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der fragende und dann beunruhigte Blick Herrn Stiiclairs g". Schien er nicht erstaunt darüber, daß sie dies nicht
eits getan, schien er sich dann nicht darüber zu beunru- en? So legte ich mir den kleinen Zwischenfall in meiner haften Phantasie aus, und bald stand die schmerzliche .Gewißheit bei wir fest, daß auch er — wie so viele andere — sticht sein Herz, sondern das Vermögen meiner Tante befragt hatte, als er beschloß, nm mich anzuhalten. Da sehen Sie, Herr IWortMngton, wie unvernünftig wir Mädchen sind! Und ich war von meiner Ansicht so stark überzeugt, daß ich wir gar nicht die Mühe nahm, zu untersuchen, ob, die Wirk- lichkmt meiner vorgefaßten Meinung entsprach.
Ich wußte bereits, daß ich nicht die einzige Nichte war, bis meins Tante befaß, und daß Dorothea Camerden, von der ich wenig wehr als tuen, Namen kannte, ebenso nahe Wit ihr verwandt war, wie ich. Denn — ganz im Einklang Stt ihren herzlosen Anschauungen — hatte meine Tante uns , verschiedenen Schulen untergebracht, und so kam es, daß Wir uns nie gesehen hatten. Als si» sich erinnerte, daß ich sie sterlassen Würste, und daß bald niemand mehiv in jihrem Hause wäre, der ihre Toilette mit Fürsorge einkaufen und Jchre eigene Person mit etwas wie Liebe umgeben würde, ließ ie Dorothea kommen. Ich werde nie den Eindruck vergessen, >en sie bei unserem Zusammentreffen auf mich machte. Man hatte mir gesagt, ich solle mich nicht auf viel Schönheit und Geschmack gefaßt machen, aber beim ersten Blick in ihre treuen Augen erkannte ich, daß ich eine Freundin gesunden hatte und daß ich nie mehr einsam sein würde, ob Ich nun heiratete oder nicht. Denn wenn ich ja gestehen muß, daß mir Herr Sinclair — trotz meiner warnenden inneren Stimme — immer noch lieb war, so wußte ich ja nicht, ob er — Sie verstehen — nach dem, was ich da und dort in der Gesellschaft hatte beobachten können —
Sie schwieg, ein wenig verlegen.
Aber ich versichere Sie, Fräulein Murray, fiel ich wit Wärme ein, daß Sinclair nie an Ihr Geld gedacht hat, daß er nur Sie —
Ich weiß es jetzt, Herr Worthington, unterbrach! sie mich. Ich las es aus Ihrer Miene, ehe Sie es mir sagten. Doch lassen Sie mich in meiner Erklärung fortfahren. Also meine Kusine kam. Ich glaube nicht, daß ich auf sie einen so vorteilhaften Eindruck gemacht habe, wie sie auf mich. Für Dorothea war die Beschäftigung mit Kleidern und gll den anderen Narrheiten des feinen Gescllschaftslebens yeu, und ihr Blick hatte eher eine gewisse Scheu als freudige Erwartung an sich. Aber ich gab ihr einen herzlichen Kuß, und eine Woche später war sie ebenso glänzend ausgestattet wie ich selbst.
Ich hätte sie gerne. Aber in meiner Blindheit oder meinem ungewöhnlichen Egoismus, für den Gott mich jetzt gewiß gestraft hat, hielt ich sie nicht für schön. Dies muß sch Ihnen gestehen, wenn es nur wäre, um das Maß meiner 'Erniedrigung voll zu machen. Daher ließ ich es mir nicht einfallen, selbst als ich Zeuge Ihrer täglichen Aufmerksamkeiten ihr gegenüber wurde, daß Sie ihreswegen das Haus so oft besuchten. Ich war feit meinem Eintritt in dis Gesellschaft so verhätschelt und verwöhnt worden, daß ich mir dachte, Sie seien nur aus dem Grunde so liebenswürdig mit ihr, weil es Ihnen Ihre Scheu verbot, mich ihr zu bevorzugen und so zu verraten, daß — daß — — sie zögerte einen Augenblick, dann fuhr sie aber in ruhigem Tone fort: Dazu kam nun, daß es bekannt war — daß ich es wenigstens für bekannt hielt —, daß meine Tante ihr ganzes Vermögen mir vermachen wollte, wie sie ja vor Zeugen einmal gesagt hatte. Herr Sinclair nun vernachlässigte vollständig meine Kusine und gab sich nur mit mir ab. Sie aber waren mit dem armen Mädchen ebenso freundlich, wie mit mir, und das gefiel mir. Meine innere Stimme flüsterte mir zu: Siehst du, das ist ein Mann, der nicht, wie alle anderen, dein Erbe in: Auge hat und der guch mit Dorothea liebenswürdig ist, trotzdem sie keinen Heller besitzt noch besitzen wird. Und so sah ich in Jhneü den edlen Charakter, wie ich ihn in meinen Romanen gefunden hatte, und der mir gefiel, wie die Helden dieser Geschichten, und ich vernarrte mich in Sie, weil Sie so anders waren, als die übrigen. Und was noch schlimmer war, ich vertraute Dorothea meine Narrheit an.
Sie werden manchmal mit ihir über dieses Thema plaudern, und eines Tages wird sie Ihnen vielleicht auch beweisen können, daß es Eitelkeit, nicht Verworfenheit des Chärakters war, die mich dazu führte, Ihre Gefühle so
falsch auszulsgen. Ich hatte meine eigenen Gefühle und Neigungen so lange unterdrückt und sah in Ihrer Zurück- haltung nur den Beweis von einer Art inneren Kampfes zwischen — ja, ich! muß es sagen — zwischen Ihrer Liebe und Ihrer Scheu, ein reiches Mädchen zu heiraten. Und als Sie dann, unmittelbar nach meinem Bruch mit Herrn Sinclair, hier eintraten und sagten — Nun, wir wollen den Gegenstand nie mehr berühren.
