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dem er nicht.stundenlang mit den anderen! Herren Skat drosch. Dieses Wort „dreschen" allein fand die Grafen skandalös, und als kürzlich Werdemanns da waren, hatten die Herren bis morgens um vier Uhr gesessen. Naturlrch hatten die Damen sich schon sehr viel früher zurückgezogen, Marianne war allein weggefahren, und der Graf hatte seinen Gast Leim Morgengrauen dann nach Hause fahren lassen. . m rr
Und was hatten die Herren nicht rn jener Nacht zusammengetrunken! Sekt, Burgunder, Kognak, — nein, sie mußte sich wohl etwas in Hans geirrt haben. Melleicht war er in gewisser Beziehung doch auch der Sohn seines Vaters, obgleich ihr lieber gewesen wäre, wenn sie hätte sagen können: ,„Alles, was er hat, hat er von mir."
Aber das Skatspielen hatte er nicht von ihr, dagegen protestierte die Gräfin. Es war das erste Mal, daß sie ihren Sohn beinahe 'verleugnete.
„Was der Bengel wohl haben mag?" dachte der Graf. Er sprach überhaupt nur noch vom Abschiednehmen, wie traurig es fei, daß Hans schon wieder fort müsse. Wiß ungewiß es wäre, wann man sich wiedersehe. Und wenn er sich dann selbst weich- und wehümtig geredet hatte, dann sagte er: >„Na, Hans, noch brauchst du ja aber nicht zu weinen, noch List du ja nicht fort. Vorher sitzen wir noch einmal ganz allein in aller Ruhe in meinem Zimmer und plaudern miteinander. Dann 'erzählst du mir alles, was dich beschäftigt, und schüttest mir deinen kleinen und großen .Sorgen -aus." - •
Man mußte es dem Grafen lassen, er wär ein rührender Vater; er bettelte geradezu um das Sündenregister seines Sohnes, um ihm dadurch, daß er alles verzieh und bezahlte, aufs neue seine große Liebe beweisen zu können.
Hans sollte sein Herz ausschütten.
Aber Hans schüttete nicht. Der Graf erwartete ihn vergebens.
Statt dessen erschien Hans am letzten Tag seines Urlaubs während der Nächmittagsstünden in dem Zimmer des Barons. t
Da der Boh Nicht da war, hatte er sich nicht anmelden lassen, sondern Mr an die Tür geklopft und war auf das „Herein" eingetreten.
Der Baron saß an seinem Schreibtisch. Sobald er aber seinen Besuch xrkannte, sprang er auf und bot ihin einen Sessel au. >
„Ich störe doch nicht, Herr Baron?" meinte Hans, während er Platz Nahm und sich eine Zigarette anzündete. „Ich sehe, Sie waren bei der Arbeit. Ick) will Sie nicht lange aufhalten. Sie wissen, ich reise morgen früh ab. Wir sehen uns ja zwar nachher noch bei dem Diner Und bleiben dann hoffentlich noch lange bei der Zigarre beisammen. Auf jeden Fall wollte ich mir aber trotzdem erlauben, Ihnen meinen offiziellen Abschiedsbesuch zu Machen." !
„Aha — nun kommt's!" dachte der Baron. „Ich hab's ja gewußt, daß diese Stunde schlagen würde. Nun ist sie da — ich bin begierig."
„Sie sind wirklich sehr liebenswürdig, Herr Graf. Aber einer solchen Förmlichkeit hätte es doch wirklich nicht bedurft."
Hans widersprach: „Doch, Herr Baron. Hätten wir uns unter anderen Verhältnissen kennen gelernt, dann vielleicht nicht, dann hätte ein Händedruck und ein „auf Wiedersehen" auch genügt. .Wer so — — ich meine--Sie
verstehen mich?"
Der Baron verstand. „Nicht jeder junge Leutnant,- nicht jeder junge, reiche Graf denkt so wie Sie. Ich danke Ihnen."
„Bitte sehr — gar keine Ursache--und dann —
ich meine — — ich wollte zum Abschied auch noch sagen/ wie es mich gefreut hat, Sie persönlich kennen gelernt zu haben, denn wenn ich es Ihnen auch früher noch nicht sagte, so weiß ich von Ihrem bisherigen Leben viel mehr als Sie glauben, auch die Geschichte von den fünfzehn Mille, die Sie Ihrem Kameraden —"
Mit einer raschen Handbewegung unterbrach der Baron seinen Gast. „Bitte — sprechen Sie nicht weiter, Herr .Graf."
