Ausgabe 
16.11.1912
 
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ttnb Tein buntes Blütenspiel gaukelnder Falter, wie zür SomMers- freit. Aber rings ein stilles Frohlocken und fraumseliges Leuchten. Glückstrahlend verstreut die einsame alte Birke ihr Blättergold bald, wenn der Stiem über die Heide hin wnchtet, wird sie verzweifelt ihp langes Rutenhaar raufen. Worauf hofft sie eigent­lich noch? Und was ist in die alten Knirkbüfche gefahren? Denken sie nicht daran, toie sie rucken und !z-erren werden 'an ihren Wurzeln, wenn der wilde Schneetanz beginnt? Wie verklärt stehen sie da im heiteren Morgenlichte, als seien sie Pinien im lachenden Weinlande Italien und nicht die einsamen Wirte nor­discher Wachholderdrosseln auf der üben Heide von Kraigenbrink! Braunrot jubelt und leuchtet der Porst, glänzend wie Rotlack der sonnenverbrannte Heidelbeerstrauch, altgoldig schimmert das längst verblühte Heidekraut. Und doch ein feierlicher Ernsts in mll dieser Herbstglückseligkeit. Durch die hellhörige Luft zieht es wie Glockenton, der weit, weit her hallt aus Heimlichem Lande. Wie Abschied von Heimat und Jugend klingt es nnd wie Ab­streifen der Ernteschwere- und seliges Hingleiten in weite, schwei­gende, sonnendeglänzte Fernen. Und atemlos lauschen Baum und Busch und Strauch deml Rufe aus der fernen feierlichen Mndachtsstille.

Eine junge Eidechse, die nach Grashupfern und Spinnen jagt, klettert auf die Spitze eines Heidekrautbusches und hält dort mit leuchtenden Augen Umschau. Neugierig und verdutzt schaut sie der Fahrt zu, die unternehmungslustig der Samen der alten Hängebirke jetzt antritt. Jedes Korn wird von zwei perga­mentartigen Hautansätzen wie von abgestumpften Schmetterlings- slügcln getragen. So braucht es.nicht zu Füßen der alten Mutter niederzusinken und int Gewimmel der Tausende elendiglich ver­derben. Frei schwingt es sich, vom Sonnenglanze losgelöst aus der geschwisterlichen Gemeinschaft, hinab und fährt im Gleit- sluge dahin in die weite schöne Welt. Oh, so weit, so beseligend weit: bis an den weichen Saum des Blütenbruches oder wohl gar bis zum Poggenpfühl hinüber, wo es in Gesellschaft von Schick­salsgenossen einen neuen Wald begründet! Gewiß tausend werden auf Stein und Unland hilflos niedersinken, verdorren oder ver­faulen. Wer was liegt daran, wenn nur eins von tausend den Boden zu fröhlichem Wurzelschlagen findet!

Tie Weißbirke drüben am Bruche hat ihren Samen noch besser ausgerüstet zur fröhlichen Lebensfahrt, sie hat ihm eine Ankerzunge mitgegeben, die in seuchtem Boden sich festhakt. Aber keiner segelt doch so schön und sicher als die Früchte des Woll­grases, der krausen Distel und des Weidenröschens, die stiellos an ihren Federkronen befesttgt sind. Wie kleine Luftballons durch­queren sie die durchsichtige Luft, denn ihr Haarschopf mit feinen trockenen Fäserchen behält seine Tragkraft in allen Höhenlagen, nnd jedem Hindernis weicht er nachgiebig ans. Selbst der Regen kann sie nur in langsamen Gleitfluge zur Erde niederdrücken. Aber kommt bann die liebe Sonne ivieder und trocknet die Fäser­chen aus, so kann die Reise mit dem nächsten Winde lustig weitergehen.

O wie köstlich diese herbstlichen Morgenstunden mit ihrer durchsichtigen Helligkeit nach nebelseuchter Frühe, mit ihrem feinen langsamen Uebergange von fröstelnder Kühle zur leichten Wärme. Mit ihrem Blühen von verspätetem Löwenmaul, winzigen Stief­mütterchen und weißgestirnter Miere, diesem Lebensmute, der allen Todesdrohungen des Winters und allen Stürmen des Herbstes trotzt. Immer wieder ringt er nach eisigen Schauern sehnend dem Lichte zu und will nach so trübem Nebelmorgen doch seinen Frühling träumen.

