Ausgabe 
16.3.1912
 
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Mit drei, vier Schritten war Hans Jochen am unteren Ende der Tafel und faßte den jungen Leutnant bei beiden Händen.

Ja Mensch, wie kommen aber Sie hierher? Waren Sie denn nicht Fahnenjunker in meinem Regiment, ehe Sie aus die Kriegsschule kamen?"

Zn Befehl, Ew. Hoheit, und daun bin ich zu den Garde­reitern versetzt worden."

Das ist ja prächtig. Kommen Sie, darauf müssen wir mal an stoßen."

Und er schleppte beit jungen Offizier am Arni mit hinauf an seinen Platz und trank mit ihm. Er war jetzt wie aus­gewechselt. Er trauk vielen der Herren zu, forderte sie auf, zu singen, und war liebenswürdig wie ein Kamerad. Und das alles aus Freude, einen Bekannten aus Berlin gefunden zu haben. In gehobenster Stimmung verließ er kurz vor Mitternacht das Kasino. Die Stabsoffiziere wollten ihn zum Schloß begleiten, aber er lehnte ab.

Es war eine herrliche Frühsommernacht. Er bog in den Park ein und wanderte ganz langsam durch die stillen Wege. Kein Laut störte die heilige Ruhe. Oft blieb er stehen und sog die würzigen Düfte ein oder lauschte dem geheimnisvollen Raunen der Nacht.

Ein ferner Lichtschimmer zog ihn an. Er ging dem Scheine nach, doch der schien bald stärker zu werden, bald zu verschwinden; irrlichterhaft flackerte er durch die Büsche.'

Da'tauchte in ihm der Gedanke auf: Das kann nur ein Fenster im Gartenpalais sein, und zugleich ein anderer Gedanke: Wenn das Licht aus Kathinkas Zimmer käme.

Er ging ganz leise näher und lehnte sich an den Stamm einer Rotbuche. Dann berechnete er sorgfältig die Fenster nach den Zimmern, und als er hinter der Gardine silhouettengleich einen Schatten erblickte, erkannte er Ka­thinkas feines Profil. Er suchte zwei kleine Steinchen und warf sie nach dem Fenster. Das erste schlug au die Mauer und prallte zurück; das zweite jedoch traf mit leisem Klirren die Glasscheibe. Mit angehaltenem Atem lauschte er. Da, ganz vorsichtig schob sich der Store zurück, und Kathinkas' Gesichtchen lugte in die finstere Nacht.

Dornröschen, Prinzeß Dornröschen," rief der Erb­prinz mit weicher, gedämpfter Stimme.

Kathiuka hatte ihn sofort erkannt.Um Gotteswillen, Hoheit, was machen Sie hier?" fragte sie angsterfüllt.

Ick will Dornröschen aus seinem Schlafe erwecken."

Ach Prinz."

Dies sagte sie flehend; in dem Ton ihrer Stimme lag «ine stumme Bitte. Aber die Stimmung der Nacht, wohl auch der, Sekt des Kasinos hatten in ihm die Leidenschaft erweckt. Er trat näher und bat:

Ach, Dornröschen, wollen Sie Ihrem Prinz nicht auch den Märchenlohn gönnen?"

Hoheit, ich bitte Sie, ich flehe Sie an, denken Sie an Ihre Stellung, an Ihr Renomee, bedenken Sie doch den Posten, der vorm Portal steht."

Diese Mahnung ernüchterte ihn, und Kathinkas Sorge um ihn und sein Renomntee rührte ihn zugleich. Er bat ste wegen der Störung um Verzeihung, und nach kurzem Gutenachtgruß ging er schnell davon.

Am nächsten Morgen befahl er, für sich und Graf Hollen die Pferde zu satteln. Seinen Kammerdiener Born sandte er in das Gartenpalais mit dem Auftrage, Fräulein von Hämmerling zu bitten, am ersten Morgenritt teilzu­nehmen, er würde ihr- ein Pferd Punkt neun Uhr vor die Rampe schicken, und er selbst wolle kurz nach neun Uhr am großen Rundell im Parke fein.

Graf Hollen war sprachlos, als ihn der Erbprinz zur Reitpartie einlud.

Gehen Sie schnell heim, Graf und kehren Sie in einer halben Stunde als flotter Reitersmann zurück. Wir wollen ausreiten."

Aber, Hoheit, ich weiß nicht, ob Ew. Hoheit noch nicht bekannt ist, daß mir der Arzt . . ."

Mein lieber Hollen, man läßt sich doch nur ärztlickw Vorschriften geben, um sie nicht zu halten. Also bitte, jede Minute ist kostbar."

Ew. Hoheit, das Reiten macht mir Beschwerden."

Na, dann eilen Sie schnell zu Merkwitz, er soll mich begleiten."