Und als der etwas verlegen schwieg, stürmten mit einem Male alte Erinnerungen auf den Baron ein. Wie viele Jahre, lag der Wend nicht schon zurück! Und doch sah er ihn jetzt mit einem Male wieder ganz deutlich vor
sich: der große Spielsaal im Klub — die Lust geschwängert von Zigaretten- und Zigarrenrauch — ein lautes Stimmengewirr — das Knallen der Sektpfropfen — die Rufe des Bankhalters--und dann plötzlich Totenstille. Ein Herr
war ins Zimmer getreten und hatte mit lauter Stimme gerufen: man hätte ihm aus feiner Brieftasche, die er draußen in seinem Mantel hätte stecken lassen, fünfzehntausend Mark gestohlen! Fünfzehntausend Mark! Dieselbe Summe, die eben der „lange Langen", wie seine Freunde ihn nannten, in drei Sätzen von je fünftausend Mark im Spiel gesetzt und verloren Ijatte.--
Um den Freund vor den Anderen nicht in Verlegenheit zu bringen, hatte er, als das Spiel begann, die Frage unterlassen, bei welchem Enkel des Propheten er doch noch wieder Geld aufgetr.ieben habe. In dem Augenblick, als er dann in das totenblasse Gesicht des Kameraden sah, hatte er die Antwort auf seine unausgesprochene Frage gehabt. Er war nach Hause gestürzt, um sich Geld zuhvlen, das letzte,- was er von seinem großen Vermögen noch sein eigen nannte Kaum, daß ihm noch ein paar Tausendmarkscheine für sich selbst blieben. Aber der Freund und Regimentskamerad durste nicht als Dieb dastehen t— niemand durfte etwas davon erfahren.
Als er zurückkam, war es aber doch schon zu spät: der Freund hatte sich im Jagdzimmer des Klubs mit einer der dort befindlichen Duellpistolen, die schon zu wiederholten Malen den Klubmitgliedern zur Austragung eines Ehrenhandels gedient hatten, eine Kugel in die Stirn gejagt und war auf der Stelle tot gewesen. Ihm selbst glückte es in der allgemeinen Aufregung das Paket Banknoten in die Paletottasche des Bestohlenen zu schieben, ohne daß es bemerkt wurde. .
(Fortsetzung folgt.)
Der Schatz im Auto.
Skizze von Alfred Manns (Bremen).
In der Rue Aumale, Faubourg St. Didier, liegt ein großes Haus; daran steht in dicken Goldbuchstaben: Garnier Frtzres;
Es war um 4 Uhr nachmittags, einige Minuten vor Geschäftsschluß. Der behäbige Edmond Garnier, alleiniger Inhaber des großen Bankgeschäfts, reichte seinem Kassierer, Monsieur Octave Salimain die Hand. Salimain, ein hübscher und eleganter junger Mann, war seit seiner 'Lehrlingszeit bei Garnier tätig und hatte sich, obwohl vermögenslos, zu dem Vertrauensposten eines Kassierers emporgearbeitet.
„Mein lieber Octave," sagte Monsieur Edmond mit väterlichem Wohlwollen, „ich wünsche Ihnen gute Ferien und gute Erholung . . . von den vielen Liaisons, meine ich nämlich in erster Linie, weil Sie die dvch wohl nicht alle mitnehmen werden. Sie Teufelskerl. Wirklich, Octave, sehr solide sind Sie nicht, das meint Madame Garnier auch."
Salimain lächelte abwehrend.
„Nur nicht leugnen," fuhr der Bankier fort. „Gewiß, ein Garyon ist ein Garton, das ist auch die Ansicht meiner Frau, die für so etwas einen richtigen Blick hat, aber etwas mehr guten Sie sich menagieren. Sehen Sie, ich denke ja in dieser eziehung sehr duldsam, kein Mann kann immer nur eine einzige .Freundin. . ."
„Meint das Madame Garnier auch?" fiel der Kassierer mit harmloser Miene ein.
„Hä hä> Schwerenöter," lachte der Bankier, „na, kommen Sie gesund wieder, das ist die Hauptsache."
Salimain dankte, wünschte dem Chef seinerseits das Beste, sagte Adieu und ging.
Edmond Garnier stieg die breite Marmortreppe empor zur ersten Etage, wo sich seine Privatwohnung befand. Hier ging er aus was Boudoir seiner Frau zu, um ihr die Hand zu küssen.
Madame Garnier war vor sechs Jahren edel genug gewesen,- mit den diversen Millionen des wackeren Edmond diesen selbst in den Kauf zu nehmen, weil sie das Geld in gutem Anstande ans 'andere Weise nicht haben konnte. Garnier wußte, das Opfer, das ihm seine Frau brachte, im vollen Umfange zu würdigen, zumal ihm die standesamtlichen Ausweise über seine Verheiratung mit der Vicomlesse d'Ame-Jaune gewissermaßen als Passepartout zu den Soireen der großen Welt dienten. Der Bankier verachtete diese Feste, aber er besaß zwei Mawren, die eine war die feinere, und diese heischte gebieterisch, daß er hingehe und sich langweile/ wofür ihn daun die andere Natur irgendwohin in die Folies Ber- gtzres, Moulin Rouge oder ein Vergnügungslokal des Quartier Latin führte und ihn dort ausgiebig entschädigte.
Bor der Tür des Salons feiner Frau blieb Garnier nachdenklich stehen: „Du warst ein großer Esel, Edmond," so spracht zu sich selbst, „warum gehst du nun jeden Mittag da hinein und läßt dich wie einen .Lakaien behandeln? Warum hast du diese Dame


