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Der Unfall.
Skizze von L 6 ou Ttapid.
Autorisierte Uebersetzung von N. Collin.
Herr und Frau Mirvallon tolnrcn strenge Eltern; erstens Ms Prinzig, dann aus Nervosität, schließlich, ans Gewohnheit — denn eine Strafe erleichtert, sie dient als Ablenkung für andere Unannehmlichkeiten und unterbricht das tägliche Einerlei. Manche Leute behaupteten, der kleine Albert Mirvallon sähe zu alt Und zu ernst Wr seine sechs Jahre aus.
Die Familie bewohnte eine Villa mit Garten, etwa fünf Minuten von der Eisenbahn gelegen.
An einem Juninachmittag gegen fünf Uhr, als die Sonne noch herrlich leuchtete, kam Herr Mirvallon vom Bahnhof. Hinterher schritt Grapard, ein rachitischer, verblödeter Straßenjunge von sieben Jahren mit einem Hutkarton in der Hand. Als sie im Gärtchen angelangt waren und Herr Mirvallon den Gerätschuppen, der als Arrestlokal Alberts diente, geschlossen sah, lachte er gutgelaunt und befreite seinen Sohn großmütig. In der Absicht einen Scherz zu machen rief er;
„Na, bevor deine Mutter ausßing, hat sie sich doch wieder über dich ärgern inüssen, wie? Nun höre, mein Junge, heute ist der Tag gekommen, an dem du wirklich vor die Tür gesetzt wirst. Ich habe dir schon lange damit gedroht, nun wirst du das Haus verlassen wie ein Dienstmädchen, das man hinauswirst, und damit du siehst, daß ich, Ernst mache, habe ich hier schon Grapard als Stellvertreter für dick;, mitgebracht. Ja, ja, guck mich nur an: ich lache nicht, du mußt heute gehen ..."
In diesem Augenblick wurde am Gittertor geklingelt. Herr Mirvallon öffnete, begrüßte einen anscheinend sehr wichtigen Besuch, verbeugte sich, hörte, was der Herr sagte, antwortete und verließ mit dem Besucher das Haus, ohne an seinen Albert und den kleinen Grapard noch einen Augenblick zu denken.
Einen Moment betrachteten sich die beiden Müder verdrießlich. Albert überlegte sich das unerschütterliche Verdikt: man wirft dich hinaus! Ein Zweifel war ausgeschlossen, denn sein Nachfolger war schon da.
Vr «eben sich leises Weinen vernahm, hörte er auf zu reden. Er beugte sich zu Kathinka und nahm ihr die Hände vom Antlitz und küßte ihr die Tränen aus den Augen — und Kathinka schmiegte sich an ihn und weinte lange an seinem Halse.--
Dann ritten sie schweigend heim.
Siebentes Kapitel.
Am Nachmittage bat der Erbprinz seinen Vater um eine private Unterredung.
Langsamen Schrittes ging er nach dem Arbeitskabinett des Herzogs. Er kämpfte mit sich, ob er dem Vater alles Bestehen sollte, oder ob er, unter Verzicht auf sein junges iebesglück, in einer schnellen Standesheirat seine Zuflucht suchen solle. Er kam zu keinem Entschluß.
Herzog Wilhelm Ferdinand empfing Hans Jochen in feiner lrebväterlichen Weise: „Nun, was willst du ,mein Junge? Sprich dir einmal alles vom Herzen. Ich habe Heute mittag zur Frühstückstafel wohl gemerkt, daß etwas bei dir nicht stimmt."
