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Rhcinlaube und Bayern, die Trümmer des Tillyschen Heeres vor sich hertreibend. Wie einen gottgesandten Befreier begrüßten alle evangelisch Gesinnten den Sieger, wo «r durch kam. N ach d e n s chw er en Z ert e n der Niedergeschlagenheit erlebten sie wieder einen Augenblick seelischer Erhebung. Nach all den traurigen Go st alten minderwertiger evangelischer Fürsten und Fürstchen, die man hatte ausstehen müsson, erlebte man wieder einen Fürsten, der mit jedem Zoll ein König und mit jeder Faser seines Herzens ein Christ, ein evangelischer Christ war, einen Mann, vor dessen lauterem Charakter man in Ehrfurcht sich beugen und an dessen Seelengrö ße man sich aufrichten und erbauen konnte. Aus dieser Stimmung heraus begreift sich die Liebe und Verehrung, mit der das evangelische Deutschland heute noch an diesem Schwebenkönig hängt, den man wie einst so auch jetzt gar nicht als einen schwedischen, sondern als einen deutschen König Ästpfindet, würdig, sogar eine deutsche Kaiserkrone zu tragen. Auch für dick Evangelischen int Schlitzerland und in der ganzen Abtei Fulda bedeutet« Gustav Adolfs Sieg eine Wendung zum Guten. Tie Tillhschen Soldaten Mußten wieder die ritter- schaftlicheu Dörfer verlassen, zur Freude der lange genug von ihnen drangsalierten Evangelischen. Ihnen nach verließen auch die eingedrängten katholischen Priester ihre Posten, und die vertriebenen evangelischen Pfarrer und Gemeindeglieder durften wieder in ihre Gemeinden zurückkehren. 1
Ter Abt Johann Bernhard rettete seine Kirchenschätze nach Köln, in die damalige Hochburg des Ultramöntanismus. Dorthin begaben sich auch seine Domherrn. Er selber flüchtete nach Wien. Später schloß er sich dem Heere Wallensteins an, um hier als Mitkämpfer gegen Gustav Adolf einen Ruhm' zu finden, der ihm als geistlichem Fürsten versagt io ar. Er feuerte die in den Streit Ziehenden zur Tapferkeit an und segnete die Geschütze ein, die zur Vernichtung der Ketzer dienen sollten, kurz, er tat alles, was er konnte, um den Sieg wieder an die katholischen Fahnen zu heften. Es ist eine merkwürdige Fügung des Schicksals, daß dieser Mann in derselben Schlacht den Tod sand, ,in welcher Gustav Adolf über Wallenstein siegte, aber den Sieg mit seinem Leben bezahlen mußte. In der Schlacht bei Lützen, am 6. November 1632, traf ihn eine tötliche Kugel, als er die fliehenden Kroaten zum Standhalten anfeuern wollte?) Mit betrt herrenlosen Stifte Fulda belehnte Gustav Adolf feinen treuen Verbündeten, den Landgrafen Wilhelm V. von Kassel.
' (Schluß folgt.) ,
2) Vgl. B!üff a. a. O. Nach anderer Annahme soll er bloß die Absicht gehabt haben, der Schlacht als Zuschauer beizuwohnen. Vgl. Komp a. a, O., S. 130 f.
Versailles in Gefahr.
