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Dann sagte ich zn ihr: „Nun schlaf ruhig ein; ich muß erst einen Brief nach Hause schreiben, dann werde ich mich auch legen." Darauf" ging ich in dieses Zimmer und klingelte. „Eine gute und starke Tasse Tee," bestellte ich beim Kellner. Ich ließ das elektrische Licht in diesem Zimmer brennen und die Verbindungstür zum Schlafzimmer weit offen stehen. Als ich meinen Tee eingenommen hatte und nach Marcella sah, fand ich sie bereits im Reich der Träume. Ich schlich mich mäuschenstill zu ihr ins Bett und lag stundenlang neben ihr, die offenen Augen auf die Decke gerichtet. Endlich kam mir ein guter Gedanke. _ Ich flüsterte ihr ins Ohr: „Wo ist der Brief? Wo hast du den Brief hingesteckt?" Sie rührte sichmicht. Ich wartete einen Moment und wiederholte ihr diese Worte. Da richtete sie sich plötzlich auf. Ich konnte erkennen, daß sie noch fest schlief. „Der Brief," wiederholte sie, „der Brief steckt sicher." Damit sank sie auf das Kissen zurück. Ich verlor schon alle Hoffnung, flüsterte ihr aber in meiner Angst doch noch zu: „Weißt du das auch bestimmt? Weißt du auch bestimmt, daß er sicher steckt?" Nach diesen Worten stand sie langsam auf, blieb einen Angenblick stehen und ging dann schnurstracks in dieses Zimmer. Ich folgte ihr ans den Zehen rasch nach. Sie schritt nach der Stelle zwischen den Fenstern und kniete. nieder. Dann sah ich, wie sie mit den Händen am Teppich herumarbeitete, ihn-etwas in die Höhe hob und mit einem Male den Brief in der Hand hatte. Sie betrachtete ihn einen Moment, dann steckte sie ihn wieder vorsichtig nnter den Teppich und ging ins Bett, ohne ein Wort zu sprechen. Nun holte ich ihn schnell -wieder hervor und' legte ihn unter mein Kopfkissen. Schlaf nachher? kein Gedanke! Hatte ich doch auch dafür zu sorgen, daß Marcella nicht munter wurde, weil sie so schön ruhte. Als sie um sieben Uhr aufwachte, rüttelte sie mich und rief: „Lucy, wach auf! Ist was vorgefallen? Ach, Lieb, ich fürchte, leider nicht, denn ich kann mich an gar nichts erinnern."
„Du lieber kleiner Schlafratz," antwortete ich, „sehr viel ist passiert. Sieh hier!" Damit zog ich den Brief unter meinem Kissen hervor unib' schwenkte ihn frohlockend hin und her. Darüber brach fie in einen solchen Jubel aus, daß sie mich herzte und drückte, bis mir die Knochen weh taten. Dann führten wir einen Freudentanz und andere Tollheiten im Zimmer auf; und damit ist meine Geschichte zu Ende.
Lucy, sagte ich darauf, Sie sind ein prächtiges Mädchen.
Wahrhaftig! fiel mein Freund Mortimer ein, das war großartig, wunderbar! Im übrigen, fuhr er als Mann der Tat aber gleich darauf fort-, dürfen wir jetzt keine Zeit mehr verlieren, sondern müssen den Weisungen Gar- kias möglichst rasch nachkommen. Die Damen bleiben am besten hier, während wir nach Chancery Lane hinunter-' laufen, das Geld abheben — es ist, wie du dich entsinnen wirst, auf uns beide eingetragen — und es auf dein Konto bei einer Bank einzahlen, bei meiner zum Beispiel. Ich will dich dem Geschäftsführer vorstellen, und er wird froh sein, einen Kunden zu bekommen, der mit einer Einlage von zehntausend Pfund anfängt.
Ich war mit diesem Vorschlag einverstanden, und in einer halben Stunde war das Geschäft erledigt. Als wir dann zusammen nach Richmond zurückkehrten, blühte Marcella wie eine Rose vor Glück und Zufriedenheit, und in den Straßen waren aller Angen auf ihre herrliche Erscheinung gerichtet.
Zu Hanse erwartete mich Herr Barton schon eine Zeit- lang.
Ich bin bereits annähernd eine Stunde hier, sagte er, aber Herr Gregory hat mich so ausgezeichnet unterhalten, daß es mir gar nicht lange vorgekommen ist. Und tatsächlich hatte sich Gregory so auffallend verändert, daß ich gar nicht wußte, was mit ihm los war; bis Lucy eintrat. Als ich da seine Augen mit den ihrigen zärtliche Blicke austauschen sah, sagte ich mir allerdings: „O -h ho! Da ist Amor in Tätigkeit getreten und hat ein neues Opfer gefordert."
Ich will Sie nicht lange aufhalten, fuhr Herr Bärton nach einer Weile fort. Ich hübe hier das Testament Ihrer Dante. Sie hat später ein neues aufgesetzt, wie Sie wissen, das ist aber nicht mehr unterschrieben worden, hat also weiter keinen Wert.