Der Prinz setzte sich au des Vaters' Seite, dann begann et: „Sieh, Vater, ich bin fast neunundzwanzig Jahre. Durch deine Güte habe ich einen herrlichen Lebensweg hinter mir. Die Zeit in meinem Regiment wird mir unvergeßlich bleiben. .. Du weißt, mit welcher Begeisterung ich Soldat bin, und! hättest du mich nicht zurückgerufen, ich hätte nicht den Dienst aufgegeben. Du hast mir nun vor etlichen Wochen mit- geteilt, du habest mit deinen Räten erwogen, unserem Lande die künftige Herrscherin zu suchen, es sei an der Zeit. Du hast aber in deiner rücksichtsvollen Weise mir überlassen, den Zeitpunkt der Brautwerbung zu bestimmen —"
Der Prinz schwieg —, er war zur Entscheidung gekommen. Herzog Wilhelm Ferdinand erhob sich und trat schweigend an das Fenster. Der lebenskluge und erfahrene Mann schien zu ahnen, was' in des Sohnes Herzen vorging. Ein jäher, tiefer Schmerz erschütterte ihn, der Schmerz des Vaters, seinem Sohne, seinem liebsten, wehe tun zu müssen.
Liebe zum Mnde und Liebe zum Volke standen sich gegenüber. Und das Bewußtsein stieg in ihm auf: Land und Volk haben ältere, heiligere Rechte an dich — als das Kind.
Er wandte sich zu Hans Jochen. Mit milder Stimme sagte er: „Und du meinst, daß der Zeitpunkt der Brautwerbung jetzt gekommen sei?"
(Fortsetzung folgt.)
Grapard kann sich die Lage nicht recht klar machen; nur Begreift er, daß er hierbleiben muß und wäre es' nur der zehn Centimes wegen, die mau ihm gewöhnlich schenkt. Albert jedoch rst schon an Unglück gewöhnt und es ist ihm lieber, wenn ein Urteil gleich vollzogen wird. Voll resignierten Schmerzes' tritt er auf Grapard zu, streckt ihm die Hand hin und führt ihn ins Haus. Uno nach der ihm wohlbekannten Methode seiner Mutter, wenn sie einem neuen Dienstmädchen Bescheid sagt, beschließt er: „So, bevor ich also fortgehe, werde ich dich mit allem bekannt machen.
Das ist hier das Eßzimmer. Nie darfst du es allein be- trefen, vor allen Dingen aber nicht die Büfettür öffnen. Bei Tisch hast du 3u Warten, daß man dir etwas gibt, aber niemals verlange ein Gericht zum zweiten Mal . . . Von manchen Speisen ißt Papa sehr, sehr viel; aber dann brauchst du ihm nicht zuzu- gucken und deinen Hals dämlich vorzustrecken. Im Gegenteil, du mußt tun, als ob du an ganz etwas anderes denkst, du siehst durch das Fenster oder auf die Fliegen unter der Hängelampe.
Das ist der Salon, es ist dir verboten, allein hineinzugehen, du darfst nie dorthin kommen, wenn man dich nicht ruft —■ und bevor du über die Schwelle gehst, hast du dir die Hände zif waschen und die Nase zu putzen.
Da ganz hinten am Korridor ist die Küche, da putzt du dir die Stiefel: einen Tag nimmst du Wichse, den zweiten Tag spuckst du nur darauf, nie darfst du zwei Tage hintereinander Wichse nehmen ... Es ist dir verboten, mit dem Dienstmädchen zu! sprechen, du tust es aber doch; kommt aber jemand, dann singe schnell beim Putzen tralalala. . . und das Mädchen schürt laut' mit dem Feuerhaken im Herd umher.
Nun müssen wir die Treppe hinaufgehen, im ersten Stock finb bie Schlafzimmer. Hier schlafen Mmna und Papa, niemals darfst du das Zimmer Betreten, du siehst, es ist auefy verschlossen Nur _ am Neujahrstag und zu Mamas Geburtstag erlaubt man es dir; so tote du munter bist, kommst du barfuß hinein, küßt Mama und Papa, wenn sie noch im Bett liegen und sagst ihnen dein Gedicht auf.
