Ausgabe 
16.11.1912
 
Einzelbild herunterladen

Samstag, den 16. November

JMiil i! u w

Die Dame im Pelz.

Mo m an von G. W. Appleton.

(Nachdruck verboten.^ (Fortsetznug.)

, Bis dahin hatten sie meine Tochter ganz aus dem Spiel gelassen. Unglücklicherweise starb aber gerade in dieser kritischen Zeit meine Schwester in San Franzisko, bei der Marcella bislang gelebt hatte, und sie mußte nun zu mir zurückkehren. Da dämmerte in mir der Gedanke auf, daß sie nun auch ihr als der alleinigen Erbin meines Vermögens nachstellen würden.

In dieser Not verfiel ich auf eine List. Ich schickte zu einem gewissen Baron von Eißen, der mich in Car­son City scharf beobachtete, einen Boten mit der Meldung, daß ich mich mit ihnen verständigen wolle. Er und eine Anzahl anderer Bundesmitglieder kamen dann zu mir, und ich erklärte mich zu allem bereit. Das war heute morgen.

Diesen Waffenstillstand benutzte ich nun, indem ich Marcella heute nacht mit diesem Schreiben unbemerkt fort­schickte. Eine Freundin, Fräulein Lucy Belton, wird sie begleiten. Sie wird sich auf einem wenig benutzten Um­weg nach London begeben und gleich nach ihrer Ankunft Sie aufsuchen, um Ihnen diesen Brief und gleichzeitig ein Kouvert mit zehntausend Pfund in amerikanischen Bank­noten zu übermitteln. In Ihrer und Ihrer Schwester freundlicher Pflege weiß ich sie absolut sicher. Lassen Sie sie nicht viel öffentlich sehen, weil sie sonst leicht von einem Mitglied der Gesellschaft erkannt werden könnte. Das Geld stelle ich Ihnen zu beliebiger Verfügung. Depo­nieren Sie es bei irgend einer Bank auf Ihren Namen, nehmen Sie für Marcellas Ausgaben davon und sparen Sie keine Mittel, die beabsichtigte neue Verschwörung zu vereiteln.

Ich selbst werde hier die Anzahl meiner Wachen ver­mehren; vor Verrat habe ich keine Angst. Ich werde so lange in meiner Burg bleiben, bis ich ohne Gefahr zu Ihnen und meiner Tochter abreisen kann. Sie werden bald erkennen, daß ich sie hintergangen habe und daß das ver­sprochene Geld ausbleibt. Dann wird es an Ihnen sein, nicht allein mich aus dieser uuerträglichen Lage zu be- sreien und mir und meiner Tochter das Weiterleben zu ermöglichen, sondern sich auch den Dank der gesamten Menschheit zu verdienen, indem Sie das geplante furcht­bare Attentat vereiteln."

Beim Lesen der einzelnen Angaben darüber blieb un­serem guten Inspektor allmählich der Verstand stehen.

Ich meinte, der Schlag müßte mich rühren! sagte er endlich. Das sind ja geradezu unglaubliche, ganz uner­hörte Dinge! Um Gottes willen, Doktor, fahren Sie fort und lassen Sie mich die Namen dieser Unmenschen wissen.

Das Haupt der Verschwörung," hieß es in dem Briefe weiter,ist der Marquis de Hauteville in Paris. Nach diesem ist eine gewisse Gräfin Katinsky, die sich in Lon­don , aufhält, das rührigste und einflußreichste Mitglied der Gesellschaft, und ich habe Grund zu der Annahme, daß die belastenden Schriftstücke und Papiere in ihrer Wohnung aufbewahrt werden. Außerdem will ich noch die Namen einiger untergeordneter Agenten erwähnen, wie des Barons von Eißen und seiner Frau (welch letztere, nebenbei be­merkt, Marcella sehr ähnlich sieht), Bertholdi, Doktor Mer­cier usw. üsw. Sie müssen aber den Hauptführer un­schädlich machen. Rasches Handeln ist unbedingt erforder­lich, und es dürfen keine Ausgaben gespart werden. So verbleibe ich denn in der Hoffnung, daß Marcella diesen Brief wohlbehalten in Ihre Hände bringt, und ich das Glück habe, Sie beide in London wiederzusehen,

Ihr dankbarer Emmanuel Garcia."

Als ich zu Ende gelesen hatte, ergriff Marcella zu­erst das Wort.

Der Gedanke, daß ich durch das Verlegen des Briefes soviel Unheil angerichtet habe, das sonst verhütet worden wäre, ist mir schrecklich, sagte sie seufzend.

Das ist nicht deine Schuld, beeilte ich mich sie zu trösten. ->

Es mag ja sein, aber es tut mir doch! sehr, sehr leid. Der arme Papa! Was mag nun inzwischen aus ihm ge­worden sein? Ich konnte ihn nie recht verstehen, aber jetzt begreife ich alles. Oh, diese Unholde! Hoffentlich ist er ihren Tücken noch mal entronnen und kann noch teilnehmen an unserem Glück! Was mag er alles ausgestanden haben!

Auch ich hoffe von Herzen, erwiderte ich, daß wir ihn bald zu unserer Freude begrüßen können. Seiner und un­serer und der ganzen Menschheit Feinde letzte Stunde be­ginnt ja bereits zu schlagen. Herr Beale, Sie tun wohl am besten, sich diese Adressen zu notieren, fuhr ich, zu dem Inspektor gewandt, fort und gab ihm den Brief. Sie werden sich die Angaben doch gleich zunutze machen wollen?

Und ob ich das will! antwortete er, Bleistift und Notiz­buch aus der Tasche ziehend. Ich werde heute ein viel­beschäftigter Mann sein; darauf können Sie sich verlassen! Diesmal muß reine Arbeit gemacht werden. Kein ein­ziger von den Halunken darf uns entwischen.

Darauf machte der Inspektor schleunigst seine Aufzeich­nungen und verabschiedete sich in aller Hast, indem er uns versprach, bald näheres von sich hören zu lassen.

Als wir allein waren, galt meine erste Frage der Auffindung des Briefes.

Einen Moment, sagte ich, wie habt ihr dieses Schrei­ben gefunden? Das müssen Sie mir erzählen, Fräulein Lucy.

Nun, versetzte sie, nachdem Sie fort waren, packte ich Marcella ins Bett und schärfte ihr noch einmal alles ein.