O, du leidbefreiter Sonnengedanke in herbstlicher Welt!

Am blauen Kopf der Seemannstreue hängt ein zartes, weißes Gespinst. Eine letzte Tauperle funkelt darin. Hoffnungsvoll unter­nommene Fahrt hat da am Abend ihr Ende gefunden. Aber schon ist' die fleißige kleine Luftschifferin an der Arbeit, um einen neuen Flugkörper zu Bauen. Einen Teil des gestrigen Fadens hat sie, als sie festhakte, damit gerettet, daß sie an ihm /in die Höhe kletterte und dabei das zurückgelegte Stück sich um die Beine wickelte. Jetzt hat sie die Spitze des Wacholderstrauches da drüben erklommen, stellt sich dort ans den Kopf und spinnt «ns dem röhrenförmigen After und beit zwischen den Eingeweiden ge­lagerten .Drüsen einen neuen Faden dazu. Aehulich wie Die Seidenraupe aus der Unterlippe ihren Faden herausarbeitet. Das geht sliuk; denn der arme kleine Weber hat bei guter Kost genug Rohstoff angesammelt.

Wie ein Fähnlein flattern die ersten seinen Fädchen int Winde. Nun weiß die Spinne, woher der Wind weht, dreht den Kopf nach der Windrichtung und spinnt Faden auf Faden, bis ihrer genug sind, sie zu tragen. Dann wirbelt sie sich um sich selbst, um die Fäden im Unterteil zu einem Tragseile zu ver­flechten, läßt dann alle acht Füßchen zn gleicher Zeit los und stößt, den Rücken nach unten gekehrt, ab. Unterwegs verstärkt sie das Gewebe unausgesetzt durch neue Fäden iptb segelt so, empor­getragen vom warmen Sonnenschein, jubelnd in die weite schöne himmelblaue Welt.

Recht tut sie daran. Denn auch ihter waren, jnst wie beim Birkensamen, viel zu viele iM elterlichen Neste. Zwischen Blät­tern des Erlenbusches am Rande des Bultendtuches hatte dies gelegen. Eifersüchtig hatte die Mutter die Eier bewacht, die sie in einem prallen Säckchen im Juni dort abgelegt hatte. Aber je mehr die Kleinen gediehen, desto größer ward die Sorge

ums liebe Brot. Bis der Weinmond kam mit herbstlich klarem Sonnenschein, und die herangewachsene Brut nun selbständig genug geworden war, nm ans eigener Kraft ihre Schicksalsfahrt anzu­treten. >Denn sie haben ja kein festes Schloß mit Gitter und Keller, wie ihre ansässigen Verwandten, die Rad-, Trichter- und Röhrenspinnen. Ihnen gehört nur die Weite, die sie durchsegeln, frei wie der Vogel und vogelfrei.

Vielleicht geht die Reise nicht weiter als gestern, etwa bis $ur nächsten Stranddistel oder einem Windhalme, an dem der Faden sich säugt. Daun muß die Gestrandete morgen von neuem be­ginnen.

Aber oft trägt der Wind die Heine rötlichgelbe Seglerin weit/ weit hinaus auf das blaue Meer. 'Dann muß sie spinnen, spinnen, spinnen, um sich selbst zu erleichtern und ihr SchiffieiU tragfähig zu erhalten, bis die letzte Kraft erlischt und ihrer Tausende, die der Wind über Wasser dahergetragen hat, schließlich niedersinken und vergehen. Andere vielleicht sinden besseres Heil und segeln über herbstliche Fluren goldigscksimmernden Buchen­wipfeln entgegen dorthin, wohin die Graugänse in dieser Nacht ihren fröhlichen Flug genommen haben. Leicht kann bann die luftige Fahrt beendet werden. Die Spinne klettert einfach aM eigenen Faden hinauf, wickelt diesen wie ein Knäuel um ihre Beine und läßt sich so, wie an einem1 Fallschirm, im Gleit flugs zur Erde nieder.

Auf alle Fälle dauert her Flug immer nur bis Sonnenunter­gang. Denn mit Abkühlung der Luft sinkt der Faden und (nötigt die Luftschifferin zur Zwischenlandung und Anfsuchung eines Ob­daches für die Nacht. Erst wenn am'nächsten Morgen die Sonne neue Wärme spendet, kann die Reise weitergehen.