Das wird dein Zimmer sein. Hier mein Bett hatte ich so gern, es war mir das Liebste auf der Welt. Unten in dem Schrank liegen die Sachen für den Sonntag. Wenn dich die Stiefel drücken, darfst du nichts sagen, du mußt sie doch entzwei tragen, nicht wahr? Wer hat schuld, daß dein Fuß größer toirB, die Stiefel können doch nicht mitwachsen!
Da oben auf dem Brett, wo du nicht hinauflangen kanust,- liegen schöne Spielsachen, aber du darfst nie damit spielen, sie sind zu teuer gewesen. . . Aber wenn fremde Leute mit dir darüber sprechen, mußt du vergnügt in die Hände klatschen. . a du bekommst die Spiele aber nie, man muß sie „aufsparen" . . s merke dir nur das Wort recht gut.
Unter dem Bett in dem alten Korb liegen die gewöhnlichen Spielsachen; mit denen darfst du spielen, so viel du willst, ober nicht im Hause der Möbel wegen, nicht im Garten, damit du die Blüten nicht beschädigst, und nicht auf der Straße, aus Angst vor den Wagen.
In dem Korb ist ein Luftballon, Murmeln und ein Kreisel, Den hat mir ein früheres Dienstmädchen, Mslie, geschenkt, ich habe sie sehr lieb gehabt. Ich weiß nicht, weshalb meine Mutter sie weggeschickt hat, Mslie weinte viel und sagte, sie wäre krank . ,
Hinter der Schiebetür des Kamins habe ich ein kleines Paket versteckt, einen Bonbon, ein Stück Biskuit und eine kleine Tafel Schokolade. Ich habe alles' gut eingewickelt, und es ist für meine Meine Schwester, die noch nicht bei uns' ist und bei ihrer Amme wohnt. Wenn sie nun nach Hause kommt, fürchte ich, wird sie viel weinen, denn das tun kleine Mädchen. Schreit sie also, tust du so, als ob du sie schiltst: „Wirst du gleich still sein!" und in einem Augenblick, in dem niemand hinsieht, steckst du ihr den Boston in den Mund , . . und ist sie noch nicht stille, die! Schokolade . . .
So, nun wollen wir wieder in den Hausflur hinunter gehen.
Hier am Meiderhalter hängt die Peitsche. Am Ende des Monats bekommst du häufiger Schläge. Papa kommt nach Hause und spricht nicht. Schließlich fragt ihn Mama: „Nun?" Er antwottet: „Nein, wieder nichts." Daun bist du sicher, durch- gcBrügelt zu werden. Da du also Schläge haben mußt, ist es besser, nicht lange darauf zu warten und schnell einen Stuhl umzuwerfen, oder anderen Lärm zu verursachen, du bekommst deine Strafe und kannst dann ruhig schlafen gehen.
Mat Mama Migräne und bleibt den Tag über int Morgenrock, hast du auch Prügel zu erwarten.
So, nun habe ich dir über alles' Bescheid gesagt."
Albert schweigt einen Augenblick. Er geht seine Erinnerungen durch und unbewußt spricht .er jetzt in dem kurzen Ton feinet Mutter: „Alles in allem ist es bei uns sehr schön. Was muß man hier tun? Höflich sein, sauber, zuvorkommend, sparsam', vernünftig, gefällig, bescheiden, vergnügt, mäßig, aufmerksam, nicht neugierig, nicht widersprechen, nicht naschen, nichts anfassen, nichts, nehmen, sich nichts erlauben, nicht sprechen, nicht lachen . . .
Ich gehe jetzt. Du kannst dich hier auf die Treppenstufen setzen. Und weil man mich fortschickt, weißt du, was ich tun werde? Dasselbe, wie der Herr, von dem Mama neulich laut aus der Zeitung vvrgelesen hat. Sdji setze mich auf 'die Schienen, auf "benen der Schnellzug entlang fährt . . . und das Schicksal nimmt feinen Lauf. . .


