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Pause in weniger strengem Tone, daß du dich mit Scotland Darb in Verbindung gesetzt hust?
Gewiß, habe ich das, antwortete ich. Ich habe ihnen die ganze Angelegenheit bis ins Kleinste anseinandergesetzt. Der Chef der Kriniinalabteiluug war heute vormittag hier in diesem nämlichen Zimmer.
Sie schwieg einen Moment, wie um sich d.e Bedeutung dieser Mitteilung erst zu überlegen, aber gleich darauf begann sie wieder in ihrer alten Tonart zu reden.
Immerhin, sagte sie, möchte ich von dir wissen, inwiefern du so 'n außerordentliches Interesse an diesem Weibe nimmst.
Ich bedachte mich einen Moment und kam zu dem Schluß, daß es jetzt das beste sei, ihr di« volle Wahrheit zu sagen. Früher oder später mußte es doch mal sein, und augenblicklich war die Gelegenheit am allergünstigsten. So platzte ich denn damit heraus.
Weil, sagte ich, ihr fest in die Augen sehend, weil ich sie liebe — und die Absicht habe, sie zu heiraten, wenn's möglich ist.
Bah! rief sie. Genau, wie ich mir gedacht. Jst's denn die Möglichkeit! Du schrecklicher Tor, weißt du auch, was das für Folgen für dich, haben würde, soweit mich's betrifft?
Das hast du mir ja bereits gesagt, versetzte ich ruhig, und ebenso habe ich dir schon erklärt, daß ich mich den Teufel darum schere. Weißt du das nicht mehr?
Wahnsinniger! kreischte sie. Bist du denn ganz von Sinnen? , ,
Ich weiß sehr wohl, was ich tue, und bin mir über die Folgen pieiner Handlungsweise vollständig ftar, gab ich ihr zur Antwort.
Nein, das bist du nicht — das kannst du nicht sein. Hat man schon je von so 'nem Menschen gehört! Wie kannst du ein Weib heiraten, das schon einen Mann hat?
Sie hat keinen Manu.
Sie hat doch einen. Ich weiß es; und sie ist jetzt mit ihm im Hotel Cecil in London.
Diese abermalige Erwähnung des Hotels Cecil, und zwar von dieser Seite, verblüffte mich nicht wenig — aber keinen Augenblick ließ ich mein Erstaunen sehen.
Ich glaube kein Wort davon, behauptete ich fest, und ohne zwingende Beweise werde ich's auch nie glauben. Du scheinst ja übrigens auffallend gut über die Bewegungen der Dame unterrichtet zu sein. Bitte, woher hast du diese interessante Kenntnis?
Darüber bin ich dir ebensowenig Rechenschaft schuldig, wie du mir es über die Höhe des Geldbetrages zu sein behauptetest. Du würdest es mir ja doch nicht glauben, du bist ja keinen Vernunftgründen mehr zugänglich. Ich will dir nur nochmals wiederholen, daß du es noch bitter bereuen wirst, meine Worte in den Wind geschlagen zu haben, Edward Williams.
Mit diesen Worten wandte sie sich zur Türe und schritt hinaus.
Helen und ich blickten uns wegen dieses plötzlichen und unerwarteten Abbruches erstaunt an. Dann würben jp-ir sehr ernst und besprachen unsere Lage von jedem möglichen Gesichtspunkte aus. Von ihrer Verlobung mit Mortimer hatte sie der Tante scheinbar nichts gesagt, und jetzt, nachdem diese uns ihr Wohlwollen allem Anschein nach vollkommen entzogen hatte, war es ja auch überflüssig geworden. Wir mochten so etwa eine halbe Stunde diskutiert haben, als ein Extrabote ans London ankam und „einen wichtigen Brief für Herrn Doktor Williams" überbrachte, wie er sich ausdrückte.
Ich erkannte sofort auf dem Umschläge Charley Mortimers Handschrift. Mit zitternden Fingern erbrach ich ihn. Gierig überflog ich den Inhalt. Ick) wurde kält und blaß, alle Haare standen mir zu Berge.
Was ist los? Tod, was ist los? schrie Helen geängstigt.
Mein Gott! Helen! rief ich aus. Es scheint doch wahr zu sein. Marcella ist heilte selbst beim Notar gewesen und hat ihr Geld verlangt.
Als ich wieder einigermaßen Herr meiner selbst war, las ich meiner Schwester den Brief vor; er lautete folgendermaßen :
„Lieber alter Ted !
Da ich soeben eine überraschende Nachricht erhalten habe und wegen einer dringenden -geschäftlichen Ange
legenheit nicht imstande bin, heute abend zu Euch hinaus- zukommeu, so sende ich Dir durch Extraboten dieses Schreiben. Schlafe darüber aus und komme morgen früh zu mir. Ich bin, offen gestanden, außerordentlich erstaunt.