Versailles in Gefahr! Diesen Schreckensruf erhebt ein Freund von Versailles in einem Pariser Blatte. Er hat vor ein paar Tagen in Begleitung eines fachkundigen Führers die Schloßbauten, die Parkanlagen und die Kunstschätze von Versailles eingehend besichtigt und .erklärt nun, sein Ruf, Versailles sei in Gefahr, wäre durchaus nicht übertrieben. Zum Beweise für diese Behauptung führt er verschiedene Tatsachen an, die allerdings schwerwiegend genug sind. Vor zwei Jahren hatte der „Bund der Freunde von Versailles" alle Marntorstandbilder, die im Freien aufgestellt sind, auf seine Kosten reinigen lassen. Sieht man sie heute an, so erkennt man, daß der Bund Mühe und Geld hätte sparen können, denn jetzt ist wieder alles schlimmer als vorher. Die Sockel aller Standbilder, aller erreichbarer Marmor, selbst die Wände der Gebäude sind dicht bedeckt mit Inschriften, die die Besucher von Versailles mit Bleistift oder Tinte hineingeschmiert haben, und zeigen außerdem noch Verletzungen mit dem Messer. Die Aufsichtsbeamten von Versailles sind gegen die Ruchlosigkeit törichter Besucher machtlos, und die Gesetze anscheinend auch.
Am schlimmsten ist es in Klein-Trianon, und hier ist wieder die schlimmste Stelle das Marie-Antoinette-Theater. Dort bedecken solche Schmierereien alle Marmorteile so dicht, daß für heue kein Platz mehr vorhanden ist. Dies sind Uebelstände, die den Besuchern zur Last fallen. Außerdem ist in Versailles vieles int Laufe der Zeit verfallen, ohne daß rechtzeitig Ausbesserungen angeordnet worden sind. Die Ballinschen Vasen in der Orangerie- Mlee stehen auf ihren Sockeln so wacklig, daß sie jeden Augenblick herunterfallen können. Bei einem' Feuerwerke, das vor einiger Zeit in Versailles abgehälten wurde, ist tatsächlich schon eins dieser Kunstwerke gestürzt und in den kleinen „Schweizerteich" gefallen, wobei es natürlich beschädigt worden ist. Dieser eine Gegenstand fällt natürlich nicht so schwer ins Gewicht, aber es gibt noch andere, die ebenfalls gefährdet sind. Ein Girardonsches Basrelief,- das badende Nymphen darstellt (in der Nähe des Neptun-Beckens), hat sich gelockert. Die Bleineinsätze, mit denen
es stn der Mauer befestigt W, sind ganz lose, so daß es jede« Augenblick ins Wasser stürzen kann. ES besteht aus weichent Metall und würde durch einen solchen Sturz einfach zerstört werden. Das schlimmste aber ist, daß auch das Schloß selbst gefährdet ist.
Es ist oft die Klage darüber erhoben worden, daß die Pariser Kunstsammlungen, beispielsweise die im Louvre, nicht genügend gegen Feuersgefahr geschützt sind. Nun, in Versailles ist es noch schlimmer. Der Schloßpark ist arm an Wasserversorgung, und die Brunnenanlagen werden auf ziemlich kostspielige Weise durch Maschinenkraft mit Wasser versorgt. Sollte also in irgend einem der Bauten Feuer ausbrechen, so würde die Feuerwehr wegen! Wassermangel einem' Brande bald hilflos gegenüberstehen. Die Feuersgefahr ist aber sehr groß, denn in der Nordallee, gegenüber der alten Oper, wo der Kongreß die Präsidentschaftswahl! abzuhalten pflegt, hat man vor vielen Jahren eine Art Anbau hergestellt, den die „Freunde von Versailles" geradezu als „Brandmaschine" bezeichnen. Sie haben damit völlig recht. Es handelt sich nämlich um eine sehr ausgedehnte, etwas geneigte Holz- Plattform, die geteert ist. Sie ist so wurmstichig und ausgetrocknet,, daß schon ein Funke von einer Zigarre sie entzünden kann. Diese Holzebene diente ehemals bei Theatervorführnngen, denn die gewährte den Reitern bequemen Zutritt zur Höhe der Bühne der alten Oper. Seit dreißig Jahren hat man zwar keine Aufführungen dort gesehen, aber die sinnreiche „Brandmaschine", die noch dazu nicht gerade verschönend wirkt, hat man stehen lassen.
