Ausgabe 
15.7.1912
 
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geleistet, als er ihr heimlich Me Hand zu drücken vor-

Sie können sich doch nicht vor uns allen ab küssen - das wäre doch im höchsten Grade geschmacklos und un- gehörig."

Das sehe ich gar nicht ein," widersprach Marianne. , Ich bin ja leider, oder Gott sei Dank, je nachdem man Unll! 1 nie verlobt gewesen, aber bis zu einer gewissen Grenze ist es doch nun einmal das Vorrecht eines Braut- vaares, in Gegenwart anderer so zu tun, als ob sie ganz allein wären. Und soviel weiß ich: wenn rch Braut Ware und hätte plötzlich Lust, meinem Schatz einen Kuß zu geben, dann kriegte er ihn auch. Und was die Menschen dazu sagten, wäre mir ganz .gleich,"

Nicht alle denken so", meinte Dagmar nicht ohne leise Ironie. _ r ,

Leider," entgegnete Marianne.,Das ist ja eben der Fehler der Leute von heute, daß sie mtS lauter Rücksicht auf das Urteil und das Gerede ih>rer lieben Mitmenschen so oft zu gar keinem richtigen Lebensgenuß kommen, daß sie nur aus Angst vor dem,was die Leute dazu sagen", nicht das tun, was sie wollen, sondern lediglich das, was keinen Anstoß erregt. Und das sind meistens zwei ganz verschie­dene Dinge. Soviel weiß ich.: wäre ich ein Mann, wurde ich leben, wie ich wollte, und nicht, wie ich soNte. Als junges Mädchen muß ich aber anders denken."

Unterdes half Alexa ihrer neuen Freundin beim Um­kleiden. Natürlich hatte sie gleich auf dem Bahnhof das 'du" mit ihr gewechselt, und sie hatte sich auch durch das erstaunte Gesicht der Mutter darin nicht irre machen lassen. Die würde in den nächsten Tagen ja noch eine ganz andere Ueberraschung erleben! Ein klein wenig Angst hatte sie doch davor, um so mehr, weil, sie Claire so schön und so reizend fand und ihr deshalb jede Kränkung und Zurücks setzung ersparen wollte.

Und Claire selbst war natürlich erst recht voller Un- ruhe.

Glaubst du wirklich, Alexa, daß deine Mutter mich liebgewinnen und mir dann diesen Schritt verzeihen wird? Ich hätte es ja nie getan, wenn ich Hans nicht so über alles liebte, wenn ich nicht geglaubt hätte, es sei meine Pflicht, ihm dies Opfer zu bringen. Aber trotzdem hätte ich vielleicht nicht eingewilligt, wenn der Baron mich nicht so bestürmt hätte, auf seinen Plan einzugehen, wenn ihr du und dein Vater mir nicht durch ihn einen so zärt­lichen Brief geschickt hättet. Ich habe ein schrecklich schlech­tes Gewissen und eine furchtbare Angst! Was dann, wenn deine Mutter mir zürnt und mir das Haus ver­bietet?"

Die Tränen Waren ihr nahe.

Aber Claire, wie kannst du Nur solchen Unsinn reden! Das wird Mama nie tun. Und außerdem ist Papa doch auch noch da, Und ich auch, und der Baron erst recht! Und schließlich doch auch Hans. Na, und wenn wir alle dich in Schutz nehmen Und alle für dich eintreten, da brauchst du doch keine Angst zu habenund zärtlich schloß sie die neue Freundin in die Arme.

Mer die war nicht so leicht zu beruhigen.Wenn nur erst das Diner vorüber wäre. ich fürchte, ich werde mich dabei irgendwie versprechen oder sonst verraten das Ware doch entsetzlich. Wenn ich erst einen oder zwei Tage hier bin, dann habe ich mich schon besser in meine Rolle hineingelebt; aber am Anfang ist es entsetzlich schwer, und wenn deine Mutter mich nur ansieht, steht mir fast das Herz still."

Und sie schrak förmlich zusammen, als jetzt das erste Glockenzeichen zum Diner gegeben wurde.

Um Gottes willen, Alexa, ich bin noch nicht fertig; ich bin heute so ungeschickt das kommt auch von der Angst und der Aufregung."

Unten im Salon, der neben dem Speisesaal lag, er­warteten der Graf und die Gräfin ihre Gäste; Dagmar Und Marianne waren noch in einem Zimmer für sich Und tauschten ihre Ansichten über das Brautpaar aus. Bis fcitm zweiten Glockenzeichen hatten sie noch, zehn Minuten Zeit zum Plaudern.