Der Graf zog sich zurück und meldete sich nach' zwanzig Mmuten toteber, und zwar klar zum Reiten. Hans Jochen konnte etn triumphierendes Lächeln nicht unterdrücken.

Zwei Minuten später ritten sie durch den Park. Vom Rundell kam ihnen Kathiuka schon entgegengespreugt. Im schwarzen, knapp sitzenden Reitkleid hob sie sich wunderbar ab von dem schneeigen Weiß des Zelters. Sie saß gut und sicher zu Pferde. Ein rosiger Schimmer lagerte auf ihren Wangen und machte sie niärchenhast schön. Der Prinz sah sie lange an, ehe er sie begrüßte, und sein Gruß fiel wohl herzlicher aus, als er beabsichtigte.

Unb wohin, Fräulein von Hämmerling?"

Mir gleich. Hinaus ins Freie, wo wir Bahn haben/ über Wiesen und Sturzäcker, über die Heide wohin Sie wollen, Hoheit, nur toll muß es hergehen."

Den Grasen schauderte es. Er schleuderte einen haß­erfüllten Blick nach der Sprecherin, doch an ihrem Liebreiz prallte er ab. Kammer Herr von Hollen war Aesthetiker. Bewunderung und Zorn führten einen heißen Kampf und erstere siegte.

Kathinkas Schimmel schien kaum den Boden zu be­rühren, und der Erbprinz arbeitete stark mit der Peitsche, um [einen Gaul nachzubringen. Der dicke Graf stöhnte und ächzte und als die beiden Reiter vor ihm nur noch wie kleine schwarze Punkte erschienen, ließ er sein Tier in Schritt verfallen und gab es aus, die Herrschaften ein­zuholen. Kathiuka und der Prinz waren in Heideland ge­kommen; links und rechts tauchte Wald auf; die Heids verlief in eine Waldschneise, und jetzt endlich zügelte Ka-i thinka ihr Roß. Einen Augenblick spater war der Erbprinz an ihrer Seite.

Alle Wetter, Kathinka," sagte er atemlos,Sie ver­stehen, einem warm zu machen."

Sie wandte ihm ihr Gesicht zu unb strahlte ihn mit ihren großen Augen glücklich an. Dann holte sie tief Atem und sagte:

Das hat gut getan. Aber wo ist der Graf, Hoheit?" Brauchen Sie ihn?"

Sie schüttelte den Kopf, und dann sagte sie ganz leiser Aber so allein mit Ihnen."

Fürchten Sie sich?"

Sie verneinte zaghaft und senkte ihr Köpfchen. Nun ritte» sie schweigend die Waldschneise entlang. Um sich nichts als duftettden Tann, über sich den blauen Himmel mit vielen winzig kleinen Wolkenfchäschen und unter sich die knospende Heide. Der Holzgraben ward enger, so daß die Pferde sich dicht aneinander drängten. Haus Jochen griff in Kathinkas Zügel.

Wollen wir nicht einen Augenblick rasten, Kathiuka?"

Gern, Hoheit."

Sie sprang gewandt aus dem Sattel, und während der Prinz die Pferde anpflockte, suchte sie einen passenden Sitz aus. Hans Jochen holte aus seiner Satteltasche eine kleine Flasche Rotwein, der ein silberner Becher aufgeschraubti war, und einer Nickelkapsel entnahm er zwei Semmeln, die mit kaltem Braten belegt waren.

Sie setzten sich dicht nebeneinander auf den Baumstumpf und schmausten; dann schenkte der Prinz den Wein in das silberne Becherchen und reichte ihn Kathinka.

Auf Ihr Wohl, Prinz." Sie setzte ab.Darf ich leer trinken?"

Aber natürlich."

Und sie trank den feurigen Wein bis auf den letzten; Tropfen. Darnach schenkte sie Hans Jochen den Rest der Flasche ein.

Ans Ihre Schönheit,7 und Ihre Zukunft." Prinz!"

Er faßte ihre Hand.

Kathinka, ich möchte JhUen einmal ein Märchen er» Wählen."

O ja, Prinz ein recht schönes."

Vor alten, alten Zeiten lebte ein'mächtiger König. Er hatte aber auf Erden keine Freude, als seinen einzigen Sohn. Als der Prinz nun groß ward, traten die Räte des Königs unb die Weisen des Volkes zum Herrscher und fagtetf:Herr, es ist an der Zeit, daß du für deinen Sohn eine Gattin suchst." Da sprach der König:Wohlan, die Schönste int Reiche, und die Beste soll seine Braut werden." Nun suchten die Räte des Königs im Lande, und als sie keine fanden, reiften sie in alle Welt, um eine Königin zu suchen. Der Prinz aber war ein träumerischer Jüngling. Eines Tages nun sand er am Strande ein Mägdlein, das war Vater- und mutterlos und er hob es auf."

Des Prinzen Stimme wurde immer schwächer, uni) als