Ausgabe 
15.8.1912
 
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, Wegen Mißwachs Kr Feldsrüchte wurden 1816 von der Kur­fürstlichen Regierung in jedem Amte Notspeicher errichtet. Tie Lrnte von 1817 war zwar gut, aber die Lebensmittel wurden teurer. Deshalb wurden, auch in Ebsdorf, wöchentlich drei Frucht- markte abgehalten. Seit 1902 finden in Treihausen Viehi- znarkte statt. ,

Als die b'estdn Pferde Hissens wurden 1840 diejenigen im Schwalmgrund, in Schaumburg und int Ebsdörfer Grund ge­nannt. Alljährlich im Februar treffen u. a. in Ebsdorf Mehrere Beschäler aus dem' Königlichen Landgestüt in Dillenburg ctlL Zur Hebung der Pferdezucht kauft die Landwirtschaftskammer 3U. Kassel öfter Stursohlen an, hie öffentlich meistbietend veri- steigert werden.

, Seit alters ist de'r Ebsdörfer Grund bekannt durch seinen Reichtum an Ton, der sich bei Dreihausen, Wittelsberg, Belters­hausen und Ebsdorf findet. In Drei hausen wird die Töpferei schon seit dem 14. Jahrhundert betrieben. Bei Beltershausen wurde 1843 ein Mann, bei Wittelsberg wurden 1869 drei Männer Betnt Tongraben verschüttet und starben. Ziegeleien bestehen in Ebsdorf, Hachborn und Dreihausen.

Mühlen haben die! 'Orte Treihausen, Hachborn, Bellnhausen ^uud Sichertshausen. "Mi Hachborn liegen die Sand-, Straß- und Goldmühle; die letztere ist heute eine Wollspinnerei.

-ölt Heskem, Treihausen und Sichertshausen bestehen Innungen, die den Berufsarten der Bekleidung, der Metallt, Holz- und Lederverarbeitung dienen sollen.

Noch heute führt ein Gebäude in Wittelsberg, in dem wohl ehemals daseinfache" Bier hergestellt wurde, den Namen Brau- m, ,vVTt Frühjahr 1909 ist das frühere Gemeiiidcbrauhaus in Ebsdorf durch ein landwirtschaftliches Wirtschaftsgebäude ersetzt worden.

lius verstrebten Rundhölzern gefügte Eichen- oder Eschen- tzestell der Stühle, der keilverschränkte Eichcntisch mit seiner Fuß- rpit6; die geschnitzte, eisenbeschlagene Truhe, der alte Ofen mit zierlichen Bildern und vieles andere können als Vorbilder ernpi- sohleii werden. Einst legte der Torfhandwerker sein ganzes Ich in seine Arbeit; daher die wohltuende Eigenart jedes Gegen­standes.

Auch die Erhaltung des Landschaftsbildes' muß erstrebt wer­den. Nach einer Anordnung für den Regierungsbezirk Kassel stnd gegen Verunstaltung auch folgende Gemarkungen zu schützen: Bellnhausen, Sichertshausen, Beltershausen mit deM Frauen- berg, Wittelsberg mit dem Kirchberg.

Sagen und Erzählungen.

_ An der Stelle! der Röderbürg bei Roßberg stand einst ein schönes Schloß: dasselbe hieß die Räder-, Röder- oder Rüdder- burg. Der Besitzer des Schlosses, wohl reich und mächtig, war aber sehr unbeliebt wegen seiner Ungerechtigkeiten und der grau-- samen Behandlung seiner Leute. Würde die Grenze ab'gesteckt, so nahm er stets Mphr, als ihM gehörte. Zur Strafe wanderte er nachts ohne Kopf umher. Einst hörte man die Ritter der Röderbürg mit großem Getöse aus- und einziehen. Man suchte nach imd fand alte Waffen.

Dem Hof bei Drei Hausen gegenüber liegt die Ruine der Hunburg. Alte Ritter oder die Römer' steigen ans Felsspalten auf und ziehen in der Gestalt feuriger Flammen umher.

Tie beiden Riesen auf der Amöneburg und dem Fraueni- berg lebten in Feindschaft. Mit zentnerschweren Steinen, die sie einander zuwarsen, suchte einer den andern zn ärgern und zu kränken. Ter am Fuß« des Kirchberges bei Wittelsberg gelegene eratische Block, an dem sich zuzeiten eine weiße Frau zeigt, erreichte nicht sein Ziel.

