gemacht wird, -hat ihn der Zugführer erst in allen Einzelheiten sorgfältig revidiert, ob sämtliche Anforderungen für die Fahrt erfüllt sind. Es handelt sich um' dre richtige Zusammensetzung des Zuges, die Sauberkeit der Abteile, die ordnungsmäßige Verteilung und Besetzung der Bremsen und die Lausfähigkeit der Wagen. Bei Güterzügen hat er seine Aufmerksamkeit auch aus die betriebssichere Beladung der Wagen zu richten. Bei längeren Fahrten werden auf einzelnen Stationen nicht selten Wagen- an oder abgehängt. Er hat die Verantwortung für die betriebmäßige Zusammensetzung des Zuges zu tragen. Er hat das Zugbegleitpersonal zu beaufsichtigen und dessen Ausbildung zu überwachen, für Sicherheit der Fahrt nach jeder Richtung, für .Aufrechterhaltung der Ordnung beim Zuge zu sorgen und übt in dieser Beziehung die Funktionen als Bahnpolizeibeamter aus. In den v-Zügen liegt ihm der Verkauf von Zuschlags-, Zusatz- und Fahrkarten ob. Ferner ist ihm die Aufstellung und Berechnung der Achskilometer-Nachweisungen, die früher bei den Direktionen bearbeitet wurden, sowie die Führung des Fahrberichts über jede Fahrt übertragen. Bei einer großen Zahl von Zügen hat der Zugführer den Dienst des Packmelste^, bei anderen den des Wagenwärters mit zu übernehmen. Er hat auch die Verantwortung für die bahnseitig beförderten Geld- und Wertsendungen zu tragen. Auf zahlreichen Stationen obliegt dem Zugführer die selbständige Zugabfertigung, wodurch eine große Zahl Stationsbeamte („der Mann mit der roten Mütze") entbehrlich wurden. Auf vielen Stationen hat er bei Güterzügen den Rangierdienst zu leiten. Nicht genug hiermit, der Zugführer soll sich während der Fahrt auch noch um die Beobachtung der Signale bekümmern.
Von der sorgfältigen und scharfen Beobachtung der Signale hängt bekanntlich die Sicherheit der Fahrt in erster Linie ab. Diese Ausgabe fällt zunächst dem Lokomotivführer zu, der ihr, ohne durch andere Hauptgeschäfte abgelenkt zu werden, ferne volle Aufmerksamkeit zuwenden kann. Für den ebenfalls auf der Maschine befindlichen Lokomotivheizer kann die Signalbeobachtung nur eine Nebentätigkeit bilden, da durch das ^nstandhalten der Feuerung schon seine ganze Kraft und Aufmersiamkeit m An-
pruch genommen wird. Bei der menschlichen Unvollkommenheit kann aber auch der tüchtigste Lokomotivführer einmal versagen, und an Unglücksfällen, die auf das Ueberfahren der Haltesignale zurückgeführt werden mußten, hat es in den letzten Jahren nicht gefehlt. Eisenbahnsachleute wie Laien sind daher dafür eingetreten, daß außer dem Lokomotivführer ein zweiter Beamter im rollenden Zuge vorhanden sein solle, der unter eigener Verantwortlichkeit die Signale mitbeobachtet und in Augenblicken der Gefahr selbständig den Zug breinst. Es ist davon gesprochen worden, einen .dritten .Mann auf die Maschine zu stellen, der ich ausschließlich mit der Signalbeobachtung zu befassen habe.- Aber die Verwaltungen sind hierauf aus praktischen und vermutlich auch finanziellen Gründen nicht eingegangen. Dafür hat man dem Zugführer neben all seinen zahlreichen Dienstgeschäften auch noch die Signalmitbeobachtung während der Fahrt übertragen, o daß er gleich dem Lokomotivführer für Ueberfahren eures Haltesignals verantwortlich gemacht werden kann. Erst kürzlich ist wegen der Müllheimer Katastrophe neben dem Lokomotiv- ührer auch der Zugführer zu Gefängnisstrafen verurteilt worden. Inter den - Zugführern, die sich im „Deutschen Eisenbahn-Zug- iihrer-Verbande" eine Gesamtvertretung ihrer,Interessen geschaffen haben, herrscht keinerlei Abneigung gegen die Heranziehung zur Signalbeobachtung, es besteht aber der berechtigte Wunsch, daß ihnen durch 'Entlastung von anderen Dienstgeschäften, die sie letzt während der Fahrt zu verrichten haben, eine ungestörte und für den Betrieb wirklich nützliche Signalbeobachtung ermöglicht wiA Nach der jetzigen Praxis sind viele Zugführer während der Fahrt dermaßen von dienstlichen Arbeiten in Anspruch genommen, daß sie überhaupt feineit Blick auf die Signale werfen können. Da dürfte auch von ernstlicher Mitverantwortlichkeit für das Signal- übersahren nicht die Rede sein. Vielleicht sieht sich die Verwaltung, deren Sorge die größtmöglichste Sicherheit des Betriebes ja nie ruht, doch noch veranlaßt, die Dienstgeschafte des Zugführers so zu gestalten, daß er sich! in vollem Umfange der Signalmitbeobachtung widmen kann.
