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II.
. Wir haben schon öfters das Glück gehabt, in Helgoland von Kriegsschiffen belagert und bombardiert zu werden. Tas und überhaupt den Schiffsverkehr hat die Insel vor den nordfriesischen voraus. Gleich beim Aufgange begegneten wir dem Staatssekretär von Tirpitz, Prinz Heinrich war am Tage vorher dagewesen, überall standen Wachen und zur Zeit des Nachniittagskonzertis wimmelte es von Seeoffizieren. Kriegsschiffe streiften umher oder lagen hinter der !A.iüne vor Anker, und es ging ein eifriges Signalisieren mit dem blendenden Scheinwerfer Tag und Nacht hin und her Raketen stiegen hier und dort so hell, daß sie auch im Sonnenscheine noch ;u sehen waren. Nachts aber sah man in der Ferne das Aufblitzen von Schüssen, und nach langer, langer Weile kam langsam der Donner über die See herübergerollt. So kanns m einmal im Ernste werden. Aber das Oberland ist eine große Festung geworden und fürchtet sich nicht. Freilich, es hat, wie ich schon sagte, seine grünen Weiden zum großen Teile eingebußt. Ter Gang ums Oberland, der allabendliche Spazier- gang ;edes normalen Gastes, ist erhalten. Aber man geht jetzt zwischen den steilen Ufern und hohen aufgeworfenen Steinhalden hin auf kunstvoller Klinkerpflasterung, die das Lindringen des Wassers verhütet. Ueberall sieht man die schwarzen Löcher großer Geschütze auf sich gerichtet und überall herrscht heute noch ein krankhaftes Arbeiten an den Festungsbauwerken. Die hohen Anlagen der drahtlosen Telegraphie singen leise im Winde, und ihre Drähte blitzen auf, wenn am Abend die drei kreisenden Strahlen des Leuchtturms darüber huschen.
®^an maS bedauern, daß die Insel so viel von dem alten lieben Bilde verloren hat. Ja es gibt wohl auch noch! Leute, die mit mehr oder weniger Berechtigung den ganzen Vertrag bedauern. Aber wenn man sieht, wie hier in mehreren Jahren ein Bollwerk
jft, ein Stützpunkt der Flotte; wie ruhig und sicher hier Vorkehrungen getroffen werden, um unser Haus und unseren Herd, unser Weib und Kind zu schützen, da zieht doch mit einer gewissen Beruhigung gegenüber der Großsprecherei man- .cher unserer „Freunde" auch ein wenig versöhnlichere Stimmung gegenüber den Hohen Flottenausgaben ins Herz hinein.
Die Sage verleiht Helgoland in einer Zeit, die wenig über 100 Jahre zurückliegt, noch 70 Kirchen. So schlimm ist es freilich me gewesen; aber es war doch einmal ein großes Land, auf dem berüh!mte und berüchtigte Seeräuber schon vor langen Zeiten ihren Stützpunkt hatten. In dem großen reichillustrierten Werke von Major Brohm, Helgoland in Geschichte und Sage, ist, soweit Urkunden vorhanden sind, der Entwicklungsgang der Insel geschildert, der freilich; was Größe und Ausdehnung anlangt, einen Krebsgang bedeutet. Es gehört ja gar nicht viel Sachkunde dazu, um zil sehen, wie See und Sturm, Frost und Wetter immer mehr mnd mehr vom Felsen abbröckelten. Jetzt freilich hat es damit ein Ende. Die neuen Bauten, die im Vergleiche mit denen früherer Jahre ganz hervorragende Fortschritte zeigen, die erwähnte Pflasterung, Plombierung von Rissen, werden von jetzt an die Insel vor weiteren Verlusten schützen. Und da der