An den drei Knirkbüschen bei der Hängebirke ist die Haupt­straße der Marienfäden; ihrer Hunderte hängen da in den Wachol- dernadeln fest. Ein Jägersmann rastet dort jetzt mit seiner Schweißhündin. Er hat dem Keiler nachgespürt, der auch in dieser Nacht nach der Bache drüben im Kartoffelacker gebrocheni hat. Auch diesmal ist er erst frühmorgens gekommen: beim seine Fährte hat die der Rotte zertreten. Morgen früh will der Jäger ihn am Rückwechsel erwarten. Jetzt steht der Sinn ihm nicht.nach Wild und Jagen. Kann es Schöneres geben, als das stille Traum­glück solcher sonnigen Spätherbststunde? Langsam dockt er den Riemen auf; bann streichelt er Freya beit ausdrucksvollen Kopf, den sie mit treuherzigem Aufblicken ihm aufs Knie gelegt hat. Nach­denklich läßt er die Fäden vom Knirkbusche durch die Finger! gleiten und freut sich, als er sie beim leichten Lufthauche zn- rückgib't, ihres Weiterfluges.

Gar manchen Tag hat er aus diesem Versteck heraus Her­aufziehen sehen. Denn vor Jahren schon hat er die Büsche mit dein Weidmesser an den Innenseiten ausgeputzt, daß sie eine« lebendige grüne Hütte bilden; hat Plaggen zum Sitze gepackt und für die Füße ein Lock) ausgegraben, in dem sie sich behaglich strecken können. Hier hat er den Frühling belauscht, wenn die Spielhahne ringsum kullern und das Rehwild auf dem Bruche sich zufammenzieht, um die Weidenröschen zu äsen, bereit Samen jetzt im Herbste so lustig int Winde segelt. Hier hat ler dem Grauganser die Kugel gegeben, als der heraufziehende Tag ihm den ganzen Flug bei der Aesuug am Bruche zeigte. Hier hat -er dem Kiwitt und dem Tütvagel zugeuickt und am Meckern der Himmelsziege sich erfreut, hier am lauen Sommerabende dem roten Bocke auf gelauert und hier in klarer Winternacht den Fuchs gefchosseu, der bellend auf der Fährte seiner Fähe schnürte.

Und hier hat er den Marienfäden seines Weidmaunslebens nachgesonnen, die ihn gen Ost und West geführt haben, um jen­seits blauer Meere Neuland für frische Arbeit zu suchen.

Ehe geahnt, ist darüber der Herbst des eigenen Lebens herbei- gekom inest. Um die Schläfe spielt es silbergrau und durch beit Blondbart ziehen sich weiße Fäden. Aber das Weidwerk ist immergrün und ewig treu. >.

Horch! Noch immer dieser geheimnisvolle Ton in der Suff, wie aus unendlicher blauer Ferne! Wie ans einer kochenden Muschel, in der das Meer in tausend ewigen Erinnerungen rauscht.

Herz in dem Wechsel der Zeiten, bist du noch immer jung?

Die Nüche im November.

Von -A. Burg.

Der November, wohl auch der Wildmonaf, steht dock) vor allein int Zeichen der Gans und namentlich für die norddeutsche Haus­wirtschaft der fetten Gans, die das so hochgeschätzte Gänseschmalz! hergibt. Während manche Leute als Braten die Fleischganz vor­ziehen, sind andere wieder für die Güte der Fettgans sehr ein­genommen, wobei sie bestrebt sind, durch geeignete Zugaben ober Füllungen diesemZuviel" des Fettes zu wehren. In Nord- deutschland verwendet man zu diesem Zweck Aepfel, und es kann! nicht geleugnet werden, daß das sein-aromatische,- oft lieblich- säuerliche Aroma des Apfels sich in vorzüglicher Weise mit dem fettreichen Fleisch verbindet. Als feiner gilt die Füllung mit echten Kastanien, und auf russische Art füllt man mit Sauerkohl. Russische Sitte ist es auch, die Gans mit in Brühe dick gequellter Buchweizengrütze zu füllen und mit reichlicher Zwiebelzugabe zu braten, doch darf diese Bereitung wohl kaum auf Nachahmung in Deutschland rechnen; dagegen ist das Füllen mit Sauerkohl nickst so ohne weiteres zu verwerfen. Man liebt ja gelegentlich