Vor ungefähr einer Stunde erhielt ich nämlich von unserem Notar in Lincolns Inn, der neulich die Geld- geschichte geregelt hat, eine Aufforderung, worin er miet), ersuchte, womöglich sofort in sein Bureau zu kommen. In der Meinung, daß wahrscheinlich jemand von der Firma Jorkins und Joslins etwas auszuschnüffeln versucht hätte, maß ich der Sache weiter keine große Bedeutung bei und begab mich ohne Ueberstürzung und wohlgemut nach dem Bureau, in der Absicht, mich über die Unverschämtheit der Jorkins, auch nur Erkundigungen einzieheu zu wollen, lustig zu machen. ■
Aber, um mich kurz zu fassen, zu meinem größten Erstaunen mußte ich hören, daß Märcella selbst vor ein oder zwei Stunden dagewesen sei und um die Rückgabe ihres Geldes gebeten habe.
Ich habe den Chef der Firma selbst gesprochen. Er ist einer der scharfsinnigsten Advokaten in London, und seine Beschreibung Marcellas stimmt — sogar bis auf die Kleidung, die sie in Deinem Hause trug — so genau, daß mein an ihrer Identität kaum zweifeln kann. Von Eißen ist bei ihr gewesen, und sie hat ihn als ihren Ehegatten anerkannt und gesagt, daß sie von Euch mit außerordentlicher Güte behandelt worden sei und- den Wunsch hege, sich Euch für' Eure Bemühungen in _ materieller Form erkenntlich zu zeigen. Ihr Verhältnis mit von Eißen habe einen sehr herzlichen Eindruck gemacht. Er habe sie im Laufe des Gesprächs häufig als „Julia" bezeichnet, ohne daß sie dagegen Widerspruch erhoben habe oder es ihr ungewohnt vorgekvmmen sei.
Dies sind die nackten Tatsachen, nach denen der Fall sehr übel aussieht. Und trotzdem kann ich mir manchmal wiederum nicht vorstellen, daß Marcella ein falsches Spiel mit Euch getrieben haben sollte. Auf alle Fälle möchte ich es nicht eher glauben, bis ich es von 'ihren eigenen Lippen bestätigt gehört habe. Wahrscheinlich wirst Du mit der Post auf morgen eine Vorladung vom Notar bekommen, und die Dame wohl gleichfalls. Komme also rechtzeitig bei mir vor und lasse einstweilen den Mut noch nicht ganz sinken, wie auch ich noch das beste hoffen will.
Immer Dein Charley.
Wenn nun überhaupt je etwas geeignet ist, den Glauben eines Mannes an ein Weib zu erschüttern, so War es dieser Brief sicher. Ich blickte zu Helen auf und las Entsetzen in ihren Augen.
(Fortsetzung folgt.)
Auf der Flucht Wer die Alpen.
Aus den Memoiren Miet von Doerring.
Von H. H. H o n b e n.
Die Jahrzehnte nach 1815, die wir als die der engsten Bürgerlichkeit, der Reaktion und des Biedermeier anzusehen gewohnt sind, haben doch einzelne Schicksale gezeitigt, die auch ohne jenen eingeschränkten zeitlichen Hintergrund, auch in romantischeren Zeiten auch in höchstem Grade abenteuerlich bezeichnet werden müßten. Wohl der merkwürdigste unter diesen „vielversclstagenen Helden" ist Miet von Doerring, von dem in den Werken Heinrich Heines die Rede ist, der in der Zeit der Demagogenverfolgungen in Deutschland, kurz nach den Freiheitskriegen, eine folgenschwere Rolle spielte, halb als Spion, halb als Vermittler zwischen den revolutionären Parteien und den deutschen Regierungen in die politischen Geheimnisse halb 'Europas eingeweiht war, eingekerkert die kühnsten und abenteuerlichsten Fluchtversuche erfolgreich unternahm und schließlich mit Aufsehen machenden Enthüllungen über feine Erlebnisse hervortrat. Aus diesen fast verschollenen vielbaiidigen Memoiren, denen selbst Heine eine wunderbare Herrschaft über Die Sprache nachrühmt, hat |3)r. H. H. Houben, der berannte Geschichtsschreiber des „Jungen Deutschlands' ein überfichtliches, einheitliches Werk zusamMengestellt, das_ er den „Lebensroman des Miet von Doerring" betitelt und bas letzt im ^usel-Verlag zu Leipzig erscheinen soll. Wir können mit Erlaubnis des ^-erlags schon heute eine Episode daraus zum Abdruck bringen: .
Reichlich mit Pässen und Geld versehen, verließ ich in ben letzten Tagen des Januar 1823 das gastliche Roveredo. ^.ms zur schleunigen Abreise mich antrieb, war die >oeben angelangte Nachricht, daß die mir besonders wohlwollende Mailander General- Polizeidirektion meinen Aufenthalt ausgekundschastet und sihon