Lummenfelsen! Zu Hunderten sitzen die niedlichen, der Möwe ähnlichen Vögel, in einer bestimmten, durch ihren Ausenthalt 'nun fchon ganz weiß gewordenen Felswand, und man hört, daß das blödsinnige Wegknallen dieser Vögel voni Boote aus, was natürlich jeder sechsjährige Schulbube fertiggebracht hätte, jetzt verboten sei. Es wird wohl selten jemand, der nicht Nordlandsreisen macht, Gelegenheit haben, eine derartige Vogelkolonie zu sehen. Weiter 'zur Nordspitze. Tie Sonne neigt sich dem Horizonte zu, das Meer im Westen vergoldend, während es sich nach rückwärts stahlblau in herber Strenge ausdehnt. Kleine Bootchen sind hinausgefahren, um dort in der Stille das Schauspiel des Sonnenunterganges zu genießen, ferne Schiffe streichen am Horizonte vorbei. Heilige Stille legt jedem Beschauer Schweigen auf, sogar die sonst so lebhaften italienischen Arbeiter stehen stumm ergriffen. Es wird kühl, wenn der letzte rote Rand versunken ist, und Leute mit und ohne Heusteber (gegen das ja Helgoland mit Vorliebe und Vorteil aufgesucht wird) eilen nach Hause. Auf der Falm, der nur einseitig bebauten vorderen Aussichtsstraße des Oberlandes, haben sich die Helgoländer Einwohner versammelt, äugen mit Fernrohren und Fernstecheru nach den Schiffen und warten der Saison. Tie wünsche ich dir mit reichem Gewinn für die Abgeschlossenheit und die Stürme des Winters, du grün-rot-weißes Eiland. ■
III. > ■
Ich würde nur immer auf dem Oberlande wohnen und zwar so, daß ich den Blick über das Meer habe, mit dem ersten Erwachen soll der Genuß beginnen, der uns Landratten so selten Und doch auch nur so kurze.Zeit zu teil wird. Weit lassen die Fenster Sonnenschein und leises Meeresrauschen herein, da klang durch den Morgen der Choral „Lobe den Herren". Wie schon früher einmal weckte uns so das Ständchen, das dem daneben wohnenden Kommandanten gebracht wurde. Ta fliegt man in die Kleider und eilt auf den Balkon, wo in der Morgensonne gut lauschen ist. Tas Unterland liegt in leichtem Dunste; über das Meer zur Düne hinüber zieht ein breiter flammender Lichtstreifen, zitternd und leuchtend „wie tausend Tiamanten". Tie Schiffe, die tags vorher kamen, oder noch in der Nacht in den Hafen einliefen, ruhen noch leicht auf und ab schaukelnd. Leise kräuseln um die Insel und um die Tune die Wellen, Un- fchuldig und friedlich. Dem Choräle folgen flotte Marschmelodien
und andere Wersen — und über alle dem flattern in frischens Morgenwinde tue deutsche Flagge. Hinter der Düne kreuzen die manövrierenden Kriegsschiffe, schwari, gleichsam mit brummigem Gesichte huschen tue Torpedoboote umher, TamPfpinassen durchschneiden mit Windeseile die Fluten, um eine Ordonnanz oder (am Nachmittage) die Herren Offlziere zum Konzert an den Strand zu bringen, weiße Segel gleiten langsam in unbestimmte Fernen, und in edlem Fluge schwingen sich, wie'Funken auf- blitzend, die Möwen auf und ab. Jetzt werden an der Landungsbrücke die großen Boote bereit gestellt, die jetzt, durch Motorg modernisiert, den Badelustigen in wenigen Minuten zur Düne bringen — früher fuhr man mit Rudern fast 3/4 Stunden. Zur Düne, wo die plätschernden Wellen zum Bade laden: auf und hinüber!
_ . IV.