Allerlei Erzählungen von dem Teufel hatten zur Folge, daß sein Name noch an manchen Orten Hessens zu finden ist; bei Ebsdorf liegt z. Bi der Teufelskopf.

Noch zur Zeit des siebenjährigen Krieges erzählte man int Ebsdörfer Grunde, daß die von Scheuernschloßsche Familie vom Frauenberg nach Hachborn gekommen sei. Diese Sage bestätigt sich, obgleich sich Genaueres nicht angeben läßt. Folgende schöne Sage überbrückt die Unkenntnis. Ein hessischer Landgraf (Philipp?) hatte sich einst verkleidet -in eine feindliche Festung geschlichen, um ihr Inneres zu ^erforschen. Von einem' Hessen, der zur Wache gehörte, wurde er jedoch erkannt.Um Gottes Willen," sprach der leise zu ihm,was wagt Ihr, mein Fürst?" Ter Hesse verriet seinen angestammten Landesherrn nicht, war ihm vielmehr bei der Flucht behilflich. Aus Dankbarkeit übergab ihm der Land­graf einen kostbaren Ring und sprach zu ihm:Wenn du je in Not geraten solltest, so komm' nur zu mir." Viele Jahre waren vergangen: da -erschien eines Tages ein dürftig gekleideter Mann in Kassel und forderte, man solle ihn allein vor den Landgrafen lassen. Tn man aber in dem Fremdling einen Landstreicher ver­mutete, wies man ihn zurück. Er bat jedoch- weiter und fügte hinzu, daß er dem Landgrafen etwas Wichtiges' entdecken wolle. Endlich ließ man ihn eintreten. Anfänglich erkannte der Landgraf den Fremdling nicht; als ihm' dieser aber den kostbaren Ring zeigte, reichte er ihm gerührt die Hand beschenkte ihn mit dem eben eingezogenen Kloster Hachborn. Ter Fremdling aber war kein anderer, als ein von Scheuernschloß, der aus Armut hatte in fremde Mripgsdiensttz .treten müssen- v !

v Fin Bauer aus' Eb-s'd'orf wollte einmal sein krankes Pferd durch den Marburger Tierarzt untersuchen lassen. Dieser war Mar nicht anwesend; aber die Frau Doktor bescheinigte, daß der Fuchs, ein Wallach (wonach sie sich jedoch nicht erkundigt hatte)', sich zur Zucht vorzüglich eigne. In deintollen" Jahre 1848 beraumte dann unser Tierarzt auf der Gänsewiese zu Ebsdorf eine Versammlung an, auf der er ausführte, daß nach Einführung der Republik die Viehzucht blühen und reiche Ernten eintreten toüxe mn. .Ta erhob sich jener Bauer zu der Frage, ob denn wohl auch in der Republik die Lippertgäule Füllen kriegten. Alle Versam^ melten lachten, nur der Tierarzt nicht, der wahrscheinlich nicht bedacht hatte, daß -es oft nur ein sicheres Mittel gibt, sich picht lacherstch zu machen, nämlich: mitzulachen,

Sitten und Gebräuche.

Noch ist im Ebsdörfer Grund der blaud leinene Kittel der Männer int Gebrauch, wird aber seltener. Tie alte Tracht: Dreimaster, langer weißer Leinenkittel, kurze Kniehosen, blaue Strümpfe, lange weiße Gamaschen und Ringschuye, ist fast gänzlich ausgestorben. Dagegen erregt noch immer die stolzeHessen- tracht" der Frauen mit Recht die Bewunderung aller Kenner. Zwölf Mädchen in ihrer Landestracht, unter ihnen eines aus Wittelsberg, begrüßten am 26. Oktober 1871 im Hofe des Schlosses zu Marburg den Kronprinzen und späteren Kaiser Fried­rich III. Weit ausgeschnittene Halbsch-uhe, Beiderwand- oder Wollenrock, spitzenbesetzte Schürze,Motzen" (Taille), Halstuch und buntes Stülpchen gehören zur Frauentracht. Der von etwa fünfzig Burschen und Mädchen bei dem Trachtenfest in Bür­bach 1905 veranstaltete Hochzeitszug war von jungen Leuten aus dem Ebsdörfer Grunde! gebildet.