Der Graf ging im Zimmer auf Und ab' und rieh B vergnügt me Hände. Er war von Claire entzückt begeistert. Bon dem Moment an, da er sie auf dem Bahnhof an sein Herz gezogen und sie ihm mit einfachen.

aber darum desto mehr zu Herzen gehenden Worten dankte, daß er sie als sein« Tochter aufnehm«, stand sein Herz in hellen Flammen, und mehr als je freute er sich, daß er -ein freier Mann sei und tun und lassen könne, was er wolle.

Und diesmal tue ich wirklich, was ich will," gelobte er sich.Das tue ich ja sonst auch, gerade weil ich es auch anders kann, ohne mir dadurch etwas zu vergeben, h aber jetzt soll meine Frau mal Augen machen, die wird an ihrem Eduard ihr blaues Wunder erleben!"

Auf diesen Augenblick freute er sich wie ein .Kind. Er liebte seine Fran von ganzem Herzen, und- lebte mit ihr in der denkbar glücklichst-en Ehe, schon -deshalb', weil er als Kavalier die Pflicht hatte, keiner Frau, seiner eigenen am allerwenigsten, jemals ernstlich- zu widersprechen. Aber trotz alledem gönnte er ihr diese kleine Niederlage, daß sie eine bürgerliche Schwiegertochter aufnehmen mußte! Von dem Moment an würde sie doch nicht mehr nur über den Adel sprechen, und dann würde auch die allerletzte Wolke dahinschwinden, die zuweilen wenn auch nur vorüber­gehend den sonst so heiteren Himmel seines Eheglücks trübte.

Findest du Claire nicht wirklich entzückend?" fragte er seine Frau jetzt von neuem.

Aber Eduard, du kennst doch meine Ansicht über sie. Claire ist wirklich ganz allerliebst. Ich freue mich herzlich und aufrichtig für den Baron, daß er ein solches Mädchen gefunden hat, Und ich erkenne es ganz besonders' an, daß Claire, die -doch von Haus aus sehr verioöhnt zu sein scheint, 'sich in Zukunft einschränk-en will; denn das wird sie doch sehr müssen."

Ja, das wird sie allerdings," stimmte der Graf ihr bei,denn diese kubanische Erbschaft scheint erst nach dem Untergang der Welt fällig zu werden. Und auch- dann ist es ja noch sehr zweifelhaft, ob der Baron etwas davon abbekommt. Na, hungern lassen wird der Baron seine Frau schon nicht. Und die Hauptsache ist ja doch, daß man sich liebt, und alles andere ist, mit Respekt zu melden: Dreck."

Aber Eduard, was für ein Ausdruck!"

Der einzig Richtige," rief er übermütig.

komm her, mach' nicht so'n Gesicht, als ob du die Stunde verwünschtest, in der du mich kennen lerntest! Du freust dich ja doch jeden Tag, daß ich dein Mann bin na, komm her und gib mir einen Kuß."

Und als sie ihm nun die Hand reichte, zog er sie selbst an sich und küßte sie aus den Mund.

Aber Eduard," sagte sie halb verlegen, halb' tadelnd', wir sind doch nicht mehr in den Flitterwochen."

Leider," meinte er,,aber das schadet schließlich nichts'. So ist es ja auch sehr schön, was, Konstanze?"

(Fortsetzung folgt.)

Die Reformation »nd Gegenreformation in Herbstein und den ehemals landgräslichen und ritterschastlichen Orten des östlichen und südöstlichen Vogelsbergs.

Bon Pfarrer Zinn in Herbstein.

(Fortsetzung.)

10. Wie Fürstabt Johann Bernhard Schenk von Schwein?-: herg mit Hilfe der Tillyschen Soldaten die Evangelischen im Schlitzerland zureformieren" suchte.

Waren die Evangelischen im Riedeselschen der drohenden Ge­fahr, wieder katholisch gemacht zu werden, mit Ausnahme der arme» Freiensteinauer, noch einmal entgangen, so sollten ihre Glaubens­genossen im SchlitzÄrlande umso schmerzlicher fühlen, daß sie dem Abte Johann Bernhard ein T-orn tot Äuge waren. Schott am 1. März 1628 hatte ein Beamter des Herrn von Schlitz Namens Hesselbacher aus Lauterbach durch einen glücklichen Zu­fall in Freiensteinau Kenntnis erhalten von einem Briefe, deü der ligistische Obrist von Lindlo an den Fürstabt von Fulda ge­schrieben hatte und 'worin er initteilte: Lindlo habe das Schrer- ben des Abts und dHn Befehl des Generals Graf von Tillv empfangen und daraus vernommen, daß der Abt das Stift reformier«« wolle, zu welchem' chrük- lichem Vorhaben 8r Gottes Segen und alle Wohlfahrt wünsche. Sollte der Abt Kur Ausführung seines Werkes Hilfe notig haben, so «roöt« er sich, mit einem Trutrv Soldajen ober dkvt gansen Kegiistent^a