Wir legen an einem kleinen, fahrbaren, in das Wasser vorgeschobenen Stege an, unsere lieben Helgoländer Schiffer kommen m hohen Stiefeln und Oelhosen ein Stück entgegen gewatet und sichern das Boot auch für ängstliche Gemüter. . Noch ist Ebbe. Wir wandern langsam den sandigen Strand entlang, wundern uns, wie lang diese kleine Düne ist, sammeln glänzende oder rote feingeschliffene Steinchen (man möchte einen ganzen Sack voll mltnehmen), Muscheln, Seesterne, die die freundliche Ouartier- wirtin gern auskochen läßt, bedauern die auf dem Sande sitzen gebliebenen Quallen (Sitzenbleiben ist bekanntlich immer etwas Unangenehmes) und warten auf der Tünenspitze liegend, der kommenden Flut. Drüben liegt das rote Felseneiland, hier sind toir allein. Man liest, schwätzt und träumt. . Spannt das Hochgebirge mit seinen körperlichen Leistungen und seiner Fülle von seelischen Eindrücken die Nerven bis aufs Höchste an (in der Medizin sagen wir „übende" Behandlung), so kann der, der das Meer versteht und lieben gelernt hat, hier die abgejagten! Alltagsnerven einmal völlig erschlaffen und ausruhen lassen (Aschonende" Behandlung). Und trotzdem ist die ^Predigt des. Meeres nicht minder großartig, die Predigt von der Unendlichkeit, von Schönheit und Gewalt. Ein Wölklein steigt auf und treibt leise vorüber: du Mensch, der du daheim glaubst nicht 5 Minuten stillstehen zu können, schaust ihm nach bis es in der Ferne verschwindet. Tu liegst und träumst hinaus in das rauschende; brausende Meer, wenn du dein Buch beiseite gelegt hast. Mit dem Dichter schweifst du zurück und in vergangene Zeiten, in Zeiten! deines Lebens. Ta dehnt sich vor dir, wie das Meer, in der Ferne sich verlierend, die frühe, unbewußte und doch so glückliche Jugend. Und dann eine große wogende und lebende Fläche, viel Höhen, viel Tiefen. Und viel, viel kleine weiße lachende Kämmchen. Tas sind die Tage des Glückes und der Sonne. Aber auch viel Schatten.
, Im rhythinischeu Atemschlage, wie das ganze Leben ein ewiger Rhythmus ist, spricht dir das Meer vom Vergangenen —■ wie es hätte (nicht ohne deine Schuld) manchmal ganz anders sein können. Vorbei! Blick und Geist laß schweifen nach der anderen Seite. Wieder in weite Fernen streckt sich das M'eer,- verliert sich im Ungeschauten und Unbewußten, und lockt und rüst: komm', frischauf zu fröhlicher Fahrt. Deine Zukunft. Schaffen, schaffen, nicht füll und träge werden, nicht alt werden, du ewig altes, du ewig junges Meer. Ueber alle Menschengedanken und Menschenworte predigst du und machst den Werktag zum Heiligtum'. Und nun du Meerweib, nimm mich auf deinen Rücken. Hinein in die Flut. Mit tausend Armen umgreift sie mich, leis erst die Füße bespülend, dann sich schmeichelnd anschmiegend, bis plötzlich eine größere Welle den kleinen .Menschen emporwirft, zehn: Meter weit auf den Sand streckt und kichernd zu ihren Schwestern zurückeilt. So spielt Wasser und Sonne und Menschlein, und dieses badet sich Leib und Seele- frei von den Schlacken des Alltags. Und wenn es zurückkehrt zu neuer Arbeit und alles mit frischem, gutem und neuem Mute wieder aufnehmen kann, dann denkt es gerne in stillen Abendstunden der sonnigen schönen Schlendertage in Helgoland. Dr. B.
€ht intimes Bild vom täglichen Leben des Papstes, das manche unbekannte Züge enthält, zeichnet ein Mitarbeiter der römischen Tribuna. Das Zimmer Pius X. liegt im dritten Stock des vatikanifchen Palastes und hat ein Fenster, das auf den Säulengang des Platzes hinausführt, ivährend die beiden anderen nach Südosten liegen. In einem daran anstoßenden Zimmer, zu dem die ganze Nacht hindurch die Tür offen steht, schläft einer der Geheimkapläne, Monsignori Breffan, der schon Sekretär des Papstes mar, als er noch als Patriarch in Venedig lebte. Es wird er- zält, daß Pius X. in der Nacht an Beängstigungen leidet und be- onders befürchtet, er könnre durch einen plötzlichen Tod überrascht werden, während er wünscht, daß für jeden Fall der Priester zugegen sei, der seine Seele Gott empfehle.
„Es wäre merkwürdig," so sagte er einmal, „daß unter so vielen Kardinälen und Monsignori, die es im Vatikan gibt, der Papst sterben sollte, ohne daß ein Prälat in der Nähe wäre." Wenn zur Mittagsstunde der Kanonenschuß vom Janieulus ertönt und die Glocken von Sankt Peter einsetzen, so unterbricht sich Pius, auch wenn er in diesem Augenblick empfängt, ohne weitere? und sagt zusammen mit den Amvesenven den „Angelus domini“. Sind die Emp'änge und Audienzen beendet, so kehrt er fast immer für