Um die ausströmeuden fruchtbringenden Kräfte gleichsam an den Baum zu heften, band man in Hachborn die Obstbäume mit Strohseilen. Sobald am Reujahrssonnab'eud die Abendglocken ertönten, eilten die Bewohner in die Gärten, um noch während des Läutens die Bäume mit den Bereit gehaltenen Seilen zp- umbinden.

Im Jahre 1680 verurteilte in einem' Bericht der Pfarrer zu Ebsdorf denlängst veralteten Brauch mit dem Lehenaus­rufen". Die Mägde kauften den Knechten im Dorfeals ihren Lehen Lehnsträuße", die an die Hüte gebunden wurden. Noch ich vorigen Jahrhundert erstieg in der Walpurgisnacht ein Bursche eine Anhöhe oder einen Baum und rief': Hier steh' ich- auf der! Höhe und rufe aus das Lehn, das Lehn,. das erste (zweite; usw.) Lehn, daß es die Herren recht wohl verstehen: wem soll das sein? Tie Versammelten nannten einen Burschen und ein Mädchen und fügten hinzu: In diesem Jahr noch zur Ehe. DieseMailehen" durften das ganze Jahr hindurch mit keinem anberit tanzen. Fürsten hatten das Recht, Mädchen beliebig, mit Männern ihres Gefolges zu verheiraten, daher vielleicht der Brauch. In ähnlicher Weise werden noch in Ebsdorf u. a. Orten am dritten Öftertage im Wirtshause die heiratsfähigen Mädchen versteigert, wofür die erkauften Mädchen zum Tank Eier spenden.

Nachdem derFreiersmann" seine wichtige Rolle glücklich zu Ende geführt hat, findet am' Freitag die Hochzeit statt. Auf dem zwei- oder vierspännigen Brautwagen, mit Flachs und Haus­gut reich beladen, sitzt die Braut mit ihren Freundinnen. Tie reitenden Fuhrleute, am Hute bunte Tücher, an der Seite den Brauntweiilkrug, trinken denen, die den Wagenaufhalten", kräf­tig zu. Am Schlüsse des Hochzeitsfestes brachte die neuvermählte Germaneufrau dem Fro und der Freya einen Schweinskopf zuM Opfer. Noch 1855 sand in Hachborn mit dem geschmückten Schweinskopf ein Umzug der Hochzeitsgäste durch das Torf statt. Nach der Rückkehr ins Hochzeitshaus entstand um den Besitz des­selben zwischen den verheirateten Männern und den Burschen ein Ringen, das man sich umdie Braut reißen" nannte.

An der Hochzeitsfreude in Roßberg nahm ehedem das ganze Torf teil. Ein stattlicher Mann mit rotem Rock und Federhut führte einen gewaltigen Bären an einer Kette. Tiefer, ein starker Bursche, tanzte hoch aufgerichtet an einem mächtigen Stocke. Der ganze Körper war mit Erbsenstroh umwickelt. Bon Zeit zu Zeit, tränkte man ihn aus einem Eimer mit Bier oder Branntwein. Wer auch bei großen Bauhebeu und der Kirmeß traten diese imi­tierten Bärenführer auf, weshalb die Bewohner jenes Dorfes den Beinamendie Bären" erhalten hatten.

Am Schlüsse der Kirmeß stellt ein Popanz! einen Bären voch der in ähnlicher Weise dasBegräbnis" der Kirmeß vollzieht Flaschen und Gläser werden zerbrochen eine Nachahmung des Trankopfers, welches man einst der Erde brachte. . Auch die Fackeln (Besen) der Begleiter werden verbrannt. Wie sich dabei das Holz in Asche verwandelt, so werden nach germanischep Anschauung einst durch das Weltfeuer Menschen und Götter um­gewandelt. Ter Bär, Donars heiliges Tier und Symbol des über den Winter siegreichen Sommers, erhob- sich als der Beherrscher von Wald und Flur im Frühjahr vom Winterschlafe. Zur Zeit der Kirmeß erlischt das Leben in 'der Natur, und der B!är rüstet sich zum Winterschlafe; daher seine Darstellung aM Schluß der Kirmeß,

(Schluß folgt.) ' ' ' '