Die Erklärungen, die ich unten über meinen Anteil an frer Katastrophe abgab, beruhten auf Wahrheit. Ich habe nur eine Einzelheit nicht erwähnt, die Sie vielleicht für sehr wichtig halten werden. Der Grund, warum ich kein Glied regen konnte, als ich das Fläschchen in ber Hand meiner Tante bemerkte, war nicht der Schreck allein. Ich bin sonst rasch entschlossen, auch in Fällen, Io») andere vielleicht die Geistesgegenwart verließe. Ich selbst hatte in meiner Aufregung über die bevorstehende Hochzeit beschlossen gehabt, d'en tödlichien Tropfen zu trinken; ich selbst wollte mich vergiften — in Dorotheas Zimmer, während Dorothea mich umarmte. So hatte ich! es mir in der Phantasie ausgemalt. Als ich aber nun die wirkliche Gefahr erkanntd, 'als ich sah, daß sterben etwas anderes sei, als ich es mir vorgestellt hatte, da stand icEji wie gefesselt, überwältigt von der Grauenhaftigkeit meines Vorhabens ! ।
Dies ist mein Geheimnis. Ich glaube nicht, daß Sie mich tadeln werden, weil ich es so lange als möglich bei mir behalten wollte. Auch jetzt würde ich es nicht wagen, den Schleier davon vor Ihrem Auge zu lüften, hätte ich es nicht bereits stem Coroner mitgeteilt, der meiner Erzählung leinen Glauben schenken wollte, bevor idy ihm nicht die ganze Wahrheit gebeichtet hatte.
(Schluß folgt.)
Ein verantwortungsvoller poften.
Das verabscheuenswerte Messerattentat, das kürzlich in dem Vorortsznge Nauen—Berlin aus drei Damen verübt wurde, lenkt die öffentliche Aufmerksamkeit auf die kritische Situation, in der sich ein Eisenbahnzng befindet, der durch Ziehen der Notbremse oder einen Unfall auf freier Strecke plötzlich zum Halten gebracht wird. Es handelt sich nicht nur um Ermittlung der Ursache der Fahrtunterbrechung und möglichst schnelle Beseitigung des Fahrthindernisses, es niuß auch für schleunige Sicherung des haltenden Zuges, also für Zurückhaltung anderer auf demselben Gleis nachfolgender Züge, .für Beruhigung und Schutz der Reisenden, die beispielsweise nicht auf der Seite des zweiten, ebenfalls von Zügen befahrenen Gleises aussteigen dürfen, und für eine Reihe anderer Maßnahmen schnell und sachgemäß Sorge getragen werden. Der Beamte, der diese verantwortungsvolle Tätigkeit auszuüben hat, ist der Zugführer, ein, wie schon die Achselstücke an seiner Uniform erkennen lassen, mittlerer Beamten, der Vorgesetzter der ihm zugeteilten Schaffner, Bremser und Wagenwärter ist und dessen Weisungen die Lokomotivführer und Heizer während der Fahrt, also auch beim Halten auf der Strecke, Folge zu leisten haben.
Um ein klares Bild von den dienstlichen Funktionen des Zugführers zu geben, möge hier ein authentischer Bericht über die Vorgänge folgen, die sich bei dem erwähnten Vorortzuge Nauen—Berlin nach dem Ziehen der Notbremse abgespielt haben. Als der Zug hielt, stieg der Zugführer schleunigst aus dem Unter der Lokomotive befindlichen Packwagen nnd bemerkte, das; auf dem Nebengleis ein O-Zug heranjagte. Der Beamte mußte daher sein Augenmerk darauf richten, daß kein Reisender nach dieser Seite ausstieg. Nach Passieren des v-Zuges eilte der Zugführer zur Lokomotive und fragte den Lokomotivführer, ob er gebremst habe. Da er eine verneinende Antwort erhielt, konnte es für ihn nur zwei Gründe des plötzlichen Haltens geben: Platzen eines Bremsschlauches oder Ziehen der Notbremse. Um sich Klarheit zu verschaffen, ging er am Zuge entlang, wobei er natürlich die Bremseinrichtung prüfend im Auge behalten mußte. Als er ungefähr an der Mitte des Zuges angclangt war, ries ihm ein Reisender aus seinem Abteil zu, es scheine einer den Hut verloren und deshalb die Notbremse gezogen zu haben. Erst am elften Wagen sah der Zugführer, daß dort die Bremse gezogen war, die er pflichtgemäß sofort abstellte. In diesem Augenblick vernahm er aus dem Innern des Wagens Klagelaute, riß die Türe auf und sah nun zwei Frauen mit blutenden Kopfwunden und eine dritte, die anscheinend ohnmächtig dalag. Da er wußte, daß der zufällig den Zug benutzende Betriebskontrolleur K. sich in einem Nebenwagen befand, stürzte er zu diesem, nm ihn herbeizurufen. Dabei bemerkte er in einer Entfernung von etwa 100 Meter einen Mann, der in der Richtung nach Nauen davon- licf und zu dessen Verfolgung Soldaten, die im Zuge mitgefahren. waren, sich aufmachten. In dem Bestreben, den Verletzten zu helfen, lief er erst schnell noch am Zuge entlang und rief in die .Abteile hinein, ob unter den Mitreisenden sich ein