Vor kurzem höben sogar die Schüler des Lyzeums von Versailles im Parke einen Fackelzug abgehalten, und cs ist eigentlich ein unerhörtes Glück für Versailles, daß bei ihrem Feste kein Brand ausgebrochen ist, denn der Fackelzug führte ganz dicht' an der „Brandmaschine" vorbei.
Vermischte».
* Das feinste Z i in m e r. Ein Pariser Bild aus der Reisezeit: Das Hotel ist das eleganteste und luxuriöseste Rendezvous der vornehmen Welt, das es in der „Lichtstadt" gibt. Ein Auto mit dem Sternenbanner fahrt vor; der reiche Amerikaner, der ihm entsteigt, ist reicher als alle anderen. Er wünscht ein „Appartement" und erklärt kurz: „Das Beste, was Sie haben." Man zeigt ihm „das Beste". Preis? 500 Francs. „Haben Sie nichts Teureres...?" Aber gewiß." „Wie viel?" „...800 Francs." „Nehme ich." Das Appartement für 800 Francs ist die getreue Wiederholung dessen für 500. Es war eben das Beste. Aber das zweite war teurer. Und das war entscheidend für den Millionär. Es gibt eben eine Nuance der Feinheit, die dem gewöhnlichen Sterblichen abgeht und die dem reichen Amerikaner im Blute liegt: das Feinste ist'das Teuerste.
* Was ist Ewigkeit? Eine Anschauung von der Ewigkeit zu geben, hat schon so mancher versucht; aber originell ist der Vergleich eines schwarzen Predigers, der seiner farbigen Gemeinde, wie Everybodys Magazine erzählt, den Begriff, über den sich die Philosophen so oft den Kopf zerbrochen haben, unter, folgendem Bilde darstellt: „Wenn ein Sperling, lieben Brüder, einen Tropfen Wasser aus dem Atlantischen Ozean bei Coney Island nehmen würde, und mit diesem Tropfen Wasser im Schnabel forthüpfen würde, bis er den stillen Ozean bei Sankt Francisco erreichte, und wenn er hier den Tropfen in den Stillen Ozean fallen ließe, und wiederum, lieben Brüder, wenn er zurückkehrte und hüpfte den ganzen Weg bis Coney Island, und nähme wieder einen Tropfen und täte dasselbe, und so fort, bis er den ganzen Atlantischen Ozean ausgeschöpft und in den Stillen Ozean gebracht hätte, bann wäre es boch immer noch früh anj Morgen in der Ewigkeit.
bk. Wie mau d i e S ch w ä g e r i n s e i n e r G r o ß m u 11 er wird. Die Frage, wie man sein eigener Großvater wird, soll vor vielen Jahren einmal durch eine verwickelte Verwandtfchafts- ehe gelöst worden sein. Die Frage, wie man die Schwägerin seiner eigenen Großmutter wird, hat jüngst eine Französin in der Praxis gelöst. Fräulein Antoinette Graulliöre (in Lunas in der Tordogne) hat sich nämlich jüngst, wie der „Daily Telegraph" erfährt, mit ihrem eigenen Großonkel, nämlich dem Bruder ihrer Großmutter verheiratet. Aus diese einfache Art und Weise, die namentlich bei Erbschaftsstreitigkeiten erfreuliche Folgen zeitigen kann, ist sie Schwägerin ihrer Großmutter und damit natürlich die Tante ihrer eigenen Eltern geworden.
Rätsel.
Nahrhaft und wohlschmeckend bin ich, man sieht mich auf heimischen Fluren;
Setz' an das Ende mein Haupt, hält mich die Meerflut umringt. Auflösung in nächster Nummer.
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Auflösung des Arithmogriphs in voriger Nummer i Luise — Ilhland — Daun — Waffel — Inn — Gulben — Kuaheli — Dalas — Anguilla — Feile — Eule — Neunauge;
Ludwigshafen.
Lang», Gieße»
Redaktion: ft. Neurath. — Rotationsdruck und Verlag der Brühl'schm Universitats-Buch- und Steindruckerei, R,