lieber das Maß der Verantwortung und den Umfang der dienstlichen Aufgaben, die der Zugführer zu übernehmen Mt, kann nach obigen Ausführungen wohl ein Zweifel nicht mehr bestehen.. Erwähnt sei nur noch, daß die Verwaltung es für notwendig zur Ausübung der Verantwortung hält, vom Zugführer Kenntnis von mehr als 20 Vorschriften und Dienstanweisungen im einzelnen und von weiteren 30 Vorschriften im allgemeinen zu verlangen. Daß zu solch schwierigem Dienst bei Tag und Nacht und bm jeder Witterung geleistet werden muß, nur besonders körperlich und geistig befähigte Kräfte Verwendung finden komren, versteht sich von selbst. Leider bedingt der anstrengende Dienst auch einen vorzeitigen Verbrauch der Kräfte, so daß der größte Teil dieser Beamtenkategorie das Höchstgehalt ihrer Charge nicht erreicht. Auch sind sie bei Ausübung ihres Dienstes von bestan^ digen Gefahren umringt. Es ist durch die Statistik erwiesen,.daß 25 Prozent der durch Tod oder Pensionierung aus dem Dienst Scheidenden Opfer 'von Unfällen sind. Trotzdem sind die deutschen Zugsührer allezeit freudig, opferwillig und pflichtbewußt auf dem Posten Sie können aber auch den Anspruch erheben, daß die Oefsentlichkeit über die Natur ihrer Dienstpflichten und Dienstleistungen in vollein Umfange aufgeklärt wird. I. N.
Lrde-Effer.
Die seltsame Erscheinung, daß Menschen sich allen Ernstes daran ergötzen, Erde zu verzehren — und zwar ost m recht beträchtlichen Mengen — ist viel verbreiteter, als mancher wähnt. Fast in allen Tropenländern, auch häufig tn subtropische Gebieten, trifft man Erdesser, Geophagen, an. Am meisten hulchgt man in gewissen Gegenden Amerikas sowie in 'Afrika dieser Geschmacksverirrung. Nicht interessante Einzelheiten über einen derartigen merkwürdigen Fall aus West-Afrika, veröffentlichte Henri Hubert im „Bulletin du (Sonnte de l'Afrique ftanyaise". Er faiid daß die Neger in Dickuy, einem im Süden der Kolonie Ober- Senegal-uiid-Niger gelegenen Ort, leidenschaftliche Liebhab.« einer gewissen Tonerde sind, die dem' Sandstein jener Gegend schichtweise einqelagert ist. Ein ungefähr 20 Meter hoher Hügel solcher Tonerde wölbt sich dicht bei deni genannten Orte aus dem Boden heraus, und dieser Hügel, der für die Eingeborenen ein wahrer Berg aus Schlaraffenland ist, wird von ihnen e-stig ausgebeutet. Da die oberste Schicht dieser leicht zu Staub zerfallenden Erde deut Gaumen der Neger nicht so leicht zusagt tote die inneren! Tonmassen, so haben sie in den Hügel einen Gang eingegraben, um zu dem schmackhafteren Material zu gelangen., Die Folgen dieser Untertoühlung des Hügels sind häufige Einstürze, durch die immer wieder hier und- da ein Eingeborener unter den Ton- mafsen begraben wird — was seine Brüder stets mit einer gewissen Sympathie und Erleichterung begrüßen; denn sie stnd der Meinung, von Zeit zu Zeit sei ein solches Opfer zur Versöhnung der Geister dieses Berges, der sich nach und nach ver- peiseii lassen muß, sehr angebracht. Der Gedanke, daß der Berg die Gruft lieber Verwandter und alter Bekannter ist, verdirbt den Braven nicht im allergeringsten den Appetit. Vielmehr effeit sie soviel von dieser köstlichen Tonerde, tiä' ihre Vermögenslage und • ihr Magen nur irgend gestatten. Der letztere ist unheimlich