Hit diesen Worten holte er ein mit einem roten Bändchen zusammengebundenes Schriftstück aus der Brust
tasche, rollte es auf und begann zu lesen. Aus dem Wust juristischer Fachausdrücke begriff ich immerhin so viel, daß sie mir fünfundzwunzigtausend Pfund, Helen sünfzehn- tausend Pfund und Hephzibah eine jährliche Rente von fünfzig Pfund ausgesetzt hatte. So befand ich mich durch einen Federstrich in der glücklichen Lage, denen ein Schnippchen zu schlagen, die mir etwa nachsagen mochten, ich hätte Marcella wegen ihres Geldes geangelt. Was lag mir jetzt an Garcias Millionen?
Auch Mortimer brach gleich in die Worte aus: Gott sei Dank, Helen, nun ist es zu spät für dich, zu behaupten, ich hätte dich aus pekuniären Rücksichten zur Frau begehrt. Für diesen kleinen Zufall bin ich in keiner Weise verantwortlich zu machen, aber trotzdem gratuliere ich dir recht herzlich.
23. Kapitel.
Am nächsten Vormittag fuhren wir alle drei: Helen,- Mortimer und ich nach dem Friedhof, wo unsere Tante lag. Als wir am Nachmittage zurückkehrten, erörterten wir die Frage, ob es unter den obwaltenden Umständen! schicklich sei, wenn ich bald Hochzeit machte. Ich für meine Person konnte nichts Unschickliches darin finden, war vielmehr ans mancherlei Gründen der Ansicht, daß es in Anbetracht all dessen, was vorgefallen war, gut sei, die unterbrochene Feier ohne Verzug zu vollenden. Mortimer entschied die Sache schließlich folgendermaßen:
Nun, sagte er, Helen und ich haben es uns gleichfalls überlegt, und wir können keinen Grund einsehen, warum wir uns nicht beide nächsten Mittwoch zusammen trauen lassen sollen. Wenn du also einer Doppelhochzeit beistimmst, gut. Es wird daun ein besonders denkwürdiger Tag sein, und Lucy wird im Verein mit dem guten Gregory das Haus hüten, während wir weg sind. Willst du das aber nicht, so werden Helen und ich auf eigene Faust feiern, was dich dann sicher eifersüchtig und neidisch machen wird.
Damit war mein Entschluß, gefaßt. Ich fetzte gleich meinen Hut auf und eilte geradeswegs in die Wohnung meines geistlichen Freundes.
Können Sie irgend etwas Unpassendes darin finden^ fragte ich, wenn Sie nächsten Mittwoch meine kleine Eheangel eg enh eit endgültig erledigen?
Nicht im geringsten, versetzte er; und nach toeuigenj-- Stunden 'wußte ganz Richmond die große Neuigkeit.
(Schluß folgt.)
Späther Waden.
Von Fritz Bley (Berlin).
, Im zerwühlten Kartoffelselbe bricht die Bache mit ihren Frischlingen nach den letzten Knollen. Der Bauer vom Kraigen- brink wird morgen seine Helle Freude haben an dieser nächtlichen Arbeit! Unter zerrissenem Gewölbe ruft die Wildgans. Gick— ack—gack—gaaick—gickgack! Weit von Sibiriens Eismoorsteppe
kommt sie her. Jetzt strebt sie offenen Gewässern an deutscher Küste zu. Der alte eckige Kirchturm von Bollenthien, der in breiter klotziger Masse aus dem Nebel ausragt, das ist ihr Wegweiser. Gick, gaaik, gaaik, aaaa—i, aaa—i, gack; gaaik! Und richtig: dort die müde alte Hängebirke und ihre Gefährten, die Knirkbüsche -auf der einsamen Heide von Kraigenbrink! Rauschend läßt der Flug sich herab und hochaufgereckt sichert er sich ein am Rande des großen Bültenbruches. Nur das Quieken der Frischlinge dringt herüber. Sonst kein Ton in der nächtlichen Stille Da --beginnen die Grauen zu rupfen. Ab und zu ein leises „gatfi" Sonst Schweigen ringsum, tiefes nebelbanges Schweigen. Auch der alte Ganser, der abseits dU Sippe steht und wachsant sichert, nrmint schließlich Gras auf. „Gack, gick, gack!" Zufriedene Gäste'
Tiefrot dämwert's im Osten. 'Da steht die ganze Gesellschaft auf und fährt mit Brausen durcheinander. „Gick, gack, gack, gick!" Doch bald gliedert sich alles, Gans hinter Gans m -schräger Reihe strebt der Zug über glitzernde Seen und blin- kende Flüsse den großen Saatbreiten im Lande der Müritz, und Tollense zu. Hoch über Dörfern und Feldern klingt -es jauchzend von fröhlicher Fahrt: „Gick, ack, aaa—ik, aaa—ik, gack!"
Ueber Kraigenbrink will der Nebel nicht weichen. Lang- wallend nesteln seine Schleier sich an die einsame alle Birke, und mit tastenden Fangarmen umhalsen sie die dunkeln stachel- nadltgen Knirkbüsche, die gar nichts nach ihnen fragen. Nur mühsam löst die Heide nun, da die Morgensonne es schließlich gar zu gut meint, Schleier um Schleier von ihrer braungoldenen Pracht, zuletzt das feine Busenfürtuch, das am Mieder von rotbraunen Moorbüschen sich festgehäkelt hatte. Und dann glättet sie rhp von tausend Perlen blitzendes Brokatkleid unter dem klaren Hellblau des Spätherbsthim-mels. Kein Lerchenliederjubel meW


